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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Gerhard Müller

Der Papst und wir Lutheraner

Gerhard Heintze hat sich über die Grenzen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig hinaus engagiert. Als ich die Siebenbürger Kirche aufgrund einer offiziellen Einladung besuchte, wurde mir erzählt, Gerhard Heintze sei der erste Bischof aus der alten Bundesrepublik gewesen, der diese Kirche besucht hatte - das war noch in guter und dankbarer Erinnerung. Auch über das Gebiet des Luthertums und des Protestantismus hinaus hat er als Bischof fleißig gearbeitet. So war er z.B. Catholica Beauftragter der Vereinigten-Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. Seinem letzten Bericht, den er in diesem Amt vorgetragen hat, habe ich 1982 auf der Generalsynode der Vereinigten Kirche mit großer Spannung gelauscht. Deswegen sei ihm dieser Vortrag gewidmet, den ich am 31. Oktober 2001 im Braunschweiger Dom gehalten habe wobei ich mich noch gut daran erinnere, dass Gerhard Heintze den Dom gerne nach Stuttgart mitgenommen hätte, als er 1982 seinen Ruhestand begann!

Der Papst und wir Lutheraner

Heute feiern wir das Reformationsfest. Wir können die Reformation unter drei Gesichtspunkten betrachten. Sie war einerseits zurückgewandt. Sie fragte: Was ist wahr? Was ist richtig? Wie haben die Menschen vor uns gedacht, die der Wahrheit noch zeitlich näher waren? Andererseits war die Reformation gegenwartsbezogen. Sie fragte: Was muß heute getan werden? Was ist falsch? An was haben wir uns gewöhnt, obwohl es überhaupt nicht dem Willen Gottes entspricht? Schließlich war die Reformation 3. zukunftsgerichtet: Was kommt auf uns zu? Was haben wir zu erwarten? Was dürfen wir hoffen? Wer kommt auf uns zu und behält das letzte Wort?

Diese Fragen sind theologisch beantwortet worden: in der Verantwortung vor Gott, mit bestem Wissen und Gewissen und vor allem unter Abwägung aller biblischen Argumente. Denn um die "reine Predigt" und um "die rechte Verwaltung der Sakramente" sollte es gehen, damit jedermann weiß, worauf er sich wirklich verlassen kann, worauf er und sie im Leben und im Sterben vertrauen können. So sagt es das wichtigste Bekenntnis der Reformation, das Augsburger von 1530. Während Katholiken auf ihre Institution setzen können mit ihrem unfehlbaren Lehramt, während orthodoxe Christen in ihrem Gottesdienst die Gegenwart Gottes und den geöffneten Himmel erleben, sind wir von der rechten Theologie abhängig, die sich auf Bibel und Bekenntnis stützt. Wer Bibel und Bekenntnis für überholt hält, liefert sich und andere der Beliebigkeit aus. Pfarrerinnen und Pfarrer sind aber darauf ordiniert worden, ihnen wurde dieser Auftrag zuteil. Natürlich sind wir stets von Gottes Geist abhängig. Aber schrumpft die theologische Kompetenz, wankt die von den Reformatoren erarbeitete Grundlage. Auf sie am Reformationsfest hinzuweisen, ist eine gute Gelegenheit.

Auch unser heutiges Thema: "Der Papst und das Luthertum" soll unter drei Gesichtspunkten betrachtet werden: 1. Die rechtliche Lage. 2. Die faktische Situation und 3. Die ökumenische Herausforderung. Auch dies ist eine Gliederung, bei der es um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geht. Doch nun zum Thema:

1. Die rechtliche Lage

Das "und" in unserem Thema paßt eigentlich nicht. Zwischen dem Papst und uns Lutheranern gibt es kein Miteinander. Hier handelt es sich vielmehr um ein Gegeneinander, so daß ich auch hätte formulieren können: Der Gegensatz zwischen Papst und Lutheranern. Aber vielleicht wäre dadurch das Thema doch zu sehr eingeschränkt worden. Auszugehen ist jedenfalls davon, daß Martin Luther im Jahr 1521 exkommuniziert, d.h. aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen worden ist. Aber nicht nur über ihn wurde der Bann ausgesprochen, sondern auch über seine Gefolgsleute, also das Luthertum. Wer die verurteilten Lehren Luthers teilt, darf nicht an der Feier des Heiligen Abendmahls in der römisch-katholischen Kirche teilnehmen und auch nicht an den anderen Sakramenten der römisch-katholischen Kirche.

Nicht nur Papst Leo X., der Luther gebannt hat, sondern auch die anderen Päpste nach ihm bis zum heutigen Tag gehen von der Gültigkeit dieses Urteils aus: Martin Luther als Person und seine Lehren gelten als nicht vertretbar innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Das gilt auch - wie gesagt - für die Lutheraner. Im Bann von 1521 wurde gefordert, alle Bücher Luthers zu verbrennen. Das ketzerische Denken sollte zerstört, ausgelöscht werden, damit niemand von ihm infiziert werde. In der Tat hat es Verbrennungen von Werken Luthers gegeben.

Erst neuerdings wurde bekannt, daß am 12. Juni 1521 in Rom eine Puppe verbrannt worden ist, die Martin Luther darstellen sollte. Dies sei, so heißt es in verschiedenen Berichten, auf dem Campo dei Fiori oder auf der Piazza Navona geschehen. Der Campo dei Fiori dürfte richtig sein, denn dort pflegten die Päpste die amtlichen Verlautbarungen für die Bürger Roms zu veröffentlichen, z. B. auch die Bannandrohungsbulle gegen Luther. Solche Verbrennungen von

Fahnen oder Puppen sind auch heute nicht ungewöhnlich - die Vernichtung des dargestellten Staates oder der dargestellten Person soll damit symbolisch

vorgenommen werden. Dieses Vorgehen ist übrigens erst im 16. Jahrhundert üblich geworden. Es heißt - ich zitiere -: Vielleicht war "Luther der erste Häretiker überhaupt, dessen Bild im Rahmen eines Justizvollzugs verbrannt wurde" (Helmut Feld, Lutherjahrbuch 1996 S.18). Damit sollte Luther also in das höllische Feuer verstoßen sein.

Mit der Verurteilung als Ketzer war auch die - wie man das nennt - "damnatio memoriae" verbunden: jede Erinnerung an den Verurteilten sollte unterbleiben. Nicht nur seine Werke sollten vernichtet, sondern auch er als Person sollte dem Vergessen anheim gegeben; er sollte gewissermaßen totgeschwiegen werden.

Zusammenfassend können wir sagen: Der Papst und das Luthertum sollten nicht auf ewig ungeteilt, sondern auf ewig geschieden sein.

Aber auch umgekehrt gilt: Es gab schwerste Vorwürfe Luthers und seiner Anhänger gegen den Papst. Der Wittenberger Theologieprofessor meinte, der Papst sei der Antichrist, der am Ende der Zeit kommen soll und der die Herrschaft über die Welt übernehmen wird.

Luther tadelte die Päpste nicht wegen moralischer Verfehlungen. Das hatten viele andere vor ihm getan. Es gab ja auch viel zu kritisieren: Manche Päpste gründeten Familien oder hielten sich Geliebte und trieben eine Familienpolitik, die sich in der Demokratie niemand erlauben könnte. Aber das hielt Luther nicht für entscheidend, zeigt es doch nur, daß die Päpste genauso Menschen sind wie wir alle. Nein, was er kritisierte, das war der Glaube, die Lehre der Päpste. Er konnte sich deren Verhalten nicht anders erklären, als daß sie vom Teufel besessen seien, der sie verblendet.

Noch kurz vor seinem Tod hat Luther Kaiser Karl V. gegen päpstliche Kritik verteidigt. Er schrieb ein grobes Buch mit dem Titel: "Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet". Dieses Werk wurde 1545 gedruckt; ein Jahr später starb Luther. Er hielt die päpstlichen Vorbehalte gegen die kaiserliche Politik für gänzlich unbegründet. Sein deftiger Text wurde mit Bildern angereichert, die unter der Gürtellinie angriffen. Auch wenn man bedenkt, daß es sich um eine Kampfessituation handelt, so ist doch vieles peinlich und in seiner Maßlosigkeit nicht mehr verständlich.

Zusammengefaßt: Beide Seiten gaben sich nichts. Beide sahen den anderen vom Teufel besessen und lokalisierten sich gegenseitig in der Hölle.

Kaiser Karl V. stand im Jahr 1547 an Luthers Grab in der Wittenberger Schloßkirche. Würde er seine Leiche herausreißen und verbrennen lassen? Solches Vorgehen hatte es durchaus schon gegeben - wenn ein Ketzer nicht lebendig verbrannt werden konnte, dann eben seine Leiche. Aber der Kaiser hat dies nicht tun lassen. Wurde Karl an Luthers Eintreten für ihn vor zwei Jahren erinnert? Oder hat er selbst dies im Gedächtnis gehabt? Oder wollte er es mit

einem solchen symbolischen Akt nicht auf die Spitze treiben? Wir wissen es nicht. Jedenfalls wurde Luthers Grab damals nicht geschändet.

Inzwischen hat Papst Johannes Paul II. Luthers Namen öfter genannt. Von einer damnatio memoriae, einem Totschweigen Luthers in der römisch-katholischen Kirche kann also nicht mehr die Rede sein. Es gibt deswegen katholische Theologen, die die Zeit für gekommen halten, den Bann gegen Luther und seine Nachfolger aufzuheben. Das ist bisher nicht geschehen. Dabei sind manche Gründe seltsam, die damals als häretisch hingestellt wurden. So heißt es z.B., ketzerisch sei der Satz Luthers: "Es ist gegen den Heiligen Geist, Ketzer zu verbrennen." Der Reformator war der Meinung, der Streit um die Wahrheit müsse mit dem Verstand, mit dem Wort geführt werden, nicht mit Gewalt; die bringt bekanntlich häufig gar nichts, sondern fördert geradezu das Gegenteil. Kürzlich hat ein katholischer Theologe gemeint, Papst Leo X. müsse verurteilt werden, weil er diesen Satz Luthers für ketzerisch erklärte!

Die rechtliche Lage ist also klar: Die Exkommunikation Luthers und seiner Gefolgsleute gilt nach wie vor. Deswegen tut Rom sich schwer, gemeinsame Gottesdienst am Sonntagvormittag oder gar Abenmahlsgemeinschaft zuzulassen. Das ist eigentlich nur konsequent, denn der Auschluß aus der Kirche ist ja bisher nicht aufgehoben worden.

2. Die faktische Situation

Wie Sie wissen, gibt es offizielle Gespräche zwischen Katholiken und Lutheranern. Es gibt den Austausch von Freundlichkeiten und Höflichkeiten. Man begegnet sich mit Respekt. Vor drei Tagen wurde hier eine ökumenische Vesper im lutherischen Dom vom Präsidenten des Lutherischen Weltbundes und einem römisch-katholischen Kardinal gefeiert. Es gibt die Unterzeichnung einer Verständigung über die Rechtfertigungslehre heute vor zwei Jahren. Bei dieser für uns wichtigen Lehre war Rom zu einem Kompromiß bereit. Gewiß - ein Kompromiß ist immer unbefriedigend für beide Seiten.

Diese "Gemeinsame Erklärung" und ihre Hinzufügungen wurden von vielen deutschen Hochschullehrern und -innen scharf kritisiert und abgelehnt. Ihre Kritik ist an vielen Stellen berechtigt. Vor allem muß man fragen, ob es beim Streit um die Wahrheit Kompromisse geben kann. Manche meinen, inzwischen sei diese "Gemeinsame Erklärung" sowieso "gescheitert". Selbst Katholiken klagen, daß mit uns eine Verständigung offiziell unterzeichnet, aber gleichzeitig ein Jubiläumsablaß für das Jahr 2000 ausgeschrieben wurde, als sei nichts geschehen. Aber natürlich gibt es auch Kritik von Katholiken an der "Gemeinsamen Erklärung". Nach ihrer Meinung ist man uns Lutheranern hier viel zu weit entgegengekommen.

Die faktische Situation sieht also so aus, daß es keine geschlossenen Fronten mehr gibt: hier Katholiken, dort Lutheraner, wie das die rechtliche Lage eigentlich vermuten ließe. Nein - es gibt auf beiden Seiten verständigungsbereite und auch kritische Leute. Von Tauben und Falken könnte man analog zum politischen Verhalten sprechen.

Faktisch ist sehr viel im Fluß. Katholiken und Lutheraner schotten sich nicht mehr voneinander ab, sondern sie gehen miteinander als Schwestern und Brüder um, die gemeinsam denselben Herrn haben, nämlich Jesus Christus. So haben wir Lutheraner das Heilige Abendmahl neu entdeckt - nicht nur, weil es in der römisch-katholischen Kirche täglich gefeiert wird, aber auch weil wir sehen, wie man sich dort - und etwa auch in den orthodoxen Kirchen - um dieses Testament Jesu Christi schart. Andererseits wird die Predigt in der katholischen Messe neu betont; auch daß die Volkssprache im Gottesdienst durch das 2. Vatikanische Konzil eingeführt wurde, zeigt, daß Impulse aus der Reformation jetzt unvoreingenommen beachtet werden können.

Von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands wurde schon vor fast 30 Jahren Gastbereitschaft erklärt: Römisch-katholische Christen können an unserem Abendmahl teilnehmen Es gibt hier also keine Abschottung mehr - eine Entscheidung, die allerdings katholischerseits nicht gebilligt wird.

Deswegen ist es eher unwahrscheinlich, daß es beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin im Jahr 2003 ein gemeinsames Abendmahl geben könnte. Katholische Priester, die sogenannte ökumenische Abendmahlsgottesdienste durchführen, müssen mit Maßregelungen rechnen.

Viele sagen: Wir Christen verstehen uns gut! Erst von den Bischöfen an aufwärts gibt es Schwierigkeiten. Die Basis ist sich einig. Aber weiß man wirklich, worin man einig ist? Und worin nicht? Wenn eine offizielle Verständigung erfolgt wie heute vor zwei Jahren über die Rechtfertigungslehre, dann paßt das vielen auch wieder nicht. Was also ist zu tun?

Das Verantwortbare muß getan werden! Wir Christen rücken zusammen. Es gibt viele Nichtchristen in unserem Land. Die Erlebnisgesellschaft und die Spaßgesellschaft lassen uns Christen als altmodisch erscheinen, weil wir nicht nur nach dem größtmöglichen Gewinn für heute, sondern auch nach dem Gestern und dem Morgen fragen. Aber es ist noch lange nicht ausgemacht, was wirklich wichtig, modern und angemessen ist!

Unsere postmoderne Beliebigkeit vereinzelt uns: Jede und jeder macht, was sie, was er will. Von einer postsäkularen Gesellschaft hat der Philosoph Jürgen Habermas kürzlich gesprochen. Was heißt das: "postsäkular"? Was ist an die Stelle des Säkularismus getreten? Was kommt nach dem Säkularismus, wenn er denn wirklich am Ende sein sollte? Die Religionen sind nicht zuletzt durch den Islam wieder wichtig geworden. Aber mindestens ist unsere Gesellschaft multikulturell und multireligiös. Das ruft viele Unklarheiten und Verunsicherungen hervor. Wir wissen nicht mehr so recht, woran wir uns halten sollen, wenn es ernst wird. Wir kennen die fremden Religionen so gut wie nicht. Wie sollen wir damit umgehen, daß von manchen jetzt plötzlich wieder das absolut Gute gegen das absolut Böse gestellt wird? Das absolut Böse wollen manche vernichten - und wenn es auch die einzige Großmacht unserer Tage wäre.

Diese Verunsicherung, aber auch der Widerspruch gegen ein - wie behauptet wird - entartetes Christentum läßt uns Christen der verschiedenen Kirchen zusammenrücken. Wir merken, wieviel uns mit ihnen verbindet, während uns von anderen vieles trennt.

Es ist noch nicht lange her, daß katholische und evangelische Christen in unserem Land eng zusammenleben. Erst seit 1945, seit dem Ende des 2. Weltkrieges ist dies der Fall. Wir haben uns kennen- und häufig auch schätzengelernt. Manche fühlen sich mehr den Gliedern der anderen Kirche verbunden als einigen der eigenen. Und dies alles trotz der rechtlichen Lage! Die faktische Situation hat die rechtliche Lage unterminiert und Neues geschaffen. Wie sollen wir damit umgehen?

3. Die ökumenische Herausforderung

Zu den Schwierigkeiten einer Verständigung zwischen Katholiken und Lutheranern gehört das Papstamt. Allerdings wurde von uns seit etwa 30 Jahren die Aussage zurückgenommen, der Papst sei der Antichrist. Diese Einschätzung können und wollen wir heute nicht wiederholen.

Aber in der römisch-katholischen Kirche ist das Papstamt so gewaltig, daß es alles andere zu erdrücken droht. Sein offizieller Titel lautet: "Bischof von Rom, Stellvertreter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten (damit ist Petrus gemeint), das Oberhaupt der Gesamtkirche, Patriarch des Abendlandes, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der römischen Kirchenprovinz, Souverän des Staates der Vatikanstadt." Sie merken, welches Gewicht das Papstamt in der römisch-katholischen Kirche besitzt!

Erdrückt dieses Amt alles andere oder kann man es für die Ökumene nutzen? Dieser Frage sind deutsche Katholiken und deutsche Lutheraner nachgegangen in einem Dokument mit dem Titel "Communio Sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen." Darin wird der Vorschlag gemacht, der Papst möge die Ökumene, die Einheit der Christen fördern. Man nennt dies seinen "Petrusdienst". Zu den Ehren und den Pflichten des Papstes käme hinzu, daß er zum Sprecher aller Christen werden soll. Er sei dafür am besten von allen geeignet.

In der Tat ist die katholische Kirche die größte mit etwa 1 Milliarde Mitglieder. Außerdem ist die katholische Kirche zentralisiert, und zwar auf den Papst, den "Souverän des Staates der Vatikanstadt". Er hat die letzte theologische, die letzte rechtliche, die letzte geistliche Entscheidungsgewalt. Diese zentrale Position könne man nutzen und ihn zum Sprecher aller Christen machen.

Allerdings wird gleichzeitig gefordert, ihn als Sprecher aller Christen kollegial, synodal und subsidiär einzubinden. Was heißt das?

Der Papst, der jetzt nach katholischem Verständnis "das Oberhaupt der Gesamtkirche" ist, soll sich als "Sprecher" mit Kollegen verständigen, bevor er spricht. Welche Kollegen sind dies? Der Präsident des Lutherischen Weltbundes und das Oberhaupt der Anglikaner? Welche orthodoxen Patriarchen kämen hinzu? Wie ist es mit dem Reformierten Weltbund, zu dem mehr Mitglieder gehören als zum Lutherischen? Wie steht es mit dem Weltrat der Kirchen? Mit den Pfingstlern, den Baptisten, den Methodisten, der Heilsarmee undsoweiter? Kann man den Papst, den theologischen und juristischen Souverän der katholischen Kirche in ein solches Kollegium einbinden? Hier steckt der Teufel im Detail.

Die synodale Einbindung meint die Mitwirkung von Laien. Bisher waren die römischen Synoden Versammlungen von Klerikern, von Bischöfen und Äbten. Das müßte dann anders werden. Wie kann und soll dies im Weltformat geschehen? Es gibt eilige politische Vorgänge, die kirchliche Stellungnahmen erfordern. Denken wir nur an Palästina oder Afghanistan. Bisher waren Beschlüsse katholischer Synoden nur gültig, wenn sie vom Papst gebilligt wurden, während der Papst auch ohne ein Konzil entscheiden kann - jedenfalls über Fragen der Lehre und der Sitte.

Hinzu kommen die subsidiären Einschränkungen. Damit ist gemeint, daß regional entschieden wird, was regional geregelt werden kann. Nur die wichtigen Gesamtbelange aller Christen sollen vom Papst als ihrem Sprecher behandelt werden. Aber was ist nur regional und nicht grundsätzlich? Für Rom war die Schwangerenberatung in Deutschland kein regionales, sondern ein grundsätzliches Problem. Der Papst zog die Sache an sich und entschied. Wenn der Papst Sprecher aller Christen ist, wer entscheidet, was regional geregelt werden kann?

Diese Vorschläge sind im lutherischen Raum und darüber hinaus kritisiert worden. Lassen sich die ökumenischen Herausforderungen wirklich lösen, wenn dem Papst eine neue Aufgabe zu seinen bisherigen Vollmachten hinzugefügt wird? Vor allem ist festzustellen, was am Papstamt und seinen Rechten und Pflichten nach katholischer Meinung unveränderlich, weil - wie es heißt - göttlichen Rechtes ist? Kann das Papstamt wirklich zum "Petrusdienst" weiterentwickelt werden? Denn nur dies wäre eine Lösung, wenn das Ganze nicht ein utopischer Vorschlag bleiben soll. Und wäre es nicht sinnvoll, diese Sprecheraufgabe nicht an ein einziges Amt zu binden, sondern sie wechselnden Personen anzuvertrauen, beispielsweise dem lutherischen Bischof der Kirche von Schaumburg-Lippe? So hat kürzlich der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch - Lutherischen Kirche Deutchlands gefragt, als deren Generalsynode in Bückeburg tagte, dem Zentrum der lutherischen Kirche von Schaumburg - Lippe.

Die ökumenische Herausforderung heute ist groß; sie wird sicher auch nicht geringer werden. Sie kann nur angegangen und bestanden werden, wenn biblisch und theologisch verantwortbare Lösungen gefunden werden.

Von der Bibel spreche ich, weil sie die Grundlage aller christlichen Kirchen ist. Die Bibel ist "von gestern". Gleichwohl bleibt sie unser Grunddokument. Wer alles Gestrige mit höhnischen Bemerkungen madig macht, leistet keinen hilfreichen Beitrag für die Lösung unserer Aufgaben heute.

Das Reformationsfest erinnert uns daran: Es wäre falsch, das, was andere vor uns geleistet haben, nur deswegen zu verachten, weil es "von gestern" ist. Vielleicht ist dies viel wertbeständiger als das, was heute modisch ist. Das Neue muß kritisch geprüft werden. Das fordert schon die Bibel. Und sie erklärt, es dürfe nur das Gute behalten werden (1.Th 5,21). Das gilt für alle Fragen in der Kirche - nicht nur für die ökumenische Herausforderung heute.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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