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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Wilfried Steen

Ökumene außer Atem?

Es mag 1973 gewesen sein, als Landesbischof Dr. Gerhard Heintze uns zu Hause besuchte. Damals wohnten wir an der Katharinenkirche in Braunschweig in der Wohnung über Propst Siegfried Stange. Als junger Stadtjugendpfarrer waren für mich die aktuellen Konflikte der Kirche wichtig. In unserem Flur hing ein Poster mit der Aufschrift: "Ein kluges Wort – und schon ist man Kommunist." Heintze sah es und kommentierte es lächelnd: "Da ist was dran."

Obwohl ich sein Wirken nur ausschnittweise wahrgenommen habe, war Heintze war für mich der Bischof mit ökumenischer Weite, der in der EKD und der Ökumene anerkannter war als zu Hause in der kleinen, etwas miefigen Landeskirche. Er bezog Position. Auch wenn mir die Position nicht immer passte. Ein Beispiel ist mir eingefallen: Die Auseinandersetzungen um meinen damaligen Vorgänger im Amt des Stadtjugendpfarrers, Eberhard Fincke, und seinen Äußerungen in der damaligen Kirchenzeitung "Der Sonntag" zu "Jesus war anders". Heintzes theologische Weite hat mich auch in dieser Auseinandersetzung beeindruckt.

Hatte ich zu Beginn meines Pfarrerdaseins nur eine verschwommene Vorstellung von Ökumene, so konnte sich im Laufe der Jahre das Bild der weltweiten Gemeinschaft von Kirche schärfen. Heute bin ich seit nahezu 12 Jahren im Entwicklungsdienst der evangelischen Kirche tätig, zur Zeit als Vorstandsmitglied des Evangelischen Entwicklungsdienstes, einer Einrichtung der evangelischen Landes- und Freikirchen. Gerade bei dieser Tätigkeit wird mir immer deutlicher, wie notwendig der weltweite ökumenische Atem, wie dringend eine Vernetzung über die nationalen Grenzen der Kirchen ist.

Bischof Heintze hat die Türen der Landeskirche geöffnet für den Wind der Ökumene. Seine besondere Vorliebe galt der europäischen Ökumene KEK, der Friedensinitiative der damaligen Jahre, den Initiativen der Jugendarbeit (Hungermarsch), um weltweite Solidarität zugunsten der Armen zu fördern. Bis ins hohe Alter hat der sich in der ökumenischen Arbeit in Württemberg, seinem Alterssitz, engagiert.

Wer heute das Stichwort Ökumene in kirchlichen Kreisen nennt, wird auf eine insgesamt wohlwollende Zustimmung stoßen, aber auf wenig konkrete Resonanz. Wer wollte in kirchlichen Kreisen schon gegen Ökumene sein und sich als engagierter Konfessionalist oder Partikularist bekennen? Wer aber tiefer bohrt und aus der ökumenischen Existenz der Kirche ein Engagement für mehr Gerechtigkeit weltweit ableitet, der kann schnell eine Abfuhr erleiden: "Diese Probleme sind zu weit weg. Die Gemeinden interessieren sich nicht dafür." Oder: "Wissen Sie, uns geht es um konsequenten Gemeindeaufbau. Außerdem spenden wir für Brot für die Welt."

Ich frage: Sind wir in den vergangenen Jahrzehnten wirklich weitergekommen auf dem Weg zu einer konsequent ökumenischen Kirche? Oder gerät unsere Kirche immer mehr außer Atem und zieht sich in ihr Schneckenhaus zurück?

Dieser Beitrag versteht sich als Plädoyer für eine konsequent ökumenische Kirche in einer Zeit, in der unsere Kirche in großer Gefahr ist. In der Gefahr der Provinzialisierung. In der Gefahr, zur Bedeutungslosigkeit zu schrumpfen. Ein Beispiel dafür. Heute ist es noch relativ leicht, mit den regionalen und lokalen Angeboten in den Medien vorzukommen. Das Jubiläum des Kindergartens, der neue Pfarrer, der Sturmschaden am Kirchturm. Das wird auch heute noch von der Lokalpresse berichtet. Dass die Kirche aber – von Skandalen wie den Übergriffen pädophiler Geistliche abgesehen – in den überregionalen Medien kaum noch vorkommt, damit haben sich selbst die kirchenleitenden Gremien weitgehend abgefunden. Finanziell aufwendige Initiativen in Rundfunk und Fernsehen haben wenig genutzt: Die Kirche ist gesellschaftlich out. Bundesweite Werbekampagnen sollen es bringen. Dabei liegt es für mich auf der Hand, was unsere Kirche wirklich braucht: Die Besinnung auf ihren ökumenischen Grund.

Die Kirche ist aus Rettungsgeschichten gebaut

Ich bin froh, zu einer Kirche zu gehören, die aus Rettungsgeschichten der Bibel entstanden und gebaut ist. Dort wird von der Bewahrung der Flüchtlinge und Sklaven berichtet, vom Sturz der Tyrannen, von der Rettung derer, die unter die Räuber gefallen sind, von der Heiligkeit der Armen (nach Fulbert Steffensky). Das klingt gut. Aber:

Die Stimmen der Kirchen an der Seite der Armen für mehr Gerechtigkeit zu streiten, sind heute leise geworden, sehr leise. Zuweilen sind sie ganz verstummt. Vielfach hat die Kirche diese so grundlegende Aufgabe auch einfach delegiert an Werke, oder sogar an säkulare Nichtregierungsorganisationen. Damit rückt eine zentrale Aufgabe von Kirche zunehmend aus dem Blick und die Kluft zwischen Armen und Reichen wächst und wächst…

Verdiente noch 1960 das reichste Fünftel der Menschheit 30 mal mehr als das ärmste, hat sich diese Relation heute auf etwa 75:1 erhöht (aus: Gerd Nollmann, Hermann Strasser, Armut und Reichtum in Deutschland, in Politik und Zeitgeschichte, 22. Juli 2002). Die krassen Unterschiede zwischen Arm und Reich sind brutale Wirklichkeit. Ein an HIV-Aids Erkrankter in Afrika kann sich nicht die Medikamente leisten, die einem Mitbetroffenen an dieser Krankheit in Europa selbstverständlich zur Verfügung stehen. Gesundheitsversorgung, schulische Ausbildung, grundlegende Menschenrechte, eine Altersversorgung all das ist in vielen Ländern Schwarzafrikas bis heute blanke Theorie. Eine schreiende Ungerechtigkeit! 1991 hat die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung, eine Einrichtung, die vor allem von den Entwicklungsorganisationen der evangelischen und katholischen Kirche getragen wird, den ersten Verhaltenskodex mit der Pharmaindustrie vereinbart. Medikamente, die zur Behandlung in Afrika dringend gebraucht werden, sollen kostengünstiger als bisher zur Verfügung gestellt werden. Manches ist auf diesem Sektor erreicht worden, vieles noch nicht. Es wird noch viel Arbeit kosten, diese kleinen Fortschritte millimeterweise auszuweiten. Das ist für mich eine wesentliche Aufgabe der Ökumene: Dieses hartnäckige gemeinsame Ringen um mehr Gerechtigkeit, um die Bekämpfung des Elends in der Welt. Hier sind die Kirchen an der richtigen Stelle, um all ihre Möglichkeiten und Kontakte für eine menschenwürdige Welt einzusetzen.

Die Christinnen und Christen Afrikas und Asiens sind für uns Beispiele lebendiger Ökumene

Meistens wird Ökumene bei uns in der Kirche mit der Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche identifiziert. An zweiter Stelle mit dem Ökumenischen Rat, mit den Weltbünden, mit der Konferenz europäischer Kirchen. Was ist Ökumene wirklich?

Der Begriff ist im Alten und Neuen Testament nicht gerade häufig. Die Septuaginta beschreibt damit die Erde, den Erdkreis. Im Neuen Testament ist damit nicht die Gemeinschaft der Christen gemeint, sondern die von Finsternis bedrohte Welt des römischen Kaiserreiches. Gerade diese Ökumene ist der Raum, in dem die Kirche existiert und den sie in Anspruch nimmt für Jesus Christus. Eine Kirche, die nur für sich und ihre eigenen Probleme lebt, widerspricht sich selbst. Ihr Atem wird flach. Bald ist sie klinisch tot.

Ökumene, das sind die Christinnen und Christen in den Gemeinden Afrikas und Asiens, das sind die mit den lebendigen Gemeinden, von denen wir lernen können. Ich denke an einen Gottesdienst in Mosambik vor einem Jahr. Tausende haben sich an diesem Sonntagmorgen versammelt, jung und alt, sie singen und tanzen, dass in einem alles zu schwingen beginnt. Dann werden die Besucherinnen und Besucher der Delegation aus Deutschland gebeten, auch ein Lied vorzutragen. Ein kläglicher Gesang ist das. Die deutsche Vertreterin der Weltbank flüstert mir zu: "Ich war schon dreißig Jahre nicht mehr in der Kirche. Und nun das." Das Schlimmste ist der höfliche Beifall, den wir bekommen. Die Afrikaner haben gelernt: Die Weißen können viele kluge Gedanken äußern, aber fröhlich singen können sie nicht.

Ökumene, das sind für mich die Freunde, die sich wie selbstverständlich in Gefahr begeben in ihrem Einsatz für Menschenrechte, für Frieden. Für sie bilden der tiefe persönliche Glaube und der Einsatz für Menschlichkeit, für Frieden und Gerechtigkeit eine Einheit. Wir im Norden können viel von ihnen lernen.

 

Das Kreuzträgerschiff Ökumene: leck geschlagen oder Hoffnungszeichen?

"Der Ökumenische Rat ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und Heiligen Geistes" (Grundlage des ÖRK). Zur Zeit sind 342 Kirchen in über 120 Ländern Mitglieder des ÖRK. Der gemeinsame Auftrag: Gebet und die Arbeit für die sichtbare Einheit der Kirche Christi.

Der Vorsitzende des Rates der EKD, Präses Manfred Kock, hat anlässlich des 50jährigen Bestehens des ÖRK 1998 gesagt: "Für den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war der ÖRK ein Fenster zur Welt. Auch heute noch ist der in Genf ansässige ÖRK für seine Mitgliedskirchen, vor allem in den Ländern des Südens, ein unverzichtbares institutionelles Bindeglied und zugleich ein Kristallisationspunkt der weltweiten ökumenischen Laienbewegung. Für viele Christen, die sich mit dem Provinzialismus ihrer eigenen Kirche schwer tun, ist das international bekannte ÖRK-Symbol des Kreuzträgerschiffes auf den Wellen des Weltmeeres ein Hoffnungszeichen, das ihr Wunsch nach größerer Einigkeit der Kirchen nicht vergeblich ist."

Die ökumenische Bewegung hat vieles angestoßen. Eines der berühmtesten Beispiele, das oft genannt wird, ist die Anti-Apartheidsbewegung. Aber dabei wird vergessen, dass es auch große Reserven von Seiten der Mitgliedskirchen des ÖRK gab, unter anderem dem Rat der EKD. Aber maßgeblich haben ökumenische Gruppierungen zu dem doch gewaltfrei verlaufenen politischen Wechsel in Südafrika beigetragen.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts geriet der Ökumenische Rat unter dem Generalsekretariat von Konrad Raiser in mancherlei Turbulenzen. Der Wegfall des Ost—West-Gegensatzes riss alte Fronten auf. Dem ÖRK wurde vorgeworfen, zu kritisch mit westlichen Demokratien zu sein und nachsichtig auf Menschenrechtsverletzungen im früheren Ostblock reagiert zu haben. Daran ist sicherlich einiges richtig. Wer wollte sich aber zum Richter aufwerfen, wenn auch der ÖRK in vertraulichen Verhandlungen das Beste für Inhaftierte und Verfolgte zu erreichen versuchte? Gerade die orthodoxen Mitgliedskirchen sind bis heute ein Problem geblieben. Früher haben sie aufgrund der nicht konvertiblen Währungen keinen Beitrag an den ÖRK zahlen können und ihn manchmal in Sachleistungen errichtet. Heute ist die Zahlungsmoral nicht viel besser, aber die Ansprüche sind wesentlich höher. Die Orthodoxie spielt innerhalb der Ökumene eine besondere Rolle, sie verweigert Eucharistiegemeinschaft, kritisiert Frauenordination und empfindet weithin auch gemeinsame Gottesdienste als Problem. Das sind schwere Hypotheken für die Gemeinschaft der Christen weltweit. Zu loben sind die vielfältigen Bemühungen auch der EKD, hier lockernd zu wirken. Besonders Rolf Koppe, EKD-Auslandsbischof, hat sich hier verdient gemacht.

Die Programme vom Antirassismusprogramm bis zum Programm zur Überwindung der Gewalt haben mannigfaltigen Widerhall unter Mitgliedskirchen des ÖRK und unter Christen gefunden. Zuweilen verwundert es, dass diese Programme oft bei säkularen Organisationen bekannter sind als in den Kirchen und Gemeinden selbst.

Die Ecumenical Advocacy Alliance dient vor allen Dingen dazu, den internationalen Politikdialog (auf neudeutsch: Lobbyarbeit) im Sinne von Frieden und Gerechtigkeit zu betreiben. Sowohl Brot für die Welt als auch der Evangelische Entwicklungsdienst, aber auch Kirchen und Missionswerke sind hier Mitglied.

Action by churches together (ACT) ist als weltweite Gemeinschaft der Kirchen und kirchlichen Entwicklungswerke gegründet worden, um Leben zu retten und in Not- und Katastrophenfällen Hilfe zu leisten. Insgesamt sind 180 protestantische und orthodoxe Kirchen und Hilfswerke Mitglied dieser internationalen ökumenischen Hilfsorganisation. Die Ökumenische Rat der Kirchen und der Lutherische Weltbund sind Mitglieder des Leitungskomitees. Ständiger Beobachter bei den Sitzungen ist Caritas internationalis, der weltweite Katastrophenhilfswerk der katholischen Kirche.

Trotz mancher beeindruckender Erfolge müssen wir aber immer noch feststellen, dass die ökumenische Aktion nur einen Bruchteil der Mittel verwaltet, der national von kirchlichen Werken zur Bekämpfung von Armut und Elend in der Welt eingesetzt wird. So standen ACT 2000 insgesamt 81 Millionen US $ zur Verfügung. Allein die deutschen evangelischen Entwicklungswerke haben aber in diesem Jahre ein Budget von insgesamt mehr als 200 Millionen EURO zur Verfügung gehabt. Insgesamt ist festzustellen, dass die Bereitschaft der Kirchen und kirchlichen Werke in den Industrieländern Europas und Nordamerikas gering ist, wirklich relevante Bereiche ihrer Verantwortung an ökumenische Institutionen abzutreten. Arbeiten in Deutschland die evangelischen und die katholischen Entwicklungsorganisationen schon wirklich eng zusammen, so ist dies auf ökumenischer Ebene noch weitgehend Wunschtraum. Ein wenig ist dies auch darauf zurückzuführen, dass die katholische Kirche international als Weltkirche und mit dem gemeinsamen Namen Caritas für alle internationalen Dienste institutionell sehr viel stärker ist als der manchmal bunte protestantische Haufen, der sich natürlich nicht auf den internationalen Namen ACT einigen kann, sondern fröhlich mit den eigenen Namen auftritt.

Seit einigen Jahren ist der Stab des ÖRK mit harten finanziellen Problemen konfrontiert, obwohl aus Deutschland Brot für die Welt und der EED zu den treuesten Finanziers der Ökumene zählen.

Bei den Finanzanlagen des ÖRK gab es Verluste, Ausgaben sind unerwartet gestiegen, unter anderem durch den notwendigen Frühpensionierungsfonds. Der Stab in Genf musste auf rund 180 Mitarbeitende reduziert werden. Arbeitsstrukturen wurden gestrafft, manche Programme eingestellt, Prioritäten neu gesetzt, nicht immer zur Freude der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die aktuellen Aktivitäten des ÖRK im Rahmen des Einsatz für weltweite Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit umfassen Lobbyaktivitäten zum UN-Gipfel für nachhaltige Armutsbekämpfung in Johannesburg/Südafrika im August und September 2002. Dem ÖRK geht es vor allem darum, die Ressourcennutzung durch die Industrieländer anzuprangern, die oftmals zerstörerisch in den Ländern der südlichen Erdhalbkugel wirken und kaum ausreichende Einnahmen bewirken.

Der ÖRK bemüht sich nach Kräften, an vielen Stellen internationaler Konfliktherde Zeichen des Friedens zu setzen: im Nahen Osten (Palästina), am Horn von Afrika (Eritrea, Äthiopien, Sudan). Sein Problem ist, dass die eigentlich Handelnden die international tätigen kirchlichen Hilfswerke sind, die zum Teil auch wegen der staatlichen Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht einfach ihre Aktionen an den ÖRK abtreten können und auch nicht wollen.

 

Warum unsere Kirche ohne ökumenische Dimension nicht leben kann

"Mehr als andere Organisationen der Zivilgesellschaft haben Kirchen durch ihre ökumenische Verbundenheit und durch die Basis des gemeinsamen christlichen Glaubens die Möglichkeit und damit aber auch die Verantwortung, in ihrer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit eine Globalisierung der Solidarität, eine Kultur des Friedens, soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung als Beitrag zu den Grundwerten einer Weltordnungspolitik zu leisten. Des erfordert aber ein verändertes Selbstverständnis vor allem der protestantischen Kirchen als weltweite, als ökumenische Kirche, für die die Welt als Ganzes in den Blick kommt und nicht nur der enge geographische Rahmen, in dem sie jeweils verfasst sind" (Christian Krause in: Entwicklungspolitik als Bereich zeitgemäßer Weltinnenpolitik).

In vielen Kirchen der Ökumene ist es selbstverständlich, dass der Einsatz für Gerechtigkeit und Einheit der Kirchen untrennbar zusammen gehören.

In unserer Kirche in Deutschland ist dagegen die ekklesiologische Dimension sozialen Handelns bis heute nicht angemessen aufgegriffen worden, obwohl immer wieder versucht worden ist, die Bekenntnisfrage auf ethische Entscheidungsfragen anzuwenden. Zum Beispiel in der Diskussion um Apartheid und in der Friedensdebatte. Damit wird an Bonhoeffer angeknüpft, der den zwangsweisen Ausschluss getaufter Juden aus der christlichen Gemeinde zum "status confessionis", zur Bekenntnisfrage erklärt hatte.

Einige wenige Aktivistinnen und Aktivisten in ökumenischen Gruppen haben diese Brücke in Gedanken und Taten schon geschlagen haben. In den Gesprächen mit Partnerkirchen, Kirchenkreisen und –Gemeinden in Übersee werden diese Fragen erörtert. Das ist auf jeden Fall sinnvoll für die Bewusstseinsbildung der Kirchenmitglieder. Aber in Hinsicht auf eine konsequent ökumenische Kirche reichen alle diese Schritte sie nicht aus. Das Dilemma ist ebenfalls, dass der Kampf gegen weltweite Armut und Ungerechtigkeit im Wesentlichen an die kirchlichen Werke für Entwicklungsdienst wie Brot für die Welt und Evangelischer Entwicklungsdienst abgetreten worden sind. Damit sieht unsere Kirche ihr Engagement ausreichend vertreten. Obwohl die kirchlichen Werke Lobby- und Advocacyarbeit zugunsten der Armen professionell betreiben, obwohl sie in der politischen Öffentlichkeit wegen ihrer guten Arbeit anerkannt werden, reicht dies nicht hin. Wortverkündigung und die Tat der Gerechtigkeit, Ekklesiologie und Ethik gehören zusammen, ohne dass man unbedingt eine Verknüpfung bei den notae ecclesiae suchen müsste.

Margot Käßmann empfiehlt in ihrem Buch "Eucharistische Vision" aufgrund der bisherigen Diskussion bei den lutherischen "notae ecclesiae" Wort und Sakrament zu bleiben, wie sie in der Confessio Augustana VII genannt sind. Es gelte, deren ethische Dimension zu entfalten. "Wenn es also in der ökumenischen Bewegung keine gemeinsame Ekklesiologie und keine gemeinsame Soziallehre gibt, so ist doch ein unübersehbarer Schnittpunkt vorhanden" (Käßmann, Eucharistische Vision 330): das Abendmahl. In ihm komme die Einheit der Kirche zum Ausdruck. Wer das Abendmahl am Tisch des Herrn empfängt, kann andere Menschen nicht mehr hungern und dursten lassen.

Ökumene – das ist Mut wider die Resignation!

Unsere Kirche wird sich stärker mit den internationalen Fragen der Gerechtigkeit auseinandersetzen müssen. Sie sollte ihr jahrelanges Engagement in den kirchlichen Werken nicht ab-, sondern ausbauen. Gerade die Entwicklungsorganisationen der Kirche haben ein großes Potential, sachkundig die evangelische Kirche zu vertreten und evangelisches Profil in der ökumenischen Arbeit zu entwickeln. Die weltweiten ungerechten ökonomischen Strukturen dürfen die Kirchen nicht kalt lassen. Es darf Christen nicht unberührt lassen, wenn von Seiten der internationalen Staatengemeinschaft noch immer nicht die entscheidenden Schritte in Richtung auf Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien am Stromverbrauch getan werden und sich der Ausstoß von Treibhausgasen nicht deutlich verringert. Der Evangelische Entwicklungsdienst fordert gemeinsam mit anderen Organisationen Misereor und WWF eine Verringerung um 40 Prozent bis zum Jahr 2020. Nicht weil wir weltferne Spinner sind, sondern weil es um die Bewahrung der Schöpfung geht. Die Entwicklungsorganisationen der ev. Kirchen in Deutschland setzen sich ferner tatkräftig für Frieden in den von Bürgerkriegen zerrissenen Gebieten Afrikas, Asiens und Zentralamerikas ein. Etliche Entwicklungshelferinnen und –helfer und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zivilen Friedensdienstes sind im Auftrag des Evangelischen Entwicklungsdienstes – Dienste in Übersee – im Einsatz, um mühsam mit viel Überzeugungskraft, mit Hacke und Spaten, mit Beratung und Konflikttraining gegen Minen und Kleinwaffen und für den Frieden zu kämpfen. Das ist manchmal schwerer als man sich das an kirchlichen Stammtischen oder in Friedensgruppen ausmalt. Das Klirren von Panzerketten kann da manch einen vor Ort wie in Bethlehem ungeheuer belasten. Trotzdem geht keiner unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Palästina zurück, auch wenn es keinen Strom und kein fließendes Wasser gibt, auch wenn die Arbeitsräume zerstört worden sind. Das ist Ökumene!

Ökumene – das ist die Kraft zum Miteinander teilen!

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen! Dieser Satz des Paulus muss auch heute Sensor und Impulsgeber für christliches Handeln sein. Dabei wird es für Kirchen, Christinnen und Christen nicht nur um ökonomische und politische Konsequenzen gehen können. Das Abendmahl, die Eucharistiefeier ist ein Prüfstein. Sie ist nicht nur Zeichen für das Teilen des eucharistischen Brotes, sondern auf für das Teilen des realen Brotes mit den Bedürftigen. Das Abendmahl ist nicht nur eine Feier zu Erzeugung eines emotionalen Gemeinschaftsgefühls. Die Abendmahlsfeier ist ein Mahl der Solidarität mit allen, die an allen Orten dieser Erde feiern. Diese Solidarität erfordert unseren Einsatz gegen die Strukturen der Ungerechtigkeit, sowohl bei uns zu Hause als auch weltweit. Das können wir von Christinnen und Christen in Afrika und Lateinamerika lernen.

 

Ökumene – das ist die glaubwürdige Existenz der Kirche

Gerhard Heintze steht mit seinem Lebenswerk für eine konsequent ökumenische Kirche. Er hat den Anstoß gegeben, sozialethische mit den dogmatischen und spirituellen Fragen der Ökumene zu verbinden. Gerhard Heintze ist einer der maßgeblichen Vertreter der evangelischen Kirche, der Wert auf die Verknüpfung beider Ebenen legt.

Unsere Kirche wird gemessen an ihrem ökumenischen Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Nicht nur, weil es up to date ist, weltoffen zu sein, sondern weil es schlicht um das Überleben unserer Erde in einer Zeit der Globalisierung geht. Der Kampf um eine gerechte Welt wird auf internationaler Ebene ausgetragen. Die Kirchen dürfen in dieser Auseinandersetzung nicht kneifen, sondern müssen Position beziehen für Menschenwürde und der Erhaltung der Schöpfung.

 


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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