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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Heiner Reinhard

"Was willst Du, dass ich für Dich tun soll?"

Ignatianische Exerzitien als spiritueller Impuls für evangelische Christen

Als Kirche der Reformation haben wir die Rechtfertigungslehre ja fest in unseren Köpfen verankert – aber um sie in meinem Leben fruchtbar werden zu lassen, musste ich bei unseren katholischen Geschwistern in die Lehre gehen.

Die Erfahrung der Exerzitien

Noch im Vorfeld meiner ersten Schweigeexerzitien hatte ich im Brustton der Überzeugung die Sicherheit, dass Gott mir gut sei, als das Fundament meines Glaubens bezeichnet.

Danach ging es im Kloster Wülfinghausen ins Schweigen. 10 Tage allein, nur mit mir und Gott und täglichen Begleitgesprächen. Nach den ersten beiden Tagen perlt die sonst den Alltag prägende Unruhe langsam ab und es gelingt, mich mit meinem Leben Gott ganz entgegenzustrecken. Kostbare Tage, in denen mir so viel geschenkt wird: verdeckte Gefühle finden den Weg an die Oberfläche, die Sehnsucht meines Lebens wird wieder spürbar – und immer wieder erahne ich, dass Gott mich begleitet in diesen Tagen und ich durch biblische Texte seine Stimme in mein Leben hinein höre. Und: in entlarvender Deutlichkeit spüre ich, wie wenig ich von der Rechtfertigung her lebe; wie in den Exerzitien plötzlich das Bestreben in mir groß wird, dieser Zeit zu einem Erfolg zu verhelfen; wie wenig ich darauf vertraue, dass Gott es wirklich gut mit mir meint; wie sehr ich innerlich doch immer wieder das Gefühl habe, Frömmigkeit leisten zu müssen, um Gottes besonders geliebtes Kind zu sein. Ganz zu schwiegen von meiner eigenen Unfähigkeit, mich selbst als Geliebten zu betrachten. Wie tief eingebrannt in mir ist die Überzeugung, mir Liebe verdienen zu müssen. Bei Menschen genauso wie bei Gott.

Im Schweigen hilft kein Davonlaufen und rettet auch keine verkopfte Theologie. Immer wieder sitze ich in der Krypta vor einer Kerze, unterbrochen von erholsamen Spaziergängen durch eine wunderschöne Herbstlandschaft, und halte mich Gott entgegen. Werde der Blinde Bartimäus (Mk 10), der sich traut zu schreien, obwohl alle drum herum das für unmöglich und vermessen halten: "Jesus, Du Sohn Davids, erbarme Dich meiner!" Und höre schließlich, wie er auch zu mir sagt: "Was willst Du, dass ich für Dich tun soll?"

Da lege ich ihm mein Leben zu Füssen – nicht den Ideal-Christen, als der ich gern erscheinen möchte, sondern den Menschen, der ich im tiefsten Innern wirklich bin. Mit aller Verwundung, aller Sehnsucht. Und sage ihm, wo ich mich nach Heilung sehne.

Am letzten Tag bekomme ich durch die Tageslosung die Zusage, dass sein Wort auch in meinem Leben die Frucht bringen wird, die Gott verheißen hat (Jes. 55, 11) – an Zufall glaube ich nicht mehr.

persönliche Gebetszeiten

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Exerzitien mein Leben verändert und meinem Glauben Wege zu einer neuen, konkreten Form für den Alltag eröffnet haben. Dabei sind drei Elemente immer wieder wichtig: In persönlichen Gebetszeiten suche ich die konkrete Begegnung meiner persönlichen Sehnsucht mit biblischen Texten. Ich bringe vor Gott, wonach ich mich in meinem Innersten sehne und erlebe es immer wieder, dass biblische Texte dann für konkrete Bereiche meines Lebens sprechend werden.

Und möglichst oft schließe ich meinen Tag mit dem "Gebet der liebenden Aufmerksamkeit": Ich vergegenwärtige mir, "wie Gott mich liebevoll anschaut" und gehe mit seinem Blick meinen Tag durch, dankbar für manches Geschenk; und lerne (zugegebenermaßen mühsam) alles Scheitern, alles Unvollkommene ihm getrost zurückzugeben.

geistliche Begleitung

Schließlich habe ich mindestens monatlich ein Gespräch mit meinem geistlichen Begleiter. Wie gut tut das, in regelmäßigen Abständen innezuhalten, mich offen auszusprechen und anzuvertrauen! Hier ist der Ort um ehrlich zu beschreiben, was ist, durch Rückfragen und Anmerkungen zu klarerem Durchblick geführt zu werden. Diese geistliche Begleitung hält meinen inneren Prozess lebendig, hilft sortieren, führt zu neuen Türen, eröffnet neue Horizonte.

Dabei geht es niemals darum, ein fertiges Programm zu absolvieren, festgelegte Wege abzuschreiten, zu einem vorgeschriebenen Ideal-Christen zu werden. Vielmehr ist allein das Ziel, sich selbst der Begleitung Gottes anzuvertrauen. Der geistliche Begleiter ist dabei sehr behutsam, nicht lenkend; er gibt der persönlichen Entwicklung alle Freiheit, weiß aber immer auch um Versuchungen und Fallen auf dem geistlichen Weg. So entsteht ein Raum des Vertrauens, in dem ich eigenen Wünschen und der Sehnsucht meines Lebens auf die Spur kommen und dahinein Gottes Verheißungen hören kann. Wie gut tut es immer wieder (selbstverständlich neben erfahrungslosen Dürrezeiten) zu erfahren, dass er mich leitet und begleitet auf dem Weg in das Land der Verheißung.

Tabu-Bruch

Die Frage, wie wir unseren persönlichen Glauben im Alltag leben, ist heute fast so etwas wie ein letztes Tabu-Thema. Bezeichnenderweise kam genau diese Frage in meiner gesamten zehnjährigen Ausbildung nicht wirklich vor. Die persönliche praxis pietatis wird vorausgesetzt, aber nicht kommuniziert. Gerade wir TheologInnen können uns endlos über Theologie austauschen, ohne damit irgendetwas Persönliches mitzuteilen.

Und auch im Gemeindealltag erlebe ich, dass ich wohl auf meine praxis pietatis hin befragt werde, aber ein Austausch darüber nicht möglich ist. Auch in unserer Kirche wird die Frage "Wie sieht dein Glaube im Alltag aus?" als Eingriff in die Intimsphäre zurückgewiesen.

Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die Menschen in unseren Gemeinden mit der Frage nach dem Glauben in ihrem Alltag allein bleiben. Christliche Formen der Alltagsgestaltung verkümmern, geraten in Vergessenheit; andere "Anbieter" füllen diese Lücke.

Wo aber kommt diese Tabuisierung her? Haben wir ein schlechtes Gewissen, weil wir eine Idealform geistlichen Lebens im Kopf haben, der wir kaum entsprechen können?

Fürchten wir eingeengt, eingezwängt zu werden?

Mir scheint, unsere Aufgabe besteht darin, einen Mittelweg zwischen angeblich "katholischer" Werkgerechtigkeit und "evangelischer" Formlosigkeit zu finden. In unseren Ehen lernen wir (z.T. auch mühsam), dass Beziehung gestaltet werden muss. "Beziehung ist kein Naturereignis" – das gilt aber eben nicht nur für menschliche Partnerschaften, sondern auch für unsere Beziehung zu Gott. Sicher – wir können sie nicht machen, schon gar nicht verdienen. Aber pflegen können wir sie schon!

Verzahnung von Glaube und Leben

Das Faszinierende an dieser ignatianischen Spiritualität ist für mich, dass hier eine wirkliche Verzahnung von Glaube und persönlichem Leben gelingen kann. Es geht um mich, mein konkretes Leben, meine Sehnsucht. Früher hatte ich andere Frömmigkeitsformen erlebt: Immer wieder ging es darum, scheinbar fromme Inhalte meinem Leben überzustülpen. Im Exerzitienprozess geht es dagegen um eine liebevolle, ehrliche Bestandsaufnahme. So, wie ich bin, komme ich zu Gott. Muss nichts verstecken, verdrängen, weil seine Liebe wirklich mir gilt und keinem Ideal, dass ich erst noch erreichen muss. Wenn das nicht evangelisch im besten Sinne ist!

Impuls für unsere Gemeinden?

Es ist ein großes Geschenk, wenn Menschen die Möglichkeit eröffnet wird, einmal aus ihrem Alltag herauszutreten, sich 10 Tage dem Gebet und der Stille zu überlassen und eine erneute Ausrichtung des eigenen Lebens auf Gott hin zu erfahren. Gerade uns PfarrerInnen ist dieser Raum für eigenes, nicht "anwendungsorientiertes" geistliches Leben immer wieder zu wünschen. Die Gemeinden werden den Impuls spüren...

Exerzitien im Alltag können der Versuch sein, den Weg der Exerzitien in den Alltag hineinzunehmen. Für viele Gemeindeglieder wird dieser Weg der praktikablere sein.

Konkret wünsche ich mir für unsere Gemeinden die Etablierung der geistlichen Begleitung. Dass wir einander diesen "Raum des Vertrauens" eröffnen, uns ermutigen, mit einem Begleiter / einer Begleiterin unser Leben anzuschauen und Gottes vorbehaltlose Liebe da hinein sprechen und wirken zu lassen.

Es mag sein, dass es nicht unbedingt sinnvoll ist, wenn die Begleiterin / der Begleiter zu sehr mit dem Alltag des Begleiteten verbunden ist. Auch muss es nicht die Stärke der Pfarrerin / des Pfarrers vor Ort sein, Menschen kontinuierlich geistlich zu begleiten. Wünschenswert wäre darum ein Netzwerk von BegleiterInnen in unserer Kirche, deren Angebot zumindest allen MitarbeiterInnen (hauptamtlich wie ehrenamtlich) bekannt gemacht werden sollte.

Ich bin unserer Landeskirche sehr dankbar, dass sie meine zweijährige Fortbildung zur "geistlichen Begleitung" mitträgt und unterstützt. Die selbstverständlich gelebte Ökumene in diesem katholischen Kurs ist eine sehr wertvolle Erfahrung. Wir lernen viel voneinander – und ich wünsche mir, dass es Früchte trägt in unseren Kirchen.

 


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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