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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Christian von Heusinger

"S.Maria de Montserrat"

Eine Zeichnung von Michel Coxie in Braunschweig

Im Kupferstichkabinett des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig wird unter den anonymen niederländischen Handzeichnungen des 16. Jahrhunderts eine Madonnenzeichnung aufbewahrt, die wegen ihrer besonderen ikonographischen Merkmale seit langem meine Aufmerksamkeit erregt hat (Abb.1). Erst vor Kurzem aber verhalf mir "ein Zufall" zur Lösung des Rätsels. Deshalb nutze ich dankbar die Gelegenheit, als Beitrag zu dieser Festschrift die bisher unbeachtete Zeichnung zu beschreiben und die Lösung des Rätsels vorzustellen.

Die Zeichnung ist mit der Feder auf Papier gezeichnet, mit dem Pinsel in Hellbraun laviert und mit Weiß nicht nur wie üblich gehöht, sondern wie farbig abgesetzt. Das schon etwas morsche Papier, ohne Wasserzeichen, ist an zwei großen Stellen, über der Mitte links und rechts unten, sowie oben rechts am Rand ausgerissen und durch Risse vielfach geschädigt, sodaß man denkt, es sei irgendwann einmal zerknüllt worden. Das Blatt hat mit 34,2 x 26,7 cm Folioformat und ist im Verhältnis von 17 : 15 mit Kreide quadriert. Links unten steht von einer Hand des 16. Jahrhunderts: michel Thedesco.

Vor einem großen zerklüfteten Bergmassiv, dessen kleinere Spitzen Burgen und Kirchen krönen, sitzt die Madonna mit dem Jesuskind auf dem Schoß mit zurückgesetztem rechten und vorgestellten linken Bein aufrecht auf einem niedrigen Querbau mit zwei halbrunden Konchen vor der von ihr halbverdeckten Fassade einer Kirche. Die Madonna blickt herab, so als wende sie sich den winzig kleinen Menschen zu ihren Füßen oder außerhalb des Bildes frommen Betern vor dem Altar zu. Hinter der Kirchenfassade sieht man einen quadratischen Turm mit einem kegelförmigen, kurzen Spitzdach. Er wird aus zwei Stockwerken mit Doppelarkadenfenstern gebildet und endet in einer Ballustrade. Auf der Dachspitze ragt über einer Kugel ein Kreuz empor. Die Madonna trägt ein antikisch enganliegendes und enggefälteltes Kleid, das unter der Brust gegürtet ist. Über ihre Schulter und Arme hängt ein Mantel, der locker ihren Schoß bedeckt, zwei Schüsselfalten bildet und rechts unter dem Buch gestaucht ist. Das Kleid fällt in engteiligen Fältelungen über ihren nackten linken Fuß. Der Jesusknabe sitzt auf dem rechten, zurückgesetzten Bein der Madonna in einer Körperwendung wie der des Laokoon nach links, um mit einer Säge den Fels zu spalten, während er den Kopf zurück nach rechts wendet, aber nicht zur Madonna aufsieht. Diese hält mit dem Zeigefinger ihrer linken Hand ein Buch offen, mit dessen Rücken sie neben sich ihr Gewand festhält.

Die Ikonographie der Komposition klärt ein Kupferstich aus der Schule des römischen Kupferstechers und Kunstverlegers Marcanton Raimondi (um 1480- um 1530), den der römische Verleger Antonio Salamanca (gest. nach 1547) mit seinem Verlagszeichen Ant.Sal.exc. bezeichnet hat. Der schon von Passavant beschriebene, aber erst 1995 von Madeline Cirillo Archer publizierte Kupferstich gibt das gleiche Motiv und trägt die Bildunterschrift: S.MARIA DE MONTSERRAT.(Abb.2). Der Kupferstich weicht in Einzelheiten von unserer Zeichnung ab, sodaß er weder als Vorlage, noch als Wiedergabe unserer Zeichnung gelten kann. Die Madonna des Kupferstichs ist bekrönt und hat einen Heiligenschein, hinter ihr fehlen Kirche und Kirchturm, am Fuß des Berges sieht man ein großes Tor und eine Kapelle. Das Jesuskind zersägt den Felsen mit einer Tischlersäge, wie in den Andachtsbild-Darstellungen des Montserrat ebenfalls, und nicht mit einer Zimmermannssäge wie in unserer Zeichnung, ein Hinweis, daß die autochthone Tradition für unseren Künstler nicht bindend war. Der Kupferstich ist damit als Andachtsbild ausgewiesen, das von Antonio Salamanca in Rom und von Rom aus vertrieben worden ist. Einmal auf der Fährte, kann man feststellen, daß die Madonna mit dem einen Felsen zersägenden Jesusknaben schon im 15. Jahrhundert auf dem Montserrat verehrt und als Andachtsbild des Klosters verbreitet worden ist (Abb.3). Das Benediktinerkloster Montserrat, 1025 neben älteren und z.T. noch heute bestehenden Einsiedeleien gegründet, war Unser lieben Frauen geweiht. Die Andacht der angeblich in einer Höhle aufgefundenen Schwarzen Madonna von Montserrat, eine Holzskulptur vom Ende des 12. oder vom Anfang des 13.Jahrhunderts, hat sich im Spätmittelalter sehr schnell ausgebreitet. Allein in Italien dienten ihr 150 Kirchen. Man braucht über das Bedürfnis, eine Erinnerung an das wundertätige Andachtsbild des Klosters Montserrat zu erwerben, nicht eigens nachzudenken. Doch ist es bemerkenswert, daß als Andachtsbildmotiv spätestens seit dem Ende des 15. Jahrhunderts nicht die Schwarze Madonna selbst, sondern die Madonna mit dem den Fels zersägenden Jesusknaben benutzt wurde, sozusagen als bildliche Alliteration an die Örtlichkeit; denn Montserrat heißt der zersägte Berg. Doch kann ich über die Entstehung des Motivs und seiner Legende nichts sagen.

Die Zeichnung ist ein Entwurf für ein Tafel- oder Leinwandbild, vielleicht für ein "Tüchlein". Nicht nur, daß die Komposition mit Kreidestrichen quadriert ist, ein untrüglicher Hinweis auf die tatsächliche Benutzung der Vorlage für ein gemaltes Bild, ihr monumentaler Aufbau und der Blick der Madonna herab (auf Pilger und Beter) lassen erkennen, daß das geplante Bild erhöht über einem Altar,vielleicht sogar in großen Abmessungen, aufgestellt werden sollte. Die Entstehung der Zeichnung als Auftragswerk steht damit außer Zweifel. Das Kloster Montserrat ist durch Napoleons Truppen am Anfang des 19. Jahrhunderts vollkommen zerstört worden. Es ist deshalb ungewiß, ob sich noch eine andere Erinnerung an unser Andachtsbild erhalten hat. Im 18. Jahrhundert konnte man jedoch noch in Zedlers Konversationslexikon s.v. Montserrat lesen: "Es giebt auch hier verschiedene Gemählde, an denen die Jungfrau Maria mit dem Jesus=Kindlein auf dem Arme, und mit einer Säge, womit sie den Felsen zerschneidet, präsentiert wird".

Mit der alten Namensaufschrift in italienischer Sprache erhalten wir einen Hinweis auf den Zeichner. Als ‚Michele Tedesco pittore‘ ist Michel Coxcie (Mecheln 1499-1592 Mecheln) im Mai 1534 in die Maler-Academie St.Lucas in Rom inskribiert worden. Da die Aufschrift auf unserer Zeichnung in dieser Form keine Signatur sein kann, ihr aber auch jede Beischrift, z.B. fecit oder pinxit, fehlt, müssen wir sie stilistisch auf ihre Plausibilität prüfen. Coxie war zwischen 1532 und 1539 in Rom und ist dort 1532 durch den Kardinal Willem Enckevoirt aus Mierlo in Brabant mit Fresken in der St.Barbara-Kapelle von Santa Maria dell’Anima beauftragt worden, die er im Mai 1534 vollendet hat und die erhalten sind. Wir dürfen aus Coxies Herkunft aus Mecheln, dem Regierungssitz der Habsburger Statthalterschaft und später wenigstens noch des brabantischen Parlaments, eine Empfehlung nach Rom voraussetzen. So bekannt sein Name war, so schwierig ist es, seine künstlerische Handschrift zu erfassen und sein Werk zu rekonstruieren. Von seinen römischen Arbeiten blieben die Fresken und eine gezeichnete Folge der "Zehn Liebschaften des Jupiter" im Printroom des Britischen Museums London, erhalten. Sie sind vor 1534 entstanden und von einem unbekannten Kupferstecher in gleicher Größe gestochen worden. Die Coxie von Vasari zugeschriebene berühmte Folge der Fabel von Amor und Psyche, 32 Kupferstiche vom Meister B mit dem Würfel, gilt heute nicht mehr als seine Arbeit.

Die vielfältigen Einflüsse, die Coxie aufgenommen und verarbeitet hat, lassen ein wenig individuelles Bild von seiner Kunst entstehen. Und man weiß noch nicht einmal immer, ob die Einflüsse direkter oder indirekter Art waren, d.h. ob er die Anschauung durch Originale oder nur durch Reproduktionen gewonnen hat. Immerhin muß man aber bedenken, daß er als Mitglied der St.Lukas-Akademie die zu jener Zeit in Rom tätigen Künstler kannte und an den allgemeinen Diskussionen besonders über die Archäologie und die Nachahmung der Antike teilgenommen hat. Die Antiken-Sammlungen der Casa Sassi, Villa Madama, des Vatikan oder bei den römischen Händlern konnte er selbst studieren. Die beiden Skizzenbücher von Marten van Heemskerck (Heemskerck 1498 – 1574 Haarlem), der zu gleicher Zeit nach Rom kam wie Coxie, lassen die Vielfalt der Studienmöglichkeiten erkennen.Und sie halten eine Überraschung parat. Auf folio 34 des I. Skizzenbuches hat Heemskerck vier römische Sitzfiguren ohne Kopf und Arme aus der Sammlung der Villa Madama gezeichnet, die als "Musen" bekannt sind und sich seit dem 18. Jahrhundert in Madrid befinden. Die auf der rechten Hälfte von fol.34r neben die "Kalliope" gezeichnete "Terpsichore" ist in gleicher Ansicht Vorbild für die Madonna in Coxies Entwurf (Abb.4). Da Heemskerck in seiner römischen Zeit eine eher an Giulio Romano orientierte großformige Zeichenweise übte und auch in Haarlem noch beibehielt, erst Anfang der 50er Jahre auf die in den "Musen" vorgebildete Stilistik zurückgegriffen hat, kommt eine Zuschreibung an diesen bedeutenden Künstler nicht in Frage. Vielmehr können wir die "archäologische" Verarbeitung eines antiken Vorbilds nach allem was wir über Coxie wissen, für diesen in Anspruch nehmen. Die Übereinstimmungen gehen bis in die Details des Faltenwurfs am rechten Knie oder am Hals bis hin zum Knoten des Gürtels oder den Falten unterhalb des Gürtels. Es ist diese Gestaltung der Madonna, die seiner Komposition die Monumentalität verleiht, über die der Betrachter sich schnell im Klaren ist. Dazu trägt der weiche Ausdruck des gesengten Kopfes bei. Die auf die Schulter herabfallenden Haare sind gescheitelt und werden durch ein Band gehalten. Gegenseitig findet man diesen Madonnenkopf in einer Kopie einer auf einem Podest sitzenden Madonna mit dem Jesus- und dem Johannesknaben neben sich auf fol. 61v im II.Skizzenbuch von Heemskerck, einem Sammelband mit Zeichnungen von verschiedenen Händen. Hülsen-Egger erkennen das Grundmotiv in der "Schule Raffaels z.B. Giulio Romanos Madonna della Lucertola im Prado Nr.371", doch "dürfte unsere Skizze eher nach der Komposition eines niederländischen Romanisten aus der Richtung des Lambert Lombart erfolgt sein". In der Gestaltung des Kopfes des Johannesknaben kann man die Züge des Jesusknaben unserer Zeichnung wiederfinden. Noch näher steht der Zeichnung des Kopfes der Maria die Profilzeichnung des Kopfes der Callisto in der Kreidezeichnung Bl.10 der schon erwähnten Londoner Folge der Zehn Liebschaften Jupiters, die Nicole Dacos auf Anklänge an die Kunst Sebastianos del Piombo zurückführt. Sie nennt das Vorgehen Coxies mit Recht "un procédé de collage".

Es gibt noch einen weiteren Hinweis auf Coxie als Zeichner des Blattes. Die niederländische Landschaftsgestaltung des Bergmassivs, abzuleiten von solchen Landschaftsdarstellungen des Herry mit de Bles, ist unübersehbar. Aber die breitflächige Verwendung der Weißhöhung in der Landschaft entspricht einer anderen, malerischen Landschaftstradition, vor allem Venedigs, und in ihrer nicht sehr raumhaltigen, eher flächigen Hintergrundgestaltung dem Fresko des Martyriums der Hl.Barbara in Santa Maria dell’Anima in Rom. Alle stilistischen Merkmale führen also auf Michel Coxie als Autor der Braunschweiger Zeichnung, so, wie die alte Aufschrift dies nahe gelegt hatte, und damit zu einer Datierung des Blattes in seine römische Zeit, zwischen 1532 und 1539.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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