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[Kirche von unten]

Kunst und Kirche im Nationalsozialismus

Vortrag im Städtischen Museum 31.5. 2000
von Dietrich Kuessner

Mit links zu den im Vortrag besprochenen Kirchen
und einem Anhang "Bruchstücke", der zu einzelnen Punkten Vertiefendes bringt. Sie erreichen den Anhang auch durch Hyperlinks im Text.



Verehrte Anwesende, mein Vortrag gliedert sich in drei Teile:

  1. einige Aspekte zur allgemeinen Situation von Kunst und Kirche im dritten Reich am Beispiel der Kirchenarchitektur, oder: das Thema als Problemanzeige;
  2. die Entwicklung des Kirchbaus im Nationalsozialismus in der Braunschweiger Landeskirche und seine Architekt August Pramann,
  3. die Glasfenster im Braunschweiger Dom und das Mosaik der St. Georgkirche.

Das Folgende sind Beobachtungen und Gedanken eines kirchlich engagierten Kunstbetrachters ohne den Anspruch, kunstkritischen Sachverstand erheben zu wollen.

1. Kunst und Kirche im dritten Reich - eine Problemanzeige

Künste und Kirchen gehören seit Jahrhunderten zusammen. Die staatliche Förderung von Kunst an Kirchen war für die jeweilige Obrigkeit eine Ehre und Selbstverständlichkeit. Der Hitlerstaat dagegen war ein atheistischer Staat und wollte die christlichen Kirchen beseitigen. Also bedeutete der Nationalsozialismus das Ende christlicher Kunst. So ungefähr kann man vereinfacht eine heute noch populäre Meinung wiedergeben. Das Thema "Kunst und Kirche im Nationalsozialismus" würde sich demnach erübrigen.
Es kommt hinzu, daß jahrzehntelang in den Kirchen das Selbstverständnis von einer "Kirche im Widerstand" gepflegt wurde. Es müßte sich also - wenn überhaupt - um eine Art Katakombenkunst handeln, für die es ja in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte großartige Beispiele gibt. Eine sichtbare, sich nach außen weithin repräsentierende Kirchenarchitektur ist bei einem Selbstverständnis von "Kirche im Widerstand" schlecht vorstellbar.

So ist es leicht erklärlich, warum es zu diesem Thema "Kunst und Kirche im Nationalsozialismus" nach Auskunft des Instituts für "Kirchbau und christliche Kunst der Gegenwart" in Marburg überhaupt keine Literatur gibt.
Sogar das neuste klassische Nachschlagewerk, die Theologische Realenzyklopädie Bd. 18 aus dem Jahre 1989 behandelt nach einigen Bemerkungen zur Situation des Kirchbaus nach 1919 sofort den Wiederaufbau der Kirchen nach 1945. Die Zeit des Nationalsozialismus habe trotz des Einflusses der Deutschen Christen "keine aufzeigbaren Spuren hinterlassen", meint der Verfasser. Und nur wenige Bemerkungen enthält das Standardwerk von Gerhard Langmaack "Evangelischer Kirchenbau im 19. und 20. Jahrhundert" von 1971. Langmaack faßt folgendermaßen zusammen:

"Schon bald stehen auch die Kirchenbaumeister im Bund mit der Kirche gegen die Gestaltungsprinzipien des Nationalsozialismus. Nur wenige Kirchen können gebaut werden."

Mein Referat dient der Überprüfung dieser Beschreibung und vor allem ihrer gedanklichen Voraussetzung.
Wie, wenn es sich bei der Hitlerdiktatur, sogar nach eigenem nationalsozialistischem Selbstverständnis, auf keinen Fall um einen atheistischen Staat, sondern wenigstens um eine religiöse, wenn nicht gar um eine christliche Diktatur, wie ich das hier vor 20 Jahren am gleichen Ort in der Reihe "Braunschweig unterm Hakenkreuz" dargestellt habe.
Wie, wenn die Kirche gar nicht im Widerstand war, sondern versucht hat, sich mit dem, möglicherweise ungeliebten, jedoch als einem von Gott verordneten Staate zu arrangieren, und sich dazu sogar theologisch und nicht bloß kirchenpolitisch taktisch genötigt sah?
Wie, wenn es den Kirchen auch im ns. Staate finanziell so gut gegangen ist, daß sie sich Kirchbau, Kirchenmusik, Kunst an und in Kirchen leisten konnten?
Das Haushaltsvolumen der Br. Landeskirche stieg von 1933 -1942 vom 900.000,--RM auf etwas über 2 Millionen RM. Finanzmittel also waren da.
Nicht nur in Braunschweig.

So sind zwischen 1933 und 1940 in unserer Landeskirche 5 Kirchen gebaut worden, und das ist keine braunschweiger Besonderheit? Der Kirchbau blühte auch in anderen Landeskirchen zur Zeit des NS auf. Ich habe bereits vor 17 Jahren einmal eine Rundfrage bei den Landeskirchenämtern in dieser Sache gestartet. Ich erhielt u.a. folgende Nachricht. Es wurden gebaut: in der Ev. Kirche der Pfalz: 9 Kirchen; in der Stadt Stuttgart: 7; in Berlin West: 13. Also keine Braunschweiger Besonderheit.

Stolz verkündete das damalige Hauptblatt der Ev. Kirche "Das Ev. Deutschland" regelmäßig von Kirchenneubauten. Ein Textbeispiel aus dem Jahr 1936 ( S. 303):

"In Oberflockenbach i. Odw. (Baden) wird eine neue Kirche gebaut, die im Oktober eingeweiht werden soll. - In Mittenwald (Bayern) soll ein Kirchenbau bald begonnen werden. - Die Gemeinde Hohenstein bei Nürnberg plant die Errichtung eines eigenen Gotteshauses. Das benachbarte Hormersdorf beginnt im Herbst mit dem Bau einer Filialkirche. Eine der schönsten Dorfkirchen in der Mark Brandenburg, die sechshundertjährige Feldsteinkirche in Vietnitz, wird wieder hergestellt. Der unter Denkmalschutz stehende Bau besitzt eine der am vollständigsten erhaltenen Innenausstattungen des Barock in der gesamten Kurmark."

Im 3. Reich erscheint weiterhin die 1924 begründete Fachzeitschrift "Kunst und Kirche". Dort werden die Kirchenerneuerungen und die Kirchenneubauten gewissenhaft aufgelistet. Z.B. werden im Heft 1939 (S. 91), also für die späten Jahre, genannt: 22 Kirchenerneuerungen und 16 geplante oder vollendete Kirchen, Friedhofskapellen, Gemeindehäuser. Im Heft 1/1940: fertiggestellte Kirchen in Appenweiher, Athenstedt, Sternhagen; im Plan sind 9 Kirchen, begonnen mit dem Kirchbau ist in Heinbrunn und MarxgrÜn (Vogtland), dazu kommen noch Gemeindehäuser und Friedhofskapellen. Also bis in den Krieg hinein und unter den erheblichen Beschränkungen der Bauwirtschaft gab es während der Zeit des NS Kirchbau.
Ich schildere dies etwas ausführlicherer, weil ich mich genötigt sehe, das Thema gegen die Fachwelt zu rechtfertigen.

Der lebhafte Kirchbau ist sogar der Anlaß für eine Beschwerde des Gauamtes für Kommunalpolitik Magdeburg-Anhalt, das in seinem Tätigkeitsbericht Januar 1939 die "großzügigen Kirchbauplanungen"beklagt.
"Die Kirchen haben vielfach bereits Grundstücke an den günstigsten Stellen des Stadtgebietes erworben oder sind bestrebt, solche Grundstücke zu erhalten, um ihre Bauvorhaben dort zur Ausführung zu bringen. Feststellungen haben ergeben, daß seit der Machtübernahme im Gau Magedburg-Anhalt insgesamt 11 Kirchen, 21 Kapellen und "zahlreiche" Gemeindesäle errichtet worden sind. 3 Kirchen und 1 Kapelle befinden sich im Bau. Weitere 20 Kirchen, 16 Kapellen und 9 Gemeindesäle sind geplant."
heißt es im Bericht.
Die große Zahl von Kirchenbauten sei auffällig und unverständlich in einer Zeit, in der größter Mangel an Rohstoffen und Arbeitskräften bestünde.
"Die Gemeinden wissen nicht mehr, wie sie diesem Verlangen der Kirchen ausweichen sollen."

Die Folge dieses Briefes ist eine interne Dienstanweisung des Reichsarbeitsministeriums vom August 1939, daß kein Kirchbau ohne Zustimmung der örtlichen Parteidienststelle genehmigt werden dürfe.
Ob eine solche Anweisung repräsentativ wurde und Folgen hatte für ein einheitliches Vorgehen, scheint mir fraglich.

Anfänglich förderte die Regierung Hitler sichtbar den Kirchbau und beteiligte sich an deren Einweihungen. Der Minister für Bildung Rust stiftete für einen Kirchsaal in Teltow eine großes Wandbild zum Thema "Jesus segnet die Kinder".
Für die Saardankkirche stiftete Hitler eine Bibel mit einer persönlichen Widmung. Berliner Künstler erhielten Staatsaufträge fÜr eine ganze Reihe von Dorfkirchen um Berlin.

Das Gerücht "Kein Kirchbau im Dritten Reich" gab es allerdings schon im Dritten Reich und zwar in Folge der Auflagen für alle behördlichen Bauten, die nicht direkt mit dem Vierjahresplan oder mit der Wehrmacht zu tun hatten und zunächst zurückgestellt werden mußten. Ein Mitherausgeber von "Kunst und Kirche" weist jedoch darauf hin, daß Bauvorhaben unter 60.000,--RM und 25.000,-.-RM Arbeitslohn durchaus genehmigt würden, wenn kostbares Eisen vermieden werde und man wie früher Kirchen aus Stein und Holz baue.

Ich fasse zusammen: es gab nicht nur in Braunschweig sondern in der ganzen Deutschen Evangelischen Kirche einen nennenswerten Kirchbau auch zur Zeit des Nationalsozialismus.



Daraus entsteht die nächste Frage: Gab es einen für das Dritte Reich typischen Kirchbau mit eindeutigen Hinweisen auf Symbole und Inhalte der ns. Bewegung?

Dazu vorweg eine bezeichnende Kuriosität. Die Bremer Kirche ließ es sich nicht nehmen, einen Kirchbau nach dem Gründer des zweiten Reiches, "Bismarck-Gedächtniskirche" zu nennen und die andere nach dem Märtyrer des 3. Reiches "Horst Wessel Gedächtniskirche".
Am 9.Oktober 1937 fand die Grundsteinlegung für diese Kirchen statt. Der Bremer Bischof Weidemann bekam allerdings Ärger mit den Bremer Parteigrößen. Das Ende dieser Auseinandersetzung war ein nicht veröffentlichter Befehl Hitlers, daß Kirchen nicht nach "Helden der Bewegung" benannt werden dürften. Bischof Weidemann nannte daraufhin diese beiden und eine dritte Kirche "Dankeskirchen" und versah sie auf einer Gedenktafel mit folgender, begründender Inschrift:

"Dankeskirche. Aus Dank gegen Gott für die wunderbare Errettung unseres Volkes vom Abgrund des jüdisch-materialistischen Bolschewismus durch die Tat des Führers, erbaut im Jahre 1938 nach Christus, im sechsten Jahre der nationalsozialistischen Erhebung".

Wir mockieren uns über diesen Vorgang zu Recht als nazistische Abartigkeit, obwohl ich den Namen "Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche" auch nicht viel schöner finde.

Diese Namensgebungen sind Ausnahmen geblieben.
Die im 3. Reich errichteten Kirchen wurden in aller Regel wie in Braunschweig nach Heiligen oder Gestalten aus der Kirchengeschichte benannt: St. Georg, Martin Luther, Bugenhagen.
Eindeutiger sind bestimmte Gestaltungsmotive z.B bei der Martin-Luther Gedächtniskirche im Berliner Stadtteil Tempelhof. Sie ist unzerstört geblieben. Wie schon bei andern Kirchen wurden Grundsteinlegung, Richtfest und Einweihung mit einem kräftigen Bekenntnis zum Staat Adolf Hitlers verbunden. Ein Hitlerwunsch war in eine der drei Bronceglocken gegossen:

"Möge Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen recht gestalten und unsere Einsicht segnen".
Ein Abbild Adolf Hitlers schmückte auch die Eingangshalle. Heute ist sie durch ein Bildnis Luthers ersetzt.

Die Taufe wird von verschiedenen Figuren getragen, u.a. von einem Soldaten. Er in der Festschrift von 1985 als SA Mann bezeichnet. Deutlicher ist das an der Kanzel zu sehen. Der vom Nationalsozialismus viel propagierte Menschentyp: die edle, tugendsame Frau mit Haarknoten, der Arbeiter der Stirn und Faust, der SA Mann, der hier einen Arbeiter hin zum predigenden Jesus schleppt, schmücken diese Kanzel.
Der Altarraum ist von einem Triumphbogen überspannt mit sich wiederholenden braunen Kacheln aus der kirchlichen und politischen Symbolik.
Die Hakenkreuze hat man nach dem Kriege herausgebrochen, anderes ist erhalten geblieben. Das ist der Typ der nazifizierten Kirche. - Ausgerechnet in dieser sichtlich "eingebräunten" ev. Kirche wurde der Dichter Jochen Klepper getraut, der sich 1942 in einer ausweglosen Situation mit seiner jüdischen Frau und Stieftochter das Leben nahm.

Es bleibt eine Aufgabe, an Hand von Bauakten festzustellen, wie weit dieser Typ verbreitet war.



Es gibt einen zweiten völlig anderen Typ von Kirchbau im Dritten Reich, der weit zurückreicht in die Neuorientierung des ev. Kirchbaus nach 1918.
Otto Bartning, 1883 in Karlsruhe geboren, (gest. im Februar 1959) fiel mit einigen grundsätzlichen Überlegungen in mehreren Schriften aus dem Jahre 1919 auf. Er greift zurück auf Luthers Äußerung, wonach eine protestantische Kirche vor allem ein Versammlungsraum sei, in dem das Wort Gottes gehört werden soll. Es gibt kein Meßopfer, das der Priester in einer kultischen Handlung vollzieht, also bedarf es keines besonderen Altars, auf dem das Meßopfer vollzogen wird. Es entfällt demnach ein gesonderter, vom Mittelschiff abgehobener Altarraum. Für Bartning ist der Kirchenraum ein Profanbau, der seinen Zweck, die Sammlung der Gemeinde und ihr Hören auf das Wort, erfüllen muß.

Bartning projektierte diese Idee in der rundförmigen Sternkirche und verwirklichte sie in dem Rundbau der Auferstehungskirche in Essen.
Bartnings Anregungen fallen auf fruchtbaren Boden beim Architekten Gerhard Langmaack, bei dem nun ein weiterer neuer Einfluß fruchtbar wird.
Langmaack gehört der Berneuchner Bewegung an, die die Bedeutung der Liturgie in der ev. Kirche entdeckt. Der Altar erhält eine besondere Bedeutung als Eßtisch, um den sich die Gemeinde zum Gedächtnis an Tod und Auferstehung Jesu versammelt. Der Taufstein, möglichst mit fließendem Wasser rÜckt sichtbar in die Mitte.

Aber nicht nur die theologischen Fragen sind im Fluß, auch die Verwendung neuer Baumaterialien wird diskutiert. Bartning errichtet auf einer Ausstellung in Köln 1928 einen als Beispiel gedachten großen Kirchenbaukörper aus Glas und Stahl und hohen bleiverglasten Fensterwänden. Diese neuen Materialien und die Monumentalbauten im profanen Bereich wie Banken und Bahnhofshallen verführen auch den Kirchbau erneut zu Monumentalbauten, obwohl man gedacht hatte, daß die Zeiten der überdimensionalen wihelminischen Baukörper wie z.B. der (scheußliche) Berliner Dom und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche - und ein Abglanz davon im selben Geiste die Paulikirche und die Johanniskirche in Braunschweig - vorbei seien.
1930 entsteht die 2.500 Sitzplätze umfassende Gustav Adolf Kirche in Nürnberg und die 1000 Sitzplätze umfassende Nikolaikirche in Dortmund.

Eindeutig und radikal ist die gründliche Absage an den Kirchbau des 19. Jahrhunderts.

"Hinter uns liegt eine Zeit in der Geschichte des protestantischen Kirchbaus",
schreibt Langmaack,
"die wegen ihrer inneren Unsicherheit und Hohlheit sich nur auszudrücken vermochte in der Sprache vergangener Epochen und auch dieses dann häufig so schlecht, daß wir heute noch schauernd vor den Zeichen stehen und uns fragen müssen, wenn wir nicht besser bauen können, dann lieber gar nicht."



Die Radikalität dieses Gedankenganges erinnert an den jungen Karl Barth, der nach 1918 ebenfalls im Rückgriff auf Luther das Ende des Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts einläutete. Mit Barth und Bartning sieht sich die ev. Theologie und der protestantische Kirchbau vor völlig neue Überlegungen gestellt.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden solche vor 1933 projektierten Monumentalbauvorhaben nicht systematisch und abrupt abgebrochen. Sie mußten es sich allerdings gefallen lassen, daß nunmehr die Nationalsozialisten und die eng mit ihnen liierten Deutschen Christen sich diese Kirchbauten einverleibten, wie z.B. die Gustav Adolf Kirche von Otto Bartning, die im Herbst 1934 mit großem Pomp, systemgerechten Reden des Reichsbischofs Müller und einem Wald von Hakenkreuzfahnen um den Altar eingeweiht wurde. Die im Krieg schwer zerstörte und unter der Leitung von Bartning selbst wieder errichtete Kirche gilt zu Recht als ein Höhepunkt des protestantischen Kirchbaus. Wer sich heute noch in das um Altar und Kanzel ausgerichtete Gestühl setzt, erlebt ein Architektur gewordenes Wort Gottes, das predigt und auf das er mit Gewinn hören kann.



Wenn man sich erst einmal auf diesen unbeackerte Thema "Kunst und Kirche im dritten Reich" einläßt, dann fallen mir andere Splitter ein. Kirche ist ja nicht nur da, wo Kirchbauten zu sehen sind, sondern wo betende Menschen wohnen. Das deutsche Hausbuch des Westermannverlages aus dem Jahre 1940, gesponsert von Deutschen Winterhilfswerk mit dem Titel: "Ewiges Deutschland" für jung und alt in den Familien beginnt auf der ersten Seite mit einem in alter Frakturschrift gesetzten Gebet. Das Ewige Deutschland ist ein in allen Häusern betendes Deutschland.

"Herr Gott, steh dem Führer bei,
daß sein Werk das Deine sei,
daß Dein Werk das seine sei.
Herrgott steh dem Führer bei.

Herrgott steh uns allen bei,
daß sein Werk das Unsre sei.
Unser Werk das seine sei.
Herrgott steh uns allen bei."
Von Hermann Claudius.

Die nationalsozialistische Familie ist hier als eine betende Familie gedacht, und der Braunschweiger Propst Leistikow bezeugte vor Gericht im Verfahren gegen den Ministerpräsidenten Klagges, daß er in dessen Haus selber erlebt habe, wie bei Tisch gebetet worden sei. Vielleicht nach der Konfirmation einer der Klaggessöhne in der Magnikirche während des Krieges.

Das paßt zwar nicht in ein undifferenziertes Bild vom ns. System, aber es läßt sich nicht übersehen, daß die im Jahre 1933 beginnende Nazifizierung zunächst eine Re-Christianisierung zur Folge hatte. Die Menschen strömten in die Kirche zurück, die Kirchenaustrittsbewegung der 20iger Jahre wurde umgedreht. Christliche Motive wurden wieder ausstellungswürdig. Es erscheint mir nicht zufällig, daß die von Klagges favorisierte Ausstellung im März/April 1933 in der Burg Dankwarderode christliche Motive zeigt: der betende Bauer von Hoeck, "Bethlehem", unter den Musikern: Bach. Die Braunschweiger Tageszeitung stellt in den Bericht über die Eröffnung eben diese beiden Bilder mit den frommen Motiven besonders heraus.



2. Die Entwicklung des Kirchbaus im NS innerhalb der braunschweigischen Landeskirche

Eine Betrachtung der Kirchenarchitektur in der ns. Zeit im Braunschweigischen vermittelt unterschiedliche, widersprüchliche Eindrücke.

Die Kirchenarchitektur verabschiedet sich von den großen Stadtkathedralen.
Erwünscht sind kleinere, unauffälligere, in die Häuserfront eingepaßte Gebäudekomplexe, die multikfunktional benutzbar sind.
Statt mächtiger Kathedralen mit Turm und Westfront als Herrschaftssymbol einer christlichen Gesellschaft nunmehr schlichte Gemeindehäuser mit höchstens einem Dachreiter, schlicht in die Häuserfront eingepaßt in einer weitgehend entkirchlichten Gesellschaft.
Die hohe sakrale Schwelle soll möglichst ganz wegfallen, man betritt eine Art Hauskirche, in der nicht nur sonntags gebetet werden, sondern die ganze Woche über fröhliches Treiben in Gruppen und Arbeitskreisen stattfinden kann.
Die seit Jahrhundertanfang, aber dann besonders zu Beginn des 3. Reiches von den Deutschen Christen vielfach geforderte "Volksmission" findet hier ihre architektonische Entsprechung.

Ein solches multifunktionale Haus wurde am Zuckerbergweg vom dortigen Gemeindepfarrer Hans Leistikow geplant, vom Architekten August Pramann entworfen und im September 1934 von Landesbischof Johnsen als Martin Lutherhaus eingeweiht.
Leistikow war als 31 jähriger Pfarrer von Zinnowitz nach Braunschweig gekommen, hatte sich auf dem Bebelhof eine Wohnung gemietet und betrieb aus der praktischen volkmissionarischen Gemeindearbeit heraus - 33 % der Bewohner des Bebelhofes waren aus der Kirche ausgetreten - den Bau eines Gemeindehauses.
Es wurden drei Entwürfe eingereicht und der von August Pramann vom Stadtkirchenausschuß ausgewählt. Das Haus ordnet sich unauffällig in die Häuserzeile des Zuckerbergweges ein. Erst, wenn man unmittelbar davor steht, bemerkt der Spaziergänger an der zurückliegenden Häuserfront und der hohen Giebelwand an der rechten Seite, daß es sich um mehr als ein Wohnhaus handeln müßte.
Das Gemeindehaus hat im Erdgeschoß einen größeren und einen kleineren Saal, die zusammenzulegen sind. Der größere Saal an der Grundstücksgrenze ist mit höheren bleiverglasten Fenstern versehen, und kann auch als Gottesdienstraum genutzt werden. Eine Altarrniesche mit einem schmucklosen Altar kann durch einen Vorhang, der zuzuziehen ist, vom Saal getrennt werden. Ein schlichter Taufständer, ein schmuckloses Lesepult als Kanzel deuten darauf hin, daß hier der Gottesdienst nicht von dem Zelebrieren des Kultes lebt, sondern von der Auslegung des Wortes.
Der damals zeitgemäße Wert der "Volksgemeinschaft" kommt dieser Art von Kirchbau entgegen.
Gemeindepfarrer Hans Leistikow versucht in seiner Einweihungspredigt die Volksgemeinschaft mit der gottesdienstlichen Gemeinschaft unter dem Wort Gottes wie äußere und innere Gestalt aufeinanderzubeziehen. Zahlreiche SA Leute, gerade vom Reichsparteitag in Nürberg zurückgekommen, stehen dicht gedrängt bis auf den Flur. Sie sind der äußere Ausdruck der neuen Gemeinschaft des Volkes.

"Ihr lieben SA Kameraden, ihr wißt doch: Über allen Sorgen der Nahrung und der Kleidung und der Gesundheit steht die Sorge, wie wir zusammenleben und zusammenstehen können, wie unter uns Gemeinschaft werde."
Äußerlich sei sie vollendet, innerlich bleibe sie die künftige Aufgabe, und zwar die Aufgabe der evangelischen Kirche im Dritten Reich.

Dieser multifunktionale Raum nimmt Gedanken auf, wie sie Friedrich Naumann bereits am Anfang des Jahrhunderts unter der Überschrift "Zukunft der Kirche" formuliert hatte. Ein Gebäude mitten im Garten, ohne Turm und offen für jedermann. Kein Mensch wird mit Gotik geplagt, im wesentlichen aus Glas und Eisen, ein Saal mit Nebenräumen, als einziger Schmuck ein Kreuz. Es ist bezeichnend, daß die Zeitschrift "Kunst und Kirche" diesen Beitrag 1929 abdruckt mitten in die Diskussion, ob nicht ganz schlichte, offene Räume die monumentalen bürgerlichen Repräsentanzkirchen ablösen sollten. Gibt es eine Beziehung zum Modernisierungsprogramm der Nationalsozialisten, die der Kirche durchaus einen Platz in der ns. Gesellschaft einräumten, aber eben nicht mehr wie in jener Zeit, wo die christliche Kirche einen Alleinvertretungsanspruch auf die verbindliche öffentliche Werteordnung beanspruchen konnte.



Einen völlig anderen Eindruck von Kirchbau im dritten Reich vermittelt der Kirchenneubau in Kreiensen.

August Pramann legt im Rückgriff auf den Historismus einen außerordentlich schlichten Entwurf vor: ein spitzer Turm ist dem Kirchenschiff zur Straße hin sichtbar vorgeordnet, so wie jeder Erstklässler aus seiner Fibel eine Kirche erkennt. Anders als am Zuckerbergsweg gab es hier keine wesentliche Beschränkung durch den Platz und Rücksichtnahme auf eng benachbarte Nebengebäude. Die neue Kirche steht auf dem Platz in der Mitte des Ortes. Drinnen ein geräumiger einfacher Saal mit einem abgesetzten Altarraum, jene bereits erwähnte nachkatholische Verlegenheit des ev. Kirchbaus. Hohe Fenster, versehen mit bunten, gleichmäßig geordneten Scheiben schließen die Wand ab.
Die Kirchenleitung hatte im Oktober 1933 einem Neubau zugestimmt, und am 4. Advent 1935 wurde der Bau mit 400 Sitzplätzen unter Teilnahme von Kirchen und Parteiprominenz eingeweiht. Bischof Johnsen verbindet in seiner Einweihungsansprache Kirche und NS.

"Diese Kirche sei auf dem festen Fundament des unwandelbaren christlichen Glaubens erbaut. Verbunden mit der Nation und verpflichtet dem FÜhrer werde die Kirche diese Grundlage niemals verlassen."
Johnsen verwahrt sich gegen die Meldungen aus dem Ausland,
"die von einer Beseitigung des Glaubens und der Kirche sprechen."
Dieser schöne Bau einer neuen Kirche strafe diese Meldungen Lügen.

So also kann Kirchbau im NS auch aussehen: konventionell, mehr dem 19. Jahrhundert zugewandt, kein Ausdruck einer neuen Zeit in einer neuen, jungen Bewegung, kleinbürgerlich, langweilig. Kann man sagen: eine kleinbürgerliche Kirche in einer kleinbürgerlichen Bewegung?



Pramann hat eine solche Kirche nicht wieder gebaut, sondern sich anderen Architekturformen zugewandt, als er den Auftrag bekam, die Bugenhagenkirche zu bauen, die bereits ein Jahr später, im Advent 1936 eingeweiht wurde.

Wer war August Pramann?
August Pramann war zwar in Lutter am Barenberg 1887 geboren, verlebte aber Kindheit, Schule und Ausbildung in Düsseldorf, wo sein Vater in der Tischlerindustrie beschäftigt war. Pramann besuchte die dortige Kunstgewerbeschule, später Kunstakademie genannt, und wurde in das Architektenbüro von Prof. Wilhelm Kreis aufgenommen, der Dozent an der Kunstakademie Düsseldorf war und ab 1926 eine Professur in Dresden innehatte. Nach dem 1. Weltkrieg verlegte Pramann seinen Wohnsitz nach Braunschweig und baute hier in Riddagshausen die 1927 fertiggestellte Villa für die Familie Borek. Pramann wurde Bausachverständiger des Stadtkirchenausschusses Braunschweig. Pramann starb, nachdem er sich im Krieg und in der Nachkriegszeit besonders um die Erhaltung der Martinikirche verdient gemacht hatte, kurz vor seinem 64. Geburtstag im Januar 1951. Sein Sohn Rudolf setzte das Werk seines Vaters fort und leitete z.B. die Wiedererrichtung der schwer zerstörten Kirche St. Georg.

In Gliesmarode war eine ähnliche Situation wie am Zuckerbergweg: die Bevölkerung hatte in den 20iger Jahren erheblich zugenommen, zur Kirchengemeinde gehörten nunmehr 3000 Gemeindemitglieder, der Stadtkirchenauschuß hatte den Bau einer Kirche beschlossen - aber eben nicht wieder einen multifunktionalen Raum, was ja von den Bedürnissen der Gemeinde nahegelegen hätte, zumal die Klosterkirche von Riddagshausen für die Gemeindemitglieder zu besonders festlichen Anlässen nahe daneben liegt.
Wir stellen fest: es gibt im Nationalsozialismus auch einen Zug weg von neuen Ansätzen, hin zu einer Verkirchlichung ohne die Peinlichkeiten des Historismus.

Die Bugenhagenkirche gibt sich zur Straße hin durch den Turm als Kirche zu erkennen. Das Kirchenschiff wirkt zur Straße hin abgeschlossen, was durch die kleinen Rundfenster noch betont wird. Aber die Höhe des Kirchenschiffes paßt sich der Dachhöhe der umliegenden Häuser wohl an. Sie ist wie schon das Martin-Luther-Haus am Zuckerbergweg heute eine aus der Umgebung wenig herausgehobene Kirche. Der zwischen Turm und Vorbau eingedrückte Eingang wirkt nicht besonders einladend für volkskirchliche Massen, eher als Einlaß für die sich für den feindlichen Alltag am Sonntag zurüstende, streitbare Gemeinde. Dem Kirchenschiff angegliedert ist ein Anbau für den Altarraum. Das Innere ein Saalbau, dessen hinterer Teil abtrennbar und für gesonderte Gemeindeveranstaltungen benutzbarer Raum ist. Die Gemeinde sieht auf einen durch zwei Stufen erhöhten Altarraum mit einem kleinen schmucklosen Altar, hinter dem sich ein schmales, sehr hohes Kreuz erhebt. Wie ein zweiter Kreuzbalken wirkt der auf die Wand in Frakturschrift aufgetragene Spruch aus dem Johannesevangelium:

"Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit".
Die der Straße abgewandte Seite ist mit hohen, tief heruntergezogenen Fenstern versehen, die wie schon in Kreiensen mit schlichten ornamentalen, farbien Glasfenstern versehen sind. Einen festlichen, über reine Zweckmäßigkeit hinausgehenden Eindruck vermittelt die flache Kastendecke. Der Kirchbau ist ein zweckmäßiger, für die sachlichen Notwendigkeiten der Gemeindearbeit dienliches Gebäude.

Kirchenarchitektur im Dritten Reich setzt in der Tradition von schnörkeloser Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit ebensolche Ansätze aus den 20iger Jahren fort: modern, nützlich, sachentsprechend. So hat es August Pramann gewollt. Ich frage: dokumentiert dieser Typ strukturell das geordnete Nebeneinander von Staat und Kirche im dritten Reich und ästhetisch Anklänge der neuen Sachlichkeit?



Einen völlig anderen Eindruck erhalten wir von dem letzten Kirchbau Pramanns im dritten Reich, der Kirche St. Georg im Siegfriedviertel.
Siegfried, der germanische Drachentöter, bekommt Gesellschaft durch das christliche Pendant: den Drachentöter Ritter Georg. Wer die Legende genau liest, erfährt, daß Georg den Drachen nicht tötet. Er verwundet ihn, die jungfräuliche Prinzessin, um deretwegen er den Kampf mit dem Drachen führt, bindet ihren Gürtel ab, schlingt ihn um das furchterregende greuliche Haupt des Drachen und führt ihn im Triumph in die nunmehr von aller Gefahr und allem Übel befreite Stadt.
Die Georglegende ist eine Auferstehungsgeschichte. Das Böse wird nicht beseitigt, sondern gebändigt und dem Triumph der österlichen Gemeinde überlassen. Die Kirche selber hat indes Georg als das Urbild der ecclesia militans, der kämpfenden Kirche, verstanden.

An diese Geschichte erinnert in dieser Kirche nichts: kein Bild, keine Plastik, nur der Name. Der Betrachter ist überrascht von der Größe und Höhe des Turmes. Wenn wir erwartet hatten, daß der Kirchbau mit der zunehmenden politischen Festigung des Nationalsozialismus immer unscheinbarer und kleiner werden wÜrde, haben wir uns getäuscht.

Für diese Kirche war ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, zu dem bis an die 16 Meldungen und Skizzen eingegangen sein sollen. Den Zuschlag bekam wiederum Pramann, obwohl er nicht den ersten Preis gewonnen hatte. Hier steht eine von der Umgebung nicht zu übersehende, weithin erkennbare Kirche, zur Bauzeit 1938/39 noch auffälliger, weil ringsum lauter Spargelfelder.
Der Turm hat anders als bei Bugenhagen nicht die enge Verbindung zum Kirchenkörper sondern kann als selbständigers Bauwerk wahrgenmmen werden. Das ist wohl auch Absicht. Nicht nur Glockenträger für die weit ins Land schallenden, das Christenvolk hereinrufende Glocken, sondern als ein Signal: hier ist Kirche und sie ist da! Was ist das für ein Selbstverständnis von Kirche in der nationalsozialistischen Gesellschaft in einem Großdeutschland, das öffentlich gereinigt ist von den jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürgern? Die braunschweiger Synagoge ist verwüstet, die evangelische Kirche baut sich dieses Gotteshaus, und das ist immer noch nicht das letzte.

Am Eingang begegnen wir dem merkwürdig weihevollen hochgestelzten, portalartigen Stil. Die Kirche beommt den Anstrich des heroischen.
Möglicherweise Zitat aus Totengedächtnishallen, die allerdings offen sein müßten. Nicht ganz organisch wirken die in diese hohen Bögen eingelassenen unpropotioniert klein wirkenden Eingangstüren.
Ein Blick in den an diesem Tag festlich geschmückten Innenraum zeigt einen schlichten viereckigen saalartigen Raum mit Orgelempore, einem Mittelgang, der auf einen ungewöhnlich hervorgehobenen Altarraum zuläuft. Um diesen Altar versammelt sich nicht mehr die Gemeinde zum Empfang von Brot und Wein, sondern er gleicht eher einem katholischen Hochaltar.
Vor den Stufen des Altar ist in der Mitte die Taufe plaziert. Damit hat Pramann einen entscheidenden Hinweis der liturgischen Erneuerungsbewegung aufgenommen: der Taufstein, gelegentlich mehr am Eingang, im Westteil der Kirche aufgestellt, oder meist seitwärts vom Altar, wird zentral in die Mitte vor den Altar gerückt. Wer zum Abendmahl an den Altar geht, wird am Taufstein vorbeikommend an seine Taufe erinnert. Der Deckel, der den Taufstein abdeckt, ist auffällig gestaltet. In der Regel schmückt ihn die Taube, das Symbol des Hl. Geistes in Erinnerung an die Taufe Jesu durch Johannes.

"Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf und er sah den Geist Gottes wie ein Taube herabfahren." (Mt 3,16)
Das ist bei dem Taufdeckel der Georgkirche anders: keine Taube, kein Schweben, kein Herabgleiten, sondern ein Festkrallen, adlerartiges Gefieder, spitzer Schnabel, jedoch einen Heiligenschein. Der Hersteller ist bisher unbekannt. Etwa ein Reichsadler, der versinnbildlichen soll, daß der getaufte Mensch dem Reich Gottes eingegliedert wird? Dieses Detaill ist auffällig und eigentümlich.

Die Kirche hatte acht Glasfenster. Sie sind alle im Krieg zerstört. Sie enthielten in kindlicher Darstellung Erzählungen aus dem Lukasevangelium: hier: Geburt, Taufe, Jüngerberufung und Bergpredigt. Nicht deutende sondern schlicht nacherzählende, realistische Bilder aus der Kinderbibel, eine Art biblia pauperum, wie sie das Mittelalter für die des Lesens unkundige Gemeinde in den Kirchen anbrachte. Für eine mündige Gemeinde des 20. Jahrhunderts empfinde ich sie als schwer zu verkraftende Abbildungen, die den Betrachter zum kindlichen Konsumenten des gottesdienstlichen Geschehens machen. Die fortgesetzte Entmündigung der Gemeinde fördert eine autoritäre Seite der Kirche, die einer dem autoritären System dienstbaren Kunst entsprach.

Die Glasfenster stammen vom Kunstmaler Wilhelm Hartz. Hartz hatte den Auftrag für die Fenster auf Empfehlung von Pramann erhalten. Hartz und Pramann, etwa gleichaltrig, kannten sich aus Düsseldorf. Hartz hatte dort auf dem Gelände der dann anders genutzten Kunstakademie ein Atelier.
Pramann holte Hartz zu Arbeiten nach Braunschweig. Hartz hatte schon 1927, als Pramann zum ersten Mal nach Braunschweig gekommen war, die Borekvilla in Riddagshausen künstlerisch mitgestaltet.
Von Hartz stammen schlichte realistische Landschaften und Gestalten, die er in verschiedenen Materialien wiedergibt. Er ist bald nach dem 2. Weltkrieg verstorben.



Ich fasse diesen zweiten Teil zusammen:
Wir können also in Braunschweig vier unterschiedliche Typen von Kirchbau im dritten Reich unterscheiden:

  1. den multifunktionalen Kirchenraum, ein Gotteshaus ohne Turm, aber für alle, an allen Tagen geöffnet und benutzbar, ein Kirchsaal in einem vorwiegend zivilen Gebäudekomplex,
  2. die traditionelle historistische Kirche mit spitzem Turm und gestrecktem Langhaus, ein Raum für das gemütvolle Bürgertum am Sonntag,
  3. ein Mittelding zwischen diesen beiden Typen, jedoch deutlich als Kirche erkennbar,
  4. der heroische Typ, gestrecktes Portal, hohes Kirchenschiff, überragender Turm, die Gemeinderäume befinden sich in einem geschlossenen Komplex unterhalb des Kirchenraumes.

Eine kurze Zwischenbemerkung.


3. Die Glasfenster im Staatsdom und das Mosaik in St. Georg.

Der Umgestaltung des Domes ist ein größerer Teil dieser Ausstellung gewidmet. Ich persönlich halte die Umwandlung des Braunschweiger Domes in eine nationalsozialistische Weihestätte für gescheitert. Der kirchliche Charakter des Domes konnte nicht entscheidend beseitigt werden. Im Gegenteil: er ist durch den Umbau ab 1936 betont worden. Es treffen sich nämlich zwei Bestrebungen aus ganz unterschiedlichen Richtungen: die puristisch-politische von Klagges und die puristisch-liturgische der liturgischen Bewegung. Hören Sie bitte einmal, was das Haupt der Berneuchner Bewegung, Karl Bernhard Ritter, im Heft 4 1938 in "Kunst und Kirche" schreibt und wie sich das als eine Rechtfertigung der Klaggesschen Maßnahmen anhört.

"Ein dringliche Aufgabe bei vielen gottesdienstlichen Räumen ist auch heute noch ihre Ausräumung von allem Kitsch, der sich im Laufe der hinter uns liegenden Jahrzehnte angesammelt hat. Da gibt es Öldrucke, Gipsbüsten, unerträgliche Glasfenster, die ausschließlich Zeugnisse für die Unfähigkeit der Verfertiger ablegen, Wände mit öder Schablonenmalerei. Besser ein sauberer, leerer Raum in schlichten Farben getönt ohne allen Schmuck als ein Raum, in dem jedes empfängliche Gemüt bedrückt wird durch eine unechte eitle Dekoration. Oft kann erst nach einer solchen gründlichen Reinigung daran gedacht werden, nun langsam ein wesentliches Stück nach dem andern in den Raum einzufügen."
Soweit K.B. Ritter.
"Ausräumung - sauberer, leere Raum - grÜndliche Reinigung" - so kann man die Maßnahmen von Klagges zutreffend beschreiben. Sie stammen indes von einer, für die Liturgie der Kirche besonders verantwortlichen Seite. Aus Sympathie zu dieser Bewegung hatte ich schon vor 20 Jahren von einer "architektonisch gesehen durchaus stilvollen Renovierung gesprochen". Jochen v. Grumbkow hielt diese Bemerkung für kühn. Sie ist nicht kühner als die Äußerung Karl Bernhard Ritters.



Es sind vor allem die Darstellungen Heinrich Wilhelm Dohmes in Sgraffiti gewesen, die als anstößig galten und als erstes beseitigt worden sind. Sie zeigen den Weg von Bauern und Soldaten nach Osten, die Niederwerfung der Slawen und schließlich die Ernte auf dem eroberten neuen Boden. Eine Missionsgeschichte, an der die christliche Kirche doch einen erheblichen Anteil hatte. Wäre denn die Darstellung Dohmes vertretbarer gewesen, wenn der Anteil der Kirche an dieser Missionierung des Ostens auch noch in kräftigen Strichen dargestellt worden wäre?
Vielleicht hätte man die Sgraffitikunst Dohmes vor ihrer Übertünchung erst noch mit Sgraffitidarstellungen in anderen Kirchen vergleichen sollen, z.B. in der Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin. Fritz Höger, der Erbauer des Chilehauses in Hamburg, bekam in den zwanziger Jahren den Auftrag zum Bau dieser monumentalen Kirche, die dann 1933 eingeweiht wurde. Sie mußte es sich gefallen lassen, als ein dem nationalsozialistischen Kunstgeschmack gemäßes Kunstwerk eingeordnet zu werden. An den Seitenwänden dieser Kirche befanden sich Sgraffiti, einzelne Menschen oder Menschengruppen darstellend, die sich in Richtung auf den Triumphbogen vor den Altar hinbewegen. In der Spitze des Triumphbogens ist in Mosaik der lehrende, segnende Christus abgebildet. Die Sgraffitigestalten sind mit dem Bibelwort aus der Bergpredigt

"Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen",
umschrieben. Wie später im Braunschweiger Dom sind die Sgraffiti Dohmes, der ja auch aus Berlin stammte, auf den Altarraum zugeordnet. Ich rege also an, zur Bewertung der Sgraffiti im Braunschweiger Dom andere aus dem Kirchbau jener Zeit zu vergleichen. Womöglich kommt man zur Anschauung, daß es genügt hätte, den aggressiven Adler im vorderen Bereich zu übertünchen.

Ich frage ernsthaft, was wäre an dem fertiggstellten Braunschweiger Staatsdom aufdringlich nazistisch gewesen? Wer den Braunschweiger Staatsdom betrat, sollte mit seinem Blick nämlich nicht auf die mit ns. Abzeichen verzierte Wand vor dem hohen Chor prallen. Die Wand war natürlich Provisorium. Im nie endgültig fertig gewordenen Staatsdom sollte der Blick im Hohen Chor bei den bunten Fenstern enden. Die Glasfenster im hohen Chor vollenden den symbolischen Weg des Besuchers nach Osten, angeleitet durch die Sgraffiti von Wilhelm Dohme. Ist der Betrachter den Weg mit den Kolonisatoren gegangen, geht nun der Blick weiter vorbei an den zahlreichen romanischen bunten Fresken an Wand und Wölbung auf die drei farbigen Fenster. Links und rechts sind flächige Ornamente zu sehen, in der Mitte, St. Georg, der den Drachen zu Boden geworfen hat. Alles ist - wie bei vielen anderen Georgdarstellungen auch - auf Kampf und Sieg konzentriert.
Es ist das Verdienst der Arbeit von Jochen v. Grumbkow, abgedruckt im Braunschweiger Jahrbuch 1998, das er auf die Mittelfenster als Hinterlassenschaft nationalsozialistischer Kunst hingewiesen hat und von v. Dyk und Fuhrmeister, daß sie diesen Hinweis im Ausstellungskatalog aufgenommen und weitergeführt haben.
V. Dyck und Fuhrmeister mockieren sich über die Anschauung jener aus den 80iger Jahren, die moderne Glaskunst und Nationalsozialismus noch nicht zusammensehen konnten wie sie. Tatsächlich gab sich ja auch das ns. Kunstverständis als Gegner der abstrakten Kunst aus. V. Dyck und Fuhrmeister stellen die Glasfenster im Dom nun in eine Tradition mit Josef Albers, ich will das nicht beurteilen, aber doch sagen: die Werke und Glasfenster von Josef Albers waren zuletzt in Braunschweig ausgestellt in jener Februar/März Ausstellung der "Freunde junger Kunst", die dann geschlossen wurde. Feiern sie fünf Jahre später in Gestalt der Glasfenster von Becker - Tempelburg eine Auferstehung? Eine List der Geschichte?



Das Mittelschiff ist noch als kämpferischer Weg komponiert, der hohe Chor ist wie ein Ziel in einer anderen Welt. Auch in dieser anderen Welt herrscht Auseinandersetzung und Kampf. Der Kampf zwischen gut und böse ist noch nicht beendet. Der Erzengel Michael und St. Georg waren die beiden alten Sinnbilder der das Böse bekämpfenden Kirche.
Das Georgglasfenster im Hohen Chor des Staatsdomes nimmt daher den von Dietrich Klagges in seinem Buch "Das Urevangelium Jesu, der deutsche Glaube" in Kapitel 2 beschriebenen "artgemäßen deutschen Glauben" auf. Klagges glaubte an einen ethischen Dualismus.

"Ewig wirken gute und böse Kräfte in der Welt"
und die Kinder Gottes haben die Möglichkeit, sich als gute oder böse Kräfte zu betätigen, als Georg oder als Drache.
"Diese Weltordnung muß notwendig, so wie sie ist, aus Gottes Wesen geboren werden. Sie ist deshalb ewig und unveränderlich".
Das St. Georgfenster im Hohen Chor des Staatsdomes deutet also den Weg der nach Osten schreitenden und kämpfenden und arbeitenden Menschen als eine notwendige, göttliche und unaufhörliche Aufgabe.
Emotional jedoch bestimmt nicht das Kämpferische den Betrachter. Richtig stellt ... fest:
"Becker-Tempelburgs moderne Glasfenster erzeugten ein stimmungsvolles Licht, das den Innenraum in eine sakrale - und gerade nicht durchpolitisierte - Atmosphäre tauchte".

Ich wiederhole; ich halte den Versuch der Entkirchlichung des Domes in eine nationalsozialistische Weihestätte schon damals für gescheitert.
V. Dyck und Fuhrmeister nennen selber einen weiteren Grund: die Musik in diesem Dom durch den Domorganisten Wolfgang Auler. Auler hatte in der Kirchenmusik als bedeutender Cembalist in Berlin einen Namen. Die Musik des Barock war sein Spezialgebiet. Rasch bildete sich um ihn ein qualifizierter Chor sangesfreudiger Braunschweiger, die sich irgendwann zu Worte melden sollten, um die Gestalt Aulers in jener Zeit näher beschreiben zu können.
Gewiß war die aufgeführte weltliche Musik von Händel und Bach von dem religiösen Umfeld ihrer Entstehungszeit nicht zu trennen. Auler soll für 1944 die Aufführung der Matthhäuspassion geplant haben, was ein interessanter Beitrag zu den antijudaistischen - und 1944 daher zeitgemäßen - Aussagen des Matthäustextes gewesen wären.

Auler konnte sich guten Gewissens nach dem Einmarsch der Amerikaner eine Weiterarbeit am Dom vorstellen, setzte sich auf die Orgelbank neben Dr. Ellinor Dohrn, die bis zur Zerstörung an der Petrikirche gewirkt hatte, und hatte die Vorstellung, daß er den Chor weiterführen würde und Frau Dr. Dohrn für die sonntägliche Orgelmusik zuständig sein würde. Ellinor Dohrn lehnte ab, Auler ging ins Rheinland und nahm als Dozent für Kirchenmusik bereits 1945 in Köln kirchenmusikalische Prüfungen ab. Er gab dann als Kirchenmusikdirektor die Orgelwerke von Nikolaus Bruhns heraus. Was bedeutet diese bruchlose biografische Weiterführung für das Verständnis der Musik an der sog. nationalsozialistischen Weihestätte von 1941-1944?
Auler wurde stark gefördert von Dr. Dürkop, der sich in der ns. Zeit mit der Kirchenmusikerin an der Katharinenkirche Hilde Peiffer verheiratete, nunmehr Hilde Pfeiffer-Dürkop, die gegen ihre "Konkurrentin", jene nach ns Begriffen halbjüdische Dr. Ellinor Dohrn an der Petriorgel, schmutzige Attacken bei der Gestapo inscenierte. Es ist dem Dom sehr zu danken, daß er der kÜrzlich im hohen Alter verstorbenen Ellinor von der Heyde-Dohrn einen Gedächtnisgottesdienst gewidmet hat.

Sgraffiti, die Glasfenster und nun noch die Musik im Braunschweiger Staatsdom - diese sakrale und durchaus nicht durchpolitisierte Atmosphäre - sind möglicherweise eher ein Spiegelbild einer den nationalsozialistischen Eliten durchaus nicht unverdächtigen Religiösität des damaligen Braunschweiger Ministerpräsidenten Klagges und würde vielleicht erklären, warum so wenige Nazigrößen den Dom überhaupt besucht haben.



Glasfenster wie Musik bezeugen den ewigen Sieg des Gotteskindes. Georg wird nie dem Drachen unterliegen. Wo dieser Augenblick des Sieges hervorgehoben werden soll, da erscheint Georg wie ein Jüngling ohne Rüstung, abgestiegen vom Streitroß, nicht mehr verwundbar und daher nackt, einen Speer noch in der Hand, der sich in eine Fahnenstange mit flatternder Fahne verwandelt hat, die Rechte zum Siegesgruß hoch erhoben mit der Aufforderung an den Betrachter im Braunschweiger Bahnhof, sich unter den Hakenkreuzfahnen des Siegers einzufinden, sich mit ihm zu vereinen. Der nackte junge Mann als der neue Mensch, das männliche Pendant zu den meist weiblichen Gestalten unter dem ns. Motto "Glaube und Schönheit".
Dieses Bild des neuen Menschen nach Kampf und Streit kehrt wieder in dem Epitaph in der Gaußschule, drei ruhende, sich berührende, miteinander spielerisch beschäftigende, nackte männliche Gestalten zwischen zwei läuferischen Figuren. Vier nackte junge Gestalten nach dem Kampf auf der Wiese zwischen den Zelten, der eine am Zelteingang, der andere am Uferrand, ein Augenblick aus einern anderen Welt, von Hähndel eingefangen.
Jochen Klepper schreibt in seinen Briefen von der Ostfront von den Bildern des gemeinsam nackten Badens angetörnt, und vom gemeinsamen Einschlafen mit dem einundzwanzigjährigen Kameraden neben ihm, Hand in Hand einschlafend, er möchte diese Augenblicke, in denen er seine Jugend nachhole, nicht missen.
Der Nationalsozialismus entfaltet das anziehende Bild eines neuen jugendlichen Menschen jenseits von Kampf und Not. Es kann dahingestellt bleiben, in diesem Zusammenhang von der Ästhetik schwuler Lebensformen zu sprechen. Der Protest des Braunschweiger Kleinbürgertums gegen das Bahnhofsbild könnte unausgesprochen auch von homophoben Einstellungen geprägt sein.

Die kirchliche Kunst hingegen hat in Braunschweig noch ein anderes Bild vom neuen Menschen entworfen, nämlich im monumentalen Mosaik an der Altarwand der Kirche St. Georg. Es stellt die Himmelfahrt Jesu dar, also den seinen Tod überwindenden, neuen Menschen. Das Mosaik versucht keine Deutung der Himmelfahrtsgeschichte, sondern bildet den legendären Vorgang ab, Jesus auf der Wolke thronend und mit erhobener Hand die ihn betrachtende Gemeinde belehrend.
Es stammt wie schon die Glasfenster von Wilhelm Hartz.

"Typisch Nazi", hört man häufig über dieses Mosaik sagen: ein blonder Jesus, blauäugig. Ich halte das für voreilig. Es wäre eine weiterführende Aufgabe, dieses Mosaik mit anderen Mosaikdarstellungen aus jener Zeit zu vergleichen.

Zwei Typen eines neuen Menschen: diese übersinnliche, leblose, belehrende, moralisierende, die Gemeinde entmündigende Christusgestalt oder den sieghaften, spielenden, leichtfüßigen, unbekleideten Jüngling. Die Wahl zwischen der starren Gottheit oder dem einen fiele wohl kaum schwer.

"Kirche und Kunst im Dritten Reich" - ich danke den Veranstaltern, daß ich im Rahmen dieser differenzierenden Ausstellung einen Anfang bei der Bearbeitung dieses Themas machen konnte.



Bruchstücke


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Impressum
http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/kunst.htm
Stand: 28-Nov-2001
Autor: dk

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