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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Klaus Erich Pollmann

Die Freie kirchlich-soziale Konferenz von ihren Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg (1897-1914)

1. Die Vorgeschichte

Die anfangs einem Verzweiflungsschritt ähnelnde Gründung der Freien kirchlich-sozialen Konferenz (KSK) war eine trotzige Reaktion von kirchlich-positiven Kreisen auf die Diskreditierung des christlich-sozialen Gedankens durch die Spitzen von Staat und Kirche in Preußen.

Eher noch als der Kaiser und die Regierungen im Reich und in Preußen hatte der evangelische Oberkirchenrat (EOK) die Weichen umgestellt und die Geistlichen von dem sozialpolitischen Kampfplatz zurückbeordert, auf den sie 1890 geschickt worden waren.

Die Verurteilung des Prinzips war zugleich der Affront gegen einen Mann: den 1890 verabschiedeten Hofprediger Adolf Stoecker. Dieser wurde zusätzlich in Bedrängnis gebracht durch die Radikalisierung seiner jungen Anhänger, der jüngeren Christlich-Sozialen um Friedrich Naumann und Paul Göhre sowie der Tageszeitung Das Volk.

Die Verrufserklärung des "Pastorensozialismus" und der Bruch zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen führten ferner zu einer Vertrauenskrise zwischen Stoecker und der größten und einflußreichsten Kirchenpartei in der altpreußischen Landeskirche, der positiven Union.

Schließlich blieb auch der Evangelisch-soziale Kongreß (ESK) von der StoeckerKrise nicht unberührt. Dieser Kongreß war 1890 unter wesentlicher Beteiligung Stoeckers entstanden, in der Folge der kaiserlichen Aufforderung an die Kirche, ungeachtet der theologisch-kirchenpolitischen Gegensätze gemeinsam an der Lösung der sozialen Probleme mitzuwirken. Einige Jahre lang hatte sich das Zusammenwirken von Positiven und Liberalen durchaus bewährt, bis auch der ESK die Verschärfung der sozialen Spannungen zu spüren bekam. Seit 1894 hatten sich namhafte Konservative von dem Kongreß abgewendet. Dies gab den - nicht sehr überzeugenden - Anlaß für die Empfehlung an Stoecker, sein Amt als 2. Vorsitzender des ESK niederzulegen. Stoecker vermutete dahinter eine Verschwörung des kirchlichen Liberalismus und reagierte mit seinem Austritt aus dem ESK (Mai 1896), dem sich die große Mehrheit der kirchlichen Rechten anschloß. Die kurze Phase der spannungsreichen, aber nicht unfruchtbaren Zusammenarbeit von Positiven und Liberalen war beendet.

2. Gründungsimpulse und Formen der Konferenz

Erste Ansätze dazu lassen sich bis zum Oktober 1895 zurückverfolgen, also weit vor dem Ausscheiden Stoeckers aus dem ESK. Es beginnt mit einer Einladung des Greifswalder Theologieprofessors Martin von Nathusius, Verfasser eines vom kirchlich-positiven Standpunkt aus geschriebenen Standardwerks zu diesem Thema, zu einer Besprechung des Vorhabens, eine christlich-soziale Konferenz einzuberufen. Die hochschlagenden Wellen der Erregung über den Pastorensozialismus haben dann aber die für den 1.10. 1895 vorgesehene Besprechung verhindert und eine Sistierung der Vorbereitungsmaßnahmen veranlaßt. Nathusius hielt aber uneingeschränkt am christlich-sozialen Prinzip und an der Dringlichkeit der Sozialreform fest.

Ein weiterer Ansatzpunkt zur moralischen Aufrichtung des durch die konzentrischen Angriffe schockierten sozial eingestellten Protestantismus war die Absicht, einen allgemeinen Kirchentag einzuberufen. Anknüpfend an Johann Hinrich Wicherns Kirchentagsidee von 1848 zielte er auf die Sammlung der positiv gläubigen Richtungen. Gleichzeitig sollte damit frischer Wind hinter die schlaffen Segel der Bemühungen um die Vereinigung aller deutschen Landeskirchen gebracht werden. Ferner stand hinter dieser Idee die Hoffnung, daß die positiven Kirchenparteien dadurch aus dem Parteiengetriebe hinausgeführt werden konnten.

Das Sprachrohr dieser Vorstellungen war der konservative Reichsbote. Das Pastorenblatt, das damals in einer erbitterten Fehde mit dem radikalisierten christlich-sozialen Volk lag, bekam in seiner Leserschaft das Zerwürfnis zwischen konservativ und christlich-sozial, aber auch die Spannungen zwischen Agrarkonservatismus und christlichem Konservatismus besonders zu spüren.

Der Ruf nach dem allgemeinen Kirchentag verhallte aber ungehört. Er fand weder bei den Christlich-Sozialen noch bei dem unionsfeindlichen lutherischen Konfessionalismus eine positive Resonanz, von den Kirchenbehörden ganz zu schweigen.

Im Juli 1896 - nach Klärung der Standorte zwischen Christlich-Sozialen und Konservativen, Christlich-Sozialen und Nationalsozialen sowie innerhalb des ESK - war die Grundlage für eine aussichtsreichere Initiative gegeben: dem kirchlich-sozialen Manifest. Seine Verfasser waren Nathusius, Stoecker sowie der mit Stoecker aus dem ESK ausgeschiedene rheinische Pfarrer Lic. Ludwig Weber, der sozialkonservative Führer der evangelischen Arbeitervereinsbewegung. Sie markierten scharf die Abgrenzung vom ESK als dem Forum der modernen Theologie. Durch das im Mai 1896 deutlich gewordene Scheitern der ESK sei es nachgewiesen, daß eine Koexistenz von bekenntnistreuer und moderner Ritschlianischer Theologie unmöglich sei, und zwar, worauf Stoecker insistierte, nicht infolge orthodoxer Berührungsängste, sondern der notorischen Intoleranz der modernen Richtung.

Die Kernaussagen des Manifests lauteten:

- in bezug auf das Bekenntnis -

"Nur das unverfälschte biblische Evangelium und eine kirchliche Tätigkeit, die auf dem Glauben an die Heilstatsachen ruht, wie sie in unseren Bekenntnissen bezeugt sind, kann dem Volksleben die rechten heiligenden Kräfte der Erneuerung zuführen."

- in bezug auf den konservativ definierten politischen Standort

"Nur ein soziales Wirken, das mit besonnener Anknüpfung an das geschichtlich Gewordene die Verhältnisse bessern und die Klassen versöhnen will, schließt die Möglichkeit der Hilfe in sich."

Daraus resultiert die Distanzierung von dem "agitatorischen Treiben einer Richtung, die verwerfliche Schlagwörter unter die Menge wirft", wobei ein Zusammenhang zwischen der "Prinzipienlosigkeit" der modernen Theologie und der Radikalisierung der Jungen unterstellt wurde, der konsequent zur Preisgabe des evangelischen Prinzips bei Naumann und Göhre geführt habe. Die neue Begriffsschöpfung kirchlich-sozial sollte verdeutlichen, daß hier nicht "eine neue Parteistellung geschaffen oder eine Anwerbung neuer Kräfte für die christlich-soziale Partei bewirkt werden" sollte. Anders wäre v. Nathusius gewiß nicht für das Manifest gewonnen worden. Andererseits war die neue Bezeichnung geeignet, unter Stoeckers christlich-sozialen Vertrauten Irritationen auszulösen. Einige seiner engsten Kampfgefährten, etwa der Reichstagsabgeordnete Professor Gustav Hüpeden, sind ihm deshalb auch nicht gefolgt. Sie sahen in der Entwicklung, die die soziale Bewegung dem theologischen Hader aussetzte, einen Rückschritt hinter die Kongreßidee von 1890, die also auch auf die Rechte ihre Wirkung hinterlassen hatte.

Die Hauptstoßrichtung des Manifests zielte auf die soziale Reaktion ab, die in das Kirchenregiment, die Ministerien und die Regierungsparteien Einzug gehalten habe und weite Teile der Presse beherrsche:

"Wir verwerfen die Anschauung, daß das Christentum die sozialen Zustände, die wirtschaftliche Lage des Christentums nichts angehe. Wir fordern für die Kirche ein tatkräftiges Zeugnis gegen die Versündigungen in allen Ständen, in der Sozialdemokratie wie in den Kreisen von Bildung und Besitz. Dem Geistlichen kann es unter Umständen zur unweigerlichen Pflicht werden, persönlich in den Kampf für die sittlichen Lebensmächte einzutreten, Gleichgesinnte zu sammeln und sowohl die evangelischen Arbeitervereine wie die Werke der inneren Mission im Sinne kirchlich-sozialer Tätigkeit zu pflegen."

Sozialpolitik war selbstverständlich Aufgabe des Staates, - jedoch habe sie "die göttlichen Grundordnungen in Ehe und Familie, Haus und Gesellschaft, Arbeit und Eigentum an(zu)erkennen und zu schirmen".

Unterschrieben hatten das Manifest ca. 600 Sympathisanten, überwiegend Geistliche. Die Mehrheit von ihnen war bisher in der sozialen Bewegung nicht hervorgetreten. Das spricht für das Solidarisierungsbedürfnis mit einer prinzipiell bejahten Richtung, aber auch einen die Unterschiede überwölbenden Konsens in der Ablehnung der sozialen Reaktion.

Die "jubelnde Zustimmung" auf der rechten Seite änderte nichts an der Länge und Beschwerlichkeit auch dieses Anlaufes. Vorerst war weder an einen "Gegenkongreß" noch an einen Kirchentag zu denken, sondern nur an die Gewinnung eines sturmfreien Terrains für die christlich/kirchlich-soziale Sache! Die nächsten Monate verstrichen, ohne daß die kirchliche Öffentlichkeit Näheres über den Fortgang der Initiative erfuhr. Schließlich wurde als Ergebnis der vorbereitenden Gespräche bekannt, daß von der Einberufung einer Versammlung vorerst Abstand genommen würde.

Erst im Frühjahr des nächsten Jahres, 1897, wurde zu einer kirchlich-sozialen Versammlung aufgerufen. Das Motiv dazu war aus der Sicht Stoeckers der rapide Verlust an evangelischer Substanz, den der ESK mit der Entfernung der Naumannschen Nationalsozialen von der christlichen Grundlage erleide. Damit sei der Weg freigemacht für eine Nachfolge-Einrichtung, die an diesem Fundament festhalte. In dem Bestreben, sich als legitimer Nachfolger auszuweisen, betonte Stoecker nun die Übereinstimmungen, die ihn mit dem ESK verbanden, sehr viel deutlicher als im Manifest.

"Ob christlich-sozial, ob evangelisch-sozial, ob kirchlich-sozial: der Unterschied in diesen drei Bezeichnungen ist nicht sehr groß. Alle drei bedeuten, daß die Kirche für uns Evangelische eine soziale Aufgabe, daß die soziale Welt ein Bedürfnis nach den Lebenskräften des evangelischen Christentums und der Kirche hat."

Der zweite Grund, die drohende Reaktion, zielte diesmal nicht auf den Freiherrn von Stumm oder einen Minister, sondern auf die unverantwortliche Gewaltpolitik des Kaisers! Das war eine Grenzüberschreitung, die Durchbrechung eines sonst sorgsam gewahrten Tabus. Es zeigt die tiefe Verletztheit Stoeckers, aber auch den Rückhalt unter seinen Getreuen an.

Von den drei Verfassern des Manifests waren nur Stoecker und Weber übrig geblieben, als im April 1897 zur Konferenz in das Kasseler Vereinshaus, unter das schützende Dach des Verbandsprotestantismus, eingeladen wurde. Mit Nathusius hatten sich die Anhänger der konservativ-christlichen Sozialreform zurückgezogen. Entsprechend zurückhaltend bis kritisch äußerte sich die ihnen nahestehende kirchliche Presse, vor allem der in diesem Zusammenhang einflußreiche Reichsbote, der auch die Verweigerung der streng kirchlichen Orthodoxie spiegelte. Reinhold Seebergs "treffliche sozialpolitische Broschüre" wurde zwar zur Standortbestimmung herangezogen, doch blieb dieser dem Unternehmen vorerst ebenso fern wie seine Kollegen. Stoeckers Feststellung: anders als der ESK erfreuen wir uns keiner regen Mitarbeit einer angesehenen Professorenschaft, sollte noch für eine längere Zeit gelten. Nathusius fand sich erst im folgenden Jahr, 1898, zur Mitarbeit an führender Stelle bereit. Dem matten Auftakt in Kassel folgte noch im Herbst 1897 in einer vermeintlichen Hochburg, die diesem Ruf aber erst sehr viel später gerecht wurde, nämlich in Bannen, eine weitere Tagung, von da an in jährlichem Rhythmus, - zweimal in Berlin (1898 und 1899), Erfurt (1900), bevor 1901 erstmals der Sprung nach Süddeutschland mit Stuttgart gewagt wurde.

Dies stand in Zusammenhang mit dem - zumindest - partiellen Bündnis, das die Kirchlich-Sozialen mit einem Teil pietistischer Kreise eingegangen waren. Nach dem einstweilen erfolgten Rückzug von Nathusius war dieses Bündnis eine wichtige Starthilfe. Allerdings prophezeite ein Großteil der Zeitgenossen das Scheitern dieser Symbiose. Würden die Gemeinschaftsleute sich dauerhaft in einem sozialpolitischen Arbeitsfeld betätigen und die an die Welt verlorenen Christlich-Sozialen akzeptieren? Dies schienen die entscheidenden Fragen zu sein, und die Prognosen waren anfangs überwiegend pessimistisch.

Haben Stoecker und Weber das Bündnis mit den "Erweckten" nur deshalb gesucht, um die gelichteten Bataillone der Christlich-Sozialen wieder aufzufüllen? Das wäre eine verkürzte Einschätzung.

Beide Richtungen stimmten jedenfalls darin überein, "daß das evangelische deutsche Volk fast unheilbar an seinem Glaubensleben leidet". Und die Feststellung Stoeckers, "daß gerade in unseren Tagen das persönliche Leben der Christen mancherlei Erweckungen ( ... ) erfährt, daß ein besonderer Segen auf den Bestrebungen der Laientätigkeit, der Evangelisation, der Gemeinschaftspflege ruht", war sicher kein opportunistisches Zugeständnis. Vielmehr durchzog das Thema, wie Evangelisation und Gemeinschaftspflege zur Belebung der Gemeinden genutzt und gleichzeitig die negativen Begleiterscheinungen und Auswüchse unter Kontrolle gehalten werden könnten, nahezu alle Synodalverhandlungen, Konsistorialberatungen und Pastoralkonferenzen. Stoecker setzte nur in die Tat um, was andere hin und her wägten. Gemeinschaftsleute und die Stoeckerschen Positiven waren sich in der eindeutigen, jeden Selbstzweifel ausschließenden Unterscheidung von Gläubigen und Ungläubigen einig. Andererseits unterschieden sie sich in ihrem Kirchenverständnis. Hatten die Pietisten für die verfaßte Kirche nur ein geringes Interesse, so ging es Stoecker allein um die Volkskirche, ihre Lebendigkeit und ihren Einfluß auf Staat und Gesellschaft. Das war sein großes Thema, das er bei jeder Gelegenheit ins Zentrum der KSK rückte.

Die Reform der Volkskirche durch neue Gemeinschaftsformen und die Aktivierung der Laientätigkeit war ein Ansatz. Ein anderer - noch wichtiger -, den er zusammen mit Lic. Weber in die KSK einbrachte, war die Reform der kirchlichen Verfassung. Die Grundaussagen dazu hat er scharfkantig und herausfordernd formuliert und der von ihm geleiteten 1. Kommission der KSK vorgelegt. Die neugegründete Konferenz diente Stoecker und Weber zur Wiederbelebung der kraftlos gewordenen Bewegung der Freunde der kirchlichen Freiheit. Was das für die KSK bedeutete und welches Gewicht dieser Punkt tatsächlich und auf Dauer für die Konferenz hatte, wird noch näher zu verfolgen sein. Im einzelnen enthielt der von der 1. Kommission beschlossene Stoecker-Katalog die folgenden Forderungen:

- kirchlicher Einfluß auf die Ernennung theologischer Professoren,

- praktische Maßnahmen zur Erhaltung bzw. Rückgewinnung des Bekenntnisses für das Volksleben,

- Reform des aktiven und passiven kirchlichen Wahlrechts, mit Sicherungen gegen die Wahl "unwürdiger Glieder" und die Verwüstung des kirchlichen Lebens,

- Übergabe des landesherrlichen Kirchenregiments "in die rechten Hände",

- Ersetzung der juristisch-bürokratischen Regierung durch eine geistliche Leitung,

- Beseitigung des unevangelischen und mit den kirchlichen Bedürfnissen unvereinbaren Staatskirchentums,

- Durchdringung von Kirchenregiment und Synoden auf allen Stufen,

- Selbständigkeit der Gemeinden.

Das Programm gipfelte in dem Anspruch, mit den Kräften des Evangeliums auf das öffentliche Leben einzuwirken und vor der politischen Einmischung nicht zurückzuschrecken, "wenn die religiösen und sittlichen Fragen (...) sich politisch oder sozialpolitisch zuspitzen". Die Kirche der Reformation dürfe Politik und Sozialpolitik nicht an weltliche Persönlichkeiten und Kollegien noch an andere Kirchen und religiöse Gemeinschaften abtreten.

Charakteristisch für diese Konferenz sind die feststehenden Arbeitskommissionen, die fast regelmäßig bei den jährlichen Kongressen zusammentraten und Richtlinien sowie Arbeitsprogramme beschlossen. Zu den vier ersten in Kassel konstituierten Kommissionen kam eine weitere noch im Herbst 1897 hinzu. Die restlichen beiden folgten 1898 und 1900. Die folgenden sieben Kommissionen waren dann bis 1918 fest etabliert:

1. AK für das Gebiet des Bekenntnisses, des Kirchenrechts und der Kirchenpolitik (Leitung: Hofprediger a.D. Adolf Stoecker - Berlin),

2. AK Evangelisation und Gemeinschaftspflege (Leitung: P. Julius Dammann-Essen),

3. AK Die soziale Aufgabe (Leitung: Geh. Konsistorialrat Dr. Heinrich Duncker - Dessau),

4. AK Presse, Kunst und Literatur (Leitung: P. Lic. Ludwig Weber - MünchenGladbach),

5. AK Apologetik, besonders auf dem Gebiet der Naturwissenschaft (Leitung: Oberlehrer Dr. Eberhard Dennert - Bad Godesberg),

6. AK Erziehung und Schule (Leitung: Gymn.-Prof. G. Lüttgert - Bielefeld, später: Gymn.-Prof. Helmuth Zander - Gütersloh),

7. AK Frauenfrage (Leitung: P. Johannes Burckhardt - Berlin).

Die Arbeitspläne der Kommissionen machen schon durch ihren Aussagecharakter und Sprachgestus deutlich, daß hier nicht an die Erörterung offener Probleme, sondern an die Bestätigung und eher pädagogisch motivierte Nachweisung unerschütterlicher Grundüberzeugungen und dogmatischer Aussagen gedacht wurde.

Die 4. Kommission stellte sich die Aufgabe, die Gegenwartsliteratur und das zeitgenössische Theater zu beobachten und auf die öffentliche Meinung in dem Sinne einzuwirken, "daß alles dem Christentum Widerstrebende (...) gebrandmarkt erscheine". Dabei spielte die literarische Qualität, etwa in der Beurteilung lbsens, kaum eine Rolle. Namentlich Lic. Weber hat dabei eine nimmermüde Aktivität entfaltet und zahllose Literaturrevuen geschrieben. Ferner sollte die christliche Erbauungsliteratur gefördert werden. Nirgendwo wird das Kulturgefälle zum ESK so deutlich wie an dieser Stelle. Im Vergleich dazu war die 5. Kommission um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Materialismus, dem Darwinismus, dem Marxismus und den Werken Nietzsches bemüht. Aber auch hier war der apologetische Zweck in einem engen und unproduktiven Sinne vorherrschend.

3. Das soziale Profil von Vorstand und Mitgliedschaft

Die KSK wurde nach außen durch ihren Vorstand vertreten, in dem laut Statut "nach Möglichkeit die verschiedenen Berufe und Landeskirchen ( Kirchenprovinzen) vertreten sein" sollten. Entsprechend dieser Repräsentationsfunktion schwoll der Vorstand von 34 Mitgliedern (1898) auf ca. 120 1913/14 an. Dieser (Gesamt)Vorstand trat statutengemäß zweimal jährlich zusammen, einmal während des Jahreskongresses, zum anderen im Herbst in Berlin, dem Sitz der KSK. Die laufenden Geschäfte führte "ein geschäftsführender Ausschuß, der die Berliner Vorstandsmitglieder umfaßte". Er tagte - zeitweilig wenigstens - monatlich.

Davon zu unterscheiden ist der engere Vorstand, bestehend aus Präsident (Vorsitzender), dem oder den Vizepräsidenten (2. Vorsitzende[r]), Schatzmeister und Generalsekretär. Der im Laufe der Zeit angestellte 2. Generalsekretär gehörte dem Vorstand offenbar nicht an.

Die Vorsitzenden der KSK

Der Gründungsvorsitzende der KSK war bis zu seinem Tod 1900 Friedrich Graf zu Solms-Laubach, früheres Reichstagsmitglied, Mitglied des preußischen Herrenhauses, zeitweilig Vorsitzender des Vereins der Standesherren, also ein hochangesehener Aristokrat. Angesichts der isolierten Stellung der KSK und der auffälligen Zurückhaltung des preußischen Adels war er ein besonderer Glücksfall, zumal er sich nach dem Bruch zwischen den Christlich-Sozialen und der Deutschkonservativen Partei durch Übernahme des Amtes des 2. Vorsitzenden zu der angefochtenen (christlich-sozialen) Richtung bekannte. Auch kirchenpolitisch stand er Stoecker nahe. Er war das repräsentative Aushängeschild nach außen, hat der KSK allerdings nicht seinen Stempel aufdrücken können.

Auch bei seinem Nachfolger hat die Reputation eine Rolle gespielt. Der Jurist Dr. Duncker war Oberkonsistorialrat im Herzogtum Anhalt und stand mit dem dortigen Generalsuperintendenten Teichmüller einer Landeskirche vor, die für ihren hohen Grad an kirchlicher Freiheit bekannt war. Nach einem Konflikt mit Landtag, Landesregierung und Landessynode schied er aus dem Kirchenamt aus und wurde Oberlandesgerichtsrat in Naumburg. Entsprechend seinem Kommissionssitz äußerte er sich häufig zu sozialen Problemen, gelegentlich auch zu Fragen der Kirchenverfassung. Seit längerem engagiert in sozialpolitischen Fragen, hat er in der programmatischen Diskussion der KSK keine große Rolle gespielt.

Nach dem Tod Dunckers wurde dann endlich 1904 der Mann zum Präsidenten gewählt, mit dem die KSK von Anfang an am stärksten identifiziert wurde und der ihr Profil wie kein anderer bestimmt hat: Adolf Stoecker. Inzwischen war das Ansehen der KSK und seine kirchlich-soziale Zielsetzung so im Kurswert gestiegen, daß er nicht mehr länger hinter einer weniger umstrittenen Figur zurückstehen mußte. Stoeckers Fähigkeit, die Massen anzusprechen, sein über das ganze Land verteilter Anhang und sein keine Strapazen scheuender Einsatz waren wichtige Voraussetzungen für die steigende Attraktivität der Konferenz. Seine Vorträge, mehr noch seine spontanen Auftritte und Predigten zogen jeweils ein Massenpublikum an. Dabei war er darauf bedacht, im Interesse der KSK agitatorische Schärfen nach Möglichkeit zu vermeiden. Den Brückenschlag zu den Erweckten-Kreisen hat er mit Geduld und Beharrlichkeit gesucht. Zwei weitere für die KSK wichtige Initiativen gehen wesentlich auf ihn zurück: die Öffnung für die Frauengruppen und der Anstoß zur Konfirmationsreform.

Alles dies aber lag vor 1904. Seit Beginn seines Präsidiums hat er die programmatische Entwicklung und die verbandspolitischen Aktivitäten kaum noch beeinflußt. Am Ende hatte die KSK ihren eigentlichen Schöpfer deutlich überlebt.

Nach Stoeckers Tod wurde mit Reinhold Seeberg der fahrende Theologe der positiven Richtung an der Berliner Universität für den Vorsitz gewonnen. Er hat ihn für lange Zeit, über den Ersten Weltkrieg hinaus und nach der Umbenennung in den Kirchlich-sozialen Bund bis kurz vor seinem Tod 1935 beibehalten. Auch diese Wahl war ein Glücksfall. Von Seeberg stammten seit der Zeit um die Jahrhundertwende die wichtigsten theoretischen Beiträge zum kirchlich-sozialen Prinzip. Er stand in hohem Ansehen bei den Spitzen aus Staat, Kirche und Gesellschaft und war ein profilierter Vertreter der theologischen Rechten, ohne ein wirklicher Parteimann zu sein. Er hatte nicht die Volkstümlichkeit Stoeckers, vielleicht sogar - zumindest für die KSK - eine gewisse Unnahbarkeit, aber er beeindruckte seine (akademischen) Hörer durch seine rhetorische Brillanz. Sein kaum zu überschätzender Einfluß auf die Konferenz wird später zu beschreiben sein.

Die Generalsekretäre

Bereits im Sommer 1897 wurde - nach dem Vorbild des ESK - ein Generalsekretär berufen, der im Auftrag des Vorstands die laufenden Geschäfte führte. Mit Ernst Böhme und Lic. Reinhard Mumm, beide Theologen, hatte die KSK engagierte Sekretäre, die das Aktionsfeld der Konferenz beträchtlich ausgeweitet haben. Der früh verstorbene Böhme (1901) gab den Anstoß zur Begründung des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen durch die kirchlichsoziale Frauengruppe in Berlin. Außerdem gründete er dort den evangelischen Arbeiterverein (evAv).

Sein Nachfolger Lic. Mumm hat in wenigen Jahren für eine solche Einrichtung einen ungewöhnlich umfangreichen, effizienten Apparat aufgebaut. Die jährlichen Tätigkeitsberichte sind Zeugnisse seiner sich von Jahr zu Jahr steigernden Aktivitäten. Daneben übernahm er zahlreiche Vorträge auf Regionalkonferenzen der KSK. Das lange angestrebte, 1912 gewonnene Reichstagsmandat ermöglichte es ihm, das kirchlich-politische Beziehungsgeflecht auf der rechten Seite noch dichter zu knüpfen. Die anfänglich befolgte Tendenz der Trennung der politischen und kirchlichen Sphäre wurde dadurch konterkariert. Zumindest bei Lic. Mumm überwogen je länger desto stärker die verbandspolitisch-säkularen vor den theologischkirchlichen Ambitionen.

Weitere Vorstandsmitglieder

Unter den Vizepräsidenten der KSK, deren Zahl zwischen 1 und 3 schwankte, sind zu erwähnen: Unterstaatssekretär a.D. Anton Rothe, der nach dem Tode des Grafen Laubach die gesellschaftlichen Spitzen vertrat; der deutschkonservative Reichstagsabgeordnete Wilhelm Adolf Henning, ein Mann der inneren Mission, und Dietrich von Oertzen (seit 1908), Stoecker-Vertrauter und -Biograph, der innerhalb der KSK den Kampf gegen Staatskirchentum und mittelparteiliches Kirchenregiment fortsetzte.

Nächst den Mitgliedern des engeren Vorstandes sind die Vorsitzenden der sieben Arbeitskommissionen für das Profil und die Produktivität der KSK von großer Bedeutung. Eine Ausnahme bildet die 6. Kommission, die eine lange Anlaufzeit brauchte. Die schwierigste Aufgabe hatte dabei gewiß Pfarrer Dammann als Leiter der 2. Kommission. Erfolg und Scheitern der Symbiose von Gemeinschaftskreisen und Christlich-Sozialen hing nicht zuletzt von seinem Willen und Geschick ab. Nach der Jahrhundertwende ging das Schwergewicht der Tätigkeit in der 7. Kommission, im Jahr 1904 auch der Vorsitz, auf die Leiterin des kirchlich-sozialen Frauenbundes, Elisabeth v. Knebel-Doeberitz über. Seit 1906 wurde die Vorsitzende des Frauenbundes in den engeren Vorstand berufen.

Bei der Gründung war die KSK unverkennbar "theologenlastig". Dreiviertel der 125 Unterzeichner der Einladung nach Kassel im August 1897 waren Theologen (60 Pfarrer, 26 Superintendenten, 2 Generalsuperintendenten, 3 geistliche Konsistorialräte, 1 Lic.). Bei den 33 Laien fällt die relativ hohe Zahl von Lehrern (12) auf, ferner die 7 Fabrikanten. Die 6 Rittergutsbesitzer sind, verglichen mit der Zusammensetzung von Synoden und Kirchenparteien in Preußen, eine geringe Repräsentation. Das gilt erst recht für den Adel insgesamt, der mit 7 von 125 Unterzeichnem nur marginal beteiligt war. Am auffälligsten ist das gänzliche Fehlen der höheren Beamten aus der Staatsverwaltung und der Justiz - ein deutlicher Beleg für die offizielle Ächtung von christlich-sozial und kirchlich-sozial in der Anfangsphase.

Der in Kassel konstituierte zwölfköpfige provisorische Vorstand wurde bis zum folgenden Jahr auf 34 Mitglieder erweitert. Den 20 Pfarrern und Superintendenten standen 6 Gymnasiallehrer, 2 Fabrikanten und jeweils 1 Konsistorialrat, Rechtsanwalt, Landwirt, Generalsekretär und Publizist gegenüber.

In dem 120-köpfigen Vorstand von 1913 gaben die Theologen, darunter nun auch prominente Theologieprofessoren, mit der knappen Hälfte den Ton an.

Die auffälligste Veränderung war die Repräsentanz der kirchlich-sozialen Frauen im Vorstand. Die bisherige Männer-Domäne war erstmals 1905 durchbrochen worden. In den letzten Jahren vor Kriegsausbruch besetzten die Frauen etwa 115 der Vorstandssitze. Dabei gab es innerhalb der weiblichen Vorstandsmitglieder ein deutliches Übergewicht für Frauen aus dem Adel: 11 Adelsangehörigen standen 1913 nur 8 bürgerliche Frauen gegenüber. Sie überragten damit die männlichen Adligen im Vorstand (6) nach wie vor in signifikanter Weise. Gewiß ist dies bis zu einem gewissen Grad als Kompensation zu betrachten: die weniger in höfische oder gouvernementale Pflichten eingebundenen adligen Damen ersetzten das formelle Engagement ihrer männlichen Familienangehörigen und Verwandten. Wichtiger ist aber ein weiterer Grund: im kirchlichen Milieu traditionell auf patronatlicher Ebene mit Aufgaben bedacht, zogen sie nun im Sog der Frauenemanzipation in Vorstandsämter ein, die ihrer realen praktischen Wahrnehmung kirchlichsozialer Aufgaben entsprach. Allerdings war dies kein exklusiver Anspruch; denn neben ihnen standen Frauen der bürgerlichen Gesellschaft, Pfarr-, Professoren-, Beamten- und Offiziersfrauen. In vielen Fällen ist eine soziale Zuordnung allerdings nicht möglich.

Bei den Männern im Vorstand, nach wie vor mit den Merkmalen der fast vollständigen Absenz der Staatsbeamtenschaft und der spärlichen Vertretung des adligen Grundbesitzes, fällt nur eine Veränderung auf. die wachsende Bedeutung der professionellen Mitarbeiter im kirchlich-sozialen Arbeitsfeld: Verbands- und Gewerkschaftssekretäre, Redakteure, Direktoren, Abgeordnete in Reichstag und preußischem Abgeordnetenhaus. Dieser Gruppe sind 11 der 98 männlichen Vorstandsmitglieder zuzuordnen, ein Zeichen für fortschreitende Professionalisierung des Verbandsprotestantismus.

Gemessen an den öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen zur Heranziehung der unteren Gesellschaftsschichten bei der Besetzung kirchlicher Ämter überrascht die spärliche Erfüllung dieses Postulats in den eigenen Vorstandsreihen: ein einziger Handwerker verliert sich in dieser Gesellschaft aus Pastoren und bessergestellten Kreisen, es sei denn, man rechnet die Handwerker- bzw. Facharbeitervergangenheit eines Teils der Gewerkschaftssekretäre mit. Das übliche Gefälle zwischen Basis und Vereinsspitze hatte auch die KSK nicht durchbrechen können, obwohl das Kooptationsrecht dem Vorstand dazu die Möglichkeit eröffnet hätte.

Sozialprofil der Mitglieder

Über die Mitgliedschaft der KSK gibt es nur sporadische Informationen. Anders als beim ESK sind die Teilnehmer der jährlichen Kongresse nicht verzeichnet. Allerdings existiert ein einziges gedrucktes Verzeichnis aus dem Jahre 1904, das trotz gewisser Ungenauigkeiten aufschlußreiche Einblicke in die differenzierte Mitgliedschaft der KSK ermöglicht. In der Tat springen die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionalvereinen ins Auge, so daß man von durchaus verschieden ausgeprägten kirchlich-sozialen Milieus sprechen kann.

1. Das Berliner Milieu (311 Mitglieder) war eindeutig von den Frauen der höheren Schichten dominiert, die 3/5 (=180) der gesamten Mitgliedschaft auf sich vereinten (55 Adlige, 11 Pfarrfrauen, 11 Beamtenfrauen, 4 Lehrerinnen, 4 Professorenfrauen; eine einzige Näherin hat sich in diese Kreise verirrt). Unter den vergleichsweise weniger stark repräsentierten Theologen (35 Pfarrer, 5 Superintendenten bzw. Konsistorialräte, 3 Lic.) ragen 16 Predigtamtskandidaten (darunter fast das gesamte Domkandidatentift!) und 7 Theologiestudenten heraus. Sie gaben der Berliner Ortsgruppe, die an die Anfänge des ESK erinnert, ein besonderes Gepräge, das der KSK aber sonst (mit der Ausnahme Leipzigs) durchweg fehlte. Es war allem Anschein nach die ältere und mittlere Generation, die sich im allgemeinen mit der KSK identifizierte.

Als weitere Auffälligkeit ist die relativ große Zahl von kirchlich-sozialen Berufsarbeitern (Stadtmission, innere Mission, Arbeitervereine) zu nennen. Der Berliner evAV und der Evangelische Jugendbund für soziale Arbeit gehörten der Berliner Gruppe der KSK als korporative Mitglieder an.

2. Die KSK als (fast ausschließlicher) Pastorenverein. Dies betraf die Provinz Hannover (32 von 49 Mitgliedern), das Königreich Bayern (123 von 174 Mitgliedern, nur 18 Frauen; der CVJM-Nürnberg war korporatives Mitglied), das Großherzogtum Baden (43 von 49 Mitgliedern), das Großherzogtum Hessen (23 von 31 Mitgliedern) sowie das Herzogtum Anhalt (54 von 72 Mitgliedern). Es handelt sich hier also ausschließlich um Landeskirchen außerhalb der altpreußischen Unionskirche, überwiegend, aber nicht ausschließlich, lutherischer Konfession.

Allerdings ist der Befund bei der Provinz Westfalen davon nicht so sehr weit entfernt: 88 Theologen gegenüber 144 Mitgliedern insgesamt, 6 Gymnasiallehrer, 7 Volksschullehrer, nur 6 Frauen.

3. Die KSK in der Provinz Posen - eine Vertretung fast der ganzen Gesellschaft. Dies trifft sowohl für die 86 Frauen wie die 70 Männer zu: sie repräsentierte alle gesellschaftlichen Schichten, angefangen vom Adel, über die höheren Beamten, Offiziere, Rentiers, Rechtsanwälte, Kaufleute, Handwerker, mittlere und untere Beamte (8), Küster, Hausväter, Arbeiter. Auch die Frauen sind in einem viel größeren Anteil den unteren Mittelschichten zuzurechnen. Die Pfarrerschaft war mit etwas über 20 relativ schwach vertreten.

Die Besonderheit Posens erklärt sich gewiß aus der Grenzlage und dem mit der Konfession zusammenfallenden Nationalitätenkampf. Protestantisch sein war identisch mit deutsch, katholisch mit polnisch. Demgegenüber verloren die schichtenspezifischen Trennlinien innerhalb des Protestantismus an Wirkung. Die Grenzprovinzen Ost- und Westpreußens zeigen ein ähnliches, wenn auch nicht so klar hervorstechendes Profil, mit einem deutlich höheren Pfarreranteil.

Eine pietistische Variante dieses gesamtgesellschaftlichen Typus bildet die KSK im Königreich Württemberg. Sie zeigt einen relativ großen Anteil an Handwerkern, Kaufleuten, Fabrikanten, Lehrern sowie weiteren Berufen aus dem Bereich von kirchlich geprägter Bildung und Sozialarbeit (Inspektoren, Präzeptoren, Missionare, Stadtmissionare).

4. Das Milieu des kleinen Mittelstands, sonst kennzeichnend für die Christlichsoziale Partei, Mittelstandsvereinigungen und antisemitische Parteien.

Es tritt am stärksten im Königreich Sachsen hervor: relativ wenige Pfarrer und Frauen, unvergleichlich viele Kaufleute (selbständig oder unselbständig): mindestens 33 von 137 Mitgliedern (dazu 8 Handwerker, 7 Unterbeamte, wobei die 13 Mitglieder ohne Berufsangabe sicherlich überwiegend auch diesem Milieu zuzurechnen sind). Auffällig sind auch die 9 Studenten (ohne Angabe von Fakultäten), hinter denen sich eine den Christlich-Sozialen nahestehende studentische Verbindung verbergen könnte.

Die regional aufgefächerte Analyse macht deutlich voneinander unterschiedene Milieus sichtbar, die den regionalspezifischen sozialen Schichtungen und Interessenlagen entsprechen. Dies läßt vermuten, daß die KSK über den Kernbereich ihrer kirchlich-sozialen Orientierung hinaus zusätzliche kirchlich-gesellschaftliche Identifikations- und Organisationsbedürfnisse befriedigte. Der bewußt niedrig angesetzte Jahresbeitrag war dem Ziel untergeordnet, die KSK für alle Schichten der Gesellschaft zu öffnen.

4. Organisation und Mitgliederzahlen

Von Anfang an wollte die KSK mehr sein als ein Diskussionsforum. Vielmehr verfolgten die Versammlungen den Zweck, Übereinstimmung über Grundaussagen zu erzielen und verschiedenartige Milieus innerhalb des kirchlich-positiv orientierten Sozialprotestantismus zusammenzuführen.

Die Kommissionsarbeit orientierte sich an Arbeitsplänen und Schwerpunktaufgaben, die etwa von der Barmer Generalversammlung (November 1897) wie folgt gesetzt worden waren:

- der Kommission für Bekenntnis, Kirchenrecht und Kirchenpolitik die Förderung der Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche sowie einer sachgemäßen Regelung der akademischen Lehrfreiheit;

- der Kommission für Evangelisation und Gemeinschaftspflege die Herausgabe einer ebenso warmen wie nüchternen Geschichte der neuesten Evangelisation in Deutschland;

- der sozialen Kommission die Behandlung des Ineinander von innerer Mission und sozialer Arbeit;

- der Kommission für Presse Literatur und Kunst, sowie der apologetischen Kommission der Nachweis der Unhaltbarkeit aller Surrogate für das biblische Christentum, die man gegenwärtig dem Volke darbiete.

Seit Beginn des Jahres 1898 erschien das monatliche Mitteilungsblatt "Aus der Arbeit der Kirchlich-sozialen Konferenz", seit 1900 fortgeführt unter dem, Titel "Blätter aus der Arbeit der Kirchlich-sozialen Konferenz". Ende 1898 erschien die erste Lieferung des kirchlich-sozialen Volks-Universal-Lexikons (Hg. E. Dennert) sowie der 1. Band des deutsch-evangelischen Jahrbuchs.

Nach der 3. Hauptversammlung im April 1898 begann die KSK mit dem zielgerichteten Aufbau eines regionalen Netzwerks. Anknüpfungspunkte waren Pastoralkonferenzen, Pfarrervereinstage, Provinzialvereine der inneren Mission, kirchlich-positive Festwochen, Konferenzen des Sittlichkeitsvereins und Missionskonferenzen. Als "Zugnummer" wurde meistens Stoecker in die Provinz gebeten, in wenigen Fällen versuchten es die Veranstalter auf eigene Faust. Erste regionale Konferenzen kamen (1899) in Hannover, Thüringen, Braunschweig, der Provinz Sachsen, Westpreußen, Schlesien, Anhalt, Bayern, Berlin und RheinlandWestfalen, Pommern und Schleswig-Holstein zustande; 1900 folgte HessenNassau, 1901 die Provinz Posen.

Ein Teil dieser Regionalkonferenzen, die neben den Hauptversammlungen die besten Chancen zur Rekrutierung neuer Mitglieder boten, stabilisierte sich und gab sich eigene Statuten, so z. B. Schleswig-Holstein (1899) und die besonders rege Gruppe in Schlesien (1900).

In den folgenden Jahren breitete sich die Konferenz über das gesamte Reichsgebiet aus, wenn sie auch in vielen Gegenden Schwierigkeiten hatte, so im Südwesten, in den freien Städten, in Oldenburg und anfangs überraschend auch in den beiden preußischen Westprovinzen.

Eine fest etablierte Spezialkonferenz war allerdings längst noch kein Garant für eine stabile Mitgliedschaft. Diese unterlag vielmehr großen Schwankungen, wenn sie insgesamt gesehen auch kontinuierlich anstieg und eine Zahl erreichte, die der ESK weit verfehlte.

Übersicht über die Mitgliederzahlen

Jahr

Zahl der Mitglieder

davon Frauen

1899

ca.800

 

1900

1318

 

1901

1495

 

1902

1843

 

1903

2200

 

1904

2620

 

1905

3011

 

1906

3251

 

1907

3332

 

1908

3640

 

1909

3938

 

1910

4063

 

1911

4015

1110

1912

4529

1400

1913

4442

1119

1914

4657

1445

Insgesamt ergibt sich das Bild einer kontinuierlichen, wenn auch nicht spektakulären Aufwärtsentwicklung, mit leichten Wachstumshemmungen, die z. T. auf technische Gründe zurückzuführen sind. Allerdings zeigt sich gegen Ende eine gewisse Stagnation.

Die folgende Aufstellung zeigt die Schwerpunkte in Organisation und Mitgliedschaft der KSK. Die Zahlen erfassen allerdings nur die ca. 2/3 ausmachenden männlichen Mitglieder; nicht regional aufgeteilt sind die 1370 weiblichen Mitglieder der 13 kirchlich-sozialen Frauengruppen. Die weiblichen Mitglieder entfallen also, mit wenigen Ausnahmen, auf eine sehr begrenzte Zahl an Ortsgruppen. Damit war das weibliche Mitgliederpotential mit Sicherheit nicht erschöpft. Die 13 Frauengruppen waren sehr viel stabiler und aktiver als die übrigen - männlichen - Regional- und Ortsgruppen.

Um die Mitgliederzahlen besser einschätzen zu können, sollten sie mit der Gesamtzahl der landeskirchlich-evangelischen Bevölkerung (Stand: 1910) korreliert werden. Demnach erweisen sich Westfalen, Schlesien und Anhalt als KSK-Hochburgen. Erstaunlich ist, daß Baden, lange Zeit eines der schwierigsten Gebiete, günstiger dasteht als das pietistische Württemberg. Gegenüber 1904 sind Posen und Ostpreußen deutlich zurückgegangen.

Die an Mitgliedern stärksten Bezirke bzw. Länder

(Stand: 30.4.1913)

Land/Provinz

Mitglieder

landeskirchliche Evgl. in Tsd.

Prov. Westfalen

382 + 1 FG

1.947

 

Kgr. Sachsen

324

4.520

 

Schlesien

317 + 2 FG

2.199

 

Berlin/Brandenburg

265 + 2 FG

5.365

 

Prov. Hannover

218

2.504

 

Rheinprovinz

206 + 2 FG

2.097

 

Hessen-Nassau

154 + 1 FG

1.518

 

Kgr. Bayern

147

1.942

 

Prov. Sachsen

140 + 1 FG

2.830

 

Ghzgtm. Baden

117 + 1 FG

826

 

Kgr. Württemberg

109

1.676

 

Prov. Pommern

94

1.637

 

Hzgtm. Anhalt

90

315

 

Sachsen-Thüringen

81

1.131

 

Prov. Westpreußen

79

789

 

Die Gründung der Frauengruppen, die erste in Berlin 1899, war ein wichtiger Beitrag zur Konsolidierung der KSK und zur Verbreiterung ihrer Basis. Die Berliner Frauengruppe stand in der Kontinuität der 1893 entstandenen Frauengruppe des ESK. Für die Frauengruppen war - das unterschied sie von den Männergruppen - die Wahrnehmung sozialpolitischer Aufgaben geradezu konstitutiv. Mit ihrer Gründung wollte die KSK einmal Einfluß auf die Frauenbewegung nehmen und christlichem Geist "gegenüber falschem Emanzipationsgedanken" Geltung verschaffen. Der Verband der kirchlichsozialen Frauengruppen schloß sich dem im Juni 1899 (mit Unterstützung der KSK) gebildeten Deutsch-evangelischen Frauenbund (DEFB) korporativ an. Zum anderen sollten die Frauengruppen soziales Verständnis wecken und in der "lebendigen Teilnahme an der sittlich-religiösen und tätigen Fürsorge für das weibliche Geschlecht" zur eigenen Sinnerfüllung finden. Im April 1899 führte die KSK einen Kurs zur Einführung in die verschiedenen Gebiete der gegenwärtigen Frauenbewegung mit 100-300 Teilnehmerinnen durch. Der erste praktische Schwerpunkt ihrer Arbeit war die Verbesserung der Lage der Heimarbeiterinnen. Aus ihrer Initiative ging 1900 der Gewerkverein für Heimarbeiterinnen hervor. Weitere Betätigungsfelder waren die Fürsorge für jugendliche Gefangene, die Übernahme von Vormund- und Waisenpflegerinnen-Ämtern, die Organisierung von Dienstbotenvereinen sowie die Beschränkung der Beschäftigung von Lehrlingen und Gehilfen in Gast- und Schankwirtschaften. Schließlich gaben sie den Anstoß zur Gründung eines deutschen Käuferbundes, um ihre Vorstellungen in breitere Kreise hineinzutragen. Kaum zu zählen sind die Petitionen und Eingaben, die sie an Parlamente, Regierungen und Behörden richteten. Die sozialpolitischkaritative Tätigkeit überwog eindeutig emanzipatorische Ziele wie die Verbesserung der Bildungs- und Berufschancen.

Nach der Jahrhundertwende wurde das Generalsekretariat, ursprünglich ein kleines Konferenzbüro, zu einem professionellen Apparat ausgebaut. 1904 waren dort neben dem Generalsekretär ein Bürovorsteher und weitere 9 hauptamtliche Kräfte beschäftigt. Der kräftige Motor dieser Ausweitung der Konferenzaktivitäten war Lic. Mumm, der jahrelange hauptamtliche Funktionär der KSK. Dank seiner Betriebsamkeit und seinem Organisationstalent gelang es der KSK, sich im Zentrum der kirchlich-sozialpolitischen Aktivitäten zu plazieren. Allerdings ist dies eher als Koordinationsinstanz, nicht aber als Steuerungsorgan zutreffend beschrieben. Außerdem verselbständigte sich der Apparat zu einem gewissen Grad dabei von der Konferenz. Es war eher ein Nebeneinander der Aktionsfelder als ein integriertes Zusammenwirken. Aber zweifellos verschaffte der Aufbau eines solchen Beziehungsgeflechts der KSK eine hohes Maß an Anerkennung, weit über orthodox-konservative Kreise hinaus und befreite sie endgültig aus dem gesellschaftlichen Abseits der ersten Jahre. Zugleich führte die professionelle sozialpolitische Verbandsarbeit zu einer praktischen Modernisierung, die die KSK stärker an Problemstellungen, Konfliktlösungsstrategien und Organisationsmethoden der Gegenwart annäherte.

Diese Tätigkeit hatte 1898 mit der Gründung eines evAV's in Berlin begonnen, was bis dahin in der unkirchlich-roten Metropole undenkbar schien. Dieser AV fächerte sich in der Folgezeit in 15 Stadtteilgruppen auf. Über die evAV-Bewegung öffnete sich die KSK nach der Jahrhundertwende in Richtung auf die interkonfessionellen christlichen Gewerkschaften. Der Generalsekretär führte den Vorsitz im ständigen Ausschuß der "christlichnationalen Arbeiterschaft" und warb draußen im Land für die christlichen Gewerkschaften. Im Büro der KSK tagte das Berliner Kartell der christlichen Gewerkschaften. Neugründungen christlicher Gewerkschaften wurden in vielen Fällen vom Generalsekretär unterstützt. Außerdem stellte die KSK, soweit ihre Finanzen das zuließen, Arbeitersekretäre an. Diese konnten in der Regel allerdings nicht aus den normalen Mitteln bezahlt werden. Hier war die KSK auf Spenden angewiesen. Der Bedarf an hauptamtlichen Sekretären stieg mit der Einrichtung christlicher Volksbüros seit 1903. Die Volksbüros gewährten den Hilfesuchenden aus Arbeitervereinen, christlichen Gewerkschaften und dem weiteren christlichsozialen Milieu Rechtsschutz, erteilten Auskünfte in Rechts-, Versicherungs-, Tarif- und Vertragsangelegenheiten und formulierten Eingaben für beschwerdeführende Arbeiter. Bis zu 10 Sekretäre wurden bei Arbeitervereinen und Volksbüros angestellt, meist vorübergehend, bis ein anderer Träger gefunden war und die KSK neue Büros errichten konnte.

Gewiß darf man diese Zahl bei insgesamt ca. 130 evangelischen Arbeitersekretären nicht überschätzen, erst recht nicht im Vergleich zu den Leistungen des sozialen Katholizismus. Doch für diese kurze Zeit von wenig mehr als einem Jahrzehnt war dieser Aufbau durchaus beachtlich.

Den Schlußpunkt der Vertretung bildete die Gründung der "Sozialen Geschäftsstelle für das evangelische Deutschland". Sie erfolgte auf Anregung von Lic. Weber, dessen weitergehende Pläne später erörtert werden, am 3.2.1904. In Personalunion mit dem Generalsekretär der KSK verbunden, war sie gedacht als Zusammenschluß aller auf dem evangelisch-sozialen Gebiet tätigen Vereine. Ihre Aufgaben waren vor allem der Versand von Flugblättern, die systematische Auskunftserteilung in sozial-politischen Angelegenheiten, die Förderung der christlichen Arbeiterbewegung, der Aufbau einer sozialen Versandbibliothek, die Durchführung sozialer Ausbildungskurse und die Herausgabe einer Wochen- und Monatskorrespondenz. Allerdings gingen nicht alle Hoffnungen auf die Integration des gesamten sozial aufgeschlossenen Vereinsprotestantismus in Erfüllung. Im Jahre 1912 vertrat die Soziale Geschäftsstelle rd. 336000 Mitglieder über die ihr angeschlossenen Vereine, darunter der Gesamtverband evAVe, der DEFB, der Verband deutscher Sittlichkeitsvereine, ein Teil der Pfarrervereine und Provinzialvereine der inneren Mission. Dagegen lehnte der ESK eine Beteiligung an der Sozialen Geschäftsstelle ab.

Der Generalsekretär gab auch den Anstoß zur Gründung des "Vaterländischen Bauvereins" in Berlin (1902), dessen Zielsetzung der Bau von Kleinwohnungen in Großstädten war.

Kurz vor Kriegsausbruch wagte sich der geschäftige Generalsekretär an die Gründung der Berliner Zigarrenversand G.m.b.H. heran. Diese sollte Oberschüsse für die Arbeit der KSK erwirtschaften und für gemaßregelte christliche Tabakarbeiter einen Arbeitsplatz bereithalten.

Der Etat der KSK schloß 1913 mit knapp 32000 Mark ab. Davon wurden die Gehälter für die Generalsekretäre, das sonstige Büropersonal und 5 Arbeitersekretäre bestritten (knapp 22000 Mark). Die kirchlich-sozialen Blätter kosteten rd. 2700 Mark, Porto und Bürokosten betrugen 3400 Mark. Die Ausgaben für die Jahrestagung und die Spezialversammlungen von rd. 1100 Mark gingen in der Bilanz fast unter.

1904 versuchte sich Lic. Mumm noch an der Herausgabe einer "nationalen" Tageszeitung auf kirchlich-sozialem Kurs unter dem Titel Das Reich. Allerdings hatte er die arbeitsmäßigen und finanziellen Belastungen unterschätzt. Nach fünf Jahren mußte das Blatt, das dann im Reichsboten aufging, 1909 wieder aufgegeben werden.

5. Der kirchenpolitische und politische Standort der KSK

Die Zielgruppen der KSK waren "alle evangelischen Männer und Frauen, die im Bekenntnis der Kirche stehen, mit den Kräften des Evangeliums das gesamte Volksleben durchdringen wollen und dazu auch die Mitarbeit der Kirche an der Lösung der sozialen Frage für unerläßlich halten". Daran hatte sich auch 1914 nichts geändert, nur war der Wortlaut unter Seebergs Einfluß verbindlicher geworden.

Zwar stieß die KSK anfangs in entschiedenen lutherisch-konfessionellen Kreisen auf heftige Ablehnung, die sich an dem Begriff "soziale Arbeit als Seelsorge am Volk" auf den Pastoralkonferenzen in Braunschweig und Hannover entzündet hatte, danach entspannte sich das Verhältnis in den nächsten Jahren.

Zum Liberalismus hin hat sich keine Öffnung entwickelt. Die Aufforderung an weiter linksstehende Evangelische - von D. v. Oertzen als amtierendem Präsidenten 1907 ausgesprochen - wurde prompt wieder zurückgenommen. Die KSK wollte kein pluralistischer Sprechsaal sein, sondern diejenigen, "die im Innersten eins sind" zu sozialem Engagement motivieren. Die weiteren Unterschiede zum ESK waren zweitens die praktische Orientierung sowie drittens die "Kampfesentschlossenheit gegenüber dem Hauptfeind", dem Unglauben, der in der Sozialdemokratie, aber nicht nur dort, mächtig sei. Das schloß ein Verhältnis des schiedlich/friedlich zwischen ESK und KSK nicht aus. Überwiegend haben beide auch in dieser Weise ihr Verhältnis zueinander definiert, wobei die anfänglichen kritischen Untertöne im Laufe der Zeit einem nüchtern-sachlichen Umgang mit Zeichen wechselseitiger Anerkennung wichen. 1904 war der ESK sogar an dem von der Sozialen Geschäftsstelle organisierten sozialen Kurs beteiligt. Allerdings blieb dies ein einmaliger Vorgang; die Neuauflage des Kurses ging ohne den ESK vonstatten. 1914 reihten sich beide Organisationen zusammen mit der Gesellschaft für soziale Reform und dem Verein für Sozialpolitik in den Protest gegen die von Ludwig Bernhard ausgelöste antisozialpolitische Kampagne ein.

Von der inneren Mission mit ihrer Beschränkung auf die "Organisation von Liebeswerken" hob sich die KSK durch ihre Betonung der Notwendigkeit des sozialpolitischen und kirchlich-geistigen Kampfes ab. Sie nahm allerdings zugleich für sich in Anspruch, damit dem Begründer der inneren Mission, Wichern, näherzustehen als dessen Nachfahren. Einen weiteren Unterschied sah sie in ihrem nahezu "vogelfreien" Status gegenüber der der höchsten staatlichen und kirchlichen Anerkennung gewissen inneren Mission. Allerdings bestanden zwischen beiden Organisationen zahlreiche personelle Querverbindungen; das Verhältnis war durchweg spannungsfrei und freundlich.

Mit dem - überwiegend mittelparteilichen - Evangelischen Bund gab es wenig Berührungspunkte, gelegentlich freundliche Reminiszenzen an die Aufbruchsstimmung des Jahres 1890. Am Ende trübte sich das Verhältnis allerdings, als dem Evangelischen Bund mit dem 1911 gegründeten Deutschevangelischen Volksbund ein Konkurrenzunternehmen entstand. Dieser christlich-konservativ- nationalistische Bund, der ideologisch der KSK nahe war und von dort nachhaltig unterstützt wurde, drohte dem Evangelischen Bund in den positiven Kirchenparteien das Wasser abzugraben.

Gegen die zeitgenössische Behauptung, die kirchlich-sozialen Konferenzen seien lediglich christlich-soziale Parteitage, setzte sich die KSK energisch zur Wehr. In der Tat kann man der KSK und besonders Stoecker die Absicht zubilligen, die KSK aus dem parteipolitischen Fahrwasser weitgehend heraushalten zu wollen. Zum Beleg ihres überparteilichen Charakters wies die KSK selbst auf ihre konservativen Mitglieder (M. v. Nathusius, Dr. Duncker, MdR Henning) sowie Angehörige der Deutsch-Sozialen (z. B. die Braunschweiger Christian Esdom und Bertram Walterscheid) und der National-Sozialen (Pfarrer Julius Werner) hin.

Allerdings ließ sich die Affinität zu den Christlich-Sozialen gar nicht leugnen, zumal seit der Bündelung aller kirchlich-sozialpolitischen Aktivitäten durch Lic. Mumm in der Sozialen Geschäftsstelle. Der elfköpfige Vorstand der christlichsozialen Partei bestand z. B. 1905 mit einer einzigen Ausnahme aus führenden KSK'Iern: Stoecker (MdR), Dr. Georg Burckhardt (MdR), Lic. Mumm, Sekretär Franz Behrens, P. Hermann Bernbeck, Landwirt Hufendieck, Kaufmann Lüttringhaus, P. Philipps, Verlagsbuchhändler Otto Rippel und Lic. Weber. 1912 wurde die Parteipolitik mit einem deutsch-sozialen Referenten sowie einem nationalliberalen Gegengewicht geradezu ins Konferenzprogramm hineingeholt. Dabei vertraten die Ostpreußen Prof. Lezius und Rechtsanwalt Edwin Meyer ultrakonservative Positionen, die allerdings Widerspruch fanden. Antisemitische Manifestationen hatte die KSK bis dahin tunlichst zu vermeiden gesucht, was Stoecker besser gelang als beispielsweise Lic. Weber und D. v. Oertzen. Latent sind antisemitische Einstellungen aber durchgängig zu spüren.

Die offizielle Kirche blieb gegenüber dieser von höchster Stelle verfemten Neugründung, von wenigen Ausnahmen, wie der Anhaltinischen Landeskirche, abgesehen, auf kühler Distanz. Das änderte sich ansatzweise mit dem sozialpolitischen Umschwung in der altpreußischen Landeskirche 1903 und dem geänderten politischen Klima in der "Ära Posadowsky". Vereinzelt beteiligten sich seitdem auch altpreußische Generalsuperintendenten oder Konsistorialräte an einzelnen Konferenzveranstaltungen. Selbst die obligaten Absagen des EOK fielen um einige Grade freundlicher aus. Das änderte sich wieder schlagartig, als 1912, in der Zeit des Spruchkammerverfahrens gegen den Kölner Pfarrer Karl Jatho, auf der Konferenz zu Dessau scharfe Attacken gegen das mittelparteiliche Kirchenregiment in der altpreußischen Landeskirche geritten wurden. Gegen Generalsekretär Lic. Mumm wurden wegen maßloser Angriffe in der Presse gegen das Kirchenregiment disziplinarische Maßnahmen erwogen. Die Gleichstellung der KSK mit der inneren Mission durch die Übernahme des Generalsekretärs auf den landeskirchlichen Pensionsfonds hatte der EOK bereits 1908 abgelehnt. Auch früher hatte der EOK die KSK nicht als Verhandlungspartner anerkannt. Lic. Weber wurde eine Abfuhr zuteil, als er es wagte, sich nach der längst erwarteten Verwirklichung des Kirchengesetzes vom 24.4.1904 zu erkundigen. Mit Argusaugen wachte der EOK darüber, daß die KSK keine staatlichen Zuwendungen erhielt. Entsprechende Gesuche der KSK beim Kaiser konterkarierte der EOK mit dem Argument, daß es den Kirchlich-Sozialen in erster Linie auf die kaiserliche Anerkennung ankomme. Bis auf ein Mal hat der EOK die wiederholten Gesuche zum Scheitern gebracht, hat darauf allerdings große Mühe verwenden müssen. Die Reichsleitung und die preußische Regierung beurteilten die KSK merklich unbefangener und mit höherer Einschätzung ihrer"christlich-national gehaltene(n) Wirksamkeit".

Dabei hatte die KSK ihren entscheidenden Durchbruch in der altpreußischen Landeskirche längst erzielt. Die überwältigende Mehrheit der altpreußischen Generalsynodalen unterschrieb im Oktober 1903 einen Aufruf zur Unterstützung der KSK, der evAVe und der bei dieser Gelegenheit erstmals vorgestellten Sozialen Geschäftsstelle für das evangelische Deutschland. Gewiß war dies auch ein gekonnter Schachzug des Initiators dieses Aufrufs, Lic. Weber, der mit der projektierten Geschäftsstelle ursprünglich sehr viel weitergehende Ziele verfolgte und entsprechende Assoziationen weckte. Die kühne Wunschvorstellung war die Errichtung einer Zentralstelle für das evangelische Deutschland, dem katholischen Volksverein vergleichbar, gar ein "evangelisches Zentrum". Die Bereitschaft, aufeinanderzuzugehen, erinnert ein wenig an die Gefühlslage bei der Gründung des ESK 1890. Darauf wurde nicht zuletzt mit Rücksicht auf den Evangelischen Bund schließlich verzichtet. Um so leichter war es, Sympathien auch unter den mittelparteilichen Synodalen für den Aufruf zu gewinnen. Der Aufruf mit 160 Namen der Mitglieder der Generalsynode, darunter reihenweise Generalsuperintendenten, Konsistorialpräsidenten, Regierungspräsidenten, die in den Reihen der KSK so vermißten angesehensten Adelsgeschlechter, hohe Regierungsbeamte, renommierte Theologieprofessoren bis tief in die Reihen der Mittelpartei, für die zu einer unlösbaren Triade zusammengefaßten Arbeitervereinsbewegung, Geschäftsstelle und KSK, der am Neujahrstag 1904 in etwa 100 Zeitungen erschien, wurde von den Zeitgenossen zu Recht als eine Sensation empfunden. Diese Unterstützung für die im weiteren Sinn kirchlich-soziale Sache ging offensichtlich weit über die Reihen der Mitglieder der KSK hinaus.

6. Themen, Redner und Streitfragen

Die Jahrestagungen der KSK bestanden aus unterschiedlichen Veranstaltungsformen: Volksabende, Evangelisationsveranstaltungen, der (geschlossenen) Generalversammlung, Sitzungen der siebten Arbeitskommissionen und schließlich den Hauptversammlungen. Auf die letzteren beschränkt sich im wesentlichen die folgende Auswertung, auch wenn die Hauptversammlungen längst nicht immer den größten Publikumszuspruch (in der Regel zwischen einigen Hundert bis Tausend) hatten. Den meisten Zulauf hatten nicht selten die Volksabende sowie die Gottesdienste. Die Hervorhebung der Hauptversammlungen rechtfertigt sich aus zwei Gründen: einmal wegen der durch Druck und Presseberichterstattung erzeugten Außenwirkung; zum anderen deswegen, weil die Auswahl der 2-3 Vorträge in den Hauptversammlungen eine bewußte Entscheidung des Vorstands über die Wichtigkeit, die Aktualität und den rechten Zeitpunkt für ihre Präsentation auf der KSK darstellte.

Blickt man auf die mit den Hauptvorträgen bedachten Redner, so fällt folgendes auf:

1. Das klare Übergewicht der Theologen. Zwischen 1897 und 1914 wurden 35 der 53 Referate bzw. Korreferate von Theologen gehalten, von denen 13 Professoren der Theologie waren. Unter den 18 nichttheologischen Referenten waren Publizisten (2 Vorträge), Oberlehrer (2), Frauen (2) und höhere Beamte (2). Die 3 Professoren darunter waren Juristen bzw. Staatswissenschaftler (Rudolf Stammler, Wilhelm Kähler und Heinrich Dade). Mit 7 Rednern unter den Nichttheologen am stärksten vertreten waren eine Auswahlentscheidung von hohem Signalwert - die Arbeitersekretäre.

2. Das große Ausmaß der Rekrutierung der Hauptredner aus den eigenen Reihen. Höchstens 15 von 53 Referaten und Korreferaten wurden von Nichtmitgliedern der KSK gehalten; von den übrigen Referenten gehörten die weitaus meisten sogar dem Vorstand an.

3. Die wiederholte Beauftragung der führenden Köpfe mit Hauptvorträgen, und zwar teilweise durchaus zu unterschiedlichen Themen. Dies signalisiert eine geistige Enge und eine Befangenheit in den engen kirchlichsozialen Zirkeln, die im ESK ganz undenkbar war. Die nichttheologischen Experten waren keineswegs die herausragenden Köpfe für das jeweilige Sachgebiet. Vielmehr gehörten sie entweder dem KSK an bzw. standen ihm zumindest nahe, oder sie waren Repräsentanten von Kammern, Verbänden und Parteien. Folgende Redner wurden mehrfach herangezogen:

Referenten

Zahl der Vorträge

Themenbereiche

Hofprediger a.D. Adolf Stoecker

7

kirchl.-soz. (3)

Frauenfrage (3)

Konfirmationspraxis (1)

Pfr. Lic. Ludwig Weber

4

öffentl. Mission 2

kirchl.-soz. 1

Kirchenverfassung 1

Prof. theol. Martin v. Nathusius

3

kirchl.-soz. 2

Frauenfrage 1

Prof. theol. Reinhold Seeberg

3

Theologie u. Kirche 2

Gesellschaftspolitik 1

Dr. jur. Heinrich Duncker

2

kirchl.-soz. 1

Christentum in der Welt 1

Redakteur Dietrich von Oertzen

2

kirchl.-soz. 1

Sozialpolitik 1

P. Dr. Johannes Lepsius

2

Christentum u. Gesellschaft 2

Prof. theol. Friedrich Mahling

2

kirchl.-soz. 2

Lic. Reinhard Mumm

2

Sozialpolitik 1

Christentum u. Gesellschaft 1

In der Themenwahl, Problemstellung und der Art der Behandlung lassen sich deutlich Schwerpunkte, Akzente und Prioritäten im zeitlichen Ablauf unterscheiden. Schon aus einem solchen summarischen Überblick wird deutlich, daß es im Profil, Selbstverständnis und Erscheinungsbild der KSK zwischen 1897 und 1914 beträchtliche Veränderungen gegeben hat.

1. Die Definition des kirchlich-sozialen Auftrags.

Diese Frage stand anfangs eindeutig im Vordergrund. Die Vorträge sollten den theologisch-kirchenpolitischen Rahmen für die Arbeit der KSK abstecken, die unter den von Wichern übernommenen Begriff der "öffentlichen Mission" gestellt wurde, ein Auftrag, der für ebenso legitim und notwendig gehalten wurde wie der der inneren Mission. Die unzulängliche Wahrnehmung der sozialen Aufgaben wird auf die Schwäche und Verunsicherung des Protestantismus zurückgeführt, die sehr tiefe Ursachen habe. Die Kirche der Reformation, so der emphatisch verstandene Begriff, müsse zentrale Glaubensinhalte wie Rechtfertigung, Sündenvergebung, Wiedergeburt und Heiligung erst wieder lernen. Die Definition des Begriffs kirchlich-sozial fällt in dieser ersten Phase sehr restriktiv und vorsichtig aus. Die theologischen Ausführungen halten sich in den gewohnten Bahnen (s. M. v. Nathusius).

2. Das Bündnis der Kirchlich-Sozialen mit der Gemeinschaftsbewegung.

In der Anfangsphase der KSK war dies beinahe die interessanteste Frage: Würde es der KSK gelingen, die Gemeinschaftskreise für den Auftrag der Konferenz zu erwärmen und diese gleichzeitig auf den Boden der Landeskirche zurückzuholen? Das publizistische Echo auf dieses Wagnis war zwiespältig. Einerseits wurde darin eine Indiz für die Weltfremdheit und Außenseiterstellung der KSK. gesehen und eine Erschütterung der Landeskirche infolge dieser "Verwirrung" befürchtet. Viele Beobachter sahen aber darin ein akutes Problem, das über die Behauptung oder den Verlust des volkskirchlichen Charakters generell entscheiden konnte. Nicht umsonst beschäftigten sich Synoden aller Stufen, Konsistorien und Generalsuperintendenten wiederholt mit diesem Punkt. Zwischen 1898 und 1901 war dieses Thema in jedem Jahr auf der Tagesordnung, und zwar jeweils mit Referenten aus der Gemeinschaftsbewegung. Darüberhinaus formulierte die KSK Richtlinien zur Integration der Evangelisation in den Rahmen der Landeskirche. Das Entgegenkommen der KSK zeitigte temporär durchaus gewisse Erfolge. Aber die hielten nicht lange vor. Die pietistischen Kreise zogen sich danach mehr und mehr von der KSK zurück. 1904 brachte die KSK in einer Entschließung "ihren Schmerz über den Riß, der gegenwärtig durch das Gemeinschaftsleben hindurchgeht und die Kinder Gottes noch mehr zu entzweien droht", zum Ausdruck. Aus den Hauptversammlungen ist das Thema nach 1901 verschwunden. Allerdings blieb es in der 2. Kommission, auf Evangelisationsabenden und in Konferenz-Predigten, weiter präsent. Dennoch, der große Brückenschlag war gescheitert. Die Hoffnung, die Gemeinschaftsbewegung lasse sich zu einer tragenden Säule der KSK machen. wurde enttäuscht.

3. Die Reform der Konfirmationspraxis.

Dieses Thema war zwar nur einmal, im Jahre 1900, Gegenstand eines von Stoecker gehaltenen Referats bei einer Hauptversammlung. Es muß aber hier erwähnt werden, weil dieser Vortrag von einer massiven kirchenpolitischen Kampagne eingerahmt wurde und in eine Resolution einmündete, die an alle Kirchenregierungen, die preußische Generalsynode und die Berliner Geistlichen geschickt wurde. Die KSK griff hier eine alte, schon von Wichern erhobene Reformforderung auf. Der in den Erfurter Thesen enthaltene Vorschlag zielte auf eine Abtrennung des Glaubensbekenntnisses und Gelübdes von der üblichen Konfirmation. Beides sollte um mehrere Jahre hinausgeschoben werden und auf einer freien Entscheidung der Heranwachsenden beruhen. Damit wird der Stellenwert dieser Thesen für die von der kirchlichen Rechten angestrebte Reform der Volkskirche deutlich: nämlich erhöhte Anforderungen an das Bekenntnis der Kirchenangehörigen zu stellen. Die von vielen Seiten bis in die Reihen des kirchlichen Liberalismus gestellte Kritik an der bestehenden Konfirmationspraxis schien ein Vehikel zur Durchsetzung der Bekenntnisverpflichtung zu sein. Allerdings sind auch Stoecker und die KSK an der Beharrungskraft der bürokratisch regierten Landeskirche gescheitert. Das Thema verschwand nach wenigen Jahren wieder aus den Schlagzeilen, ohne daß es zu der weithin gewünschten Reform gekommen wäre.

4. Die Frauenfrage.

Dreimal ist die Frauenfrage innerhalb eines kurzen Zeitraums, 1899, 1903 und 1905, Gegenstand einer Hauptversammlung gewesen, jedesmal hielt Stoecker das Korreferat. Beim ersten Mal, 1899, behandelte er das Thema gemeinsam mit v. Nathusius, der 1895 wegen des Referats von Elisabeth Gnauk-Kühne (Stoecker war pikanterweise auch seinerzeit der Korreferent!) den ESK verlassen hatte. Nun hatte v. Nathusius sich nach längerem Zögern doch der KSK angeschlossen und wurde dort wieder mit dieser Frage konfrontiert! Eine reaktionäre Position (v. Nathusius) begegnete hier einer pragmatischen konservativen Variante (Stoecker). Die Kraft, die hinter den Aktivitäten ihrer Frauengruppen wirkte, trieb die KSK zu einer gewissen Revision ihrer Position, die 1903 (mit Paula Müller, der Vorsitzenden des DEFB) und 1905 (mit dem KSK-Vorstandsmitglied Gräfin Clara Bernstorff) vorgenommen wurde. Der gewonnene Standpunkt läßt sich als Gegenmodeme bezeichnen, die gleichwohl den Handlungsspielraum erweiterte. Auch die Initiatorinnen der Frauenarbeit verstanden sich zunächst antiemanzipatorisch. Andererseits, auch das hat Stoecker früher und deutlicher erkannt als die Mehrheit der kirchlich und politisch Konservativen, war dies eine eminent wichtige Zukunftsfrage: "bei der Frauenfrage steht ein gutes Stück kirchlichen Lebens auf dem Spiel". Die KSK selbst sollte, wie gezeigt, dafür einen anschaulichen Nachweis liefern. Außerdem konnte man auf teils reformierte, teils feudale Traditionen rekurrieren, die die Übertragung kirchlicher Rechte (Übernahme diakonischer und gemeindlicher Ämter, Gemeinde- und Pfarrerwahlrecht) erleichterte. Das kirchliche Wahlrecht konnte den Frauen (prinzipiell) um so leichter zugestanden werden, wenn dies mit einer generellen Reform, der Einführung von Qualifikationsnormen für das kirchliche Wahlrecht, verknüpft würde. Das schob die Realisierung in eine unbestimmte Zukunft hinaus. Stoecker und vielen seiner Anhänger war aber eine wahlberechtigte bekenntnistreue Frau lieber als kirchenentfremdete männliche Wähler.

Was die bürgerlichen Rechte der Frau betrifft (Bildung, Berufsstellung, kommunale Ämter, Wahlrecht), so bewegte sich die KSK am rechten Rand der gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung. Weitergehende Forderungen, wie die nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, von der Berliner Lehrerin Margarete Behm in offenem Affront gegenüber Stoecker erhoben, blieben die Ausnahme.

5. Christliche Gewerkschaften

Auch hier gingen strategische Bündnisentscheidungen, der Anschluß der evAVs-Bewegung an die interkonfessionellen Gewerkschaften, der theoretischen Klärung voraus. Diese erfolgte mit den Referaten auf den Hauptversammlungen von 1906, 1907 und 1908, gehalten von drei Theologen, dem Hallenser Theologieprofessor Lütgert (1908), dem theologischen Generalsekretär Lic. Mumm und Pfarrer Werner, sowie von einem Gewerkschaftssekretär. Das Thema hatte die KSK seit 1899 wiederholt beschäftigt, was auf anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit diesem Verband schließen läßt. Allerdings wurde die KSK darin noch von dem ESK übertroffen, für den Adolf von Harnack noch 1907 eingestand, mit der Idee der christlichen Gewerkschaften nicht ins reine gekommen zu sein. 1899 hatte die KSK unter christlichen Gewerkschaften noch vorwiegend evangelisch geprägte Gewerkschaften verstanden. Der interkonfessionelle Charakter war aber nur akzeptabel, wenn die konfessionellen Rivalitäten neutralisiert wurden. Dann blieben als positive Argumente nur die Bekämpfung der materialistisch-revolutionären Sozialdemokratie sowie die nationale Gesinnung der christlichen Gewerkschaften. Nachdem die Gewerkschaftsfrage auf einem Volksabend der Konferenz von 1903 vorgestellt worden war, begrüßte die KSK 1904 in einer Resolution "unter Anerkennung der vom ersten deutschen Arbeiterkongreß zu Frankfurt a.M. aufgestellten Forderungen die christlich-nationale Arbeiterbewegung als den Anbruch einer neuen Zeit für das deutsche Volk". In den Vorträgen von 1907 und 1908 spielte die christliche Begründung eine ebenso nachgeordnete Rolle, auch wenn Mumm unter den gemeinschaftsbildenden Faktoren neben Staat, Beruf und Familie die Kirche heranzog. Er forderte die Anerkennung der Tarifhoheit, die Gleichberechtigung des Arbeiterstandes, öffentlich-rechtlichen Status der Gewerkschaften und die Steigerung der Konsumkraft der Massen. Die christliche Gewerkschaft diene nicht nur der Arbeiterbewegung, sondern erfülle eine vaterländische Pflicht, "in dem der neue Stand sich in den gesamten staatlichen Organismus eingliedert und staatliche Gesinnung gewinnt". Hier begegnen uns noch unfertige neokonservativ-korporatistische Ideen mit Anklängen an die Volksgemeinschaftsideologie. Sie führten die KSK von ihrem kirchenpolitischen Ausgangspunkt weit in politische Frontstellungen hinaus. Ein Anhaltspunkt dafür ist die unterschiedliche Behandlung der SPD auf den Hauptversammlungen. Hatte 1901 die doppelte Frage: Kann ein Christ Sozialdemokrat, kann ein Sozialdemokrat Christ sein? unter dem vorwaltenden Rechristianisierungsanspruch eine vermittelnde Antwort gefunden (durch Stoecker!), so ließ die Konkurrenzsituation 1906 eine auf Vermittlung zielende Behandlung des Themas "Wandlungen in der deutschen Sozialdemokratie" durch den Gewerkschaftssekretär Franz Behrens nicht zu. Die Wandlungen der Partei seit dem Erfurter Parteitag von 1891 hätten nichts an dem Totalitätsanspruch der Sozialdemokratie geändert. "Nur wenn es gelingt, die christlich-nationale Arbeiterbewegung zum Siege zu führen, ist unserem Volk und Vaterland zu helfen." In der Beurteilung der Sozialdemokratie trennten ESK und KSK Welten.

6. Theologie und Kirche.

Das beherrschende Thema der Anfangsphase der KSK war das Klagelied über den geringen Einfluß der evangelischen Landeskirchen auf Staat und Gesellschaft. Die Schuld daran wurde überwiegend bei außerkirchlichen Mächten gesucht. Davon wich der Theologe Grützmacher nicht ab, als er sich 1906 mit der Frage: Worin liegt die Ursache der Unwirksamkeit des Protestantismus im öffentlichen Leben? auseinandersetzte. Es fehle dem Protestantismus, so eine seiner Antworten, "an einem brauchbaren Organ für seine Wirksamkeit" sowie an der im paritätischen Staat mit konstitutionellparlamentarischen Regierungsformen unerläßlichen Selbständigkeit. Insoweit bewegte er sich in den gewohnten Bahnen. Aber er beließ es nicht dabei, sondern übte Kritik an den chronischen Spätentwicklungen des Protestantismus sowie dem falschen Pietismus, Rationalismus und Konservatismus! Was sich hier andeutete, wurde zuvor und danach in den großen Vorträgen Seebergs von 1903 und 1907 sowie des Erlanger Theologen August Wilhelm Hunzinger kompromißlos fortgesetzt: die selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Zustand nicht nur der offiziellen Kirche, sondern des gegenwärtigein Protestantismus. Diese Kritik ist sowohl von Seeberg als auch von Hunzinger unter das Modernisierungspostulat gestellt worden. Die Kirche habe sich ohne Gegenwehr den Stempel der Unmodernität aufprägen lassen und sich als Gegenpol der Moderne begriffen. Dieser Vorwurf geht besonders an die Adresse der Positiven, die mit dem Kampfbegriff der Moderne eine Richtung belegen, der sie im Grunde das Lebensrecht in der Kirche bestreiten. Beide sahen einen wichtigen Grund für die Krise des Protestantismus in der Trennung von Theologie und Kirche. Die Wissenschaftsferne der Kirche sei ein Grund für die Unsicherheiten in der Glaubenserkenntnis, die zur Orientierungskrise und zur Schwächung der kirchlichen Autorität führten. Die Kirchlich-Sozialen müßten an die systematische Theologie die Forderung der Modernisierung richten, d. h. den breiten Strom des wirklichen Lebens mit den Methoden der Wissenschaft zu durchdringen und mit Einbeziehung der kulturellen Strömungen und Theorien der Zeit zu analysieren suchen.

Das waren neue Gedanken und Forderungen in diesem Kreis. Statt der gewohnten Selbstgewißheit und der dichotomischen Aufteilung in Gläubige und Ungläubige nun die Aufforderung zu Selbstkritik und Unvoreingenommenheit gegenüber Kirchengruppen und ihren bleibenden Leistungen. Seebergs Vorträge, erst recht seine Verhandlungsleitung haben die KSK gründlich verändert: statt Bekräftigung der altbekannten Standpunkte die Suche nach neuen Antworten, statt der Überzeugungsarbeit der Stil der offenen Debatte und des sachlichen Streits. Seeberg warnte die Rechte vor der Vermischung von Wissenschaft und Partei und nahm auch in der Frage der Kirchenverfassung einen distanziert-abwägenden Standpunkt ein, der in großer Ferne zu den Stoeckerschen "Richtlinien" stand. Er warb für eine Sicht, die den geschichtlichen Bedingungen Rechnung trägt und den vollen kirchlichen Charakter zu bewahren ermöglichte. Seine Sicht bewegte sich in diesem zentralen Punkt jenseits der kirchenpolitischen Programme. Das fiel ihm insofern nicht schwer, als er glaubte, daß die Lösung dieses Problems ohnedies der Zukunft überlassen bleibe. Hat Seeberg die KSK mit dieser Umstellung überfordert? Jedenfalls sind Irritationen über die Theologie der sog. modernen Positiven nicht ausgeblieben. Die KSK hat ihm aber 1914 demonstrativ ihr Vertrauen ausgesprochen und damit vielleicht innere Zweifel beschwichtigt.

7. Verweltlichung.

Eine letzte wichtige Veränderung in der KSK-Entwicklung vor 1914 ist ebenfalls untrennbar mit dem Namen Seeberg verbunden. Man kann sie als einen deutlich erkennbaren Zug zur Verweltlichung beschreiben. Soweit sich die KSK bis dahin mit weltlichen Themen beschäftigte, hatte es sich durchweg um Gegenstände gehandelt, die man der "sozialen Frage" zuordnen kann, zunächst die sozialen Probleme des 4. Standes, sodann der Frauenfrage, des Mittelstandes, des Bauern- und Landarbeiterstandes sowie der untersten Dienstklassen. Übrigens stimmte die KSK in diesem erweiterten Verständnis der sozialen Frage auf andere Gesellschaftsschichten weitgehend mit dem ESK überein - wie ferner - namentlich Harnack und Seeberg - auch darin, daß man die Gefahr einer die kollektivistischen Tendenzen fördernden, den Selbständigkeitsdrang des Individuums hemmenden Sozialpolitik nicht verkennen dürfe.

1913 aber wurde erstmals ein Thema von gesamtgesellschaftlicher Relevanz verhandelt: Droht Erschöpfung unserer Volkskraft? Hier wurden die Gefahren des sog. Neumalthusianismus und die wirklichen bzw. vermeintlichen Gründe des Bevölkerungsrückgangs erörtert. Daß dieses Referat von Seeberg übernommen wurde, ist von einem gewissen Signalwert, wenn es auch nicht von vornherein beabsichtigt war. Religion und Protestantismus kommen dabei nur soweit ins Spiel, als sie ihren - von den Experten eingeforderten - Dienst an den Existenzgrundlagen künftiger Generationen des deutschen Volkes schuldig bleiben.

Natürlich ist das nur bedingt als Säkularisierung zu begreifen. Denn das Volk gehört zu den von Gott gegebenen natürlichen Ordnungen. Aber dennoch, welch ein Wandel gegenüber den Anfängen der KSK mit ihrem eindimensionalen Rechristianisierungsanspruch. Jetzt werden umgekehrt Kirche und Religion an der Gesellschaft schuldig. "Daher muß das richtig verstandene Christentum für alle die nationalen und sozialen Nöte und Bedürfnisse des Volkes und des Staates nicht nur ein offenes Verständnis haben, sondern auch die geistigen Kräfte und Anregungen zu ihrer Überwindung suchen und anwenden."

Diese Tendenz setzte sich bis zu einem gewissen Grade auf der von der KSK 1916 durchgeführten Kriegstagung fort, die unter Beteiligung von zahlreichen Experten aus Theorie und Praxis stattfand. Die einst ins gesellschaftliche Abseits gestellte KSK hatte nun die Genugtuung, offizielle Repräsentanten vom EOK bis zum Kriegsministerium, vom Reichsversicherungsamt bis zum Zentralausschuß für innere Mission (CAJM), von der Gesellschaft für Soziale Reform bis zum ESK, von der politischen Rechten bis zur Sozialdemokratie (!) begrüßen zu können.

Eine gewisse Annäherung an den Kulturprotestantismus des ESK war damit auch vollzogen. Doch sollte man den bis zum Schluß erkennbaren Abstand nicht übersehen. Wenn die KSK sich mit dem Thema Macht und Sittlichkeit im nationalen Leben beschäftigte, so wurde das Spannungsverhältnis zwischen Staatsräson und christlicher Ethik kaum wahrgenommen. Wenn die Rückgewinnung der Gebildeten für das Christentum thematisiert wurde, so mündete das Referat in eine Warnung vor der modernen Theologie. Die Behandlung des Themas "Bildung und Christentum" war eine Auseinandersetzung mit Friedrich Naumanns These von der nur begrenzten Tauglichkeit der christlichen Sittlichkeit in der Menschheitsentwicklung. Von der Weite der Gesichtspunkte, der Offenheit im Umgang mit Problemen von Kirche, Religion, Gesellschaft und Staat, der Vertrautheit und dem Umgang mit führenden Wissenschaftlern, die den ESK auszeichneten, blieb die KSK weit entfernt. Schon vor Kriegsbeginn aber begann für die Kirchlich-Sozialen eine Umbruchsphase, die durch den Weltkrieg verstärkt und beschleunigt wurde.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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