Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube
 
[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Hartmut Johnsen

Die Bedeutung der Religion in der Politik

Als Inhaber eines kirchlichen Leitungsamtes war dem Jubilar, dem diese Veröffentlichung aus Anlass seines 9o.Geburtstages gewidmet ist, die enge Bezogenheit von Religion und Politik eine immer wieder aktuelle Erfahrung. Nicht in dem Sinne, dass man in Wahrnehmung einer geistlich-theologisch begründeten Meinungsbildung an Stelle der politisch Verantwortlichen reden und handeln wollte, wohl aber in der Erkenntnis, dass auch staatlich-politische Gestaltungskraft immer wieder einer Orientierung bedarf, die ihre Grundlage und ihre Ziele ausserhalb und unabhängig von partei- und tagespolitischen Vorstellungen zu definieren sucht.

Das ist auch im allgemeinen Bürgerbewusstsein einer demokratischen rechtsstaatlichen Wertegemeinschaft nicht oder nicht mehr selbstverständlich. Denn die Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit wie auch die ungestörte Religionsausübung werden zwar als allgemeine Grund- und Menschenrechte geachtet und als schützenswert anerkannt, aber mehr im Sinne einer Freiheit gegenüber staatlichen Eingriffen und Beeinflussungen und weniger als religiös motivierte Möglichkeiten, auch Massstäbe für politisches Handeln zu setzen. Gäbe es heute eine allgemeine Volksbefragung, ob Religion etwas mit Politik zu tun habe, wäre die Antwort sicher eindeutig, dass Religion Privatsache sei und politische Entscheidungen nicht beeinflussen dürfe. Mit Recht wird dabei der Verfassungsgrundsatz der "Trennung von Staat und Kirche" auch als gegenseitige Unabhängigkeit und Freiheit von "Religion und Politik" angesehen. Aber das schließt ein, dass Entscheidungen im Bereich des politischen Gemeinwesens auch auf religiös begründeten Zuspruch oder Widerspruch stoßen. Religiös-weltanschaulich begründete Anregungen und Wünsche können auch aktiv auf politische Entscheidungsprozesse einzuwirken versuchen. Gerade ein breiter gesellschaftlicher Konsens macht bei schwierigen Entscheidungen die Stärke eines demokratisch strukturierten Gemeinwesen aus.

Dass Religion und Politik nichts miteinander zu tun haben und auch nichts zu tun haben dürfen, wird man also nicht ganz so einfach feststellen können. Im Gegenteil: Deutet man weltweit Entwicklungsprozesse tiefgründiger, ist eher noch mit einer wachsenden Einflussnahme der Religion auf die Politik zu rechnen. Das gilt in besonderer Weise für den Islam, dessen radikale Flügel sogar eine Identität zwischen Staat und Religion anstreben.

Der 11.September 2oo1, als fanatische Moslems in USA mit entführten Flugzeugen entsetzliche Terroranschläge ausführten, bleibt in nachhaltiger Erinnerung. Diese Bedrohung ist noch nicht vorbei. Täglich lesen wir Zeitungsberichte und hören Fernsehnachrichten:. Die moslemischen "Gotteskrieger" kämpfen weiter. Der Kaschmir-Konflikt bringt Pakistan und Indien an den Rand eines Krieges; in Indien verfolgen sich Hindus und Moslems mit brutalen Überfällen, Nordirland kommt nicht zur Ruhe. In Israel bekämpfen sich Juden und Palästinenser mit wieder eskalierender blutiger Gewalt, ohne dass ein Ende dieser mörderischen Spirale des Hasses zu sehen ist. Die Aufzählung könnte noch lange fortgesetzt werden. Mag sich vieles auch als nationale, ethnische, soziale Konflikte und als politische Machtansprüche darstellen, dass es hier auch um religiös motivierte Handlungen geht, ist unumstritten. Wir brauchen gar nicht in frühere Jahrhunderte zurückzugehen und die christlichen Kreuzzüge und Religionskriege in Erinnerung zu rufen. Die Gegenwart bietet schon Anschauungsbeispiele genug, um deutlich zumachen, für wie viel "Weltliches" religiöse Überzeugungen als Motiv genutzt und auch missbraucht werden.

Religion und Politik haben demnach doch einiges miteinander zu tun. Es geht um die Frage, in welchen Formen und mit welchen Wirkungen sich Religion und Politik wechselseitig beeinflussen. Unsere Gedanken sollen sich dabei auf den mitteleuropäischen Raum beschränken, also im wesentlichen die monotheistischen Religionen in den Blick nehmen (Christentum, Judentum und den Islam), aber der Begriff des "Politischen" soll durchaus weit fasst werden. Es geht nicht nur um die (ursprünglich griechische) "Kunst der Staatsverwaltung", sondern um jedes Handeln, das (planmäßig, organisiert , sinnorientiert und sozial) beharrlich auf die Gestaltung (Erhaltung oder Veränderung) der gesellschaftlichen Ordnung hinwirkt.

I. Verfassungsrechtliche Grundlagen

Im Rahmen der mitteleuropäischen Werteordnungen stellt sich natürlich als erstes die Frage nach den Rechtsgrundlagen, mit denen die Bedeutung der Religion in unserem politischen Gemeinwesen festgeschrieben ist. Vieles ist in den Verfassungen niedergelegt. Die Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit den Worten: "In der Verantwortung vor Gott.....". Für die Väter unserer Verfassung war es l949 ganz eindeutig, dass hier der christliche Gott gemeint war, wie er im Alten und Neuen Testament bezeugt ist. Heute ist der Gottesbegriff durchaus umstritten und interpretierbar, auch Juden und Moslems nehmen ihn in Anspruch. Dabei ist doch - jedenfalls zahlenmässig - das persönlich Bekenntnis zu einer religiös-konfessionellen Bindung im Verschwinden begriffen. Im ersten Deutschen Bundestag l949 gaben noch 95% der Abgeordneten ihren Bekenntnisstand bekannt. Die Mehrheit der heutigen Abgeordneten verschweigt ihre religiöse Bindung oder Nichtbindung.

In der Verfassung steht gleichwohl die Garantie der Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit unverändert weiter und auch die Gewährleistung einer ungestörten Religionsausübung (Art.4). Das Gebot der Religionsfreiheit heisst: Die positive Zusicherung, dass jeder Bürger seine religiöse Bindung frei und unabhängig praktizieren darf, aber auch die Zusicherung der negativen Freiheit, ohne jede religiöse Bindung leben zu können. In der Verfassung (Art.7,Abs.3) steht auch, dass der Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen ein ordentliches Lehrfach ist. Und es gibt schliesslich noch die Kirchenartikel (Art.14o, 136 Weimarer Reichsverfassung), mit denen den Religionsgesellschaften die Ämterfreiheit, der Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts, die Steuerberechtigung und der Sonntagsschutz garantiert werden. In den meisten Länderverfassungen sind ähnliche Bestimmungen enthalten. In Deutschland hat sich zudem auch das seit Ende des 1.Weltkrieges bestehende System von Verträgen zwischen Staat und Kirchen weiterentwickelt. Das Reichskonkordat von l933 war der erste und umstrittene Vertrag zwischen dem Dritten Reich und dem Vatikan, seine partielle Fortgeltung hat das Bundesverfassungsgericht ausdrücklich festgestellt. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden solche Kirchenverträge (evangelische und katholische) mit allen neuen Bundesländern abgeschlossen. Auch mit jüdischen Kultusgemeinden gibt es Vereinbarungen.

Aus alledem wird deutlich, dass die Bedeutung der Religion in unserem Gemeinwesen als ausserordentlich hoch eingeschätzt wurde und wird. Davon profitierten zunächst im Westbereich die beiden grossen Volkskirchen, denen ein grosser Freiheits- und Schutzraum eingeräumt wurde.

Aufgrund der kirchenfeindlichen Erfahrungen während des Dritten Reiches wurde hier auch bei der politischen Neuordnung nach 1945 ein besonderes kirchliches Wächteramt eingefordert und zugestanden. Das schloss auch das Recht ein, zu politischen Ereignissen und Entwicklungen öffentlich Stellung zu nehmen.

II. Exkurs: Kirche im Sozialismus

Im Ostteil Deutschlands entstand der neue Freiheits- und Schutzraum erst mit der Wiedervereinigung. Bis dahin gab es dort wegen des religionsfeindlichen Systems aber auch besondere Konflikte. 9o% der dortigen Bevölkerung war 1945 protestantisch. In der DDR musste sich das politische System des Marxismus-Leninismus zum ersten Mal in seiner Geschichte mit einer Volkskirche auseinandersetzen, die auch kämpferischen Widerspruch und Widerstand praktizierte. Das Selbstverständnis der Orthodoxen Kirche in der Sowjetunion äusserte die Religiosität mehr in der Spiritualität und in der Liturgie und nahm in der Verfolgung lieber das ergebene Martyrium auf sich. Im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, in der DDR, traf der Kommunismus aber auf eine protestantische Volkskirche, die das Evangelium aktuell predigte und gegen staatlich-politische Übergriffe auch öffentlich Stellung nahm. Als l961 die Mauer gebaut wurde, richtete sich auch die Kirche auf langfristig neue Situation ein. Sie umschrieb sie mit "Kirche im Sozialismus" (nicht gegen, nicht für, nicht unter ,nicht über). Die Kirche (insbesondere die evangelische Kirche) konnte aber trotz massiver Verdrängungsmaßnahmen ein Stück Eigenständigkeit bis zuletzt bewahren und machte davon auch Gebrauch.. Zahlenmäßig auf rund 2o% der Bevölkerung geschrumpft, war diese Minderheit schließlich aber doch noch stark genug, um mit den kirchlich-öffentlichen Friedensgebeten (besonders in Leipzig) den Weg für gewaltfreie Demonstrationen freizumachen und dadurch mitzuhelfen, die Mauer, die Deutschland und Europa zertrennte, zu beseitigen. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass auch eine Religionsgemeinschaft, die sich gar nicht als politische Kraft verstehen wollte und konnte, einen ganz erheblichen Einfluss auf die politische Entwicklung gewinnen kann.

III. Religion und Politik. Einige konkrete Beispiele

Verfolgt man die Entwicklung im Nachkriegs-Deutschland über einen längeren Zeitraum, wird deutlich, dass es auch im Westbereich erhebliche Spannungen und Konflikte zwischen Religion und Politik gegeben hat. Aber sie wurden und werden mit fairen und rechtsstaatlichen Methoden ausgetragen. Das nimmt auch nicht Wunder, da es sich institutionell um Partner handelte, die in einem Gemeinwesen wirken, das sich religiös zwar als neutral, aber nicht als wertfrei versteht und es deshalb auch viele übereinstimmende Grundlagen gibt. Ein moderner parlamentarischer Rechtsstaat , der auf Bürgerengagement, Menschenwürde, Pluralismus und Toleranz angewiesen ist, muss sicherstellen, von solchen Menschen und Institutionen mitgetragen und auch kritisch begleitet zu werden, deren Masstäbe und Ziele nicht von tagespolitischen Notwendigkeiten und parteipolitischen Rücksichtnahmen bestimmt sind. Denn auch ein Rechtsstaat und seine politischen Entscheidungsträger können irren und Fehlentwicklungen einleiten oder zulassen, die zum Schaden des Ganzen führen.

Dazu einige Beispiele, die verdeutlichen sollen, wie sehr das Verhältnis von Religion und Politik auch vom verfassungsrechtlichen und gesellschaftspolitischen Umfeld abhängt. Denn die Gegenstände dieser Konflikte entspringen einer Situation, die für das Nachkriegsdeutschland prägend war.

Reichkanzlei Bismarck hatte Ende des 19.Jahrhunderts noch die Meinung "Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen!". Mehr als 7o Jahre später spielte der spätere Bundespräsident Heinemann darauf an, als er die Aussage machte: "Man kann heute aber auch keine Politik machen, als ob es die Bergpredigt nicht gäbe!". Die Frage der deutschen Wiederbewaffnung erhitzte damals die Gemüter sehr. Die religiös-pazifistische Gegenmeinung setzte sich nicht durch. Bei den friedenssichernden Einsätzen der Bundeswehr in konfliktgeschüttelten Regionen wird aber auch heute der Gedanke, dass Waffen dauerhaft keinen Frieden und keine Versöhnung schaffen können, wieder stark diskutiert.

Weit in den politischen Raum wagte sich die Evangelische Kirche in Deutschland vor, als deren Kammer für öffentliche Verantwortung Anfang der 7oer Jahre die sogenannte Ost-Denkschrift veröffentlichte. Sie enthielt die Empfehlung, auf die deutschen Ostgebiete zu verzichten und auf die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen aktiv hinzuwirken. Damals erhob sich ein erbitterter Protest, insbesondere bei den Vertriebenenverbänden. Unser Jubilar solidarisierte sich damals energisch und eindeutig mit dem Anliegen der Denkschrift und verteidigte sie in mehreren öffentlichen Vorträgen und in seinen Bischofsbriefen an die Pfarrerschaft und Kirchenvorstände. Die nachfolgende Entwicklung bewies, dass eine christlich-religiöse Bewegung den politisch Verantwortlichen weit voraus sein kann. Und dass sich schliesslich durch Beharrlichkeit und Überzeugungskraft auch politische Handlungsfähigkeit durchsetzt.

Ähnlich kontrovers wurde der Einstieg Deutschlands in die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie diskutiert. Auch hier waren religiös-christliche Kreise unter dem Anspruch "Bewahrung der Schöpfung" besonders kritisch. Erst in unseren Tagen, wo der zeitlich geordnete Ausstieg aus der Atomenergie beschlossene und akzeptierte Tatsache geworden zu sein scheint, hat sich christliches Engagement endlich auch im Zusammenwirken von umweltpolitischen und wirtschaftspolitischen Einflüssen konkretisiert.

Auch innerkirchlich blieb es umstritten, ob und mit welchen Mitteln die deutsche Politik auf das Apartheid-System in Südafrika reagieren sollte. Ein nur symbolischer Beitrag der Evangelischen Kirche für einen Anti-Rassismus-Fonds des Weltkirchenrates, der nur für humanitäre Zwecke genutzt werden durfte, löste Anfang der 8oer Jahre heftigen Widerspruch aus. Aber heute gehören die Illegalen von damals zur staatlich-politischen Führungselite. Dass sie ihre Verantwortung kennen und nach besten Kräften auch wahrzunehmen versuchen, verdanken sie nicht zuletzt auch den christlich Motivierten, die Farbige und Schwarze schon sehr früh als Partner ernst genommen haben.

Als vor einigen Jahren aus Kreisen der Wirtschaft die Forderung erhoben wurde, auch am Wochenende die Erwerbstätigkeit unbeschränkt zuzulassen, formte sich eine gemeinsame Abwehrfront von Gewerkschaften und Kirche. Der christliche Slogan "Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage" erwies sich dabei als sehr wirkungsvoll. So bleibt doch auch noch etwas von der biblischen Schöpfungsordnung im Bewusstsein.

Nicht nur in Bayern gingen die Wogen hoch, als das Abhängen der Kruzifixe in Schulräumen gefordert und durch Gerichtsurteil unter bestimmten Umständen auch durchsetzbar gemacht wurde. Ein ähnlicher Streit ist seit kurzem erneut anhängig und ein Ende dieses Konfliktes noch nicht abzusehen. Dürfen die Symbole einer christlich geprägten Kultur in staatlichen Bildungsanstalten nicht mehr gezeigt werden?

Einen hinhaltenden Widerstand, besonders der Katholischen Kirche, gab es gegen die Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Wann beginnt der Schutz des Lebens und wie hoch ist das Wohl der Mutter im Verhältnis zum Lebensrecht des Kindes zu bewerten? Dabei spielte auch eine wichtige Rolle, ob die Kirche durch das Ausstellen von Beratungsscheinen fördernd oder hemmend mitwirkte. Dieser Konflikt ist, weil er auch im katholischen Bereich unterschiedliche Reaktionen auslöste, formal zwar eindeutig, aber in der Praxis mehrdeutig zuende gebracht worden.

Bei der Nutzung von menschlichen Stammzellen für Forschungszwecke erhebt die Kirche deutlichen Widerspruch .Die Diskussion über das Für und Wider ist auch unter den Wissenschaftlern noch nicht zuende. Auch hier geht es um Wert und Würde menschlichen Lebens.

Einen Verfassungskonflikt gab es, beginnend vor 5 Jahren, auch mit dem Land Brandenburg. Die dortige Regierung hatte den traditionellen Religionsunterricht durch das neue Fächerangebot "Lebensunterricht-Ethik-Religionskunde"(LER) ersetzt. Die Kirchen und einige Eltern beharrten aber auf dem Pflichtfach Religion mit kirchlicher Beteiligung. Das Bundesverfassungsgericht hat überraschenderweise den Streitparteien als Kompromiss einen Vertrag empfohlen, der beide Angebote nebeneinander zulässt. Dieser Vorschlag wurde inzwischen von den Streitparteien zwar formell akzeptiert, aber der Widerstand geht weiter.

Die Zuwanderung von Ausländern mit islamischer oder einer anderen Religion, die inzwischen deutsche Staatsbürger sind und durch Kinderzahl und Zuzug einen steigenden Anteil der deutschen Wohnbevölkerung ausmachen, öffnet dem Grundsatz der Religionsfreiheit eine neue Dimension. Auf das beharrliche Tragen des Kopftuches durch eine Lehrerin, eindeutig in Praktizierung ihrer moslemischen Glaubensgrundsätze, wurde zunächst ganz pragmatisch reagiert. Aber diese Frage wird noch die deutschen Verfassungsgerichte beschäftigen. Religionsfreiheit (und damit die Möglichkeit, auch politischen Einfluss zu nehmen) lässt sich nicht mehr auf die christlichen und jüdischen Religionen beschränken.

Trotz des Widerspruchs von Tierschutzverbänden erhielt vor kurzem ein moslemischer Schlachter durch Gerichtsurteil die Genehmigung, Tiere nach jüdischem Ritus zu töten (Schächten). Das Urteil stellt die Religionsfreiheit als den höherrangigen Wert gegenüber dem Tierschutz fest.

Auch ein Strafprozess mit religiösem Hintergrund beherrschte in diesem Jahr die Schlagzeilen. Ein in Deutschland wohnender Inder war angeklagt, in Indien seine junge Ehefrau verbrannt haben zu lassen, weil er über die Mitgift enttäuscht war. Er bestreitet zwar eine Täterschaft, hält aber das Faktum im Rahmen seiner Hindu- Religion und den geltenden Regeln für zulässig. Hier werden aber auch die Grenzen der Religionsfreiheit klar, denn allgemein gültige Strafgesetze unseres Gemeinwesens können nicht durch religiöse Überzeugungen anderer ausser Kraft gesetzt werden.

IV. Religiöse Bindungen bewirken auch viel Gutes

Aber "Religion" darf in seiner Wirksamkeit nicht nur auf Widerspruch, Ablehnung und Kritik gegenüber staatlich-politischen Massnahmen reduziert werden. Jede Religion motiviert auch zu kultur- und sozialpolitisch wichtigen Unternehmungen und Hilfen.

Man stelle sich vor, es hätte in der Malerei, in der Literatur und in der Architektur keine religiösen Ambitionen gegeben. In unseren Bereichen bestimmen immer noch viele Dome und Kirchtürme das Bild einer Stadt oder eines Dorfes. Jede Kulturepoche hat durch ihre religiös motivierten Menschen bedeutende Kunstwerke geschaffen, die wir auch heute noch zu unserem Kulturschätzen zählen. Gewiss hat es auch immer wieder Bilderstürmer gegeben. Aber ohne die Religion wären wir um vieles ärmer.

Die meisten Religionen fördern nicht nur das Meditieren, die geistige und gefühlsmässige Hinwendung zum Transzendenten. Sie fordern auch die aktive Mithilfe gegenüber dem notleidenden Nächsten. Spontane Hilfen bei Katastrophen, viele Hilfswillige in der Dritten Welt, Stiftungen für körperlich Benachteiligte und für Gesundheitsforschungen, Demonstrationen für Frieden und Verständigung,.Und vieles mehr. Wie viele gute Werke im Kleinen und im Grossen bleiben auch einfach ungetan.

Dem mögen nicht immer rein religiöse Motive zu Grund liegen, aber in ihren Auswirkungen geht es doch um Nächstenliebe, um den Ausgleich zwischen Arm und Reich, um Versöhnung und um ein friedlichen Miteinanderleben. Das hat dann doch wieder eine religiöse Dimension.

Unser politisches Gemeinwesen hat der "Menschenwürde" einen hohen Wert eingeräumt. Das zielt nicht nur auf den Schutz des Einzelnen, sondern auch auf seine Mitverantwortung für das Ganze. Eine Religion, die den Menschen als Gottes Geschöpf begreift, das durch Freiheit und Vernunft, aber auch durch die Gewissensbindung geprägt ist, kann mit diesem politischen Menschenbild gut umgehen. In kritischen Situationen wird es auch immer wieder ganz konkrete Erwartungen der Politik an die Religionsgemeinschaften geben. Der Startbahn-West Konflikt in Frankfurt am Main ( vor 2o Jahren) ist dafür ein Beispiel von vielen. Die Region schien damals vor einem Bürgerkrieg zu stehen. Die evangelische Kirchenleitung wurde damals als Vermittlerin zwischen den Bürgerinitiativen und der Landesregierung in Anspruch genommen, um zur Gewaltfreiheit zurückzufinden. Am Ende sassen die Kirchenleute zwischen allen Stühlen und hatten den Eindruck: Auf uns hört überhaupt niemand. Trotzdem wird damals wie heute von allen Seiten anerkannt, dass die Pfarrer und Kirchengemeinden vor Ort einen mässigenden Einfluss auf die radikaleren Protestler gehabt haben.

Es sind die Religionsgemeinschaften und ihre haupt- und ehrenamtlich tätigen Menschen, die in Predigt, Unterricht und Seelsorge andere stabilisieren, trösten und halten. Für Vieles gibt es freilich inzwischen auch bestens ausgebildete Fachleute, aber dieser allgemeine mitmenschliche Dienst am anderen wird dadurch nicht entbehrlich. Religion bedient sich heute auch der Massenmedien: Zum Beispiel "Das Wort zum Sonntag". Es hat, am Samstag Abend im Fernsehen und inzwischen in Sprache und Darstellung deutlich modernisiert, eine grosse "Zuschauergemeinde", obwohl es die wirklich miterlebte gottesdienstliche Gemeinschaft nicht nicht ersetzen will und kann. Aber für viele ist das Fernsehen inzwischen doch schon zum mentalen Ersatz der unmittelbaren Wirklichkeit geworden.

Überhaupt hat man den Eindruck, dass die politisch Verantwortlichen (unabhängig vom Parteibuch) die Existenz und das Wirken der Kirchen als ein wichtiges Element in unserem Gemeinwesen ansehen. Nicht immer bequem, wenn es zu Mahnungen und Kritik kommt. Aber immer wieder notwendig als ein, auf lange Sicht gesehen, stabilisierendes Element, weil es nicht die kurzatmigen Zwänge von Wählerwillen und Wahlperioden zu beachten braucht.

V. Aussicht auf die künftige Entwicklung

Die Religion und ihre daraus hergeleiteten Wertemuster und Verhaltensweisen spielen also in unserer Gesellschaft immer noch eine durchaus wichtige Rolle. Aber es darf nicht übersehen werden, dass es bei uns in erster Linie um die beiden christlichen Kirchen geht. Die haben ihr Menschen- und Weltbild auf Nächstenliebe und Toleranz aufgebaut und sehen im modernen demokratischen und sozialen Rechtsstaat und seiner offenen und pluralen Gesellschaft im Prinzip eine gute Ordnung, in der auch viele christliche Prinzipien verwirklicht werden können. Auch im Verhältnis zueinander sind die beiden Kirchen dabei, manchmal etwas zögerlich, zu einem konstruktiven Miteinander zu kommen. Wie wird das aber sein, wenn die moslemische Religion als wirklich dritte Kraft hinzukommt und sich auf den Schutz und die Anerkennung im Rahmen der Religionsfreiheit beruft? Hier werden sich bestimmte Prinzipien (z.B. die starre Frauenfrage und die Intoleranz) als unvereinbar herausstellen. Wie friedlich ist der Islam wirklich? Wird er willens und fähig sein, einen interreligiösen Dialog zu führen ? Muss nicht jede islamische Religion den islamischen Gottesstaat auf Erden wünschen und durchzusetzen versuchen?

Das sind offene Fragen. Nun gibt es durchaus ernstzunehmende Zeitgenossen, die in dieser Entwicklung hier in Deutschland auch eine Chance sehen: Dass sich der Islam unter dem Einfluss der neuen Umgebung doch verändert, ohne sich dabei zu verfälschen. Es ist die Hoffnung auf einen "Europäischen Islam".

Bis dahin ist es noch ein langer und schwieriger Weg. Auch deshalb, weil die bisher legitimen Partner auf diesem Weg des Dialogs an Bedeutung im politischen Gemeinwesen zu verlieren scheinen. Die Zahl derjenigen, die den christlichen Kirchen durch Austritt den Rücken kehren, ist immer noch bedrohlich gross. Das schwächt natürlich auch die Dialogwilligkeit und die Dialogfähigkeit. Aber es liegt an allen, die guten Willens sind, diesen Trends umzukehren.

Vielleicht bewirkt ja eine solche Vorausschau, dass manche, die Religion bisher verächtlich als private Nebensache angesehen haben, sich wieder auf den Wert der christlichen Religion besinnen und etwas zu ihrer Stärkung beitragen. .

Um eine solche Rückbesinnung geht es auch der Evangelische Kirche in Deutschland, die vor kurzem eine ganz ungewöhnliche Öffentlichkeits-Aktion durchgeführt hat. Auf Plakatwänden und in Zeitungen wurden ab März 2oo2 in unregelmässigen Abständen Anzeigen veröffentlicht. Die Serie begann mit der grossen Schlagzeile: "Woran denken Sie bei Ostern?". Ganz klein waren auch gleich vier Antworten vorgegeben: Stress, Ferienreise, Familienfest, Auferstehung Jesus Christus. Und ein Hinweis, wo man Fragen stellen und ein Gespräch beginnen kann. Andere Schlagzeilen folgten: "Was ist Glück?", "Was ist Frieden?" und "Welchen Wert hat der Mensch?".

Schlussbemerkung

Man braucht kein Prophet zu sein, um die Voraussage zu wagen, dass sich bei uns - auch wegen der Entwicklung in Israel - die Beschäftigung mit dem Judentum und dem Islam verstärken wird. Zusammen mit der christlichen Weltreligion werden diese Drei unser Bild vom Wesen und Wirken der Religion in unserem Gemeinwesen prägen. Ob und mit welchem Ergebnis es zu einem dialogischen Zusammenleben kommt, ist noch offen. Dann könnte sich zeigen, ob es ein Miteinander oder Gegeneinander gibt. Bis dahin muss wohl jede Religion ihrem Selbstverständnis und Auftrag gemäss für sich allein handeln, aber das Ganze im Blick haben.

Vor 22o Jahren (1779) schrieb Gotthold Ephraim Lessing , Dichter, Kritiker und Philosoph, das dramatische Gedicht "Nathan der Weise". Die Hauptfiguren sind ein Jude, ein Moslem und ein Christ. Es geht um Humanität und Toleranz. In einem Dreiergespräch erzählt Nathan die Ring-Parabel:. Ein Vater hatte drei Söhne und jeden von ihnen gleich lieb. In seinem Besitz war ein wundersamer Ring, der dem Träger Weisheit, Ansehen und Macht verlieh. Als es um die Verteilung seines Erbes ging, liess er durch einen Künstler noch zwei weitere Ringe anfertigen, die sich äusserlich in nichts von dem echten unterschieden. Er gab jedem der drei Söhne einen Ring mit den Worten:" Ich weiss nicht, welches der echte ist. Aber an Eurem Wirken im Leben wird sich erweisen, wer den Richtigen trägt."

Das gilt für die drei Weltreligionen wohl auch noch heute. Und als ein besonders wichtiges Entscheidungskriterium wird es dann darauf ankommen, welchen Einfluss die Religion auf die Politik genommen hat. Vielleicht ist dann weniger die Macht, dafür aber mehr Weisheit und Ansehen entscheidend.


[Zurück] [Glaube]
Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

Besucherstatistik