Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube
 
[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Frank-Georg Gozdek

".... daß ich hineingehe zum Altar Gottes ..."

Liturgische Frömmigkeit in einer lutherischen Bekenntnisgemeinde

Seit gut einem halben Jahrhundert ist die St. Ulrici-Brüdernkirche in Braunschweig zu einem Ort reicher liturgischer Frömmigkeit geworden. Neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag, dem österlichen "Tag des Herrn", wird täglich mindestens ein Stundengebet gehalten und mehrmals in der Woche die Eucharistie gefeiert. Wer die Brüdernkirche zum ersten Mal betritt und diese besondere liturgische Entwicklung nicht kennt, wird darüber hinaus erstaunt sein, wenn er in einer evangelischen Kirche die ewige Lampe neben dem Hochaltar brennen sieht oder den Duft von Weihrauch wahrnimmt. Noch mehr aber wird es einen solchen Besucher verwundern, wenn Pastor und Schola zu Beginn des Abendmahlsgottesdienstes, der nach gut lutherischer Tradition "Heilige Messe" oder "Hochmesse" heißt, in festliche liturgische Gewänder gekleidet vor den Altar treten, wenn die Gemeinde sich im nizänischen oder apostolischen Glaubensbekenntnis zu der "einen heiligen katholischen und aposto-lischen Kirche" bekennt, sich ganz unbefangen bekreuzigt und immer wieder anbetend niederkniet.

Was hat es mit solcher für die meisten evangelischen Christen ungewohnten Art von Frömmigkeit auf sich, für die jener 4. Vers aus dem 43. Psalm geschaffen zu sein scheint, mit dem jede Heilige Messe beginnt: "Sende dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, daß ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist"? Worin besteht ihr gutes Recht als lutherische Frömmigkeit in einer Gemeinde wie Brüdern, das sich ja bewußt als lutherische Bekenntnisgemeinde versteht?

Um eine Antwort zu erhalten, müssen wir einen Blick in die Geschichte der Brüderngemeinde tun. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte sie unter Pastor Max Witte eine Erweckung. Heimgekehrt aus Krieg und Gefangenschaft verkündigte er in den Trümmern Braunschweigs das Evangelium von der erlösenden Gnade Gottes in Christus Jesus und sammelte so dem Herrn der Kirche eine Gemeinde inmitten der völlig zerstörten Stadt. Kraftvoll und eindringlich rief er die Menschen zur Buße und bezeugte von neuem, was Martin Luther im Kleinen Katechismus als entscheidende Mitte des Evangeliums zusammengefaßt hatte, und was dennoch in den Zeiten des Kulturprotestantismus so oft vergessen worden war: "daß Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; auf daß ich sein eigen sei und in seinem Reiche unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit ...."

In dieser frohen Botschaft der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben und allein durch die Gnade des Heilands, der uns zu Seinem Wort und Sakrament ruft, liegt der Beginn der liturgischen Frömmigkeit in Brüdern. Durch die Predigt von Gesetz und Evangelium wurde der Gemeinde von neuem der Ernst des Gerichtes und der Reichtum der Gnade erschlossen. Anhand des unfehlbaren Wortes der Heiligen Schrift lernte sie zwar wohl und gewiß die Tiefe der menschlichen Sünde, aber eben auch und noch mehr die unendliche Liebe Jesu Christi kennen. Angefochtenen Gewissens um der Sünde willen, und dennoch getröstet als Schar begnadigter Sünder und allein gerecht geworden aus Gnaden hörte sie das Evangelium von der stellvertretenden Genugtuung, die unser Heiland für unsere Sünde durch Sein Opfer auf Golgatha dargebracht hat. Sie hörte die trostreiche Botschaft vom fröhlichen Wechsel und Tausch, durch die der Herr unsere Sünde zu Seiner Sünde, unseren Tod zu Seinem Tod, Sein Leben zu unserem Leben und Seine Gerechtigkeit zu unserer Gerechtigkeit gemacht hat. Von neuem kamen deshalb auch die Absolution und mit ihr die Einzelbeichte zu Ehren. Von neuem wurde der Altar zu dem wunderbaren und einzigartigen Ort der Gegenwart der Herrlichkeit Gottes. Zum Ort des sakramentalen "mysterium tremendum et fascinosum", des furchterregenden und dennoch ersehnten Geheimnisses, in dem der Herr Jesus Christus verborgen unter Brot und Wein mit Seinem Leib und Blut zu uns kommt und uns mit Vergebung, Leben und Seligkeit beschenkt. Dort vor allem durfte und darf sie die erlösende Macht ihres Heilands erfahren und Seine Liebe erkennen, mit der Er sich uns Sündern schenkt, so daß in der liturgischen Frömmigkeit Brüderns spürbar und sichtbar wurde, was im Siebten Artikel der Augsburgischen Konfession über die Kirche und den Gottesdienst als ihr wesentliches Kennzeichen ausgesagt wird: "Es wird auch gelehret, daß alle Zeit musse ein heilige christliche Kirche sein und bleiben, welche ist die Versammlung aller Glaubigen, bei welchen das Evangelium rein geprediget und die heiligen Sakrament lauts des Evangelii gereichet werden."

Die biblisch-reformatorische Botschaft, wie sie ihren Niederschlag in den lutherischen Bekenntnisschriften gefunden hatte, hat in Brüdern zur Wiederentdeckung des genuinen liturgischen Reichtums der lutherischen Kirche geführt. Durch die richtende und rettende Macht des Wortes Gottes wurde die Gemeinde gesammelt und zu ihrer liturgischen Frömmigkeit geführt. Das Wort Gottes, und nicht vorrangig hochkirchliche, liturgisch-ästhetische oder ökumenische Neigungen waren es, die Brüdern zu dem machten, was es bis heute geblieben ist, obwohl solche Interessen natürlich auch vorhanden sind. Entscheidend war und ist das Wort Gottes von der Rechtfertigung des Sünders; dieses kraftvolle und verwandelnde Wort, das ja nicht allein in der Predigt wirksam ist, sondern genauso in den Sakramenten und deren äußerliche Zeichen Wasser, Brot und Wein zu Trägern der göttlichen Gnade und Wirklichkeit wandelt, wie jener bekannte augustinische Ausspruch sagt, der in der reformatorischen Theologie so bedeutsam geworden ist: "Accedat verbum ad elementum et fit sacramentum."

Max Witte selbst hat das anläßlich seines zwanzigjährigen Ordinationsjubiläums, das er am 6. Juni 1955 noch kurz vor seinem Heimgang begehen konnte, so ausgedrückt: "Er [d.h. Max Witte; Anm.] bekennt in diesen widerwärtigen Zeiten fröhlich die Unfehlbarkeit des geschriebenen Wortes GOTTes, und daß das Buch Concordia (die evgl.-luth. Bekenntnisschriften), den alleinseligmachenden Glauben der Kirche GOTTes getreu der Heiligen Schrift bezeugt (darin er Ev. St. Lucas, Kap. 15 am liebsten hat)."

Lukas 15 mit seinen Gleichnissen vom verlorenen und wiedergefundenen Schaf, Groschen und Sohn als Sinnbildern des grenzenlosen göttlichen Erbarmens über die Sünder - hier liegt die Keimzelle der besonderen liturgischen Frömmigkeit Brüderns. Sie wurde aus der Predigt des Evangeliums und dem Sakrament des Altares geboren, wie auch Martin Luther sagt: "daß der vornehmste und höchste Gottesdienst ist, GOttes Wort predigen und hören; item Sacramente handeln etc." Denn ein Gott, der seine Geschöpfe trotz ihrer Sünde und Schuld so sehr liebt, daß Er ihnen nachgeht und sie rettet, kann nur frohen und dankbaren Herzen gerühmt, gelobt, angebetet und angerufen werden, wie ja auch ein fröhliches und dankbares Lutherlied im Jahre 1523 mit am Anfang der Reformation gestanden hat: "Nun freut euch, lieben Christen gmein, und laßt uns fröhlich springen, daß wir getrost und all in ein mit Lust und Liebe singen, was Gott an uns gewendet hat und seine süße Wundertat; gar teur hat ers erworben."

So bildete sich in Brüdern wie von selbst eine liturgische Frömmigkeit mit der Feier der Heiligen Messe als ihrem geistlichen Höhepunkt heraus, die ja im Bekenntnis der lutherischen Kirche und in deren liturgischer Tradition einen festen Rückhalt fand. Heißt es doch im 24. Artikel der Augsburgischen Konfession: "Man legt den Unseren mit Unrecht auf, daß sie die Messe sollen abgethan haben. Denn das ist offentlich, daß die Messe, ohn Ruhm zu reden, bei uns mit großerer Andacht und Ernst gehalten wird dann bei den Widersachern."

Demnach gilt auch für die besondere liturgische Frömmigkeit in Brüdern: Gottes Werk an uns, Sein Handeln durch Jesus Christus im Heiligen Geist durch Wort und Sakrament, ist der grundlegende Gottesdienst der Kirche. Doch diese gratia praeveniens, diese zuvorkommende Gnade Gottes, will uns Menschen zu Lob und Dank gegen Gott bewegen, der solch große Wunder an uns tut. Und deshalb verstehen wir den Gottesdienst zweitens als ein Dank- und Lobopfer, das wir in der Messe wie auch im Stundengebet Gott dem Vater durch Jesus Christus im Heiligen Geist darbringen, wo bei dieser eucharistische Charakter, diese Danksagung, natürlich ganz besonders für die Feier der Heiligen Messe gilt, wie ja auch die Apologie der Augsburgischen Konfession u.a. im Abschnitt "Vom rechten Brauch des Sakraments und vom Opfer" erklärt: "Da ist denn auch und findet sich das Dankopfer oder Danksagung. Denn wenn das Herz und Gewissen empfindet, aus was großer Not, Angst und Schrecken es erlöset ist, so danket es aus Herzensgrunde für so großen unsäglichen Schatz, und braucht auch der Ceremonien oder äußerlichen Zeichen zu Gottes Lobe und erzeigt sich, daß es solche Gottes Gnade mit Dankbarkeit annehme, groß und hoch achte. Also wird die Messe ein Dankopfer oder Opfer des Lobes." Und ebenso: "Darüber findet man Sprüche in den Vätern von Danksagung, wie denn Cyprianus fast lieblich redet vom christlichen Communicieren. ,Ein christlich Herz,’ sagt er, ‚teilet seinen Dank auf einen Teil für die vergebenen Sunden, und danket für so reiche Gnade.’ Das ist: ein christlich Herz das siehet an, was ihm geschenkt ist in Christo und was ihm auch für große Schuld aus Gnaden verlassen ist, hält gegenander unsern Jammer und danket Gott etc. Und daher ist es Eucharistia genennt in der Kirchen."

Lob, Dank, Anbetung, aber natürlich auch Bitte und Fürbitte bringen wir, gerechtfertigt allein durch den Glauben, in unseren Gottesdiensten vor den Thron Gottes, in dessen Gegenwart wir uns wissen. Diese Verehrung des lebendigen und gegenwärtigen Gottes hat in der Folgezeit zu einer Frömmigkeit geführt, für die im Gegensatz zu einem intellektualistischen Denken, das man auch heute noch mitunter im Protestantismus findet, die Liturgie eben nichts Überflüssiges oder bloß Akzidentielles ist, auf das man im Grunde genommen verzichten könnte. Im Gegenteil – wenn der Herr unter uns gegenwärtig ist, wenn wir zu Ihm beten als zu einem persönlichen Gegenüber, von einem Du zu einem anderen Du, dann werden umfangreiche liturgische Ordnungen, Stundengebete, Knien, festliche gottesdienstliche Gewänder, Weihrauch, die ewige Lampe und andere kultische Gebräuche nicht zu einer rituellen Last, sondern zu Zeichen der Ehrfurcht, der Liebe und Dankbarkeit der Kinder gegenüber ihrem Vater im Himmel, der nach Johannes 3, 16 die Welt so sehr geliebt hat, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Dann bleibt das Bekreuzigen eben nicht länger etwas, was "ein Evangelischer nicht tut", sondern wird, wie zu Vater Luthers Zeiten, zu einem getrosten und zuversichtlichen Bekenntnis unserer Erlösung durch Christi Kreuz und Wunden, das wir nicht nur mit dem Morgen- und Abendsegen des Kleinen Katechismus gerade als Evangelische tun dürfen, wann immer wir möchten: "Dazu dienet auch, daß man sich gewehne, täglich Gotte zu befehlen mit Seel und Leib Weib, Kind, Gesind und was wir haben fur alle zufällige Not. Daher auch das Benedicite, Gratias und andere Segen abends und morgens kommen und blieben sind, item die Kinderubung, daß man sich segene , wenn man etwas Ungeheurs oder Schrecklichs siehet oder höret und spreche: ,HERR Gott, behüte’, ‚Hilf, lieber Herr Christe’ oder dergleichen. Also auch wiederümb, wenn imand etwas Guts ungedacht widerfähret, wie gering es auch ist, daß man spreche: ‚Gott sei gelobt und gedankt’, ‚Das hat mir Gott bescheret’ etc." Natürlich sind all diese äußeren Gebräuche als "Mitteldinge", als Adiaphora, kein Gesetz und kein Tun, mit dem wir Gott versöhnen könnten. Aber sie sind Zeichen der Ehrfurcht und Dankbarkeit, die in der ursprünglichen gottesdienstlichen Tradition der lutherischen Kirche tief verwurzelt sind und sich in sehr vielen alten und neuen Agenden finden lassen – wie ja auch die Brüderngemeinde nicht einer selbstgeschaffenen hochkirchlichen Ordnung folgt, sondern sich als lutherische Pfarrgemeinde versteht und deshalb sehr genau der "Agende für lutherische Kirchen und Gemeinden" folgt.

Nach dem bisher Gesagten bewegt sich alle liturgische Frömmigkeit in Brüdern um zwei Zentren. Auf der einen Seite hilft sie uns, Jesus Christus zu erkennen und Seine Gnade, die Er uns Sündern durch Seinen Geist in Wort und Sakrament zuwendet. Sie ist also ein Dienst Gottes an uns. Auf der anderen Seite aber ist sie in Lob, Dank, Anbetung, Bitte und Fürbitte unsere menschliche Antwort auf diese Gnade Gottes und der Ruf nach Seinem Beistand und Seiner Hilfe. Immer jedoch steht Jesus Christus im Mittelpunkt – Er ist es, der Mittler des Neuen Bundes, der Hohepriester und Liturg im himmlischen Heiligtum, wie ihn der Hebräerbrief nennt, auf den alles Gebet und kultische Handeln uns weist. Nicht allein die gottesdienstlichen Lesungen oder die Predigten sollen Ihn verkündigen, sondern auch die gebeteten und gesungenen Psalmen in den Stundengebeten. Auch sie sind neben den Hymnen und den übrigen liturgischen Stücken Hinweise auf Jesus Christus und die Erfüllung der Verheißungen des Alten Testamentes in Ihm. So wird uns die Schrift in Brüdern durch die liturgische Frömmigkeit zu einem Buch, dessen Inhalt wir nicht mehr allein geschichtlich verstehen, sondern vor allen Dingen typologisch – nämlich als ein Zusammenspiel von Verheißung und Erfüllung, wie es ja auch im Neuen Testament und in der Alten Kirche bis weit über die Reformationszeit verstanden worden ist und immer noch verstanden wird. Singen wir zum Beispiel an jedem Sonntagabend den 110. Psalm, der mit den Worten beginnt: "Der HERR sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache’" und in dem es außerdem heißt: "Du bist ein Priester ewiglich nach der Ordnung Melchisedeks" – dann dürfen wir darin folgendes erkennen: wir beten diesen Psalm am Sonntag, also am österlichen Tag der Auferstehung unseres Herrn. Denn an jedem Sonntag denken wir daran, daß unser Herr der Sieger über Sünde, Tod und Teufel ist. ER hat sich zur Rechten Seines Vaters im Himmel gesetzt, und damit die Worte des Psalms erfüllt. Weiter ist Melchisedek, der Priesterkönig mit dem Opfer von Brot und Wein, ein Typos, ein Voraufbild des Herrn, der selbst ein ewiges Priestertum gestiftet hat und uns in der Eucharistie mit dem Brot des Lebens und dem Kelch des Heils beschenkt .

Auf diese Weise führt uns das Stundengebet hin zum großen Mysterium der Kirche – zur geheimnisvollen sakramentalen Gegenwart unseres Herrn und Seines kommenden Reiches am Altar, wo Sein Wort dieses einzigartige Wunder bewirkt und uns durch Seinen Leib und Sein Blut Anteil an Seinem Opfer, an Seinem Leiden, Sterben und Auferstehen schenkt, damit wir durch dieses "Heilmittel der Unsterblichkeit", wie es in einem unserer Gebete vor der Kommunion heißt, Vergebung, Leben und Seligkeit empfangen. Auf dieses Handeln Gottes in Christus Jesus weist uns alle Liturgie – bis hin zum Weihrauch, der ein Symbol für das Gebet der Heiligen im Himmel und auf Erden ist , und bis hin zu den liturgischen Gewändern, bei denen die Alba mit ihrem strahlenden Weiß das helle Gewand des ewigen Lebens symbolisiert, oder das aus einem Stück gefertigte Meßgewand den ungenähten Rock Christi und damit die einige heilige Kirche darstellt. Das Gleiche gilt zum Beispiel weiter auch für die Stola oder den Altar. Die Stola mit dem Kreuz in der Mitte, die sich der Pastor umlegt, oder, wie ihn die Liturgik der lutherischen Orthodoxie ganz unbefangen nennt: der Priester – diese Stola symbolisiert das Kreuz, das Christus für uns getragen hat. Der Altar aber, auf dem wir Brot und Wein zu Leib und Blut des Herrn konsekrieren und damit Anteil an Seinem Opfer bekommen, wird zu einem Bild für das Golgatha, auf dem Er einst Sein blutiges Opfer als stellvertretende Genugtuung dargebracht hat.

So stellt uns die Heilige Messe als einzigartiger Höhepunkt aller liturgischen Frömmigkeit hinein in die Gegenwart Jesu Christi. Sie schenkt uns die koinonia an der göttlichen Natur , also die Kommunion, die Gemeinschaft mit unserem Herrn in Seinem Sakrament und Seinem mystischen Leib, der Kirche, und darüber hinaus mit allen "Engeln, Erzengeln, Mächten, Thronen und Gewalten", wie wir in jeder Präfation vor dem Dreimalheilig singen. Und das ist auch der Grund, warum wir uns in Brüdern zu der "einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche" bekennen und das Gedächtnis der Heiligen gemäß Artikel XXI der Augsburgischen Konfession in Ehren halten. Wir wissen uns eins mit dem gesamten geistlichen Leib Christi, mit der ganzen Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch, deren einzelne Glieder mit ihrem Haupte Jesus Christus durch Geist, Wort und Sakrament zu einer unauflöslichen Einheit verbunden waren, verbunden sind und verbunden sein werden. Wir wissen uns eins mit dieser Kirche, die nicht erst mit der Reformation begonnen hat, sondern die seit jeher unter der Verheißung des Herrn steht, der ihr zugesagt hat: "Siehe ich bin bei euch bis an der Welt Ende" und deshalb als die eine heilige katholische – das heißt alle Zeiten und Völker umfassende, und apostolische gerade vom lutherischen Bekenntnis bezeugt wird. Und zwar in einer Weise bezeugt, die über jede Konfessionsgrenze hinausgeht und überall dort zu finden ist, wo gemäß Augustana VII Gottes Wort recht gepredigt und die Sakramente gemäß der Einsetzung des Herrn gefeiert werden, wie in der Apologie der Augsburgischen Konfession geschrieben ist: "daß wir gewiß sein mügen, nicht zweifeln, sondern fest und gänzlich gläuben, daß eigentlich eine christliche Kirche bis an das Ende der Welt auf Erden sein und bleiben werde, daß wir auch gar nicht zweifeln, daß eine christliche Kirche auf Erden lebe und sei, welche Christi Braut sei, obwohl der gottlos Hauf mehr und größer ist, daß auch der Herr Christus hie auf Erden in dem Haufen, welcher Kirche heißt, täglich wirke, Sunde vergebe, täglich das Gebet erhöre, täglich in Anfechtungen mit reichem, starkem Trost die Seinen erquicke und immer wieder aufrichte, so ist der tröstliche Artikel im Glauben gesetzt: ‚Ich gläube ein katholick. gemeine, christliche Kirche’ ..."

In dieser Kirche, über Raum und Zeit mit allen Christen vor uns und nach uns verbunden, feiern wir unsere Gottesdienste mit den "Thronen und Herrschaften und dem ganzen himmlischen Heere" der Engel und Erzengel. Wir feiern sie als eine communio sanctorum, als eine Gemeinschaft der Heiligen, die in Christi Blut und Wunden durch die Gnadenmittel von Wort, Geist und Sakrament allein aus Gnaden gerechtfertigt und geheiligt sind und so ihr tägliches Leben als Antwort auf den Buß- und Gnadenruf des Evangeliums in der Nachfolge Jesu Christi führen können. Damit aber feiern wir sie als eine Gemeinschaft, die Anteil am Heiligen bekommt, nämlich an den genannten Gnadenmitteln, und die so als Gemeinschaft aus Sündern und Gerechten zugleich allein aus Gnaden zu der einen Kirche, dem einen Leibe Christi auferbaut wird, und mit ihrem Haupte Jesus Christus, ihrem Hohenpriester und Mittler unauflöslich verbunden ist, weil von ihr noch immer gilt, was schon von der ersten Kirche galt: "Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet." In dieser communio sanctorum, die zugleich Anteil am Heiligen und Gemeinschaft der Heiligen ist, empfangen wir Kraft für Zeit und Ewigkeit, für unser Leben und Sterben, weil Gott selbst den Abstand zwischen Schöpfer und Geschöpf hinwegnimmt und die Erde mit dem Himmel verbindet.

Martin Luther hat dies an einer Stelle seiner Schrift von der "Deutschen Messe" aus dem Jahre 1526 in sehr eindringlicher Weise dargestellt, in dem er uns in Erinnerung ruft, daß alle Gottesdienst hier auf Erden ein Abbild des himmlischen Dienstes ist, den unser Hohepriester und Liturg Jesus Christus für uns vor dem Thron Seines Vaters vollzieht. Als er nämlich vom "Aufheben", also von der Elevation (Erhebung) der zu Leib und Blut Christi konsekrierten Gaben von Brot und Wein spricht, damit auch die Gemeinde sie sehen und den gegenwärtigen Herrn im Sakrament anbeten kann, schreibt er: "Das auffheben wollen wyr nicht abthun/ sondern behalten/ darumb/ das es feyn mit dem deudschen Sanctus stymmet/ vnd bedeut/ das Christus befohlen hat/ seyn zu gedencken/ denn gleych/ wie das sacrament wird leyblich auffgehaben/ vnd doch drunter Christus leyb vnd blut nicht wird gesehen/ also wird durch das wort der predigt seyner gedacht vnd erhaben/ dazu mit empfahung des sacraments bekand vnd hoch gehret vnd doch alles ym glauben begriffen vnd nicht gesehen wird/ wie Christus seyn leyb vnd blut fur vns gegeben/ vnd noch teglich fur vns bey gott/ vns gnade zur langen/ zeyget vnd opffert."


[Zurück] [Glaube]
Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

Besucherstatistik