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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Albrecht Schönherr

Die letzte Strophe

I

Bonhoeffers letztes Gedicht "Von guten Mächten" steht nun im Gesangbuch (EG 65), unter den Liedern zur Jahreswende, wohin es auch gehört. Damit ist es sozusagen "kanonisiert". Das ist für einen Schüler und Freund Dietrich Bonhoeffers eine große Freude, wie für alle, die ihm Weisung und Hilfe für sich persönlich und für ihre Kirche verdanken.

Jochen Kleppers Lieder waren von vornherein als Gemeindelieder konzipiert. Bonhoeffers Neujahrsgedicht ist an die Familie gerichtet, an Braut, Eltern, Geschwister. Ein Familiengedicht als Gemeindelied, mit deutlichem biografischen Bezug. Das ist m.E. einmalig im Gesangbuch1 – und gewiß ein Problem..

Nur die letzte Strophe scheint die Grenze vom Persönlichen zum Allgemeinen zu überschreiten. Sie hebt sich auch insoweit von den vorhergehenden Strophen ab, als sie nicht mehr den Gebetscharakter durchhält, der seit der 2.Strophe das Gedicht bestimmt. Diese letzte Strophe hat dafür gesorgt, dass das Gedicht so populär geworden ist. Eine etwas banale Melodie und eine sehr populär gewordene Version der Anordnung der Strophen geht so weit, die letzte Strophe als Kehrvers mit jeder Strophe zu verbinden.

Aber diese Praxis tut dem Gedicht Gewalt an. Es ist unerlaubt, ein Kunstwerk derartig zu verändern. Aus dem Text geht eindeutig hervor, dass Bonhoeffer auf den von ihm vorgesehenen Ablauf besonderen Wert gelegt hat. Der authentische Text, der der großen Bonhoeffer-Werkausgabe und dem Gesangbuchtext zugrunde liegt, nummeriert die einzelnen Strophen – eine Praxis, die er sonst fast nie angewandt hat

Ob die letzte Strophe ein alle anderen Strophen bestimmendes Eigengewicht hat oder ob sie das Resultat und die Krönung der vorangegangenen sechs Strophen ist, ist nicht nur eine ästhetische, sondern eine erheblich theologische Frage. Für sich allein genommen gibt sie eine moderne Gottvertrautheit wieder, eine Auffassung, die Bonhoeffer "billige Gnade" nennen würde: "Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus". Darum ist dieses so persönliche Gedicht von besonderem Wert, weil es den Glauben als Nachfolge versteht, bezogen auf eine im tiefsten angefochtene Familie.

II

"Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar", "mit euch leben, mit euch gehen in ein neues Jahr" – das klingt, als ob es am Familientisch gesprochen wäre, im Frieden einer alle umfassenden Geborgenheit. Tatsächlich aber ist die Situation Bonhoeffers total verschieden von der Lage der übrigen Familie. Er schreibt aus einem der schrecklichen Keller des Gefängnisses, dessen Reste heute unter dem Namen "Topografie des Terrors" unmittelbar neben dem Gropiusbau in Berlin zu finden sind. Dort war damals das Gefängnis des Reichssicherheitshauptamtes, aus dem die Gefangenen zu den "widerlichen" Verhören vorgeführt wurden. "Hier ist die Hölle" rief der Vorgesetzte Dietrichs in der Abwehr, Admiral Canaris, seinen Mitgefangenen zu. Bonhoeffer befand sich seit Anfang Oktober mit seinen Mitverschworenen hier, nicht mehr in Tegel. Es war der Gestapo gelungen, die "Zossener Akten" und damit die Umsturzpläne, die zum 20.Juli 1944 geführt hatten, aufzufinden.

Wir haben den Bericht des Mitverschworenen Fabian v. Schlabrendorff, der uns zeigt, aus welcher Quelle Bonhoeffer lebt: "Immer war er guter Laune, immer gleichbleibend freundlich und gegen jedermann zuvorkommend, so dass er zu meinem eigenen Erstaunen binnen kurzer Frist seine nicht immer von Menschenfreundlichkeit erfüllten Wächter psychisch kaptiviert hatte. In dem Verhältnis zwischen uns war bezeichnend, dass er eher immer der Hoffnungsvolle war, während ich zuweilen unter Depressionen litt. Immer war er es, der einem Mut und Hoffnung zusprach, der nicht müde wurde zu wiederholen, dass nur der Kampf verloren ist, den man selbst verloren gibt. Wie viele Zettel hat er mir zugesteckt, auf denen der Bibel entnommene Worte des Trostes und der Zuversicht von seiner Hand geschrieben waren".

Wohlgemerkt: Die Hoffnung bezog sich in erster Linie auf das Überleben der am Aufstand des 20.Juli Beteiligten. Der politische Aufstand des Gewissens gehört zum verantwortlichen Leben, von dem Bonhoeffer in seinen Fragmenten zur "Ethik" spricht "Gewiss wird es kein verantwortliches Handeln geben können, das die durch Gottes Gesetz selbst gegebene Grenze nicht mit letztem Ernst ins Auge fasst, und doch wird gerade das verantwortliche Handeln dieses Gesetz [nicht] von seinem Gesetzgeber trennen, es wird den Gott, der die Welt durch sein Gesetz in Ordnung hält, nur als den Erlöser in Jesus Christus erkennen können...Um Gottes und des Nächsten willen und das heißt, um Christi willen gibt es...eine Freiheit, die dieses Gesetz durchbricht, aber nur, um es so neu in Kraft zu setzen...Eine Durchbrechung des Gesetzes muß in ihrer ganzen Schwere erkannt werden...Ob aus Verantwortung oder aus Zynismus gehandelt wird, kann sich nur darin erweisen, ob die objektive Schuld der Gesetzesdurchbrechung erkannt und getragen wird und gerade in der Durchbrechung die wahre Heiligung des Gesetzes erfolgt. So wird der Wille Gottes in der aus Freiheit kommenden Tat geheiligt. Weil es hier um eine Tat aus der Freiheit geht, darum wird der Mensch nicht in heillosem Konflikt zerrissen, sondern er kann in Gewissheit und Einheit mit sich selbst das Ungeheure tun, in der Durchbrechung des Gesetzes das Gesetz erst zu heiligen".

Unsere christliche Hoffnung bezieht sich nicht allein auf unser ewiges Heil, das in Gottes Händen liegt, sondern gerade auch auf alle irdischen Hoffnungen, die uns auf unserm Weg durch dieses Leben beflügeln. Darum beginnt das Lied nicht mit einer Klage über Not und Depressionen, sondern mit Dank an die "guten Mächte", die ihn "treu und still" umgeben und ihn "behüten" und "wunderbar trösten.

Wer sind diese "guten Mächte"? Jürgen Henkys setzt sich mit Nachdruck dafür ein, dass damit Engel gemeint seien. Er führt das von Humperdinck vertonte Kinderlied von den 14 Engeln an, die das Bett umstellen und das den Geschwistern geläufig ist. Die Mutter hatte es ihnen vorgesungen. Eberhard Bethge fügt hinzu: "Aber für Bonhoeffers Vorstellungen sind es noch mehr als diese 14, ja der Theologe kann zeigen, wie für ihn auch Gebote, Rituale und liturgische Ordnungen von Tag und Jahr ‚gute Mächte’, Engel sind. Ja, Gott kann sogar aus Fehlern und Irrtümern eines Tages gute Mächte für uns machen. Böse werden sie erst wirklich, wenn sie uns das Entscheidende rauben, gut, wenn sie das Entscheidende uns schaffen. Und so müssen sie ihren Platz in der ersten Strophe haben; aber die bösen Tage erst in der zweiten".

"Mit euch leben", "mit euch gehen". Keine Gefängnismauern können die guten Mächte daran hindern, dass Dietrich mit seiner Braut, seinen Eltern, seinen Freunden in diesen Tagen der Jahreswende "lebt" und getrost in das neue Jahr geht. Mir fällt auf, mit welchen schlichten Worten er diese Gewissheit schildert.

Die Berufung auf die guten Mächte hat ihn nicht blindgemacht für seine tatsächliche Situation, erzeugt keine Euphorie, die die Augen verschließt für der "bösen Tage schwere Last". Wenn das wahr bleibt, was Bonhoeffer in der ersten Strophe bezeugt hat, kann jetzt nur ein Gebet folgen, in dem die "aufgeschreckte Seele" sich an den wendet, dem er sich bei seinem Gang in das neue Jahr anvertraut hat. Er bittet nicht darum, dass er sich "heil" (im Sinne von unversehrt) aus diesen bösen Tagen retten kann. Alles Heil erwartet er von Gott allein. Aber er weiß, dass er es nicht vergeblich erwartet. Gott hält es für ihn bereit. Bald nach dem Scheitern des Aufstandes vom 20.Juli , kann er in seinem Gedicht "Stationen auf dem Wege zur Freiheit" sagen: "Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände sind dir gebunden. Ohnmächtig einsam siehst du das Ende deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden". Die "guten Mächte" sorgen dafür, dass Leiden, also auch das trostlose Gefängnis, nicht das Ende bedeuten, sondern "Verwandlung" des tätigen Lebens in ein hoffendes Warten auf das Heil, das allein aber auch gewiss in Gottes Hand liegt.

Nicht überlesen sollten wir, dass Bonhoeffer von dem Heil spricht, "für das" uns Gott geschaffen hat. Wir sind es gewohnt, dass es heißen müsste "das Heil, das du für uns geschaffen hast". Aber hier wird nicht die vertraute Wendung gebraucht wie es immer wieder im Gesangbuch steht: "Es ist das Heil uns kommen her". Aber hier soll gesagt werden, dass Gott das Heil für uns gerade so geschaffen, dass auch Gefängnis und Tod, aber auch Verantwortung und mutige Tat darin Platz hat.

Die dritte Strophe zeigt, dass Bonhoeffer den vollen Ernst vor Augen hat, der den Gefangenen in dem Todeskeller ständig umgibt. Sie deutet an, dass Bonhoeffer damit rechnen muss: Die "letzte Stufe" kann die zum Galgen sein. Ein großes Wort: Er ist bereit, den Kelch "dankbar und ohne Zittern" aus Gottes "guter und geliebter Hand" zu nehmen. Auch wenn es zum Schlimmsten kommt, bleibt Gottes Hand immer noch die "gute und geliebte". Die Erwähnung des Kelches weist natürlich auf Gethsemane.

Das steht nun so im Gesangbuch. Wir muten der Gemeinde zu, nicht nur den Alten, an dem Tage, an dem man sich mit allerlei Feuerwerk die Angst zu vertreiben sucht, mindestens daran zu denken, dass dies Jahresende das letzte sein könnte. Dann sollten wir wissen, was uns hält und trägt.

III

Die Strophe 3, die von dem "Kelch, dem bittern" spricht, wird mit "und" eingeleitet – das Leiden gehört zur Existenz des Christen hinzu. Die 4.Strophe beginnt mit einem "Doch". Unser Christsein besteht nicht darin, das Leiden aus Gottes Hand zu nehmen und zugleich alle weltlichen Freuden als unserm Christenstand unangemessen von uns zu weisen. Bonhoeffer ist kein Asket, er will kein "Heiliger" sein. Er will "ein Mensch, ein Christ" sein. Man beachte die Reihenfolge! In Finkenwalde sang er mit uns des Matthias Claudius kindlich frommes Lied: "Ich danke Gott und freue mich". Auch im Gefängnis der Gestapo hat er die Freude an "dieser Welt und ihrer Sonne Glanz" nicht vergessen. Das macht ihn für viele, die ein christliches Leben führen wollen, so anziehend. Er bekennt sich nicht nur zu den "letzten" Inhalten des christlichen Glaubens, Gott schenkt uns auch die "vorletzten". Zu den "letzten Dingen" hat sich Bonhoeffer in dem monumentalen Gedicht "Stationen auf dem Wege zu Freiheit" bekannt , das kurz nach dem 20.Juli 1944 entstanden ist und, wie der Brief vom 21.7., den Charakter eines Testaments hat, .

Zur "Freude" gehört, des "Vergangenen zu gedenken". Das Gedicht "Vergangenheit", das Dietrich am 5.6.1944 seiner Braut sendet, endet mit den Worten: "Vergangenes kehrt dir zurück / als deines Lebens lebendigstes Stück / durch Dank und durch Reue", nicht indem man das eigene Missgeschick beklagt oder Schuld aufrechnet. Vergangenheit "bewältigen" können wir nicht durch Selbstreinigung, Vergangenheit kann uns nur der zu "unsers Lebens lebendigstem Stück" gestalten, der uns in seinen Händen hat, und dem wir uns in Dank und Reue anvertraut haben.

Darum ist die Hoffnung, die den gefangenen Bonhoeffer trägt, nicht nur, wieder freizukommen und bei den Seinen zu sein. Sein höchster Wunsch ist, dass sein Leben dann ganz Gott gehöre, als kostbare Gabe und als rückhaltlose Indienstnahme durch ihn. Wie nötig wären uns heute Menschen, die ihr Leben, weil sie es Gott verdanken, ihm und damit den Geschöpfen ganz uneigennützig zur Verfügung gestellt haben.

Bonhoeffers Gedanken sind angefüllt von den Erinnerungen daran, wie die Familie Weihnachten gefeiert hat. Die Kerzen des Weihnachtsbaumes werden ihm zum Zeichen für das Licht Gottes, das auch die trostlose Dunkelheit des Kellers in der Prinz-Albrecht-Straße zu überstrahlen vermag. Wie wichtig die Riten sind, die unsere Kinder vom Elternhaus mitnehmen!

Nicht nur als irdisches Phänomen. Das Licht holt die "Stille" der "unsichtbaren Welt" in die Gefängniszelle herein; die "guten Mächte" und nicht "der bösen Tage Last", die dumpfe Stille des grausamen Ortes, erfüllen den elenden Raum. Der Gefangene weiß sich mit den Seinen, mit Braut, Eltern, Geschwistern und Freunden verbunden, und mit ihnen und durch sie mit allen "guten Mächten" der unsichtbaren Welt, die ihn und die Seinen umgeben und durch die Gott seinen Frieden und seinen Schutz "um uns breitet".

IV

Das alles sollte uns begleiten, wenn wir die letzte Strophe singen. Wir verstehen sie völlig falsch, wenn wir sie dahinträllern, als ob es das Selbstverständlichste für uns Christen sei, uns "von guten Mächten wunderbar geborgen" zu wissen. Wenn die letzte Strophe isoliert wird, ist die Gefahr groß, dass damit dem modernen Irrglauben Vorschub geleistet wird, der Glaube beschränke sich darauf, eine christlich verbrämte Gesinnung zu haben, einen "Standpunkt" zu gewinnen, ohne den Weg mit Christus gehen zu wollen. Gott ist nicht einfach "mit uns", wie es in der früheren Fassung fälschlich hieß. "Gott mit uns" war die lästerliche Aufschrift auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten. "Gott bei uns" besagt, dass wir Gott nicht einfach mit unsern Wünschen und Zielen identifizieren dürfen. "Gott bei uns" sagt der Glaube, der den Weg zu gehen versucht, auf den ihn Jesu Ruf "folge mir nach" gestellt hat. "Gott ist bei uns" ist keine "billige Gnade", die uns immer schon sicher wäre und auf die hin wir unsern Weg nach eigenem Gutdünken gestalten könnten. Nein – zur letzten Strophe gehören die sechs Strophen davor. Wir können und werden unsere Zukunft kaum so erfahren, wie Dietrich Bonhoeffer. Gott geht mit jedem von uns seinen besonderen Weg. Aber wir sollen wissen und ernst nehmen, dass die letzte Strophe auch die letzte bleibt, Ziel, Resultat eines Lebens in der Nachfolge sein will und nicht selbstverständliche Voraussetzung.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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