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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Karin Hille

Leben mit dem Kreuz im Braunschweiger Marienstift

Sehr geehrter Herr Landesbischof i.R. Dr. Heintze! Nachdem Sie meinen Mann im Dezember 1972 im Braunschweiger Dom und mich 1973 im Haus der Kirche, Weststadt, ordiniert hatte, war es für mich eine besondere Freude, als Sie mich im August 1979 als Pastorin in das Amt einer Seelsorgerin des Marienstiftes einführten. Es war die Einführung in eine 22 jährige Dienstzeit als Seelsorgerin, dann als Oberin.

Sehr gern denken "wir Älteren" im Marienstift an Ihre Besuche zu festlichen Anlässen oder Konferenzen und Gesprächen. Die Pröpste–Konferenzen z.B. fanden damals ja regelmäßig im Marienstift statt.

So gratulieren mein Mann und ich Ihnen zum 90. Geburtstag mit herzlichen Segenswünschen und in Dankbarkeit. Ich freue mich sehr, mich an der Festschrift für Sie mit einem Beitrag aus dem Marienstift beteiligen zu dürfen.

Mit herzlichen Grüßen auch von meinem Mann Ihre Karin Hille

 

Leben mit dem Kreuz im Braunschweiger Marienstift

  1. Göttliches und Menschliches
  2. Ein Patient unseres Krankenhauses drückte mir vor ein paar Jahren einen Vierzeiler von Erich Kästner in die Hand, der mich seitdem auf meinen Wegen begleitet; er lautet:

    "Jeden Abend stand er an der Sperre,

    ein armer, alter, gebeugter Mann.

    Er hoffte, dass einmal Gott ankäme –

    es kamen immer nur Menschen an."

    "Mir geht es auch so," sagte jener Patient mit einem Lächeln, halb resigniert, halb fragend. Ja, er war auf der Suche nach Gott wie so viele Menschen bei uns im Marienstift. Die Vielfalt der Grenzsituationen und Übergänge bei uns: Geborenwerden – Kranksein – Heilung oder Umbruch zu einem Leben mit bleibender Krankheit – Altwerden - Sterben fordert die Frage nach Gott immer wieder heraus. Und dann: immer wieder "nur Menschen" ?

    Es gibt eine Erfahrung, die das Diakonissen-Mutterhaus im Marienstift von Anfang an und durch seine Geschichte hindurch belebt hat bis zum heutigen Tag: Gott kommt meistens nicht im einsamen Grübeln, sondern durch Menschen zu uns. Und das bleibt so auch dort und gerade auch, wo Leben gefährdet, belastet, "ein Kreuz" geworden ist. Mit dieser Erfahrung und Hoffnung haben die Diakonissen den nachfolgenden Generationen ohne Haube ein großes Erbe übergeben. Diakonie – wenn sie sich treu bleibt – vermittelt hinter den Kreuzen unseres Lebens die Sicht auf die offenen Arme des gekreuzigten Christus; und sie vermittelt damit auch ein Gespür für die Würde und Kostbarkeit des Lebens, die nicht in menschlichen Leistungen und Vorzügen, sondern allein in der Liebe Gottes ihren Grund haben.

    "Immer wenn mir mein eigenes Kreuz zu schwer wurde, habe ich auf die offenen Arme des gekreuzigten Christus geschaut," sagte die Diakonisse Schwester Frieda. Sie war schon in hohem Alter, als ich sie wiederholt sagen hörte: "Ich würde wieder Diakonisse werden, obwohl ich in meinem Leben auch viele Enttäuschungen erfahren habe." Ihr intensives Engagement bedingte auch eine große Sensibilität und Verletzlichkeit, und sie nahm in ihrer kritischen Haltung auch gegenüber der Leitung des Mutterhauses nie ein Blatt vor den Mund. Aber ihre Liebe zum Leben blieb der cantus firmus ihrer Lebensmelodie. Gern und entschieden sagte sie: "Der Segen Gottes liegt auf unserem Haus, auch wenn wir ihn heute wieder absolut nicht verdient haben!"

  3. Das Kreuz in der Tradition der Diakonissen
    1. Anfänge und Konzeption Kaiserswerther Diakonie

    Der entscheidende Schritt, der dem Beginn des Marienstiftes im Jahre 187O vorausging, war die Gründung des Diakonissen-Mutterhauses in Kaiserswerth durch Pfarrer Theodor Fliedner und seine Frau Friederike im Jahre 1836. Es konnte dazu kommen, weil die beiden einen offenen Blick hatten für die Notlagen und Chancen ihrer Zeit und Gesellschaft. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert prägten eine schnell wachsende Bevölkerung in den Städten, kinderreiche Familien oft in großer Armut und vor allem auch schlechte medizinische Versorgung auf der einen Seite, unverheiratete Frauen mit vielen Begabungen, Kräften und Fähigkeiten, aber ohne Beruf und verbindliche Lebensaufgabe auf der anderen Seite das Bild.

    Friederike und Theodor Fliedner bezogen beides aufeinander: Sie ermöglichten den alleinstehenden Frauen, die zunächst sehr zögernd und auf 5 Jahre befristet kamen, dann aber in immer größerer Zahl und auf Lebenszeit in die Mutterhäuser strömten, eine gute, vielseitige Ausbildung zur Krankenpflege, Pädagogik und Seelsorge. Und sie konnten damit soziale Sicherheit und vor allem auch inhaltliche Perspektiven anbieten durch einen neuen Berufsstand, der gesellschaftlich anerkannt und oft hoch geachtet war. Und so organisierten die Fliedners mit den neuen Krankenschwestern und Erzieherinnen professionelle Hilfe für Kinder und Familien, für Kranke in ihrem häuslichen Umfeld oder in Krankenhäusern und für Strafentlassene. Damit haben die Diakonissen Pionierarbeit geleistet für die Berufstätigkeit der Frau. Der Anstoß für diese große, die Gesellschaft verändernde Bewegung war für Fliedner die Idee, das neutestamentliche Amt der Diakonisse wieder zu beleben und neben die "Diener am Wort" die "Dienerinnen am Nächsten" zu stellen.

    Das Leben der Diakonissen wurde genossenschaftlich organisiert und im Mutterhaus verankert. Diakonissen leben zusammen in einer Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft. Die Tracht wurde mit Stolz getragen und gab mit ihrem Hinweischarakter auf die dahinterstehende Institution auch den damals notwendigen Schutz, wenn die Frauen allein in der Öffentlichkeit auftraten oder als Gemeindeschwestern allein in fremde Familien gingen.

    Ein halbes Jahrhundert vorher war diese Tracht noch die offizielle Kleidung der verheirateten Bürgersfrau, die eben mit ihrer Heirat "unter die Haube kam". Und so eng wie die Bindung der verheirateten Frau an ihre Familie sollte für die Diakonisse die Bindung an das Mutterhaus sein.

    2.2.Leben mit dem Kreuz in der Tradition des Marienstiftes

    Nach der Gründung des Marienstiftes im Jahre 187O mit zwei Diakonissen aus Hamburg und einer Probeschwester aus Braunschweig und der Einrichtung eines Krankenhauses erfolgte zunächst eine nur sehr zögernde Akzeptanz. Die Braunschweiger Bevölkerung empfand die Tracht als exotisch. Doch dann überzeugte zunehmend die gute Pflege. Auch die Bereitschaft junger Frauen zum Berufsstand der Diakonisse entwickelte sich nur langsam; es fehlte in Braunschweig die Erweckungsbewegung, die in anderen Gegenden, z.B. im Ravensberger Land, entscheidende Anstöße gegeben hatte. 1874 warb der damalige Vorsteher des Marienstiftes, Pastor Dettmer, mit den Worten: "Der Herr erbarme sich über diesen Notstand (des Schwesternmangels), unter dem ja fast alle

    Diakonissenhäuser seufzen, und mache unter den vielen Jungfrauen, die auch in unserer Stadt müßig am Markt des Lebens stehen und ihre Jugendkraft in allerlei Zeitvertreib vertändeln, doch nur etliche wenige willig, uns zu helfen in unserer Arbeit, die ja nicht nur mühsam und beschwerlich, sondern für alle, die den Herrn lieb haben, auch köstlich und selig ist."

    Doch nach wenigen Jahren hatte die gute Pflege der Diakonissen die Braunschweiger Bevölkerung überzeugt; das Marienstift konnte seine Schwestern aussenden in ein weitverzweigtes Netz von Kranhäusern und Gemeindepflegestationen und entwickelte seinen guten Ruf weit über Braunschweig hinaus. Die gesellschaftliche Bedeutung der Diakonissen möchte ich durch eine kleine Begebenheit veranschaulichen, die sich Ende der dreissiger Jahre in der St. Pauli Gemeinde zugetragen hat. Schwester Erna Nitsche war dort viele Jahre Gemeindeschwester. Als ich selbst Schwester Erna in den achtziger Jahren kennen lernte, war sie in hohem Alter und sehr krank; sie konnte das Bett nicht mehr verlassen. Ich besuchte sie gern. "Das Leben ist schon ein Kreuz, und das Alter besonders," sagte sie manchmal. Dennoch fielen mir ihre wachen, fröhlichen Augen auf, wenn sie aus ihrem Leben und vor allem aus ihrer Zeit als Gemeindeschwester in St. Pauli erzählte. Bis in ihr hohes Alter hinein hatte sie noch Verbindung zu einigen ihrer ehemaligen Kindergottesdienst- Kinder; von diesem Arbeitsbereich erzählte sie mit Begeisterung. Die folgende Begebenheit aus den dreissiger Jahren hat sie allerdings nicht selbst erzählt, sondern ein Braunschweiger, der damals als Kind auf der Straße beobachtete, wie zwei kleine Mädchen sich stritten; das eine Mädchen war katholisch, das andere evangelisch. Als der Streit eskalierte, streckte das katholische Mädchen die Zunge heraus und schrie: "Ätsch, wir haben aber unsere Mutter Maria!" Darauf streckte das evangelische Mädchen ebenfalls die Zunge heraus und rief triumphierend zurück: "Ätsch, und wir haben unsere Schwester Erna!"

    Offensichtlich war Schwester Erna – wie viele andere Diakonissen – in der Gemeinde damals eine Institution, die so viel an Bedeutung und helfender Nähe vermittelte, dass das streitende kleine Mädchen in seinem Kampf um Selbstbehauptung und Identität Schwester Ernas Autorität für sich in Anspruch nahm – sogar in Konkurrenz zur Mutter Gottes.

    Schwester Hildegard Jerschke, die von 1958-1987 Gemeindeschwester in Salzgitter-Lebenstedt war und jetzt im Mutterhaus des Marienstiftes lebt, sagt: "Warum ich Diakonisse geworden bin? Ich bin ein fröhlicher Mensch und dachte mir: Wenn ich mein Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen Gott, dem Schöpfer und Liebhaber des Lebens zur Verfügung stelle, dann muß das eine fröhliche und gute Sache sein. Und so war und ist es auch. Ich würde wieder Diakonisse werden, denn wenn ich etwas tue, dann tue ich es ganz!" Bei ihrer Einsegnung hat jede Diakonisse ein Kreuz bekommen mit den Anfangsworten von Psalm 23, dem "Hauspsalm" des Marienstiftes: "Der Herr ist mein Hirte."

    Heute erleben die Diakonissen, dass die Bedeutung der Tracht immer schwerer vermittelbar und in der Öffentlichkeit ambivalent erlebt wird.

    Viele Menschen geben ihrem Respekt und ihrer hohen Anerkennung Ausdruck, wenn sie einer Diakonisse in Tracht begegnen, andere lächeln oder spotten sogar. Ein Kreuz zu tragen ist dagegen fast modern, auch wenn sehr vielen Menschen eine inhaltliche Bedeutung des Kreuzes sicher nicht bewusst ist. Aber was bedeutet es im Marienstift heute: Leben mit dem Kreuz?

  4. Aus guten Traditionen Zukunft gestalten
    1. Ein Tropfen Glück
    2. Nicht allein Diakonissen tagen im Marienstift ein Kreuz, sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit die Marienstiftsnadel mit einem Kreuz überreicht und entscheiden dann individuell, ob und wie oft sie es tragen. Über der Tür in jedem Krankenzimmer hängt ein Kreuz, und auch in den öffentlichen Räumen des Marienstiftes sind Kruzifixe zu sehen. Täglich wird im Namen des gekreuzigten Jesus Christus der Segen zugesprochen in Gottesdiensten und Andachten in der Kirche, im Stillen Raum und am Krankenbett. Und täglich tragen Menschen sich wund an den Kreuzen ihres Lebens: Leiden, Ängste, Krankheiten des Körpers und der Seele, Behinderungen des Alters. Kranke und gesunde, alte und junge, starke und schwache, glückliche und traurige, hilfesuchende und helfende Menschen begegnen sich, leben vielleicht im Austausch miteinander und entdecken dabei: wenn Kreuze ein Stück weit gemeinsam getragen werden, sind sie nicht mehr ganz so schwer.

      Zwei kleine Erlebnisse sind mir dabei zu Schlüsselerlebnissen geworden:

      Ich besuchte Frau M., Patientin in unserer Klinik, 88 Jahre alt. "Sie müssen lauter sprechen," sagte sie nach meiner Begrüßung, "ich verstehe so schwer." "Können Sie mich sehen?" fragte ich zurück, und sie antwortete: "Sehen kann ich auch ganz schlecht, ich erkenne Sie nur in Umrissen. Aber – riechen kann ich dafür noch gut! Und stellen Sie sich vor: heute hat mir eine Schwester eine duftende Rose aus ihrem Garten mitgebracht! Bei den unterschiedlichen Gerüchen, die ich erlebe, klingt so vieles aus meinem Leben an!"

      Unvergesslich ist mir jene altgewordene, sehr kranke Frau, die mühsam auf ihre Gehhilfe gestützt, zu uns kam, als wir in einer kleinen Gruppe in einem Wohnzimmer in Bethanien zusammensaßen. "Ich suche doch nur einen Tropfen Glück!" sagte sie, ein wenig unsicher und verwirrt in die Runde schauend. Ich glaube, sie fand den "Tropfen Glück", als sie aus ihrem sehr bewegten Leben erzählen konnte und wir ihr zuhörten.

      Die Frage nach dem Glück hat im Bereich der Diakonie gerade angesichts der hohen Belastungen, unter denen sich das Leben abspielt, einen hohen Stellenwert. Deshalb wird im Marienstift auch gern und vielfältig gefeiert. Erfahrungen mit dem Kreuz verbinden. Sie schaffen Gemeinschaft und brauchen Gemeinschaft. Ich habe im Marienstift gelernt, dass Traurigkeit und Freude ganz nahe beieinander wohnen. Und dabei verändern sich die Maßstäbe. Die kleinen Freuden können ungeahnte Intensität bekommen.

      In der Tradition ist der Diakonissen ist der ganzheitliche Umgang mit pflegebedürftigen Menschen verwurzelt. Immer wieder hat man die vier Teilbalken der Kreuzform als Hinweis auf die vier Dimensionen unseres Lebens

      verstanden: die physische, psychische, soziale und spirituelle Dimension. Eins ist so wichtig wie das andere: die kompetente ärztliche und pflegerische Versorgung wie auch die Begleitung der Menschen in ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft, Sinnerfahrung und endgültiger Geborgenheit, die Gott allein zu geben vermag. Die vorbildliche Sensibilität einer Schwester wurde mir unvergesslich, als sie mir sagte: "Oft kündigt sich für mich das Sterben eines Menschen eher durch Signale seiner Seele als durch Symptome seines Körpers an. Ich spüre, dass dieser Mensch mich öfter als sonst mit großen und fragenden Augen ansieht oder, dass er beim Verabschieden meine Hand länger festhält." Die Schwester machte mir deutlich: Wenn Menschen Vertrauen haben und sich begleitet wissen, fühlen sie sich den körperlichen Leiden vielleicht nicht so ausgeliefert und können anders damit umgehen. Insofern haben die körperliche, seelische und soziale Befindlichkeit und seine Antwort auf die Sinnfrage immer miteinander zu tun.

    3. Kreuze, die zu Brücken werden

Manchmal erleben wir in krasser Weise, dass unsere christlichen Traditionen und Lebensformen von Menschen unserer Zeit nicht mehr verstanden werden. Das wird an folgenden kleinen Erlebnissen deutlich:

Zu jedem Jahresfest wird vor unserer Theodor-Fliedner-Kirche die Fahne mit dem Symbol des Kaiserswerther Verbandes aufgezogen: die Taube mit dem grünen Zweig im Schnabel als Hinweis auf die alttestamentliche Geschichte von der Rettung Noahs und Zeichen für den Frieden zwischen Gott und Mensch. Die Diakonisse Schwester Luise, die als frühere Pflegedienstleitung auch heute noch den Überblick hat über das, was im Marienstift passiert, beobachtete eine ältere Frau, die zusammen mit ihrem kleinen Enkel an der Fahne hochschaut. "Gibt es in dem Haus solche Vögel?" fragt der Enkel; die Großmutter antwortet:"Das muß hier wohl eine Taubenzucht sein."

Wer sich häufig in unserem Eingangsbereich unter dem Dach des Mutterhauses in der Nähe der Information aufhält, erlebt, dass junge Leute beschwingt in unser Haus kommen und bei der Information landen mit den Worten: "Wir möchten zu Frau B., sie hat ein Baby bekommen." Wenn wir dann anfangen, den Weg durch den Park zur Frauenklinik zu erklären, folgt die erstaunte Frage: "Ist hier denn nicht das Mutterhaus?"

Ja, manche Traditionen und Lebensformen aus mehr als 13O Jahren Marienstift sind heute fremd geworden. Was bleibt und immer wiederkehren wird, ist die Frage nach Menschen, die bereit sind, das Kreuz anderer mitzutragen, nicht nur im Alleingang – das kann schnell zu schwer werden – sondern in einer tragenden Gemeinschaft.

Das Erbe der Diakonissen gibt uns für neue zukunftsweisende Formen diakonischer Gemeinschaft das inhaltliche Fundament. Aus Liebe zum Leben und Achtung vor der Würde des Menschen gemeinsam eine Alternative suchen zu lebensunwürdigen Verhaltensmustern in unserer Zeit – darum geht es auch heute.

Während auf der einen Seite unter gesundheitspolitischen Vorzeichen in unserer Gesellschaft die Zeit für Begegnung , Seelsorge und Gespräche mit kranken, altgewordenen und sterbenden Menschen immer knapper wird, wächst auf der anderen Seite die Sehnsucht nach einem wärmeren sozialen Klima, nach Überwindung der Vereinzelung und Isolierung so vieler Menschen, nach einem sorgsa-men Umgang mit dem Tod, nach einer Sterbekultur, wie sie die altgewordenen Diakonissen bis zum heutigen Tag leben und gestalten. Es wächst gerade auch unter den jüngeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Suche nach Austausch und orientierenden Gesprächen auch zu religiösen Fragen im Zusammenhang medizinethischer Entscheidungen.

Auf der Suche nach Gestaltungsformen für engagiertes Leben auch heute gewinnt das Angebot diakonischer Gemeinschaft neue Aktualität. Die Diakonische Gemeinschaft des Marienstiftes, eine Gruppe aktiver und ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bereit sind, zusätzlich und ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen, ist eine wachsende Gemeinschaft.

Ein überzeugendes Beispiel in unserer Zeit ist auch die Hospizbewegung, deren Ursprünge ja in kommunitären Lebensgemeinschaften wurzeln. Die Hospiz-bewegung hat ja nicht allein das Gespür für die mehrdimensionalen Wünsche und Bedürfnisse sterbender Menschen sensibilisiert, sondern sie führt auch immer wieder Menschen zusammen zu einer Solidargemeinschaft, die weiss: Kreuze, die gemeinsam getragen werden, sind leichter und können zur Brücke werde. Im Marienstift nennt sich die Gruppe, die im Zeichen der Hospizbewegung haupt- und ehrenamtlich mitarbeitet, "Begleitende Seelsorge".

Auch die "Grünen Damen" mit dem offiziellen Namen "Ökumenische Krankenhaus- und Altenheimhilfe" sind eine große Gruppe von Damen und Herren, die in diakonischer Gemeinschaft Menschen in unserem Krankenhaus und Altenpflegeheim begleiten unter dem Motto: "der Mensch hilft dem Menschen". Auch sie tragen dazu bei, dass bei uns nicht das geschieht, was ein Patient aus einem anderen Krankenhaus einmal so berichtet hat: "Ich war lange Zeit Patient in einem großen Krankenhaus und habe mit vielen Mitarbeitern zu tun gehabt: mit Ärzten, Schwestern, Laborantinnen, Physiotherapeuten, Psychologen ... aber mit keinem Menschen!"

Wenn Kreuze zu Brücken werden, wenn äußere und innere Not tragende, tröstende und bereichernde Gemeinschaft bewirkt und vielleicht auch Glaubenshorizonte öffnet, dann kann geschehen, was ein Bewohner unseres Pflegeheimes einmal auf eine mir unvergessliche Weise ausgesprochen hat. Ich traf jenen alten Herrn, der erst kurze Zeit bei uns lebte, in unserem Park. Er stand – auf seinen Stock gestützt – vor einem Rosenbeet. "Wie geht es Ihnen denn jetzt in Ihrem neuen Lebensbereich ?" fragte ich ihn, und er antwortete: "Sehen Sie diesen Rosenstrauch – trotz der Läuse blühen die Rosen! So geht es mir auch!"

 

 


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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