Hans W. Schünemann

Frust und Freude eines Laien in der Evangelischen Kirche

Es wird in unserer Kirche viel geredet. Gelegentlich auch Unsinn. Ich will gar nicht alles aufgreifen, was da nach Kirchenvorstandsitzungen über die Pastoren gemeckert, was beim Kaffeeklatsch über die Kirche gemault wird, was andererseits Pastoren sich in schwacher Stunde über die lahmen Gemeinden zumurmeln mögen. Wir kennen das ja alle.

Nur einen Satz will ich zitieren, den ich aus dem Mund von Ehrenamtlichen öfter gehört habe und in dem das ganze Problem gleichsam kulminiert: Der Pastor – wird dafür bezahlt, und wir sollen die Arbeit machen?

Das ist ein Satz von einer bemerkenswerten Kurzschlüssigkeit, ja: Dummheit. Denn er zeugt von einem Kirchen- und Gemeindeverständnis, das tödlich ist. Ja, ich sage "tödlich", und ich hoffe, das wird nach und nach deutlich werden.

Das Thema Warum engagiere ich mich in der Kirche und was will ich erreichen? schlüssele ich in drei Leitfragen auf:

Ich spreche darüber aus einer sehr subjektiven Sicht und eigenen Erfahrung, die ich als Kirchenvorsteher, Mitarbeiter im Bibelkreis Upen, als Prädikant und Mitglied/Vorsitzender der Propsteisynode habe. Dies bedingt sicher eine Blickverengung, die mir Ehrenamtliche, die anderes überblicken, nachsehen mögen.

Also: Warum engagiere ich persönlich mich in der Kirche?

Vor zehn Jahren riefen sie in der DDR: Das Volk sind wir.

Es wird Zeit, liebe Schwestern und Brüder, dass wir endlich rufen: Die Kirche – das sind wir. Die Kirche ist kein Dienstleistungsbetrieb, bei dem man für möglichst wenig Geld und Einsatz möglichst viel Leistung haben will, und bei dem man über den Service meckert, wenn er hinter den vermeintlich berechtigten Erwartungen zurückbleibt.

Nein, die Kirche – das sind wir.

Es wird Zeit, das wir uns von neuem bewusst machen, was das bedeutet.

Viele von uns scheinen immer noch in der Vorstellung zu leben, dass wir in Gestalt der Pastoren eine besondere Kaste vor uns haben, die zwischen dem Volk und Gott vermittelt, die gleichsam das Heilige verwaltet. Diese Zeit ist spätestens sei Luther vorbei. Das wissen die Pfarrer längst; sie kennen Luthers Lehre von dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen besser als ich. Aber viele in den Gemeinden scheinen immer noch nicht erfasst zu haben, was dies für unsere Mitarbeit in der Gemeinde bedeutet.

Nur so viel in meinen Worten:

Für uns Protestanten ist der Mittler zwischen Gott und uns allein Jesus Christus, sonst niemand. Ich bin von Gott geschaffen. Bildlich: Er ist mein Vater, meine Mutter. Durch die Taufe bin ich Kind Gottes geworden. Er, Gott selbst, hat mich in seine Familie hineingerufen. Er ist es, der mir bestimmte Gaben anvertraut hat, in meinem Kopf und in meinen Händen. Er ist es, der mir damit auch bestimmte Aufgaben gegeben hat. Ihm bin ich verantwortlich – nicht meiner frommen Schwiegermutter oder dem Pastor. Er, Gott, hat mir persönlich für diesen Weg Jesus Christus als persönlichen Begleiter gegeben, als Bruder, dem ich mich anvertrauen kann.

Wenn das klar ist, dann ist auch der nächste Schritt gegeben:

Weil jeder von uns unmittelbar zu Gott ist, sein Kind, deshalb gehören wir alle zusammen in diese Familie hinein, der Bruder Bischof ebenso wie die Schwester aus der Schlichtwohnung. Wir Laien ebenso wie die Pfarrer.

Familie! Das unterscheidet die Kirche von einem Dienstleistungsbetrieb.

Jetzt kann ich die Frage beantworten:

Ich arbeite deshalb in der Kirche, weil ich gern zu Gottes Familie gehöre.

Das reicht mir als Motiv vollkommen aus.

Nun zeigt sich, dass der unsägliche Satz: Der Pastor wird bezahlt, und soll auch die Arbeit machen vorn und hinten nicht stimmt.

Natürlich haben wir alle in der Gemeinde verschiedene Aufgaben. Es ist wichtig, dass wir sie erkennen und ausüben und uns nicht in die Aufgaben hineindrängen oder hineindrängen lassen, die andere besser erledigen können. Erlauben Sie, dass ich das mit einer Anekdote klarmache:

Ein junger Tenor singt dem berühmten Komponisten und Gesangslehrer Cherubini vor. Dieser hört lange und geduldig zu. Dann sagt er: "Junger Freund, sie haben eine kräftige Stimme". "O danke, Maestro", erwidert der. "Ja", sagt Cherubini, "eine sehr kräftige Stimme: Und deshalb rate ich Ihnen, Auktionator zu werden".

Nichts gegen Auktionatoren. Aber jeder von uns hat eben seine eigenen, besonderen Gaben – und andere nicht. Und jeder, der bereit ist, seine Begabungen der Gemeinde zur Verfügung zu stellen, hat dann auch besondere Aufgaben. Gottes Mitarbeiter, so hat es Paulus einmal genannt. Jeder mit anderen Gaben und Aufgaben. Es wird darauf ankommen, sie zu erkennen, sie zutage zu fördern und zu entwickeln.

Die Pastoren haben – wenn ich die Geschichte noch einmal aufgreifen darf – nicht nur eine kräftige Stimme, sondern sie haben auch inhaltlich etwas zu sagen. Deshalb ist ihnen zu ihren Gaben ein Amt gegeben: Hirtenamt, Lehreramt, öffentliche Verkündigung im Gottesdienst, Verwaltung der Sakramente. Und nahezu ihre wichtigste Aufgabe sehe ich darin: die Gaben der anderen Mitarbeiter zu erkennen, sie zutage zu fördern und zu entwickeln.

Das bedeutet nicht eine Privilegierung, sondern eine besondere Verantwortung; und die kann sehr drücken, wie ich aus Gesprächen mit Pfarrern weiß. Dass sie dafür bezahlt werden, ist selbstverständlich. Denn sie setzen nicht nur ihre Lebensarbeitszeit dafür ein, sondern vermutlich sehr weit mehr.

Damit diese Verantwortung die Pfarrer nicht erdrückt (und auch aus anderen Gründen, auf die ich später komme), sind wir anderen Mitarbeiter da, die Ehrenamtlichen: im Altenkreis, Frauenhilfe, Frauenfrühstückskreis, Frauenkreis, Lektoren- und Prädikantendienst, Jugendgruppe, Konfirmandenunterricht, Konfirmandenferienseminar, Bastelkreis, Gemeindebriefredaktion, im Gottesdienst, in der Kinderkirche, im Besuchsdienst, im Kirchenvorstand....

Ich denke, jeder Pfarrer – und der Bischof sowieso – weiß, dass die vielfältigen Aufgaben der Kirche sich schon finanziell ohne Ehrenamtliche auch nicht mehr zu einem Teil bewältigen ließen.

Ich hoffe, jedem der Pfarrer unserer Landeskirche ist klar, welch einen großen Schatz von Motivation, von Bereitschaft, von Begeisterung, von Zeit sie hier für die Gemeinde zur Verfügung haben. Ihn verwalten, fördern und entwickeln dürfen sie – das ist ihr Privileg.

Und ich hoffe, dass alle Ehrenamtliche, die hier sitzen, diesen großen Schatz von Motivation, von Bereitschaft, von Begeisterung, von Zeit wirklich selbstbewusst einsetzen. Nicht gegen die Pfarrer, sondern mit ihnen.

Nochmals zu dem Bild der Familie: Wenn eine Familie ein Fest feiert, hat ja auch jedes Familienmitglied seinen speziellen Aufgaben. Einer entwirft die Einladung, der andere die Menüfolge, die dritte kann das aufwendige Menü dann auch wirklich kochen, die vierte ist Spezialistin für Tischkarten und Tischschmuck, ein anderer findet den besten Wein im Keller, der nächste hält gern und gut Reden, und eine spricht das Tischgebet (Meinetwegen Komm, Herr Jesus, sei unser Gast – aber es darf auch etwas mehr sein). Und wenn dann einige noch beim Abwasch helfen, vielleicht sogar der Familienvater, dann war’s ein Fest.

Ich kenne Gemeinden, in denen ein so festliches Familien-Leben herrscht.

Aber so einfach wie eine Familienfeier ist das Gemeindeleben natürlich doch nicht. Es gibt Hindernisse, Entmutigungen, Ermüdungserscheinungen. Deshalb zu meiner zweiten Frage:

Warum möchte ich manchmal alles hinwerfen?

Es gibt ein Gedichtchen, leider nur englisch überliefert, das lautet so:

Paddy Murphy went to mass / he never missed a Sunday.

Paddy Murphy went to hell / for what he did on Monday.

Es braucht ja nicht gleich die Hölle zu sein. Aber: Das festliche Gemeindeleben wird immer wieder durch einen entmutigenden Alltag in Frage gestellt. Nicht die Theologie des allgemeinen Priestertums der Gläubigen oder des Leibs Christi ist die Nagelprobe; unsere Festreden und Predigten darüber beweisen nichts. Vielmehr ist an unserem grauen Alltag zu messen, ob wir gemeinsam als Familie Gottes unsere wunderbare Botschaft weitertragen oder ob wir sie verkümmern oder gar verkommen lassen.

Und da stellt sich manches in den Weg. Besser gesagt: Da stehen wir uns selbst oft genug im Weg.

Natürlich sind vor allem die Verhältnisse Schuld, wenn es nicht läuft, so sagen wir: Schwindende Mitgliederzahlen, sinkende Kirchensteuern. Lächerlich, sage ich dazu! Ich halte dies für ein ganz und gar vordergründige Argument, eines, hinter dem sich Fantasielosigkeit wunderbar verschanzen kann:

Noch keine sinnvolle Jugendarbeit ist an mangelndem Geld gescheitert. Noch keine Gemeinde hat den Plan, eine regelmäßige Tauferinnerung zu veranstalten, aus Geldmangel fallen gelassen. Kein Krankenhausbesuch muss wegen fehlender Fahrtkostenerstattung scheitern.

Ich sehe ganz andere Gründe, weshalb die gute Zusammenarbeit zwischen Pfarrern und Ehrenamtlichen immer wieder stockt, weshalb es immer wieder Streit, Widerstände, Frust, Ermüdung, Gerede gibt und weshalb ich manchmal alles hinwerfen möchte –Sie vielleicht auch.

Erstens: Unserer Eigensinn

Ich kenne Pfarrer, die unnachgiebig an einer bestimmten Abendmahlsform festhalten, obwohl sie Signale von den Laien bekommen, dass man darüber einmal reden könnte; die die Goldene Konfirmation unbedingt am einem Samstag feiern wollen, obwohl der gesamte Jahrgang sich für Sonntag ausspricht; die sich beharrlich weigern, einen Tauferinnerungsgottesdienst zu feiern, obwohl der gesamte Kirchenvorstand es jahrelang vorschlägt; die den von vielen Frauen mit Engagement vorbereiteten Weltgebetstag beharrlich übersehen.

Ich kenne andererseits Ehrenamtliche, die sich in "ihren" Bereich von niemandem hineinreden lassen; die jeden Ratschlag des Pfarrers als Einmischung missverstehen; die – in ihrem Amt alt geworden – nicht loslassen, nicht abgeben können, obwohl schon längst Jüngere bereitstehen.

Und ich kenne mich selbst und sehe, dass ich manchmal ein ziemlich sturer Bock bin. Fragen Sie meinen Pfarrer.

Sie schließen hoffentlich aus der letzten Bemerkung, dass es mir hier gar nicht darum geht, einzelne anzuklagen. Auch nicht darum, nur den Pfarrern Sturheit zu attestieren. Es geht mir darum, dass wir ernsthaft unsere Haltung des Rechtbehaltenwollens überprüfen, die so oft die Zusammenarbeit von Pfarrern und Ehrenamtlichen belastet.

Wenn ich diesen Wunsch aus aktuellem Anlass einmal theologisch etwas höher aufhängen darf: Wenn wir aus Gottes Gnade gerechtfertigt sind, ihm wieder recht sind, ohne alle Vorbehalte, dann brauchen wir vor den anderen Menschen nicht immer recht zu behalten. Darüber sollten wir nachdenken.

Zweitens: Es ärgert mich, wenn wir unsere Begabungen verkommen lassen.

Wenn wir über leere Kirchenbänke klagen oder uns wundern, dass die Jugendlichen den Jugendkeller nicht besuchen, dann liegt das unter anderem daran, dass wir unsere eigenen Begabungen in der Gemeinde nicht ausschöpfen.

Pastoren wissen ja wohl längst, dass sie nicht alle Bereiche abdecken können wie jene legendäre eierlegende Wollmilchsau. Aber ich habe den Eindruck, dass sie noch längst nicht genug daran gegangen sind, diese Gaben auch bei ihren Gemeindegliedern zu wecken und auszuschöpfen, ja, sie vielleicht sogar einzufordern und damit vielleicht neue Ehrenamtliche zu gewinnen.

Warum wirken denn nicht an jedem Gottesdienst Laien mit? Weil sie sich zieren oder Angst haben? Nein! Weil die Pfarrer es viel zu schnell aufgeben, die vielen Begabungen, die in den Gemeinden schlummern, zu aktivieren.

Warum gibt es nicht in jeder Gemeinde eine Kinderkirche oder einen Bibelkreis? Weil der Pfarrer zu viel zu tun hat? Nein! Weil die Begabungen in der Gemeinde nicht beharrlich genug herausgefordert werden.

Andererseits ist natürlich auch richtig: Fast alle Ehrenamtlichen in den Gemeinden, haben viel zu wenig Mut, mit ihren Vorschlägen, Ideen, Vorstößen die Pfarrer zu verfolgen. Positiv ausgedrückt: Sie zu neuen Wegen zu ermutigen. Die meisten Ehrenamtlichen sind weiterhin in der Haltung befangen, die ich oben angesprochen habe: Das ist Sache des Pfarrers.

Dazu nochmals: Nein! Es ist unsere gemeinsame Sache, die Gemeinde zu bauen.

Aber auf neuen Wegen? Damit kommen wir zu einem kritischen weiteren Punkt:

Es frustriert mich, wie viel Angst wir vor jeder Veränderung haben.

Natürlich ist nicht alles Alte Mist, und nicht jede Neuerung bringt uns weiter. Eine Kirche lebt auch aus guten Traditionen. Aber sie müssen sich schon an den Anforderungen einer völlig veränderten Zeit überprüfen lassen.

Ich habe den Eindruck, dass viele Pfarrer durch ihre Ausbildung zu ausgepichten Traditionalisten herangebildet worden sind.

Aber auch bei den Laien gibt es ja sofort Widerstand, wenn einmal etwas geändert werden soll, die Sitzordnung in der Kirche gelockert, der Ablauf der Weihnachtsfeier überprüft. Und im Kirchenvorstand entsteht tiefe Unruhe, wenn einmal Änderungen an der vertrauten Liturgie erwogen werden; wenn das Abendmahl zu einer Feier der Freude umgestaltet werden soll, bei der die Leute eben nicht angstvoll-angespannt dastehen wie die Fußballer in der Mauer beim Freistoß.

Wir berufen uns immer darauf, dass man der Kerngemeinde nicht zu viele Veränderungen zumuten dürfe. "Sonst kommen die auch nicht mehr!" heißt es dann.

Aber zum einen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die sogenannte Kerngemeinde gar nicht so kerntrocken und verstaubt ist, wie manche sie sich vorstellen. Zum anderen sind wir auch den sogenannten Fernstehenden verpflichtet, jenen, die unserer Kirche nicht mehr zutrauen, dass sie Antworten auf die Lebensfragen gibt, oder die sofort erwarten, dass die Kirche in unverständlicher Sprache auf Fragen antwortet, die niemand gestellt hat. Ihnen müsste durch unser Tun das deutlich werden, was etwas boshaft auf einem Graffiti zu lesen war: Gott ist nicht tot. Er ist möglicherweise nur beim Wort zum Sonntag eingeschlafen.

Wann Gott wieder Interesse an unserer Verkündigung findet, wird er selbst entscheiden. Wir sollten uns darauf konzentrieren, die Gemeinde zu wecken und auch für die sogenannten Fernstehenden attraktiver zu werden.

Die Ehrenamtlichen können viel dazu beitragen, dass die Verkündigung noch konkreter wird, auf unser Leben bezogen; dass sie Antworten auf die Fragen gibt, die die Menschen bewegen.

Und der vierte Grund, weshalb ich manchmal alles hinwerfen möchte: Es macht mich fast krank, wie oft wir übereinander reden, statt miteinander.

Mein Beruf als Familienrichter beweist mir jeden Tag, was ja jeder von uns sowieso weiß: Es ist fast tödlich für eine Beziehung, wenn man nicht offen miteinander umgeht.

Wir sollten nicht nur hinter vorgehaltener Hand flüstern, welche Auffassungen zum Besuchsdienst, zur Gottesdienstgestaltung, zur Jugendarbeit wir haben. Sondern darüber reden. Wir sollten nicht nur im Hintergrund mosern, dass wir den Pfarrer endlich mal wieder in unserer Gruppe sehen möchten. Sondern es ihm sagen. Notfalls mehrmals. Es muss nicht so bleiben, dass der Pfarrer nicht weiß, was im Frauenkreis oder in der Frauenhilfe vorgeht.

Wir müssen Gelegenheiten, Orte, Formen finden, in denen wir uns offen sagen, was uns bewegt, was wir von einander erwarten, was uns aneinander ärgert und freut. Ich gestehe, dass ich in meiner Arbeit als Kirchenvorsteher dagegen oft verstoßen habe. Zu spät ist mir der Gedanke gekommen, dass z.B. ein regelmäßiges gemeinsames Frühstück mit meinem Pfarrer eine Möglichkeit wäre, hier Abhilfe zu schaffen. Und es gibt andere Möglichkeiten, hier sich hier gegenseitig zu helfen: Kritikkästen, die auch geleert werden, regelmäßiges Brainstorming, Seelsorge, gemeinsames Beten. Ja, ja, gemeinsames Beten... Und vielleicht einmal ein Wochenende der Stille und der Meditation im Kloster Riechenberg oder sonst wo. Wie wäre das?

Wenn wir voneinander wissen, was wir glauben, was uns eigentlich bewegt und trägt, dann entsteht vielleicht so etwas wie seelsorgerliche Gemeinde, dann können wir auch andere Frömmigkeitsstile, irritierende Gegenströmungen und neue Methoden akzeptieren lernen.

Und so sehen wir am Ende dieses kritischen Teils schon einiges, das uns ermutigt, uns kurz der letzten Frage zuzuwenden und damit eigentlich an den Anfang zurückzukehren:

Warum mache ich dann doch weiter?

Ganz persönlich gesagt – und ich glaube, jeder von Ihnen Ehrenamtlichen kann das so oder ähnlich von sich sagen:

Ich werde durch diese Arbeit täglich beschenkt! Ich lerne dazu. Ich wachse an Aufgaben, die ich mir vorher nicht zugetraut habe. Ich habe viele ermutigende Erlebnisse, sehe manche lebendige Gemeinde, erlebe, wie Menschen ihre Gaben entdecken und frei werden. Mein Leben ist sehr viel erfüllter.

Und wenn ich etwas über das Persönliche hinausschaue:

Ich sehe um mich herum eine Gesellschaft, Menschen, die ein tiefes Bedürfnis nach Halt, Orientierung, Befreiung von Angst, nach Zukunftsperspektive haben. Was die Zeitschrift Publik-Forum als Überschrift ihres letzten Heftes gewählt hat, das besteht wirklich: "Der Hunger der Seelen vor der Kirchentür".

In dem Wachstum der anderen religiösen Angebote zeigt sich das deutlich genug. Unsere Antwort auf diese anderen Angebote muss nicht jenes weinerliche Gerede über zu wenig Kirchensteuern und über Kirchenaustritte sein.

Vielmehr müsste unsere Antwort sein: Jeder Ehrenamtliche, der für unsere Botschaft einsteht und sie lebt, ist gleichsam ein Same, der nach und um sich herum ein ganzes Feld zum Blühen kann.

Wir haben eine wunderbare Botschaft weiterzugeben – mit Worten und mit unserem Handeln. Und das ist auch der tiefste Grund, weshalb ich es gar nicht lassen kann, weiter mitzuarbeiten:

Ich weiß, ich habe einen Gott, der kein Sünden-Buchhalter ist, sondern der mich so liebt, wie ich bin (mich freilich doch noch ein bisschen verändern will), einen Gott, der mir nachgeht und mich nicht aufgibt, der mich aus einem tiefen Loch geholt und befreit hat und immer wieder neu befreit, der mein Leben zum Blühen bringen will, der mir die Augen für die sozialen und ökologischen Existenzfragen unserer Zeit geöffnet hat und der mich nicht ins Dunkel laufen lässt, sondern mich am Ende der Tage erwartet. Das ist eine gute Botschaft.

Ich möchte daran mitarbeiten, wir alle sollten weiter daran mitarbeiten, dass dieses christliche Angebot mit einer klaren Stimme vertreten bleibt. Dass es deutlich seine Konturen, sein Profil zeigt, deutlich zeigt, was Gott von uns erwartet und was er uns anbietet.

Ich glaube, es ist überaus wichtig, dass dies in allen unseren Aktivitäten deutlich wird. Dazu zum Schluss eine fast wahre Geschichte:

Der Bischof besucht die Gemeinden des Innerstetals. Er spricht mit den Pastoren auch über Fragen der Verkündigung. Dabei sagt er ihnen: "Meine Brüder und Schwestern, Sie müssen, wenn Sie predigen, das auch ein wenig mit Ihrer Mimik unterstreichen. Wenn Sie z.B. vom Himmel reden, dann müssen Sie ein strahlendes und fröhliches Gesicht machen". Da meldet sich ein Pastor und fragt: "Und wenn ich nun von der Hölle rede?" "Dann können Sie so bleiben, wie Sie immer sind".

Also: Wir haben eine wunderbare Botschaft. Das sollte zu spüren sein in unseren Worten und unserm Handeln. Und es sollte zu spüren sein in der Art wie wir – Pfarrer und Ehrenamtliche – alle gemeinsam diese Aufgabe erfüllen.

 

 

 


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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