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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Andreas Lohrey

Das Lichtraumprojekt. Ein Werkstattbericht.

Das Lichtraumprojekt – sein Ausgangspunkt

Der Gottesdienst ist tot. Und wenn nicht so radikal oder brüsk formuliert, dann sei es doch deutlich so benannt: kurz vor der Dürrekatastrophe.

Die standardisierte Form seines Ablaufes, hier und da einmal variiert, aber im wesentlichen immer gleich, wird zum einen gewissenhaft, zum anderen aber auch mit einer großen Hilflosigkeit, gebetsmühlenartig wiederholt – oder sogar artig.

Die gesungenen liturgischen Stücke zum Eingang zum Beispiel wirken immer noch wie ein merkwürdiges procedere, übernommen aus einer‚ jahrhundertealten Tradition‘, der ‚man‘ mit Respekt begegnet oder (gefälligst?) zu begegnen hat. Bemüht ist ‚man‘ in vereinzelt oder auch intensiv geführten Diskussionen bei zaghaften Nachfragen von Besuchern, was man da eigentlich singt‘, die tiefe Bedeutung der alten Worte zu erklären. Merkwürdig bleibt nur, dass die Erklärung den Gottesdienst, zumindest der eigenen Erfahrung nach, nicht besser macht. Höchstens wird der Graben zwischen der altehrwürdigen, Respekt heischenden Tradition und der Gegenwart noch vergrößert. Denn, mit Verlaub, die Erklärungen wirken oft hilflos. Die der Theologen. Die Luft wird immer dünner, in die hinein die Liturgie gesungen wird, weil sie durch ihre scheinbare Unerklärbarkeit und gleichzeitige Singunfähigkeit - weil man den Text nicht mehr kennt oder er mit drei Fragezeichen versehen ist – regelrecht unbrauchbar wird. Mit fast berührender Scham oder rebellischem Trotz, aber auf jeden Fall dünner Stimme wird die Liturgie funktionstüchtig gehalten, aber nichts riskiert, ihr Volumen und einen Raum zu verschaffen, in dem sie nicht nur vegetiert, sondern existiert.

Es führt zu solchen Kuriosa, dass Pfarrer mit vollem Ernst – der sehr ernst zu nehmen ist – sagen, dass die Liturgie getrost über Bord geworfen werden kann, gleichzeitig aber mit einer bestürzenden Verbissenheit genau diese Liturgie im Gottesdienst wiederholen, und zwar bis auf’s I-Tüfelchen. Wie das?

Auf der anderen Seite ist eine rege Tätigkeit zu entdecken, Gebete neu zu formulieren oder neue zu kreieren. Jeden Tag lässt sich über Ankauf im Buchhandel wieder ein neues Regal mit ihnen füllen. Die Produktion und der Verkauf von Gebeten vermitteln den Eindruck als könne man sie nach geistlichen Daxpunkten bemessen und daran ersehen, ob sie den Gottesdienst bereichern oder eben nicht. Heftigst wird unter Theologen diskutiert, ob das eine oder andere Wort im Gebet richtig formuliert worden ist – oder wir haben Glück und es wird gerühmt oder auf jeden Fall geachtet.

Und jetzt? Ein neues Gebet macht noch keinen Gottesdienst. Denn die Kernfrage ist dann noch lange nicht beantwortet: wie bringe ich es in den Gottesdienst ein?

Hinzu kommt, dass eine unendliche Flut von Predigthilfen die Schreibtische von Pfarrern anschwemmt. Dem Erstickungsanfall ist man näher als dem rettenden Einfall. Es bleibt der Verdacht, dass immer neue Worte, immer neue Formulierungen, immer neue Überlegungen, die in verschiedensten Nuancen benannt werden doch endlich den Gottesdienst zum Leben erwecken sollen.

Das gelingt nie.

Die andere Seite gibt es dann auch noch. ‚Machen wir doch mal was ganz anderes‘. Die Ärmel werden hochgekrempelt, Singgruppen werden aufgetan, der Posaunenchor wird überredet, im nächsten Gottesdienst unbedingt mit dabei zu sein. Wenn er was Besonderes einübt: Na, dann her damit. Eine Theatergruppe übt ein besonders faszinierendes Theaterstück zu einer biblischen Geschichte ein, die Konfirmanden lassen sich sogar auch einbinden und mobilisieren alle ihre Kräfte, weil ‚mal was passiert‘. Künstler werden gebeten gleichzeitig eine Ausstellung laufen zu lassen, die ohne Zweifel beeindruckend ist und die Performance-Künstlerin ist was für ein Glück auch dabei.

Die Mobilisierung aller Kräfte hat ohne Zweifel und mit erbarmungsloser Gesetzmäßigkeit die Zeit der Kraftlosigkeit zur Folge; und wieder stehen wir mit einem tiefen Seufzer vor den Säulen unseres allsonntäglichen Gottesdienstes und den drei Besuchern, die ihn mit Unerschütterlichkeit und hingebungsvoller Treue besuchen.

In das Museum Kirche gehen wir hinein, setzen uns hin, hören zu, singen ein bisschen und beten dann noch – auch ein bisschen. Dann gehen wir wieder hinaus.

Auf der anderen Seiten sieht es nicht anders aus. Der Pfarrer kommt hinein, setzt sich, steht auf, begrüßt ganz freundlich oder auch verwunderlich turbulent, singt sehr laut, predigt recht ordentlich, betet herzergreifend, setzt sich brav zum Orgelnachspiel und geht dann wieder.

Alle gehen rein und raus als sei der Raum der Kirche ein Bahnhof mit ganz nettem Ambiente. Alle ziehen sich den Gottesdienst an und wieder aus, denn ‚er ist halt so‘. Religion ist eben nicht antastbar, irgendwie privat und deshalb nach aussen hin – dürftig.

Aber wehe, irgendetwas wird angetastet. Dann finde ich mich ja gar nicht mehr zurecht und das, was ich mir zusammengereimt habe, stimmt dann auch nicht mehr. Deshalb lassen wir alles so, wie es ist – dürftig.

Liebe Pfarrerinnen und Pfarrer, liebe Gottesdienstbesucherinnen und –besucher – der Raum der Kirche hat eine eigene Sprache und versetzt uns in ein neues Milieu. Ständig sendet er Signale, von denen er erwartet, dass sie in Gestik, Mimik, Bewegung und mich bestimmende Haltung umgesetzt wird. Halt – ich meine nicht die große Performance oder das lang einstudierte Theaterstück, nicht die bis zum Überdruß übende Singgruppe, nicht die bis zum Verzweifeln an jeder Stelle des Gottesdienstes zum Lesen eingeplanten, schwitzenden Kirchenvorsteher. Aber: die Anteilnahme an allem, was im Gottesdienst geschieht mit fester oder zaghafter Stimme, mit klarem oder fragendem Blick, mit großem Staunen oder sprachlos machender Verwunderung und immer mit großem Ernst, ansteckender Heiterkeit und auf jeden Fall vertrauensvoller Herzlichkeit. In allem da sein, wie ich bin mit meinem Fragen, Hören, Sehen, ohne mich in Predigthilfen zu vergraben oder in Gottesdienstaktionismus unterzugehen. Was auch mit drei oder vier Gottesdienstbesuchern auf dem Dorf gelingt.

Genauso die Liturgie. Sie ist ein ständig strahlender Impuls, der meinen Mund formt, meine Haltung bestimmt, mich berührt und mir leise, herrliche Schritte schenkt, wenn nur die immer neu beschworene Wortgewaltigkeit aufhört, das ständige Reden mal ein Ende hat, die ständige Suche nach immer neuen Predigten gebremst wird und die ständige Erklärungswut und der nimmersatte Reflexionsdurst evangelischer Pfarrer energisch gestoppt wird.

Der Raum hat einen Klang.

Das Wort hat einen Klang.

Um den geht es.

Er ist immer schon da.

Das Lichtraumprojekt – womit es beginnt

So haben die Lichtraumprojekte in der Kirche ihren Ausgangspunkt genommen. In allem spüren, dass die Dinge, die mich in der Kirche umgeben, einen Klang haben, einen Impuls aussenden, mich bewegen, mich ansprechen. Bevor ich etwas tue, hat alleine schon der Raum eine Sprache, die ich höre, die ich wahrnehme und auf die ich reagiere.

Der Gottesdienst beginnt, bevor ich überhaupt an ihn gedacht habe: "Kirchen sind Ahnungsräume Gottes."

Bevor ich anfange zu singen, zu beten, zu tanzen oder zu predigen, bin ich erst mal still im Raum. Ich bin einfach da, sitzend, stehend, liegend – wie auch immer. Dann beginnt das Abenteuer. Der Raum beginnt zu sprechen.

Betrete ich z.B. den Altarraum der einen Kirche, verlockt mich der Altartisch, einen Stuhl zu nehmen und mich davor zu setzen und vielleicht zaghaft einen zweiten Menschen zu bitten, dasselbe zu tun, einfach, weil es Genuss macht, sich dorthin zu setzen. Wie sich die Perspektive ändert und mein eigener Bezug zum Raum, wenn ich diesen Schritt wage!

Der Altar der nächsten Kirche bringt mich dann schon zum Erstaunen. Hier möchte ich am liebsten ein Spiel auspacken und es mit anderen Menschen erproben, weil er zentral und einladend angelegt ist.

Der Altar einer weiteren Kirche verwirrt und entsetzt mich dann vollständig. Die Kanzel, dicht über dem Altar angebracht, schafft einen geborgenen Hohlraum und fast zuckt mir das Knie, hinaufzuspringen und mich dort hinein zu kuscheln. Wie verwegen! Wie unheilig! Wie respektlos!

Ich lasse mich auf die Stille im Raum ein und bin plötzlich überrascht, an wie vielen Stellen und auf wie vielfältige Weise er zu mir spricht und mich einlädt und neugierig macht, Dinge zu erproben, von denen ich vorher nicht einmal zu träumen wagte.

In diesem Sinne – sich berühren zu lassen, frei zu atmen, dem Erleben Raum zu geben, bin ich nach wie vor überzeugt, dass die Kirche die "Spielwiese Gottes" ist. Anders und besser kann die Freiheit, zu der wir befreit sind, nicht umschrieben werden (Gal 5,1).

Der Kirchenraum wird auf einmal all seiner sonstigen Funktionalität enthoben. Wo es sonst klar ist, dass nur der Pfarrer das Heilige betritt und der Besucher sich nur hinsetzt, daß nur der Pfarrer liest und die anderen nur zuhören, daß nur der Pfarrer sich bewegt und die anderen nur unbewegt sind, öffnet die freie Zwiesprache mit dem Raum einen neuen Zugang zu mir selbst, zum Raum – und zu Gott. Das gilt für Profis wie für Laien gleichermassen.

Der Klang des Raumes wird hörbar.

Der Klang des Raumes wird spürbar.

Die Zwiesprache beginnt.

Der Raum und das Licht

Sicher, Kirche und Licht, das hat schon immer zusammengehört. Irgendwie ist das ja alles auch sehr symbolisch und irgendwie wissen Pfarrer sich dann immer auf der sicheren Seite. Das kann man theologisch erklären. Das ist schon mal beruhigend. Was für ein Glück gibt’s dann ja auch genug Bibelstellen auf die man sich beziehen kann und auf jeden Fall nicht den Halt verliert, wenn man in Erklärungsnot gerät. Selbst Jesus nennt sich ja das Licht der Welt, so dass man sich inhaltlich vortrefflich fundiert auf das Element Licht einlassen kann.

Gott liebt nicht nur den Inhalt. Er liebt auch die Form.

Kirche wird erst zur Spielwiese und das Licht erst zur spielerischen Entdeckungsform, wenn der Inhalt bereit ist, zurückzutreten. Wird die Frage fordernd und drängend, wie ich Glaubensinhalte gewinnbringend umsetzen kann, so ist dies der Tod im Topf.

Jesus ist auch nicht mit seinen Jüngern durch das Kornfeld marschiert, nachdem er sich das hat von begnadeten Lehrern theologisch legitimieren lassen. Dennoch befragt findet er eine Antwort, die der Ironie nicht entbehrt. Die Jünger hinterlassen nicht den Eindruck als seien sie dem Hungertod nahe, so dass sie sich vom Korn der Ähren ernähren müssen, wie David Schaubrote essen musste, um dem Knurren des Magens ein Ende zu bereiten. Er hat einen neuen Weg gewählt, eine neue Zugangsform erprobt und hat damit bekanntlich die Welt verändert.

Die Nutzung des Lichtes also hat ihren biographischen Ausgangspunkt: Wie wird der selbst vernommene Klang des Kirchenraumes hör-, greif-, sichtbar und damit für alle einschätzbar?

Welche Zugangsform habe ich in meinem Erleben und Tun?

Ich bin in einem Kirchenraum. Die letzten Worte sind verklungen, die letzten Liedstrophen gesungen, die Kirchenvorsteherin, die Küsterin und ich sind die Letzten im Raum. Die eine zählt das Geld. Die andere bläst die Altarkerzen aus. Das ist der Augenblick, der das eigene Erleben und Tun verändert. Der Rauch der gelöschten Altarkerzen wird im Sonnenlicht an der dahinter liegenden Altarwand sichtbar. Eigenartige Formen und Gebilde beleben und verändern die Wand. Da ist die Idee geboren: das, was der Raum zu mir sagt, das, was er ist, mit Licht inszenieren.

Dazu wähle ich den Weg durchs Kornfeld.

Die unzähligen Wachsflecken in der Kirche an verschiedensten Orten verweisen auf die Heerscharen der genutzten Kerzen, um das Evangelium meditativ, getragen, ergreifend, spannend, neu oder sonstwie zu gestalten.

Ich benutze keine Kerzen. Die Kerzenidee ist gewiss immer wieder schön, aber verbraucht und wir wissen eigentlich sowieso, was als nächstes passiert. Das ist beruhigend, aber langweilig.

Die Verlockung ist, den anderen großen Weg der modernen Welt unserer Tage zu gehen. Soll ich die gesamte Maschinerie der Bühnenbeleuchtung in Gang setzen? Ich kenne da ja jemanden, der könnte mir das besorgen.... Nein, ich gehorche der Neugier - und dem einfachen Weg.

Zuerst – die Neugierde. Overheadprojektoren haben mich schon immer gereizt. Die Bildprojektion für Schattentheater ist ihre eine beeindruckende Einsatzmöglichkeit neben den bunten Diagrammen und Bildern zum Aufpeppen des Konfirmandenunterrichtes. Vielleicht, so war die Frage, sind sie noch weiter nutzbar.

Dann – der einfache Weg. Overheadprojektoren sind unschwer zu besorgen. Ein Gang von Pfarramt zu Pfarramt reicht aus und das nicht selten leicht dahinstaubende Gerät ist in meinen Händen. Das machbare Einfache steh dann doch vor dem verlockenden Grossen. Was für ein Glück! Der neue Weg liegt im Kornfeld und nicht gleich auf dem Mount Everest.

Sind sie erst einmal da, ist alles andere Entdeckung und Experiment. Was ist möglich? Welche Idee ist umsetzbar?

Das Ergebnis ist verblüffend. Overheadprojektoren eröffnen die Möglichkeit, Ecken, Raumlinien, Säulen, Altäre oder andere Gegenstände, sprich die gesamte Architektur des Raumes messerscharf und präzise sichtbar zu machen. Es ist möglich, sie entstehen und vergehen zu lassen oder zu verfremden. Werden Raumelemente auf diese Weise im selbstverständlich dunklen Raum zusätzlich versetzt sichtbar gemacht, wird die Möglichkeit eröffnet, den Raum mit anderen Augen wahrzunehmen Neue Korrespondenzen werden wachgerufen, weil Elemente konfrontiert werden, die so nicht zusammengehören. Der Raum spricht.

Die Folge ist nicht selten erstaunlich und gleichzeitig berührend einfach: ein Bezug zum Raum wird hergestellt. "Ich habe ja gar nicht gewußt, dass hier vorne eine Säule steht."

Also – huscht am nächsten Sonntag ein Lächeln über das Gesicht des Gottesdienstbesuchers, erinnert er sich vielleicht gerade an seine Neuentdeckung und ist glücklich über den von ihm gefundenen Reichtum ‚seines‘ Raumes.

Der Klang im Raum ist gefunden.

Er wird gehört.

Er ist da.

Der Raum und seine Atmosphäre

Ja, er ist da, der Klang und mit Blick auf den Gottesdienst kommt ein berührendes Ereignis mit ans Tageslicht. Der Besucher ist glücklich, weil er einen Bezug zum Raum gewonnen hat. Er hat die Säule entdeckt. Er ist nicht glücklich, weil er weiß, wann sie entstanden, gebaut und errichtet ist. Er ist auch nicht glücklich, weil er nun weiß, daß sie dorisch ist oder im gotischen Stil erbaut wurde. Er ist auch nicht glücklich, weil er nun weiß, dass sie zum Beispiel Gottes Größe und Erhabenheit symbolisieren will. Er ist einfach glücklich, weil er seine Kirche wieder ein Stückchen schätzen gelernt hat und merkt, wie hübsch sie doch aussieht. Das Leben ist manchmal sehr einfach. Der Glaube auch. Der Gottesdienst auch. Das Erleben des Heiligen auch. Es ist manchmal einfach hübsch – und lässt mich lächeln. Wie schön!

Die Atmosphäre, so sei das Ganze genannt, in die mich begebe, ist elementar für das eigene Erleben und Tun. Aber bitte nicht esoterisch, tiefsinnig, reflektiert, durchdacht oder durchdrungen. Atmosphäre ist hier elementar gemeint. Ist die Kirche hell oder dunkel? Ist sie eng oder weit? Ist sie breit oder eher lang? Der nackte Blick auf die vorgegebene Form schafft den freien Blick auf ihre Sprache und macht den Weg frei, einen mir entsprechenden Ausdruck für sie zu finden. So entdecke ich meine Kirche. So entdecke ich meinen Gottesdienst. So entdecke ich im weiteren auch die Sprache der Liturgie und ihren Klang und finde Wege, ihr meinen Ausdruck zu geben.

Auf – ab ins Kornfeld!

Licht und Ton. Licht und Bewegung

Licht-Raum-Bewegung heisst das Gesamtkonzept des Lichtraumprojektes und wurde im Tun entdeckt.

Alles beginnt im Stillen. In der dunklen Kirche. Der Raum wird durchstöbert. Mit einem Partner, der das Lichtraumprojekt begleitet. Ecken und Kanten werden ausgemacht, Breite und Länge des Raumes werden durchmessen und nicht selten stehen wir einfach still. Dann hören wir das Knacken einer Bank. Richtig – der Raum hat auch seine eigenen Geräusche. Sofort werden sie als seine Sprache mit in das Lichtraumprojekt aufgenommen. In der Gesamtkomposition werden Lichteffekte mit Geräuschen des Raumes gepaart. Entsteht eine Linie in der Ecke des Raumes, ist das Tropfen eines Wasserhahnes zu hören. Wird der Altar sichtbar, ist das Klacken eines Lichtschalters vernehmbar. Der Raum wird zu einem einzigen großen Fragment und die Verbindung der Fragmente miteinander beglückt, bedrückt, erregt und treibt mich an. Gott will nichts anderes.

Mein Lichtraumpartner und ich - manchmal rennen wir. Manchmal laufen wir auf Zehenspitzen. Manchmal rollen wir durch die Kirche. Manchmal berühren wir den Altar. Auf einmal entdecken wir, wie glatt seine Oberfläche ist und wie rauh seine Seitenflächen. Die Einladung ist klar: Berühr mich und zeig es! Auch das wird ein Element des Lichtraumprojektes. Die Bewegung. Immer wieder gibt es Orte, die dazu einladen: Nimm mich wahr, wie ich bin, sagen sie – und zeig es! Mach kein Theaterstück aus mir, komponiere keine Arie auf mich, lade keine Eventmanager ein, lass das gesamte deutsche Bühnenensemble zu Hause, lass die schlauen Bücher über die Kirchen der Welt im Regal – zeig einfach, wer ich bin, so wie du mich jetzt gesehen, wie du jetzt über mich gestaunt, dich jetzt an mir gefreut hast. Mehr will ich nicht.

Im Licht erscheint die Seitenfläche des Altars und eine Hand berührt sie und streicht darüber.

Der Raum ist da.

Das Licht im Raum. Der Raum mit seinem Klang. Die Bewegung im Raum. In jeder Kirche neu entdecken. In jeder Kirche neu komponieren. Dort das eine mehr. Da das andere weniger. Hier gar nicht. Dort ganz.

Licht – Raum – Bewegung.

So wird die Gesamtkomposition des Raumes erlebt erlaufen erkrochen, erlauscht, gesehen, gehört, gerochen. Alles wird zusammengefügt zu einer ca. 60-minütigen Präsentation, die im Besucher nur das eine will: Bilder schaffen und wecken – und Freude dazu.

Abfallprodukte und Neueröffnungen

Veränderungen im Raum sind möglich, wenn er es erlaubt und dazu einlädt. Haben etwa schon immer Bänke im Raum gestanden? Waren sie schon immer mit Sitzheizungen versehen, die sie so unbeweglich machen, als sollten sie so und nicht anders bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag dort stehen? Wurden schon immer Stühle benutzt, die obendrein mit einer raffinierten Verschlußtechnik zusammengehalten werden, damit ja kein Knarzen und Rutschen während des Gottesdienstes hörbar ist? Ich habe das Raunen Gottes in meinem Ohr noch nicht gehört, dass er ohne Bänke und Stühle nicht leben kann. Obendrein wird das Fehlen auch nur eines Stuhles von Pfarrern wie Küstern gleichermassen mit angstgeweiteten Augen begleitet. "Was, wenn jetzt ein gebrechlicher Mensch in die Kirche kommt und gerade dieser eine Stuhl für diesen einen Menschen fehlt?". Als ob wir alle gehbehindert, knochenkrank und dem Siechtum nahe sind oder nur solche Menschen den Gottesdienst besuchen. Ja nun, und wenn ein Stuhl gebraucht wird, holen wir ihn herbei. Oder?

Wenn es denn aber möglich ist, die Stühle oder Bänke anders anordnen oder sogar auslagern zu können, der Raum in seiner Sprache nicht verletzt und das Projekt in sich schlüssig bleibt – dann los.

Eine neue Erfahrung bahnt sich den Weg, die nicht ohne Folgen bleibt

Auf einmal wird spürbar, aus welchem Grund Menschen wie die Mönche auf dem Berg Athos in Griechenland sich dazu getrieben fühlen, ihre Gottesdienste im Stehen zu feiern – und zwar über Stunden.

Im Stehen bin ich ein andere Mensch. Im Sitzen kann ich nicht frei atmen (Ausprobieren!). Im Stehen ja. Im Stehen muss ich immer neu mein Gleichgewicht suchen und halten. Das macht mich wach und meine Sinne empfänglich für das, was im Raum passiert, weil ich meine Orientierung suche und brauche. Sitzen lädt ein zum Lümmeln, immer tiefer zu sinken und zu sinnieren über den Abgrund und die Tiefe des Seins. (Auch ausprobieren!).

Das ist das Abfallprodukt der Lichtraumprojekte – mit dem Ausblick auf die Neueröffnung, dieses Wissen und Empfinden auch in Gottesdiensten zum Klingen zu bringen, wie auch immer. Sei es auch nur, dass ich gerne und aufrecht stehe, wenn ich bete und merke, dass Gott mir ein wunderbares Rückgrat geschenkt hat und merken, wie wunderbar Gott mich gemacht hat. Psalmen mit solchem Inhalt nicht nur aufsagen und analysieren, sondern auch spüren und erleben. Dann glauben wir.

Ausblick

Im Anfang war das Wort, aber im eigenen Tun wird der Glaube wach, denn nur als Fleisch wird es Klang. So sind Lichtraumprojekte eine wunderbare Möglichkeit die Fleischlichkeit des Glaubens am eigenen Leibe zu erleben, aber – dies ist hoffentlich deutlich geworden – nur eine Spur unter vielen, die aufzugreifen möglich sind. Das Lichtraumprojekt – die Ermunterung eigene kleine und grosse Schritte im Raum der Kirche, im Gottesdienst, im Leben, im Alltag, mit mir, mit Gott zu gehen. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege und wir können über unser Tun miteinander und aneinander staunen. Bis dann!

 


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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