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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Sunhild Minkner

Blankenburg vor und nach der Wende

eine persönliche Bestandsaufnahme

Heute komme ich der Bitte nach, ein paar Bemerkungen zu der auch in Blankenburg vollzogenen Wende zu machen und zu den Jahren danach , ohne mit Zahlenmaterial und Zeitangaben einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Herrn Landesbischof i. R. Dr. Gerhard Heintze, der im Jahre 2002 sein 90. Lebensjahr vollendet, sind die Zeilen gewidmet.

Ich grüße ihn, auch im Namen meines Mannes Dr. Konrad Minkner, an seinem Ehrentag und wünsche ihm Gottes Segen für sein weiteres Leben. Gern denke ich an seine Besuche in Blankenburg zurück in unserem altehrwürdigen Pfarrhaus Schlossberg 3 , das wir verlassen mussten, als mein Mann nach Vollendung des 65. Lebensjahres in den Ruhestand versetzt wurde.

Schon viele Jahre vor der Wende engagierte ich mich für die Erneuerung unseres Landes, der damaligen DDR. Die Kirchenvorstände der drei Gemeinden, für die mein Mann zuständig war, übertrugen mir die Jugendarbeit.

Das hat mir sehr gelegen, und ich habe zwei Jahrzehnte hindurch von 1969 1989 versucht, den Jugendlichen zu verdeutlichen, was das Bekenntnis zu Jesus Christus in der Gesellschaft bedeutet. So trafen wir, eine Helferinnengruppe, die ich immer hinter mir wusste, und ich zweimal in der Woche mit älteren Jugendlichen zusammen.

Der eine Abend war dem lockeren Gespräch und dem gegenseitigen Kennenlernen gewidmet. Dazu kamen auch viele, die einfach mal von zu Hause oder der Berufsschule Abstand suchten, die auch der Überwachung durch die FDJ ("Freie Deutsche Jugend") überdrüssig waren. Sie genossen sehr die "freie Luft" im Pfarrhaus und sprachen intensiv mit uns Erwachsenen über alles Mögliche, über den Glauben an Gott ebenso wie über das Zutrauen zu ihren Kräften und Möglichkeiten. Die Gesprächsfelder waren vielgestaltig, die Atmosphäre war schön. Manche von ihnen erzählen mir jetzt als Ehepaar nach so vielen Jahren, sie hätten sich im Pfarrhaus kennen gelernt und erinnerten sich noch gern daran. Selbst ans gelegentliche Tanzen und häufige Tischtennisspielen erinnern sie sich noch genau. Eine Disco seitens der Stadt wurde erst später als Gegenreaktion zu unserem Angebot eingerichtet.

Der andere Abend war reserviert für spezielle inhaltliche Arbeit und für die Vorbereitung zum "Gottesdienstes in neuer Form" bzw. "Gottesdienst einmal im Monat anders", den ich immer am 1. Sonntag im Monat, unterstützt von meiner Band, der Gemeinde angeboten habe. Die vielen Arbeits- und Diskussionsrunden, die sich dabei ergaben, waren ebenso wichtig wie die Feierstunde am Sonntagvormittag.

So konnte ich hier und da Einfluss nehmen auf die Gemütslage der jungen Erwachsenen, die ohnehin schon kritisch über die sozialistische Gesellschaftsordnung dachten. Dass der damalige Propst keinen Gefallen an diesen "modernen" Gottesdiensten fand, habe ich nie verstanden. Merkwürdig war auch, wie er immer einen Tag vor dem betreffenden Sonntag bei meinem Mann anrief, um sich danach zu erkundigen, ob wir etwa wieder ein solches "Werk" vorhätten. Wir hatten.

Natürlich ist mein Engagement auch dem Rat des Kreises nicht verborgen geblieben. Der Sekretär für Kirchenfragen, ein kleiner Mann, mit gescheitelten schwarzen Haaren, erschien in bestimmten Abständen in Schlossberg 3, um darauf aufmerksam zu machen, dass solch lockere Abende mit Jugendlichen nicht Sache der Kirche wären. Natürlich wurde auch auf die Veranstaltungsverordnung hingewiesen. Das brachte aber meine Gruppe und mich nicht aus der Ruhe, im Gegenteil.

Wir intensivierten noch unsere Jugendarbeit, zumal in den letzten Jahren vor der Wende auch solche zu uns stießen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Für sie bedeutete der stundenweise Aufenthalt in unserem Pfarrhaus viel, er gab ihnen Geborgenheit und die Chance des Erfahrungsaustausches.

Es kam zu intensiven Diskussionen mit denen, die einfach fortwollten, aus welchen Gründen auch immer. Es war bekannt, dass ich dableiben würde, jedoch dafür war, dass das Recht auf Freizügigkeit erzwungen werden müsste. Es gab andere, die in der DDR etwas ändern zu können glaubten. Für beide Strömungen gab es genug Argumente, der politische Zwang wurde als äußerst belastend empfunden, vor allem die vielfältige Unfreiheit. Man fing an aufzumucken und formierte sich mit der Forderung auf Freizügigkeit.

Was war dem kritischen Aufbegehren jahrelang vorangegangen?

Es waren zum einen die West-Ost-Besuche.

Diese von Pfarrern der Braunschweiger Lande angekurbelten zahlreichen Besuche größerer westlicher Gemeindegruppen in unserem Pfarrhaus waren spannende Treffen der Begegnung, immer einseitig von West nach Ost, mit heimlich mitgebrachten Büchergeschenken, mit brillianter Gastgeberschaft der Bartholomäusgemeinde und der Luthergemeinde Blankenburg. Gedanklich bereichernd für beide Seiten war das Pfarrhaus Schlossberg 3 zu diesen häufigen Treffen der ideale Ort. Touren in unsere schöne Gegend ergänzten die guten Stunden.

Und es waren zum anderen die ostdeutschen regionalen Kirchentage.

Ich besuchte Kirchentage in den 80er Jahren immer gern zu DDR-Zeiten, entweder mit Gruppen oder selbst verantwortlich mitwirkend. In Erfurt hatte meine Tochter Elisabeth, eine Kirchenmusikerin, eine besonders große Aufgabe und brachte volle Kirchen "in Gang". Bei Kirchentagen lernte ich meinen eigenen Horizont zu erweitern, lernte Menschen von drüben kennen, besuchte Friedensgruppen und hörte ihren großstädtischen Anstifterinnen und Anstiftern zu. Freies Denken in Gemeinschaft von Christen persönlich zu erleben war bereichernd und aufrüttelnd, Bibelarbeiten wurden zu politisch brisanten Denkanstößen, in Leipzig, in Erfurt, in Magdeburg. Manche philosophisch denkenden Theologinnen und Theologen sitzen heute im Bundestag, die oder der damals als erste den Mund aufgemacht haben. Schriftliches Brisantes wurde leise weitergereicht und von mir in die "Provinz" Blankenburg mitgebracht. Es fanden sich Interessierte, die Lust hatten, weiter zu denken, ihre Zahl stieg an und ihr kritisches Bewusstsein wuchs..

Und drittens waren es die Verhältnisse, die sich zuspitzten.

Kirche war der einzige Ort, wo frei geredet werden konnte. Die Leute überwanden ihre Vereinzelung und trafen sich bei uns.

Als der 1.Mai 1989 auf einen Sonntag fiel und die Ausreiseantragsteller scharenweise in den Gottesdienst kamen, um sich im Anschluss daran in kleineren thematischen Gruppen im Gotteshaus zum Erfahrungsaustausch zu treffen, fuhren zwei Streifenwagen der Deutschen Volkspolizei nahe heran an die Bartholomäuskirche und postierten sich unübersehbar am Haupteingang. Das hatte den Zweck der Einschüchterung. Denn man befürchtete, die Ausreisewilligen könnten zur Hauptstrasse ziehen, um die Maidemonstration dort zu stören. Das war aber nicht geplant . Die Gruppen blieben stets friedlich, trotzdem wurden vernünftige besonnene Erwachsene in diesen Monaten ohne ersichtlichen Grund eingesperrt, in einigen Beispielen von der Autobahn weg, und offene Prozesse führte man nicht, verhängte hohe Strafen, zum Beispiel für briefliche Kontaktaufnahme zu Behörden im Westen und der EU. Wenn jemand sich auf bestehende Menschenrechtskonventionen und Gesetze in den Schreiben berief, dann war das schon Grund genug zur Vorladung und mehrfach zur Verhaftung und Verurteilung, ohne Öffentlichkeit. Willkür auf staatlicher Seite wuchs sichtlich.

Ich habe dann auch Ausreiseantragsteller im Gefängnis besucht. In der Strafanstalt in Halle einen Mann und in Leipzig eine Frau, mehrmals, eine Mutter von unmündigen Töchtern, eine Krankenschwester von Beruf. Sie arbeitet jetzt ihre Geschichte auf, zusammen mit ehemaligen Bürgerrechtlern. Für meine Besuche gaben mir die anderen Grüße mit. Die betroffenen Inhaftierten waren für meine Besuche sehr dankbar. Sie wussten zu schätzen, dass Menschen zu ihnen hielten. Auch blieben sie weiterhin in Kontakt mit mir, als sie endlich nach einem Jahr unschuldiger Haft frei wurden, Ende 1989, wo schlagartig dieses Problem gelöst war. Es gab auch Leute unter den Besucherinnen und Besuchern, die nichts taugten, sondern das Geschehen ausspionierten. Dieses geht aus später einsichtigen Stasiunterlagen hervor, siehe das Dokumentenbuch "Abgesang der Stasi" von 1992, Seite 145 ff.: "Die Pfarrfrau rät, nicht zur Wahl zu gehen oder die Liste durchzustreichen", und dgl..

Es stellte sich also später heraus, dass unter den Ausreisewilligen auch Stasispitzel waren, einer war Arzt.

Dass sogar die Institution Kirche in der Angelegenheit "offene Kirchenräume" 1987/1988 /1989 eine unrühmliche Rolle spielte, ist sehr traurig. Wir bekamen Besuch vom Bischof und Konsistorialpräsidenten der Kirchenprovinz Sachsen, zu der wir damals gehörten, sie sollten uns unsere Hilfestellung für die "Republikfeinde" ausreden. Beschämend, dass sie sich schicken ließen. Ich hätte von der Kirchenleitung wenigstens erwartet, dass sie sich, wenn sie mich schon nicht lobt, zurückgehalten hätte. Denn unseren Mut noch von dieser Seite ausgeredet zu bekommen, das war mangelhaft und unsolidarisch. Und es gelang auch nicht.

Als diese Kirchenleute unverrichteter Dinge wieder fortgingen, wurde der Bezirkssekretär für Kirchenfragen, der als Verbindungsmann zur Kirche in Magdeburg seinen Sitz hatte, auf den Weg geschickt. Da er keinen Dienstwagen zur Verfügung hatte, sollte ihn mein Mann noch vom Bahnhof in Halberstadt abholen. In dem anschließenden Gespräch richtete der auch nichts aus.

Ich hörte mit den Aktivitäten "Neues Forum" erst Ende November 89 auf, als ich spürte, wie es vom Staat selbst unterwandert wurde. So kam nun im Oktober, November 1989 die Zeit der Gründung stärkerer Strukturen, also auch der Neugründung von Parteien, nicht auszudenken bis zu dem Zeitpunkt, nicht denkbar ein paar Monate vorher.

Auf dem Hintergrund des Geschilderten war es nur folgerichtig, dass ich wiederum mit anderen die Neugestaltung der politischen Landschaft vor und nach der Wende in unserem Ort organisiert habe. So habe ich in der ehrwürdigen Bartholomäuskirche im Herbst 89 Unterschriften gesammelt für das Neue Forum, inhaltliche Materialien herbeigeschafft und verbreitet, die entsprechende Struktur vor Ort gegründet. Die Unterschriftenlisten nach Magdeburg gebracht, mich Gefahren ausgesetzt, mit Freunden in der Tschechoslowakei Kontakt aufgenommen haben wir auch. So konnten wir die Anliegen in verschiedenen Arbeitsgruppen aufgreifen und vertiefen. Im Museum Kleines Schloss wird man meiner Aktivität durch Erwähnung meiner Person gerecht. Eine Urlauberin erzählte es mir gerade.

Wir arbeiteten zum Beispiel zu Fragen des Umweltschutzes, stellten mit guten Fotos und Texten eine große Umweltausstellung her und zeigten sie in der Kirche. Es kamen unzählig viele. Zu einem Umweltforum hatte sogar ein Fachmann Mut zu sprechen, der im DDR-Staat einen wichtigen Posten hatte. Wir zitterten gemeinsam um seinen gefährdeten weiteren Werdegang. Dass die Ausstellung konfisziert wurde, konnte ich bis heute nicht aufklären. Der mutige Referent jedenfalls war nicht der Verräter. Zum Glück kann er heute ohne Angst für eine gute Umwelt im Nationalpark wirken.

Oder mit Lehrerinnen, wenn sie es damals schon wagten, ging es in einer Arbeitsgruppe um Erziehungs- und Bildungsfragen. Eine derer, die seinerzeit hellhörig wurden und sich zur Mitwirkung herbei fanden, übernahm dann in der CDU Verantwortung und ist heute an wichtiger Position im Schulamt und kann nun offen Gutes für die Gesellschaft leisten.

Trittbrettfahrer gab es aber auch. Aufschlussreich war für mich die Beobachtung, wann sich bestimmte Leute etwas trauten, manche erst, als keine Gefahr mehr da war oder der Papst grünes Licht gab. Wann sich auch Kirchenleute dazu gesellten, die doch nicht so ängstlich hätten zu sein brauchen! Wenn einer mir vorher noch nicht einmal ein Informationsblatt am Kopierer zu vervielfältigen erlaubt hatte, dann machte es auf mich später, als keine Gefahr mehr drohte, auch keinen großen Eindruck, ihn nachher am Runden Tisch wiederzufinden. Im Folgenden gab es auch Leute, die beim Runden Tisch eifrig wurden, weil sie vergessen wollten, dass sie doch regimetreu gewesen waren, die ihre Vorteile, die sie vom Sozialismus hatten, ins Vergessen rücken wollten. Ich stand solchen Trittbrettfahrern immer reserviert gegenüber, natürlich haben diese Personen dafür gesorgt, dass mein Mann und ich dann nicht zum Runden Tisch gebeten wurden, das war dann die ganze erste Hälfte 1990, wo geredet und geredet und geredet wurde. Das war die Zeit, wo das bisschen Gute der DDR gerade weggebrochen ist und wurde, etwa die hochwertigen Frauenarbeitsplätze der DDR-Zeit..

Übrigens, als die Kuh vom Eis war, gab es den üblichen Verdrängungseffekt von mutigen Frauen durch nun eifrig politisierende redende Männer. Aber Frauen haben solche Machtverdrängungsspielchen ja nicht zum ersten mal erlebt. Zum Beispiel der mutige Unabhängige Frauenverband der 1989er Jahre wurde auf diese Weise bald enthoben. Und die Bündnis 90-Leute sind in den Grünen auch mehr oder weniger verschluckt worden. Im jetzigen Kreistag gibt es noch zwei solcher Abgeordneten, sehr tüchtige, jedes mal, wenn einer von den beiden als Redner ans Pult geht, sagt er "Heinrich" und "Lehmann", "Bündnis 90/ Die Grünen". Er bewahrt auf die Art wenigstens vor Ort noch das gute Gedächtnis, wer zuerst mutig war und den aufrechten Gang in Wernigerode wirklich angestiftet hat. An der politischen Macht in Wernigerode sind heute in erster Linie andere Männer, die mit der politischen Wende wenig zu tun hatten.

Es stellte sich im Herbst 1989 bald heraus, dass starke Strukturen gebraucht wurden, zumal die weichen Strukturen wie das Neue Forum auch bald von den Nochmachthabern massiv unterwandert wurden. Das leidige Thema der großen Parteien und der Macht zeigte sich bald.

Es ging in dieser ereignisreichen Zeit vor und nach dem Herbst 89 also auch um die Gründung der Ortsgruppe der SDP (Sozial Demokratische Partei), der späteren SPD, die ja seit Kriegsende auch in Blankenburg verboten war. Nachdem in Schwante Anfang Oktober die SDP mit Markus Meckel und sechs anderen. gegründet worden war, - ich war seit 6.11.1989 erstes in Blankenburg wohnendes Mitglied -, fühlte ich mich für Blankenburgs SDP-Gründung beauftragt. Niemand wollte nun die Gruppe, die dazu bereit war, die SDP für Blankenburg aus der Taufe zu heben, aufnehmen. Deshalb war ich dem Kirchenvorstand von St. Bartholomäus dankbar, dass wir in der Sakristei dieser Kirche zur Gründungsversammlung und zu den darauf folgenden Sitzungen zusammenkommen durften. Es musste sich doch nun politisch etwas ändern, die Programme waren gut und durchdacht.

Heute verschweigt man gern den Parteibeginn in einem Gotteshaus, und dennoch war es so, am 26.11.1989 wurde in der Sakristei der Kirche die SDP mit 30 Personen gegründet, ich war Vorsitzende.

Einer äußerte bald, "mit einer Pfarrfrau keinen Wahlkampf machen zu können". Dennoch kandidierte ich für die SPD (Name seit Januar 1990) zum Kreistag bei den ersten freien Kommunalwahlen in dem neuen Bundesland Sachsen-Anhalt. Mit einem sehr respektablen Ergebnis (zweithöchste Stimmenzahl des Wahlkreises) zog ich in den Kreistag ein. Nach dessen Konstituierung wurde ich bald auch Mitglied des Kreisausschusses, der den Oberkreisdirektor und die Dezernenten bestellte. Ich blieb in der politischen ehrenamtlichen Verantwortung, bis ich hauptamtlich in die Politik berufen wurde, was dann die ehrenamtliche politische Arbeit ausschloss, als ich in das neugeschaffene Referat für die Gleichstellung von Frau und Mann sowie Frauenförderung berufen wurde. Meinen ehrenamtlichen Sitz im Kreistag zu Gunsten hauptamtlicher Vollzeittätigkeit galt es nun aufzugeben.

Ich denke, viel Nützliches in Sachen Frauenpolitik konnte ich auf die Weise in zwölf Jahren seit der Wende bewirken. Dieses Referat leite ich noch heute und habe die Gründung des Frauentechnikzentrums und des Frauenförderzentrums in die Wege geleitet.

Das Erstgenannte ist ein Erwachsenenbildungsinstitut und veranstaltet Lehrgänge, in denen Frauen mit der Handhabe moderner Büro- und Computertechnik vertraut gemacht werden. Sie werden so weit geführt, dass sie vor der Industrie- und Handelskammer eine Prüfung ablegen können, die sie befähigt, als Fachfrau oder Existenzgründerin aufzutreten.

Das Zweitgenannte bietet Frauen jeden Alters die Möglichkeit, sich kulturell und schöngeistig weiterzubilden und in Gesprächsgruppen Gedankenaustausch zu pflegen. Denn gerade die Frauen sind zunächst die eigentlichen Verliererinnen des gesellschaftlichen Wandels, der nach der Wende eingetreten ist. Netzwerkbildung tut ihnen gut, und hilft ihnen weiter. Ihre Interessen vertreten zu können, muss Anliegen der gesamten Gesellschaft werden, denn Frauenrechte sind Menschenrechte. Wenn Frauen selbst ihre Interessen benennen, ist die Chance am ehesten gegeben, dass für Frauen und Männer ein gutes gerechtes Miteinander entstehen dürfte.

Mit der Darstellung der auf Frauen und deren Weiterbildung gerichteten Aktivitäten meines Referats bin ich nun schon bei dem, an das sich die Bevölkerung eines neuen Bundeslandes jetzt gewöhnen musste.

In der Landkreisverwaltung haben wir viel Hilfe vom "Westen" bekommen. In erstaunlich kurzer Zeit war die Verwaltung auf den neuesten Stand gebracht und konnte sich durchaus damit sehen lassen. Unser seit 1990 amtierender Landrat, der bei seiner Wiederwahl ein beeindruckendes Ergebnis "einfuhr", kümmerte sich intensiv um Partnerschaften mit anderen Landkreisen, so dass wir auch jetzt noch guten Erfahrungsaustausch pflegen, etwa die gemeinsame Feier mit dem Landkreis Goslar jeweils am 3.Oktober.

Wenn man mal von der Angleichung der Gehälter (sie lässt ja immer noch auf sich warten) und der Arbeitszeit (40 Wochenstunden immer noch in Sachsen-Anhalt) absieht, haben wir in unseren Amtsstuben durchaus Westniveau, auch was den Bevölkerungsservice betrifft und die Funktion der Dienstleistung.

Anders sieht es freilich mit dem Gros der Bevölkerung aus; zwar fahren die meisten schon lange das heißbegehrte "Westauto", der Komfort in Ihren Wohnungen hat sich zunehmend gebessert, viele haben gebaut und sich damit einen langgehegten Traum erfüllt. Aber dennoch will nicht wirkliche Ausgeglichenheit in Sachsen-Anhalt aufkommen, das wird noch dauern. Die wirtschaftliche Kluft war sehr groß. Der Arbeitsplatz ist in Gefahr oder schon lange weg gebrochen. Die Leute mussten sich neu orientieren und einen Arbeitsplatz in einem Altbundesland suchen und annehmen.

In meine Sprechstunde kommen zunehmend jüngere Frauen, die sich nur einmal mit einer früheren Pfarrfrau über die Belastungen beraten und unterhalten wollen, die sie im Blick auf die Wochenendbeziehung oder Schuldenbewältigung zu verkraften haben. Diese Probleme sind natürlich schon lange bekannt und statistisch erfasst, aber wenn man von Frau zu Frau, oder auch von Mann zu Frau, denn Männer kommen natürlich auch in meine Sprechstunde, über sie spricht, spürt man erst wieder ihre nachhaltige Brisanz. Vermutliche erst die Generation meiner Enkelinnen und Enkel wird es erleben, dass "das zusammengewachsen ist, was wirklich zusammengehört."

Die kirchliche Situation beobachte ich seit der Wende als interessiertes und praktizierendes Gemeindemitglied. Meine Qualifikation als ausgebildete Organistin und Chorleiterin ist in der Propstei Bad Harzburg seit dem Ruhestand meines Mannes nicht gefragt, jedoch bekomme ich Angebote zum Orgelspiel aus dem Wernigeröder Bereich der Kirchenprovinz Sachsen. Und bei Ausschussberatungen und Konferenzen treffe ich auch mit Pfarrern zusammen, die ein politisches Mandat wahrnehmen, so dass ich mir schon durchaus ein Bild von der gegenwärtigen kirchlichen Situation machen kann.

Bekanntlich hat die Wende den Kirchgemeinden keinen Schub zur volkskirchlichen Situation gebracht. So macht die Jugendweihe nach wie vor das Rennen, nach der Konfirmation fragen nur wenige, obwohl ja die Repressalien des Staates fortgefallen sind. Die Gemeinden vor Ort sind Minderheiten geblieben und müssen die Herausforderung annehmen, sich im vielstimmigen Chor der pluralistischen Gesellschaft zu behaupten. Sie müssen um so genauer sich ihre leistbaren Aufgaben ansehen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die evangelischen Gemeinden oder die Diakonie als Träger von Spezialmaßnahmen dabei gelegentlich übernehmen. So will man sich beispielsweise um Auslandsdeutsche und deren Integration in die Gesellschaft kümmern, verfügt aber nicht über Kräfte, die die russische Sprache beherrschen, und die Auslandsdeutschen kommen ins Frauenförderzentrum, wo wir über ausgebildetes Personal verfügen. Die Kirche ist gut beraten bei knapper Kapazität der Kräfte sich auf das Wesentliche zu konzentríeren. Die Verkündigung der frohen Botschaft ist die Kompetenz der Kirchgemeinde, die andere gesellschaftliche Gruppen ihr nicht abnehmen werden. Es ist kein Mangel, wenn eine nur das, was sie kann, tut, das jedoch gut und fantasievoll. Qualität ist heute auch in der Kirche gefragt, angefangen beim professionell gestalteten Schaukasten, um ein Beispiel zu nennen, fortgeführt bei der konkurrenzlos guten Hausbesuchsarbeit in Kirchgemeinden, die immer gut ankommt.

Zum Schluss der Vergleich "vor der Wende - nach der Wende". Das frühere Fehlen der Demokratie war unerträglich. Schön ist, dass jetzt eine Demokratie existiert, in der alle Strukturen der Diktatur überwunden sind. Somit ist mein Gesamteindruck absolut positiv. Ich möchte die DDR nicht zurückhaben.

Ich bin froh, dass jetzt die Verfassung gilt und die Grundrechte ein gesundes Staatsgefüge garantieren. Was wir dann daraus machen, liegt täglich neu in unserer Hand, und der erweiterte Blick zusammen mit den Nachbarländern dürfte die Wirkung verstärken.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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