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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

(Download des Textes mit Fußnoten als pdf hier)


Das evangelische Pfarrhaus in Stadt und Land Braunschweig im 20. Jahrhundert.
Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Landes.

Vortrag am 2. Juli 2014 in der Brüdernkirche im Rahmen der Ausstellung „Leben nach Luther“
von Dietrich Kuessner



Einleitung

Seit dem 16. Juni 2014 ist in der Brüdernkirche die Wanderausstellung „Leben nach Luther“ zu sehen, die vollständig im Berliner Historischen Museum gezeigt worden war. Hinzugefügt waren zahlreiche Exponate aus der Braunschweiger Landeskirche. Im Rahmen dieser Ausstellung wurden verschiedene Vorträge gehalten, so am 14. Juli über das Pfarrhaus im 18. Jahrhundert, über das Modell Pfarrhaus im 21. Jahrhundert (am 23.6.) und das unten abgedruckte Referat über das Pfarrhaus im 20. Jahrhundert am Mittwoch dem 2. Juli.
Dem Referat ging ein sehr ausgiebige Vorbereitung voraus, so ein Treffen mit Mitgliedern des Schwarzen Cafe in Wolfenbüttel Ende April, persönliche Gespräche mit über 20 „Pfarrhauskindern“, und auch Zuschriften zum Thema. Das Referat wurde in den verschiedenen Stadien seines Entstehens von fünf Pfarrern und von Frau Reiss gelesen und kritisch kommentiert.
Ein Glücksfall war es, dass sich sechs Frauen und Männer bereit fanden, die zahlreichen Zitate vorzutragen und dem Referat eine eigene Stimmfärbung zu geben. Herbert Erchinger begleitete zwischen dem zweiten und dritten Teil mit der Gitarre den Gesang der Zuhörerinnen und Zuhörer.-
Der Zuspruch war mit 76 gezählten Zuhörer sehr erfreulich. Es mussten noch Stühle zu den vorgesehene Sitzplätze hinzugestellt werden.

Der Abend wurde eingeleitet mit einer Erinnerung an die Wiederkehr der Taufe des Erbprinzen im Dom vor 100 Jahren und dem 80. Jahrestag am 2. Juli 1934 des Referenten. Alle sangen das Tauflied wie vor 100 Jahren: „Hirte, nimm das Schäflein an/ Haupt, mach es zu deinem Gliede/ Himmelsweg, zeig ihm die Bahn/ Friedefürst, sei du sein Friede/ Weinstock, hilf, dass diese Rebe/ auch im Glauben dich umgebe.“

Es folgt der vollständige Vortragstext, der am Abend um einiger Seiten gekürzt wurde.



Werte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!
Wenn Sie nach meiner Darstellung den Eindruck haben, „ach nee, bei uns war das alles doch noch ganz anders, dann sind Sie dem Geheimnis der Vielschichtigkeit und Vieldeutbarkeit von Geschichte auf der richtigen Spur. Mein Vortrag gliedert sich chronologisch in drei Teile: das ev. Pfarrhaus bis 1918 in der Staatskirche; 2. zwischen 1918 und 1968 in der Volkskirche; und 3. nach 1968 in einer Kirche der wachsenden Minderheit.

I.
Das Pfarrhaus bis 1918 in der Staatskirche

Wer heute durch die Dörfer unserer Landeskirche fährt, stößt fortgesetzt auf hervorragend renovierte Fachwerkhäuser. Sie stehen unter Denkmalschutz. Es sind 36 Pfarrhäuser aus dem 18. Jahrhundert.
Man sieht es ihnen an: diese Pfarrhäuser (Liebenburg, Lesse) sollten auch als landwirtschaftliche Betriebe funktionieren. Sie hatten also Scheunen und Ställe, betrieben Viehzucht und bewirtschafteten viele Morgen Land.
Von den 62 erhaltenen Pfarrhäusern aus dem 19. Jahrhundert stammen allein 44 aus der Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg. Die hohen französischen Reparationen zahlten sich auch für die Kirche aus. Es sind oft, wie in Thiede und Emmerstedt, massive Repräsentativgebäude, von der dörflichen Bevölkerung als „Residenzen“ wahrgenommen. Sie sollten den Zuckerrübenburgen der Großbauern und den Villen der Amtmännern äußerlich und räumlich nicht nachstehen. Sie wirken herrschaftlich, aus den üblichen, schlichteren Haustypen im Dorfe auffallend abgesetzt und öffnen sich mit einer Auffahrt. Innen sind sie mit 250-500 Quadratmetern sehr geräumig, die Wände sind bis 2,80 m hoch. Pfarrhaus und Kirche stehen nebeneinander. Sie bilden ein Bauensemble.

Je nach der landwirtschaftlichen Ausstattung der Pfarre gab es im 18. und 19. Jahrhundert reiche und arme Kirchengemeinden. Erhalten sind nur die Häuser jener gut situierten Pfarren und geben deshalb kein vollständiges Bild vom Pfarrhaus damals auf dem Lande wieder. Als das Pfarrhaus in Offleben 1907 errichtet worden ist, wurde das alte nicht abgerissen, sondern auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgebaut als Armenhaus. Der „Mythus Pfarrhaus“ blendet Ärmlichkeit und Elend des Pfarrhauses, das es auch häufig gab, aus, z.B. das Elend der alt gewordenen Pfarrstelleninhaber. Der sollte, auch wenn er körperlich und geistig schon gebrochen war, im Dienst auf der Pfarrstelle sterben, so sah es die geltende Kirchenordnung vor.
Der Ortspfarrer war trotz Stall und Scheune kein Landwirt unter Landwirten. Er stand den Dorfbewohnern gegenüber. „Der Pfarrer war in seiner Gemeinde, vor allem auf dem Lande, ein Fremder“. So beginnt Christel Köhle Hezinger ihren Aufsatz in dem 2013 erschienen Aufsatzband „Das ev. Pfarrhaus. Mythos und Wirklichkeit“. Der Pfarrer war nicht bodenständig, er kam und ging, Bevölkerung und Kirche blieben in Erwartung eines Neuen.
Zentrum des Pfarrhauses war das Amtszimmer des Pfarrstelleninhabers, dem Getriebe der Pfarrhausbewohner entzogen, hier lagerten die Bücher und die Predigtbände, aus denen am Sonntag ausgiebig vorgelesen wurde. Sie waren oft abgenutzt und bearbeitet, an den Kreidestrichen im Text zu erkennen, für den Fall, wenn der Pastor die lange Predigtvorlage kürzen wollte. Es war ein dunkler, eher unwohnlicher Raum, kein Raum, in dem man sich von den Enttäuschungen des Amtes erholen konnte. Das Amtszimmer trennte scharf Privates und Dienstliches. Die Kinder klopften an, wenn sie, was nicht üblich war, das Amtszimmer betreten wollten, es sei denn, sie wurden gerufen, etwa zum Schulunterricht.
Die Pfarrhäuser waren zugleich Schulort. Der Unterricht der Kinder des Pfarrerehepaares, fand zu Hause durch die Eltern oder durch einen Privatlehrer statt. Die meist überfüllte Dorfschule haben sie von innen nie gesehen. Dort waren die Lernmethoden und Lernziele auch andere. Der Unterricht im Pfarrhaus sollte bei den Jungen zur Aufnahme in das Gymnasium befähigen.

Die Pfarrfrau, die sich gelegentlich auch am Unterrichten beteiligte, hatte ihren Platz neben der Arbeit und dem Dienst ihres Mannes. Die Pfarrfrau kümmerte sich um Kindererziehung, um Küche, Keller und Garten. Das Wasser wurde auf dem Lande aus dem Brunnen geholt, die Wäsche geschrubbt, das Badewasser im Kessel erhitzt. Das Klo war auf dem Hof, und die Grube musste regelmäßig geleert werden. Das ging so bis in unsre 60er Jahre. Die Bilder mit dem Paradesofa täuschen über die schwere Handarbeit, die die Pfarrfrau meist mit einem Dienstmädchen und Haustöchtern bewältigte. Natürlich gab es in diesem Pfarrhaus eine Trennung von Privatem und Dienstlichem. Das Schlafzimmer der Eltern war tabu. Die Kinder hatten ihren Spielraum. Jeder hatte seinen Ort, der vom anderen respektiert wurde.
Eine nicht unwichtige Rolle spielte das Pfarrhaus als Ausbildungsstätte für junge Mädchen, die als sog. „Haustöchter“ für eine gewisse Zeit aufgenommen wurden. Wie man sagte „schlicht um schlicht“, also gegen Kost und Bett.
Der Gottesdienstbesuch am Sonntag war für die Pfarrfrau selbstverständlich, manchmal auf einem hervorgehobenen Platz in der erhöhten Altarprieche, auf die Gemeinde herabsehend, manchmal dem Patron oder Amtmann gegenüber.

Die finanzielle Situation hatte sich seit der Jahrhundertwende in vielen Pfarrhäusern erheblich verbessert. Die Landesversammlung hatte 1902 eine Einkommensreform beschlossen, wonach bei dem Einkommen eines Pfarrers nunmehr sein Dienstalter berücksichtigt werden sollte und unabhängig von dem Ertrag wurde, den das Pfarramt (die Pfarrpfründe) abwarf. Das Mindesteinkommen von bisher 80 M pro Monat hatte die Landesversammlung auf 200 Mark monatlich festgelegt, das sich mit steigenden Dienstjahren auf 500 Mark monatlich erhöhen sollte, und alle drei Jahre eine Erhöhung versprochen. Die kirchliche Presse feierte das Zustandekommen der Einkommensreform als ein Jahrhundertentscheidung. „Es sind einige Stützen des alten Systems die schon lange morsch waren, abgebrochen worden.“ Im Pfarrhaus war nun mehr Planungssicherheit eingekehrt. Die Pfarrhauszustände, die sich im 19. Jahrhundert nicht in stilvollen Möbeln und kostbaren Vasen, den Requisiten des Mythus, erschöpften, sondern oft auch unzumutbar waren, waren damit allmählich beendet.

Seiner Dorfbevölkerung trat der Ortspfarrer schon rein äußerlich als Fremder gegenüber. Nach wie vor war der schwarze Rock beim Betreten des Dorfes vorgeschrieben, jene „Art von Subaltern-Uniform, um die ihn der unterste Schreibersknecht nicht beneidete,“ so Paul Drews in seinem 1902 erschienenen Aufsatz „Der Einfluss der gesellschaftlichen Zustände auf das kirchliche Leben“.
Verboten war der Aufenthalt in Gastwirtschaften und das Jagen. Distanz schuf auch seine Vorbildung. Zur Isolierung von der Bevölkerung trug weiterhin die Abhängigkeit des Pfarrers vom Patron des Ortes bei. Der Patron beherrschte das Dorf und konnte sich seinen Pfarrer aussuchen. Es gab 1894 in der Landeskirche 76 Privat-Patronate. Christine Eichel schreibt dazu in ihrem Buch „Das Deutsche Pfarrhaus“: „Der Adel jedenfalls akzeptierte den Pfarrer gesellschaftlich nicht und schon gar nicht als seinesgleichen.“
Der Pastor hatte die Aufgabe, für den inneren Frieden im Dorfe zu sorgen. Und zwar von Staatswegen Also: keine Unruhe, keine Gewalttätigkeiten und Lärm in den Gastwirtschaften, keine Auffälligkeiten auf der Straße. Bewahrung des status quo. Er war Pfarrer und Staatsdiener. Als Staatsdiener übte der Pfarrer ein strukturell bedingtes, politisches Mandat aus. Ich halte es für falsch, von einer Politisierung der Pfarrerschaft erst nach 1968 zu reden. Die strukturelle Politisierung in der Kaiser- und Herzogzeit war viel umfassender.

Als Pastor und Staatsdiener hatte der Pfarrer dem Konsistorium und dem Staatsministerium Bericht zu erstatten über die sittlichen Zustände im Dorfe, über die Einhaltung der Sonntagsruhe, die sog. „Sonntagsheiligung“, über „wilde Ehen“, Ehescheidungen, eheliche und uneheliche Geburten, „Öffentliche Lustbarkeiten, Ausschweifungen und Verbrechen.“
Pfarrer Theodor Kellner berichtete über die Verhältnisse seines Dorfes Thiede um 1899: „Die sittlichen Zustände sind noch gut, fangen aber an zu leiden unter dem Zuwachs an Fabrikbevölkerung seit dem Betrieb der Kaliwerke. Entheiligung des Sonntags findet statt weniger durch Arbeit als vielmehr durch die häufiger werdenden Lustbarkeiten der vielen Vereine und durch den gesteigerten Betrieb und Verkehr auf dem Bahnhof.“
In den Visitationsbericht der Kirchengemeinde Timmerlah schrieb Superintendent Otto Schuman im Juni 1901: „Die Vergnügungssucht hat zugenommen. Fälle von Unzucht sind häufiger, es fehlt an einträchtigem Zusammenhalt auch der besseren Elemente. Die Nähe der Stadt macht sich nicht vortheilhaft fühlbar. Abendlicher Straßenlärm und allerhand Rohheit war vor einigen Jahren noch ärger.“
Solche Berichte waren kein Übergriff der Kirche in den ihr eigentlich fremden Bereich der Kommunalgemeinde, sondern Dorfgemeinde und Kirchengemeinde waren identisch. Wer zum Dorfe gehörte, war automatisch auch evangelisch, zwangschristianisiert seit tausend Jahren, jedenfalls bis 1873, und das wirkte noch lange nach.
In die Dörfer war also, so berichteten die Pfarrer, Unruhe eingezogen durch die Industrialisierung, durch die Bevölkerungszunahme, durch die überfüllten Dorfschulen, durch die sozialdemokratische Partei. Die überdimensionierten Pfarrhäuser wurden zu Bollwerken gegen die Modernisierung und mögliche Sozialdemokratisierung; eine Versteinerung des status quo.

In den Visitationsbögen wurde für die staatliche Statistik regelmäßig über die Anzahl der ehelichen und unehelichen Kinder berichtet. Das hatte seine kirchlichen Folgen. Für uneheliche Kinder war nur eine reduzierte Taufordnung vorgesehen. Der Pfarrer hatte auch die Brautleute zu fragen, ob die Braut noch jungfräulich sei, und wurde oft angelogen. Je nach Antwort bestimmte nämlich der Pfarrer, ob die Braut mit Kranz und Schleier vor den Altar treten, Altarkerzen entzündet und die Glocken geläutet werden durften. Das war natürlich Dorfgespräch, und die Dorfjugend feixte, wenn der Pastor nichts vom Zustand der Braut gemerkt hatte.
Die Doppelrolle als Ortspfarrer und Staatsdiener war besonders fühlbar in der Dorfschule. Der Pfarrer kontrollierte die Situation in der Schule als Inhaber der sog. Schulaufsicht, er konnte zu jeder Zeit in dem Unterricht erscheinen, ein Anlass zu ständigem Streit mit dem Dorfschullehrer.
Für vier Monate erschien der Ortspastor vor dem Konfirmationstermin, die mit dem Schulabschluss zusammenfiel, in der Schule und verabreichte den Schulabgängern „den letzten sittlichen Schliff“.
Wenn ein Konfirmand heulend nach Hause kam, der Pastor habe ihn geschlagen, bezog der Junge umgehend noch zusätzlich eine Tracht Prügel von Vater oder Mutter. Respekt vor dem Ortpastor wurde zur Not eingebleut.
Es gibt aber auch andere, mündlich überlieferte Geschichten herzlicher Anhänglichkeit von Dorfbewohnern an ihren Ortspfarrer. Else Trautvetter in Wenden hat lebenslang eine dankbare Erinnerung an ihren Ortspfarrer Werner Seebaß bewahrt, und der förderte ihre kirchliche Sozialisation. Sie wurde später jahrzehntelang selbstbewusste Küsterin in einer Dorfkirche.

So unangefochten die Stellung des Pastors nach außen zur Dorfbevölkerung noch war, nach innen zur Kirchengemeinde war sie dagegen schwach. Das Konsistorium berichtete fortgesetzt der damaligen Landessynode vom anhaltend schlechten Besuch der Gottesdienste. Der 10. Landessynode im Jahre 1909 berichtete das Konsistorium, mit dem Gottesdienst sei es in der Landeskirche „vielfach nicht gut bestellt,“ die Gottesdienste an den Wochentagen seien völlig verschwunden, auch der Vormittagsgottesdienst am Sonntag leide „in vielen Gemeinden unter geringer Beteiligung der Gemeindeglieder, und zwar auf dem Lande nicht weniger als in den Städten“. Pfarrer Christian Oberhey dichtete zum Jahrhundertanfang in seinem Bändchen „Lebensbilder“ „Von Gott du uns gegeben bist/ Zum Seelenbrunnen, Jesu Christ.// Du bist so nah, du wirst so leicht/ von jedem Dürstenden erreicht.// Du dientest Allen herzensgern/ Doch ach, die Meisten bleiben fern.“
Im damaligen Gesangbuch findet sich unter Nr. 435 ein Aufschrei des Pfarrers von St. Andreas. Gottlieb Küster, über den traditionell schlechten Gottesdienstbesuch, der nach der Melodie „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, dichtete: „Wer nicht sein Herz vom Stolz bezähmt. Und frech das Haus des Herren flieht. Wer sich des Gottesdienstes schämet, und der Versammlung sich entzieht. Der raubt Gott eine heilge Pflicht, verachtet ihn und ehrt ihn nicht.“

In der Pfarrhausliteratur wird für diese erste Phase gerne hervorgehoben, wie viele Prominente aus dem Pfarrhaus hervorgegangen sind. Solche Beispiele gibt es auch in der Braunschweiger Landesgeschichte:
aus Braunschweiger Pfarrhäusern stammen der bedeutende, seit 1873 leitende Staatsminister Friedrich Schulz, auf den das Gewerbeschutzgesetz und das Regentschaftsgesetz zurückgehen, Justizminister und Kultusminister Adolf Wirk im Pfarrhaus Abbenrode geboren, der Bibliotheksdirektor Eduard Bodemann, der Braunschweiger Landgerichtsdirektor Georg Bode (1898-1909) im Pfarrhaus Eschershausen, Johannes Lieff Präsident des Verwaltungsgerichtshofes gest. 1955, Pfarrhaus in Wolfenbüttel, Vater war Oberkonsistorialrat, Otto Korfes Leiter des Potsdamer Staatsarchives der DDR aus dem Pfarrhaus in Wenzen gest. 1964.

Das Pfarrhaus im 19. Jahrhundert war bis 1918 ein Kosmos für sich, ein geschlossener Lebenskreis, der Arbeitsstätte und private Familie, Kanzel und Garten zur Selbstversorgung, Kirchenjahr und Naturjahr, Lernort und Spielort miteinander vereinte. Dort herrschte eine patriarchalische Ordnung, die als Gottesordnung verstanden wurde, jeder hatten seinen Platz und seine Aufgabe. Für Selbstbestimmung jedweder Art gab es kaum Raum.

Das theologische Fundament dieser ersten Phase bis 1918 war eine Theologie der Ordnungen. Diese wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Berliner juristischen Konsistorialrat Friedrich Julius Stahl entwickelt und zwar gegen die aufkommende republikanische Bewegung. Stahl polemisierte gegen einen Staatsbegriff, der auf der Willensbekundung einer Mehrheit der Bevölkerung beruhe. Staat und Familie seien vielmehr göttlichen Ursprungs, eine Erfindung des Schöpfergottes, der Staat und Familie in seine Schöpfungsordnung eingefügt habe. Eine Beeinträchtigung des Staates sei daher Gotteslästerung. Bruder Kuessner, sagte zu mir ein Amtsbruder, der diesen Pfarrhaustyp noch verkörperte, als ich über die tadellose Ordnung im Bücherregal lästerte,. „Halten Sie Ordnung, dann hält die Ordnung Sie“. Dieses Bild vom Pfarrhaus als eines geschlossenen Kosmos hat sich in der Überlieferung und in der Erinnerung der Enkel und Urenkel als prägend und liebenswert erhalten, das Pfarrhaus ein Ort des geglaubten Evangeliums.

Die Vorstellung eines Krieges, auch vom ersten Weltkrieg, zerstörte zunächst nicht den Kosmos des Pfarrhauses, denn Krieg gehörte zur sündigen Welt und diente dem Herrn der Geschichte als Zuchtrute für leichfertigen Lebenswandel und mancherlei Sünden. Elf Pastorenväter meldeten sich als Feldprediger, sechs als Sanitäter, 57 weitere an die Front. Die jungen Pfarrersöhne stürmten auf die Nachricht von der Mobilmachung hin in die Meldebüros, so der Pfarrersohn aus Alvesse. Sein Vater schrieb es in in Kirchenchronik: „Mein Sohn Gustav Kalberlah, seit Ostern Unterprimaner des Wilhelmgymnasiums in Braunschweig, regte seine Altersgenossen zum Waffendienst an und bat schon am Abend um väterliche Erlaubnis, als Kriegsfreiwilliger eintreten zu dürfen. Mit dem letzten Zug fuhr er noch nach Braunschweig, um den Kundgebungen auf dem Schlossplatz beiwohnen zu dürfen. Als ich am Montag nach der Hauptstadt fuhr, um mich von der Stimmung der Stadtbevölkerung zu überzeugen, begegnete ich meinem Jüngsten wieder, der eben von der Schule gekommen war und sich zum Eintritt in den Heeresdienst gemeldet hatte..“ (gelesen von Wolfgang Rohlfs).

Die Pfarrhäuser verwandelten sich zu wahren Back-, Strick- und Versand-Stuben. Für die Gemeindemitglieder an der Front wurden unentwegt Lebensmittelpäckchen gepackt, in der kalten Jahreszeit warme Socken und immer auch was Lesbares beigelegt, der Gemeindebrief oder das Braunschweiger Volksblatt. In der katastrophalen Ernährungslage ab 1915/16 wurde für die städtischen Kirchengemeinden gesammelt, Kartoffeln, Obst und Gemüse. Das Pfarrhaus wollte mithelfen im „vaterländischen Krieg“ und verstand sich als „Heimatfront“, als hinterste Etappe; es war zugleich ein Ort tätiger wohltuender Nächstenliebe, wie man es aus den Rückantworten von den Frontsoldaten entnehmen konnte. Das Pfarrhaus ein Ort des praktizierenden Evangeliums.

Wie die Verknappung der Lebensmittel das Pfarrhaus erreichte, schilderte Ernst Kellner der mit vier Söhnen und vier Töchtern das geräumige, aber feuchte und dunkle Pfarrhaus in Blankenburg unterhalb der Bartholomäuskirche bewohnte. Die Familie war froh, wenn der eingezogene Sohn von der Ostfront dann und wann ein Butterpaket schickte. „Auch das Brot wurde knapp und musste eingeteilt werden und war obendrein dadurch minderwertig, dass das Mehl mit Steckrüben gestreckt wurde. Steckrüben bildeten mehr und mehr das Hauptnahrungsmittel, die aber, weil ohne Fleisch und Fett gekocht, den Hunger nur vorübergehend stillten. Sehr unangenehm war in dem Winter 1915/16 der Mangel an Petroleum, und Spiritus. Nur geringe Mengen wurden uns zugeteilt, sodass wir nur kurze Zeit Licht brennen durften und entweder früh zu Bett gehen oder im Dunklen sitzen mussten. Bei letzterem kam uns zustatten, dass dicht vor unserm Haus eine Straßenlaterne brannte, deren Schein in unser Zimmer leuchtete. Dazu ging auch die Landpacht unregelmäßig und zum Teil gar nicht ein, sodass auch dadurch die Lebenshaltung erschwert wurde. Wir waren froh, als der Winter überstanden war“ (gelesen von Arnold Kiel).
Die Heimatfront auch in den Pfarrhäusern hungerte im Winter 1915 und saß im Dunklen.
Als die ersten Todesnachrichten eintrafen, landeten sie zuerst im Pfarrhaus. Es war die Pflicht des Ortspastors als Staatsbeamter, die Todesnachricht in die Häuser zu bringen. Wenige Zeit später wurde er von dieser Aufgabe entbunden.
Im März 1915 erhielt die Pfarrfamilie Kellner ein Telegramm mit der niederschmetternden Nachricht, dass ihr Sohn gefallen war. „Durften wir klagen, wo zahllose Eltern dasselbe Opfer bringen mussten und wir jeden Tag darauf gefasst sein mussten. Und doch, es war ein herzzerbrechendes Leid. Theo, dieser frische, allzeit fröhliche und lebenslustige Junge, der mit reichen Gaben des Verstandes und des Gemütes ausgerüstet etwas zu leisten versprach, der vielseitige Interessen, insonderheit für Kunst und Malerei hatte und ohne besonderen Unterricht selbst treffliche Zeichnungen und Ölgemälde anfertigte, durch eine mörderische Kugel hinweggerafft. Es wurde uns namenlos schwer, uns unter die gewaltige Hand Gottes zu beugen. Durch die seelischen Aufregungen, das Übermaß amtlicher Arbeit und die völlig ungenügende Ernährung war ich seelisch und körperlich so mitgenommen, dass ich völlig zu erliegen fürchten musste“ (gelesen von Arnold Kiel).
Dieses Kriegselend erreichte noch 48 andere Pfarrfamilien in der Landeskirche. 33 Familien verloren einen Sohn, das Ehepaar Demmer in Köchingen und Ehepaar Eggeling in Stadtoldendorf ihren einzigen Sohn. Nach dem „Heldentod“ des einzigen Sohnes 1917 starb der krank gewordene Pfarrer Karl Bartels in Warberg 1919 mit 57 Jahren. Die zurückbleibende Tochter ist entsetzt, als sie vom Landeskirchenamt den Bescheid erhält, bald das Pfarrhaus zu räumen.
Ida Broistedt verlor ihren Mann, den Vorsteher von Neu-Erkerode 1915 und musste mit ihren vier Söhnen und 4 Töchtern nun das Pfarrhaus verlassen. Sie nahm an der Trauerfeier nicht teil und starb 1919 mit 41 Jahren.
Das Kriegselend blieb unvergessen in den 9 Familien, wo zwei Söhne an der Front umkamen, beim Pfarrerehepaar Münster in Salder und Koch in Völkenrode die beiden einzigen Söhne Das Pfarrerehepaar Roegglen in Gardessen betrauerte den Verlust von zwei Söhnen bereits im August 1914 und im September 1914. Pastor Roegglen wurde krank und ließ sich wegen Lähmungserscheinungen 1916 mit 56 Jahren in den Ruhestand versetzen.
Sechs Pfarrerfamilien verloren sogar drei Söhne: Albert und Marie Wandersleb in Marienberg, Helmstedt, Albert und Amalie Warnecke an der Paulikirche in Braunschweig, Ernst und Elisabeth Kellner. Pfarrer Kellner setzt auf den Gedenkstein für seine Söhne kein Bibelwort, sondern das einzige Wort: Warum?
Beim 25 jährigen Bestehen des Landespredigervereins im Mai 1917 sprach Pastor Struve „von der geistlichen Verwahrlosung der großen Mehrzahl unserer Gemeinden,“ von Verwüstung des Heiligtums, von getrübter Berufsfreudigkeit, „ohnmächtig stehen wir dem Verderben gegenüber.“

Wenn die Berliner Ausstellung nicht zu einer Schönwetterausstellung, zu einem EKD Marketing-event verkommen soll, darf das Kriegselend nicht vergessen und umgangen werden. Es wäre dringend zu wünschen, wenn auf zwei zusätzlichen Tafeln das Pfarrhaus im Ersten Weltkrieg thematisiert würde. Die Kirche hat es bis heute nicht vermocht, den Krieg zu verfluchen und eine Teilnahme zu ächten. Stattdessen erstreben christliche Politiker wie v.d. Leyen vermehrte Auslandseinsätze an, in Braunschweig wird für das Verbrechen Braunschweiger Soldaten in der belgischen Stadt Roselies 1914 ein Ehrenhain errichtet, und ist vor einem halben Jahr gegenüber dem Pfarrhaus der Martin Chemnitzgemeinde neu eingeweiht worden. Der Katharinenfriedhof an der Mensa der Tu wird in Garnisonfriedhof umbenannt.

II.
Das Pfarrhaus zwischen 1918 und 1968 in der Volkskirche

Im demokratischen Freistaat Braunschweig verlor die Landeskirche den Status einer Staatskirche und definierte sich als Volkskirche. Diese Veränderung hatte zwei einschneidende Folgen für das Pfarrhaus: es verlor den Status eines Repräsentanten für verbindliche, öffentliche, christliche Werte, und es verlor die Aufsicht über die Schule. Der Pfarrer erlebte den Verlust nicht als Befreiung von den Zwängen eines Staatsdieners, sondern als Verbannung aus der Schule und als Beseitigung eines Alleinvertretungsanspruches der öffentlichen Sittenordnung.
Der Anfang des Freistaates und einer Volkskirche waren enorm erschwert durch die heftigen wirtschaftlichen Nöte, die die Inflation auslöste. Das war kein Braunschweiger Sonderfall, sondern galt für die ganze Deutsche Evangelische Kirche.
In einer mitteldeutschen Großstadt berichtet der Kirchenvorstand auf einer Gemeindeversammlung: „Die Kassen sind leer, die Pastoren ohne Gehalt, es ist kein Pfennig mehr da, um für Licht, Heizung, Reparaturarbeiten zu sorgen, das kürzlich in der Gemeinde erhobene Darlehen ist aufgebraucht, die Pastoren müssten schließlich anderwärts ihren Unterhalt suchen, nur um ihre Familien zu ernähren; das Kirchenamt werde so zum Nebenamt, wenn überhaupt die Kraft der Pastoren reiche, außer angestrengter Arbeit in einem Bureau noch Predigten auszuarbeiten und zu halten und Unterricht zu erteilen.“ Überschrift des Artikels in der Allgemeinen Ev. luth. Kirchenzeitung: „Kirche in Not.“
Eine holländische Familie nahm im Sommer 1923 die vier Kinder einer Pfarrfamilie bei Bremen für sechs Wochen auf und fütterte sie durch. Unter ihnen war Gerhard Heintze, der spätere Braunschweiger Landesbischof, der sich erinnerte: „manchmal haben wir richtig gehungert.“
In der Braunschweiger Landeskirche war die Not ebenso groß: der prominente Pfarrer Bücking von der Katharinenkirche nahm die Stellung eines Hilfsbeamten im Staatsministerium an. Aber er musste sich verpflichten, die Bürozeiten einzuhalten, d.h. in der Woche keine Beerdigungen und Trauungen anzunehmen. Pfarrer Hintze von Schöningen fand eine Nebenbeschäftigung in der dortigen Stadtverwaltung, Pastor Reiche, Offleben, bei den Braunschweigischen Kohlenbergwerken. Pastor Teichmann von St. Lorenz, Schöningen, meldete seine Söhne von der Schule und Universität ab, die durch ihre Arbeit den Vater finanziell hindurchretteten. Gerhard Kalberlah, der 1923 seine erste Stelle in Sauingen angetreten hatte, arbeitete auf einem Gut in Üfingen, Carl Oelze in Wieda im Kontor des dortigen Sägewerkes eineinhalb Jahre.

Die Inflation bedeutete nicht nur den völligen Verlust des Geldwertes, sondern das Konsistorium kürzte obendrein die Bezüge und zahlte am Ende überhaupt keine Geldbeträge an die Pfarrer aus.
„Als ich einmal nach langer Zeit vom Konsistorium Gehalt zugeschickt bekam, konnte die Post wegen Geldmangelns den Betrag nicht auszahlen. Einige Tage später lohnte es sich nicht mehr, denselben zu holen, das er bereits so entwertet war, dass das zu zahlende Porto höher war als der Auszahlungsbetrag.“
„Weit schlimmer als die Knappheit der Lebensmittel war der Mangel an Kleidung, Wäsche und Schuhen. Wir waren alle gänzlich abgerissen, und begrüßten es daher mit Jubel, als am 30.10.1919 die erste Kiste mit Kleidung und Lebensmitteln aus Amerika anlangte, die wir der Fürsorge der Tante Emmi verdankten,“ schreibt Pfarrer Kellner (gelesen von Arnold Kiel).
Auf dem Boden des Landeskirchenamtes in der Schlossstraße stapelten sich Kleidungsstücke aus Sammlungen von Holland, Schweden und der Schweiz, „manche in einem Zustande, der auch den Althändler abgeschreckt hätte“. Bischof Bernewitz erinnert sich: „Als ein würdiger alter Kirchenrat hinaufging, um sich ein Kleidungsstück zu suchen und dann herzlich dankte, traten mir die Tränen in die Augen. Mag aller Anfang schwer sein, so schwer wie dieser ist kaum einer.“
Das Elend im Pfarrhaus blieb den Gemeinden nicht verborgen. „Das Übermaß des Elends, das auf diese Weise über sie gekommen ist, hat doch manche Herzen aufgeweckt.“
Der Pfarrerstand büßte seine bisherige staatstragende Stellung ein und erlebte einen drastischen Verlust seines sozialen Ansehens. Das hat sich bleibend ins Bewusstsein eingebrannt und wesentlich zur ungerechtfertigt negativen Bewertung der Weimarer Zeit beigetragen. Seit 1924/25 ging es finanziell im Pfarrhaus nämlich wieder bergauf.

Um Volkskirche zu sein, wurde nun die Volksmission zu einem zentralen Thema der Kirche und des Pfarrhauses. Das Pfarrhaus öffnete sich für die Kirchengemeinde.
Frau Illa Kalberlah verfasste dazu ca 20 Jahre später folgenden anschaulichen Bericht.
„Durch Gottes wunderbare Güte durften wir im Juli gemeinsam die Pfarrstelle in Sauingen, Üfingen und Northenhof beziehen. Nun glaubte ich als Gattin meines Mannes nur in Haus und Hof und Garten wirken zu können. Der Garten des Pfarrers auf dem Lande ist eine seiner Visitenkarten, der Bauer hat ein scharfes Auge darauf und schätzt den Pfarrer darauf ein. Doch das Aufgabenfeld einer Landpfarrfrau ist sehr mannigfaltig und verlangt viel persönliche Mitarbeit. Zum sich Kennenlernen gehört das Besuchemachen und sich Einleben in Land und Leute, ihre Umwelt und Denkungsart. Die winterliche Ruhe des Landmannes gibt die beste Möglichkeit zu abendlichen Besuchen. Ohne Unterschied der Stände muß der Pfarrer und seine Frau sich um alle seine Gemeindeglieder kümmern. Wieviele seelsorgerliche Gespräche, praktische Winke für Krankheitsfälle, ja Säuglingsbehandlung ergeben sich daraus. Die alten Leute mussten öfter besucht, die Kranken gepflegt werden. Und da keine Gemeindeschwester im Dorfe war, war die Pfarrfrau, „Use Pastörsche“ wie sie gerne sagten, ihre Krankenschwester. Und als ich dann dem guten Schweinehirten eines Tages einen Einlauf machen musste, da waren sie ganz erstaunt, ob so was überhaupt möglich sei.
Dann die Frauenzusammenkünfte mit Lied, Bibelauslegung mit christlichem Erzählgut, mit Näharbeit für Arme und Säuglinge wechselten mit Feierabendgestaltung nach Erntedankfest, Reformation und Weihnachten ab. – Eine Wandervogelhochzeit half zur Einführung des Volkstanzgutes bei der Dorfjugend und zur Veredelung ihrer Geselligkeit.
Zum rechten Pfarrfrauendienst gehört auch die Herrichtung der Kirche zum Gottesdienst. Sauberkeit der Kirche und der Schmuck des Altars. Wie wichtig bleibt bei alle dem der stille Austausch in der Studierstube des Mannes. Da gilt es in Wahrheit und Liebe einander der Kritik Raum zu geben. Selbsterziehung, darauf kommt es an.
Und es gibt noch manche Aufgabe, die dörfliche Enge zu weiten und zu vertiefen. Jahr um Jahr verwurzelten wir mehr mit unseren Aufgaben, es war ein köstliche Zeit“ (gelesen von Elisabeth Reiss).
Das Pfarrhaus ein Ort des gelebten Evangeliums. zumal für Kirchenaustritte Stimmung gemacht wurde.
Die Pfarrerskinder gehen von nun an mit ihren Altersgenossen in die örtliche Volksschule.

Aber dem volksmissionarischen Bemühen waren dort Grenzen gesetzt, wo das „bessere Braunschweiger Stadt- und Landvolk“ lieber unter sich blieb und ihrerseits in geschlossene Kreisen verkehrte. Das spürte deutlich Bischof Bernewitz in Wolfenbüttel, der in einem großen Einfamilienhaus am Neuen Weg wohnte. „Das Haus war stattlich von außen und innen, hatte einen schönen großen Garten und bot so viel Raum, dass wir z.B. unsere Kinder aus Potsdam samt vier Großkindern und dem Dienstmädchen wochenlang bei uns haben konnten. Im Ganzen lebten wir in unserm Haus still und hatten keine Zeit und auch nicht viel Lust, in weiteren Kreisen der „Gesellschaft“ zu verkehren. Sie hatte weithin keinerlei Verständnis für die Kirche und dafür, wofür ich amtlich und persönlich lebte. Diese Kreise waren ziemlich geschlossen und hatten an sich selbst genug, Der Kirche gegenüber war „man“ ja überhaupt sehr zurückhaltend, so im Allgemeinen sollte die Kirche Nichts wollen, Nichts haben und Nichts stören, so daß wir uns in unseren persönlichen Beziehungen im Ganzen auf kirchliche Kreise beschränkten. Der „Gesellschaft“ gegenüber blieb ich daher ziemlich fern, aber nicht ferner als sie der Kirche gegenüber stand“ (gelesen von Wilfried Steen).

Diese Reserviertheit erlebten auch manche Dorfpfarrer als abweisende Kirchenfremdheit. Der Landpfarrer sollte nicht stören, wie seinerzeit um die Jahrhundertwende. Er blieb ein Fremder.

Anfang der 30er Jahre hatten sich die finanziellen Einkommensverhältnisse im Vergleich zur Nachkriegszeit verbessert und normalisiert, wenn sie auch noch nicht das Niveau eines studierten Beamten erreicht hatten. Aber die Zeiten wurden unruhiger. In einem Visitationsbericht aus dem Jahre 1931 heißt es: „Die sittlichen Zustände sind wie überall seit der Revolution schlechter geworden. Namentlich die Jugend ist völlig entartet. Ausschweifungen kommen häufiger vor. Es werden Trinkgelage veranstaltet und dann kommt es zu Schlägereien. Dagegen lässt sich aus Sicht des Geistlichen und der Kirchenverordneten wenig tun. Zumeist sind es fremde Elemente.“

Waren das bereits die Anzeichen gesellschaftlicher und politischer Unruhen und wie sollte sich das Pfarrhaus dazu verhalten? In den Erinnerungen von Bischof Bernewitz heißt es dazu:
„In Wolfenbüttel standen wir den armen „Nazis“ wo irgend möglich bei. Unsere Martha kochte mit Begeisterung für sie, eimerweise trugen sie dankend die Suppe aus der Küche und wenn Not war, kamen sie. Sonst ballten die Arbeiter die Fäuste, und es war fast gefährlich, die Haufen zu passieren, die schimpfend an den Stempelstellen standen, diese aber waren so zutraulich, so offen, sprachen sich gern aus, und es verdross mich auch nicht, wenn ich in anonymen Briefen „der Nazi-Bischof“ genannt wurde.“

Eine weitere Verbesserung der Pfarrhaussituation und eine Rückkehr zur öffentlichen Verbindlichkeit christlicher Werte erhofften sich große Teile der Pfarrerschaft vom Regierungsantritt Hitlers, der in seiner Regierungserklärung vom März 1933 ausdrücklich wiederholt zugesagt hatte, seine Politik auf den Fundamenten des Christentums zu errichten. Das Jahr bedeutete keinesfalls, wie der Berliner Ausstellungsverantwortliche Baumunk schrieb, „eine Katastrophe des Protestantismus“.
In der Hitlerzeit wurde das Pfarrhaus vielfach ein Spiegel der nazistischen Gesellschaft. Aus Pfarrhäusern und Kirchen und an Kanzelaltäre hing im zeitgemäßen Nazischmuck die Hakenkreuzfahne. Das war keine Braunschweiger Besonderheit und musste kein persönliches Bekenntnis der Hausbewohner zur Politik Hitlers sein, aber es erweckte den Eindruck: die gehören dazu.
Die braunen Uniformen hielten Einzug ins Pfarrhaus. Ab Herbst 1936 gehörten alle Pfarrerskinder vom 10. Lebensjahr zur sog. „Staatsjugend“. Staatsjugend war Hitlerjugend. Und viele machten gerne mit. So doof fanden sie das Marschieren, die Geländespiele, die Heimabende, das Singen nun auch nicht. „Auf, hebt unsre Fahnen, in den frischen Morgenwind, lasst sie wehn und mahnen, die die müßig sind. Wo Mauern fallen, baun sie andre wieder auf, doch sie weichen alle, unsrem Siegeslauf.// Wir sind heut und morgen. Alles was die Zeit erschafft, ist in uns verborgen, bildet unsre Kraft.“ Das war nicht plumpe tiefbraune Langeweile, sondern Aufbruch aus der behaglichen Bürgerlichkeit, Wecken eigener Kräfte. Widerstände brechen bei Schlafmützen.
Pfarrerssöhne wurden Fähnleinführer. So der Sohn des Offleber Dorfpfarrers Oskar Reiche. Weil es auch heute immer noch peinlich wirkt, derlei zuzugeben, ist das Thema tabu. Vielleicht konnte der Pfarrersohn durch seine Stellung erreichen, dass eine HJ- Übung nicht gerade am Sonntag um 10 Uhr stattfinden sollte. Andrerseits suchte die Pfarrhausjugend Freiräume. Die Formationen der HJ und BDM boten solche Freiräume z.B. in der Marinejugend und dem Bannsingkreis, wo es neben Drill und Parteigelabere auch Zeit zu anderen Gespräche gab, beim Paddeln auf der Oker und Knoten-binden.
Das Pfarrhaus Riddagshausen wurde als ein solcher Freiraum innerhalb der nazistischen Gesellschaft empfunden, wo man sich in der Jungschararbeit von Hermann Kolb und Alfred Haferlach traf. Es kam sehr auf die örtlichen Gegebenheiten an. Wo das Verhältnis gespannt, gar feindselig war, wurden Kirchenfenster eingeschmissen, mehrfach hintereinander, oder hässliche Schmierereien gepinselt. Es kam vor, dass der Pfarrer Anzeige erstattete und die jugendlichen Täter geschnappt und sogar verurteilt wurden
Unruhe gab es in den Pfarrhäusern, wenn der Vater zur Polizei gerufen wurde und ungewiss war, wann er zurückkommen würde, Besorgnis in den Pfarrhäusern Timmerlah, Alvesse und Herrhausen, aus denen die Pfarrer Althaus, Buttler und Wurr verhaftet und ins Gefängnis und sogar ins Konzentrationslager verbracht worden waren.

Es gehört zu den erstaunlichen Tatsachen, dass der Pfarrhausneubau im sog. Dritten Reich durchaus florierte. Hier in der Brüdernkirche gab es die von der EKD boykottierte Ausstellung des Berliner Forums über das „Kirchliche Bauen im Dritten Reich“, die überzeugend nachwies, dass 1000 kirchliche Bauten in der katholischen und evangelischen Kirche zwischen 1933 und 1945 errichtet wurden. Das passte natürlich nicht in das wieder in der Kirche aufkommende Gerede vom sog. Kirchenkampf und Widerstand und der damit einhergehende Opferrolle der Kirche. Entsprechend fehlt in der Berliner Pfarrhausausstellung jeder Hinwies auf diesen wesentlichen Tatbestand. Eine peinliche Lücke und kein Ruhmesblatt für den Vorbereitungskreis. Denn:
Pfarrhausneubauten gab es auch in der Braunschweiger Landeskirche, in den Pfarrhäusern von Martin Luther, Bugenhagen, St. Georg und Wichern. Es waren nach den Prachtbauten des 19. Jahrhunderts keine Residenzen mehr, sondern bei der Martin Luther Gemeinde unauffällig in die Straßenzeile eingefügt Kirche samt Pfarrhaus, ebenso in der Lehndorfsiedlung, der heutigen Wichernkirche.

Die Berliner Ausstellung will einen Kirchenkampf zwischen der ev. Kirche und dem Nationalsozialismus festgestellt haben. Die Darstellung jener Zeit als „Kirchenkampf“ gilt heute als überholt. Das protestantische Standardlexikon „Theologische Realenzyklopädie“ (TRE) verzichtete 1994 in ihrer vierten Auflage auf den Begriff „Kirchenkampf“, das Wort „Kirchenkampf“ sei als zeithistorische Gesamtbezeichnung „nicht verwendbar“. „Völlig untauglich ist der Begriff „Kirchenkampf“, wenn mit ihm die Gesamthaltung der Kirche in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur bezeichnet werden soll“. Auch das andere Lexikon „Religion für Geschichte und Gegenwart“ verzichtet auf diesen Begriff.
Im Zusammenhang mit dem Thema der Ausstellung wäre aber zu fragen, ob es typische deutsch-christliche Pfarrhäuser und typische Pfarrhäuser der Bekennende Kirche gegeben hat. Dafür nenne ich für unsere Landeskirche die Pfarrhäuser von Johannes Schlott und von Ottmar Palmer. Johannes Schlott bewohnte mit seiner Frau und acht Kindern jahrzehntelang das Pfarrhaus der Katharinengemeinde, musste es frei machen, weil er als Oberlandeskirchenrat abgesetzt worden war, und bezog später das neu erbaute Pfarrhaus in der Lehndorfsiedlung. Seine Frau war von Beruf Hebamme. Schlott war populär, predigte anschaulich, war „nah bei den Menschen“, Begründer der Glaubensbewegung Deutscher Christen in der Landeskirche, mit Andachten ständig in der Regionalpresse präsent, fest verankert in den damaligen politischen Strukturen. Hitler sei der beste Christ, schrieb er im Gemeindebrief 1939, und verband in der Familie Frömmigkeit und Systemtreue. Als der Vater 1945 von den Alliierten für kurze Zeit verhaftet und aus dem Amt entfernt wurde, schien das Pfarrhauss in Lehndorf frei zu werden. Aber Familie Schlott räumte nicht die Wohnung, als der Nachfolger, der im Pfarrhaus Martini II ausgebombte Pfarrer Gerhard Rohde mit seinen sieben Kindern zwischen einem und 18 Jahren 1945 ins Haus zog. Unverdrossen grüßte Schlott auch nach 1945 seine Gemeindemitglieder mit „Heil Hitler“, während Pfarrer Rohde seinerzeit mehrfach Gestapobesuche über sich zu Hause ergehen lassen musste.

Auch Ottmar Palmer musste aus kirchenpolitischen Gründen sein Pfarrhaus in Blankenburg verlassen, wo er mit Frau und sechs Kindern als Superintendent seit 1915 gelebt hatte, weil er 1933 von Schlott abgesetzt worden war. Von Bischof Johnsen ins Pfarramt zurückgeholt, wurde er nach Helmstedt versetzt, das er 1937 wieder verließ und eine Gemeinde in der Hannoverschen Landeskirche antrat. Palmer war Mitglied des Bruderrates der Braunschweiger Bekennenden Kirche, in diesem Auftrag viel auf Reisen und von der Familie getrennt. Palmer war der Mitbegründer des Volksmissionskreises, der in den bekenntnisnahen Kirchengemeinden Bibelwochen hielt. „Natürlich übernachteten die alle bei uns“, erinnert sich die heute 92 jährige Tochter Elisabeth. In den Pfarrhäusern Schlott und Palmer war das Tischgebet und die Feier des Kirchenjahres selbstverständlich. Die Kinder waren im BdM und HJ. Wenn der Dienst am Sonntag angesetzt war, hielt sie der Vater Palmer zurück, nicht am Sonnabend, wenn Geländespiele und Heimabende und viel gesungen wurde. Die Unterschiede sind aus heutiger Sicht viel weniger dramatisch.

Waren die Pfarrhäuser, wie die Braunschweiger Kirchenleitung jahrzehntelang nach dem Kriege behauptete „Widerstandsnester gegen den Nationalsozialismus“? Die Mehrheit der Gemeinden wollten vom Pfarrhaus aus nicht in den Widerstand geführt werden, sondern gesagt bekommen, wie man als evangelischer Christ im Hitlerreich leben könne.

Der zweite Weltkrieg bedeutete anders als der erste Weltkrieg durch die Einberufung fast der Hälfte der Braunschweiger Pfarrerschaft einen drastischen Einschnitt im Leben des Pfarrhauses. Die formale Vertretung hatte einer der weit entfernt wohnenden älteren Pfarrer. Aber die eigentliche Arbeit lag auf den Schultern der Pfarrfrau im Pfarrhaus. Sie war Ansprechstation für alle pfarramtlichen Tätigkeiten. Zu den besonders lästigen Aufgaben gehörte im Büro die umständliche Ausfüllung der sog. ausführlichen Ariernachweise. Sie nahm Tauf-, Trau- und Beerdigungstermine an, sie hielt die bestehenden Kreise am Laufen, spielte sonntags die Orgel, machte Kindergottesdienst und versorgte auch die Filialgemeinde. Manche Pfarrfrauen lasen am Sonntag der Gemeinde die Predigt vor, die ihr Mann an der Front geschrieben hatte. Das Pfarrhaus bewährte sich als Ort des gelebten Evangeliums. Dieser Schatz an wachsender geistlicher Selbständigkeit wurde nach dem Kriege wieder tief vergraben.

Die Sicht der Pfarrkinder auf den Krieg konnte ganz anders sein. Die Pfarrfamilie Buchholz wohnte im geräumigen Pfarrhaus Lesse. Die Tochter erinnert sich heute so: „Wir hatten keine Not. Es gab Hühner, Schafe, Kaninchen. Der Vater wurde 1941 eingezogen und kam 1947 aus französischer Gefangenschaft. In der Kriegszeit spielte die Mutter Orgel, brachte sich heftig in das Gemeindeleben ein, hielt aber keine Predigten. Es war eine wunderbare Kindheit.“

Zum Kriegsende hin mussten alle im Pfarrhaus zusammenrücken und Platz machen, für Ausgebombte, für Evakuierte aus den Städten, schließlich für die Flüchtlinge aus dem deutschen Ostprovinzen. Wohnraum wurde staatlich „bewirtschaftet“, praktisch beschlagnahmt und kontrolliert. Auch den Pfarrhäusern wurden Familien zugewiesen. Im Pfarrhaus herrschte eine bedrückende Enge. Dieses Wohnungselend in den Pfarrhäusern dauerte zehn Jahre und zog sich bis in die 50er Jahre hin. Als das Pfarrerehepaar Hans Jürgen und Hildegard Müller im Januar 1946 in das Offleber Pfarrhaus einziehen wollte, war das Haus bereits von 13 Personen besetzt: eine siebenköpfige Familie aus Frankfurt/Oder, der als Nazi belastete Schulrektor, auf dem Boden ein älteres Ehepaar und eine alleinstehende Frau. „In der ersten Zeit hatten wir nur einen Raum für Amtsgeschäfte und Wohnen. Wenn Besucher für meinen Mann kamen, ging ich in die Küche im Keller; war er allein, setzte ich mich möglichst still aufs Sofa und stopfte,“ so Pfarrfrau Hildegard Müller. Im Pfarrhaus Alvesse wohnten außer der sechsköpfigen Pfarrfamilie ein Ehepaar aus dem Saargebiet, aus ausgebombtes Ehepaar samt Schwiegermüttern aus Braunschweig, eine Pastorenwitwe mit Tochter aus Memel, ein älterer schlesischer Tischler mit seiner Tochter. Im Pfarrhaus Westerlinde wohnten nach dem Krieg 30 Personen, eine Familie aus Königsberg mit 10 Kindern und zwei weitere Familien, der große Raum wurde mit Decken angetrennt.
Das war nicht lustig. Die Wohnungsnot führte sogar zum Ortwechsel. Pfarrer Eberhard Schuseil ging im April 1956 aus dem Offlebener Pfarrhaus in die Kirchengemeinde Sehlde.

Zu dieser Wohnungsbedrängnis kam zum Kriegsende die Beschlagnahme durch die Siegertruppen. Am 11.April 1945 forderten zwei amerikanische Offiziere Pfarrer Hans Buttler auf, sein Pfarrhaus in Alvesse zu räumen, es würde ein amerikanisches Lazarett. Buttler weigerte sich und berief sich darauf, gerade nach sechsjähriger KZ Haft im März 1945 aus Dachau entlassen worden zu sein. Er war kurz zuvor zu Hause angekommen. Die beiden Amerikaner antworten dagegen ungerührt: „Du, protestantischer Geistlicher, alle Geistliche Heil Hitler“. Sie ziehen die Pistole und Buttlers Familie zieht aus. Als er am nächsten Tag doch wieder zurückkehren darf, war „alles auf den Kopf gestellt“, schrieb er in die Kirchenchronik. Die Soldaten hatten Schreibtisch, Bücherregal, Schrank mit einem Beil zerstört.

In einem anderen Pfarrhaus klopften amerikanische Offiziere an und baten, in der Dorfkirche einen Gottesdienst halten zu dürfen. Die Pfarrfrau zeigt ihnen die Kirche und die Soldaten bitten sie, dafür zu sorgen, die Hakenkreuzschleifen an den Kränzen für die Gefallenen der Gemeinde vorher zu entfernen. In anderen Pfarrhäusern waren die Abzeichen der Naziherrschaft rechtzeitig beseitigt, zerschnitten oder verbrannt worden.
Im überfüllten Pfarrhaus Lobmachtersen, in dem bereits vor Kriegsende 7 – 8 Parteien wohnten, richteten sich u.a. farbige Soldaten im Konfirmandensaal ein, was die Neugier des Pfarrersohns erweckte. Sie zogen nach einigen Monaten wieder ab und hätten sich, so der Sohn, „anständig verhalten“.

Das Wohnungselend wurde überboten von einer Pfarrhauskatastrophe, wie es sie seit Luther nicht gegeben hat. Hunderte von Pfarrhäusern wurden in den Großstädten durch den Bombenkrieg zerstört. Noch viel mehr Pfarrhäuser in Schlesien, Ostpreußen, Pommern und Westpreußen gingen durch das Potsdamer Abkommen der Deutschen Ev. Kirche verloren, über 500 in Ostpreußen, über 600 in Pommern, ca 900 in Schlesien, Königsberg mit 18 Kirchengemeinden und 33 Pfarrhäusern, Breslau mit 13 Kirchengemeinden und 44 Pfarrhäusern. Viele sind bereits zerstört, Kernzellen eines jahrhundertealten deutschen Protestantismus. Ihre Bewohner sind entweder tot oder kamen mit nichts in den westlichen Landeskirchen an: die Familien der sog. „Ostpfarrer“, Sie haben ihre Pfarrhäuser in den früheren heimatlichen Kirchenprovinzen im Kopf und geben die Hoffnung auf irgendeine Rückkehr erst Jahrzehnte später auf. Es ist nicht zu entschuldigen, dass die Ausstellungsmacher diese Urkatastrophe der evangelischen Pfarrhausgeschichte nicht dokumentiert haben.

Erst allmählich kehrten die Soldatenpfarrer aus Krieg und Gefangenschaft wieder nach Hause zurück. Die Familien waren oftmals noch evakuiert, oder eine Rückkehr unmöglich, weil das Pfarrhaus zerstört ist.
Erwin Bosse hatte 1937 das neue Pfarrhaus der St. Georggemeinde in Braunschweig bezogen und war einberufen worden. Er war aus amerikanischer Gefangenschaft geflohen und hatte sich im April 45 zur evakuierten Familie nach Gielde bei Börssum durchgeschlagen. Er konnte sich nicht gleich in der St. Georggemeinde sehen lassen, weil er keinen Entlassungsschein hatte und den erst vom Braunschweiger Polizeipräsidium erhielt. Die Kirche war zerstört und das Pfarrhaus schwer mitgenommen. „Ich kehrte erst einmal allein zurück, da für die Familie keine Wohnmöglichkeit im Pfarrhaus bestand. Ich wohnte zunächst in der Küche. Ich wurde Maurer und Tischler und habe im Verein mit Herrn Möhle gebaut und gebessert, um die Vorkehrungen zu treffen für die Rückkehr meiner Familie. Es war eine Zeit schwerster Anspannung und Belastung. Gottesdienste fanden in der Küche und angrenzendem Raum statt, und es wurde zu eng. Die Frauenhilfe kam im früheren Amtszimmer des Pfarrhauses zusammen. Wir mussten sehr zusammenrücken. Das war auch gut, denn es fehlte an Heizmaterial. Doch gewöhnte man sich daran, ein Stück Holz zu den Zusammenkünften mitzubringen. Im Pfarrhaus traf sich auch der neu gegründete Kirchenchor, 25 Frauen und Männer. Die Lebensmittelrationen wurden mehrfach gekürzt, es will nun nicht mehr hinreichen, um das Leben zu fristen. Gott allein kann uns durch diese Nöte hindurch tragen und alles Verzagen von uns nehmen“ (es liest Klaus Pieper).
Die Lage verschlimmerte sich 1946 und wurde auch 1947 kaum besser. Das notdürftig wieder hergerichtete Pfarrhaus neben der zerstörten Kirche einziger, enger Gemeindetreffpunkt für Glaube und Leben. Und man hungerte, auch im Pfarrhaus.

Bitter wurde die Lage im Pfarrhaus für jene Pfarrfrauen, deren Männer im Krieg umgekommen, die noch vermisst oder deren Rückkehr aus der Gefangenschaft ungewiss waren. Die quälende Wartezeit zog sich Jahr um Jahr hin. 35 Pfarrer und Diakone der Landeskirche waren im Krieg gewaltsam gestorben. Manche mussten schließlich ihren Mann für tot erklären lassen. Vor dem Pfarrhaus warteten manchmal schon mögliche Nachfolger und hofften, dass die Pfarrfrau endlich das Pfarrhaus räumt. Es ging ihnen, die in der Kriegszeit die Gemeinde „am Laufen“ hielten, wirklich schlecht.
Davon berichtet Lieselotte Pförtner, deren Mann noch im Januar 1945 mit 37 im Westerwald ums Leben kam. „Im Herbst 1948 sammelte Frau Brunner die Witwen der gefallenen Pfarrer „Ost und West“ um sich. Wir waren so 20 bis 30 Frauen, die sich nach und nach zu einem festen Kreis zusammenfanden. Fast alle waren ganz junge Frauen mit zwei oder mehr unmündigen Kindern, die sich nach dem Krieg allein zurechtfinden mussten. Es gab viel Sorgen und Nöte, die wir gemeinsam hatten und nun versuchten, gemeinsam zu tragen Wir fanden Unterstützung bei Herrn Landesbischof Erdmann und Landesbischof Heintze und ihren lieben Frauen; beim Landeskirchenamte war es besonders Oberlandeskirchenrat Röpke, der uns immer wieder Hilfe und Rat gab“.
Das Pfarrhaus ein Ort des bitter erlittenen Evangeliums.

Mit dem sog. „Wirtschaftswunder“ entspannte sich allmählich die Lage im Pfarrhaushalt. In der Wiederaufbauphase in Westdeutschland wurden ab der 50er Jahre bis 1967 im neuen Stil 71 Pfarrhäuser errichtet, so viele, wie in keiner Phase der Kirchengeschichte zuvor. Sie waren längst nicht mehr so geräumig, zwar an die Kirche angelehnt, aber häufig als Flachbau funktionsgerecht und modern auf die familiären Bedürfnisse zugeschnitten. Aus Beton. Ein Gemeindehaus dazwischen, sodass Privates und Dienstliches leichter zu trennen war.
Diese zahlreichen Pfarrhausneubauten setzten noch keine Neuorientierung im Pfarrhausverständnis voraus. Da herrschten noch von oben verordnete, strenge Sitten. Als 1957 Pfarrer Detlef Löhr ins Offleber Pfarrhaus einzog, musste er seine Verlobte draußen lassen, erst als sie einen Tag später in der Brüdernkirche kirchlich heirateten, folgte sie ihm auch ins Haus. In einem andern Fall sorgte sich – es war 25 Jahre später - der damalige Bischof um die Reinheit im Pfarrhaus. Beide Partner, längst erwachsen und eheerfahren, wollten das Bettingeroder Pfarrhaus beziehen, mussten aber erst noch ihre Scheidung von den verflossenen Partnern abwarten. Solange hatte die neue Pfarrfrau außerhalb zu nächtigen. Die Vorstellungen von der Gestaltung eines Pfarrhauses drifteten in der Landeskirche weit auseinander.

Die Lebensordnung von 1961 hatte noch die Zielvorstellung einer christlichen Familie formuliert, die sich zur Hausandacht sammelt. Sie ging an der Wirklichkeit der Mehrzahl der Gemeindemitglieder in unserer Landeskirche, für die sie ja geschrieben war, völlig vorbei: „Niemand sollte ohne Gebet an die Arbeit gehen, ohne Danksagung sein tägliches Brot empfangen und sich ohne Anrufung des göttlichen Schutzes niederlegen. Die Verantwortung für das gottesdienstliche Leben der Hausgemeinde tragen Hausvater und Hausmutter. Dazu helfen ihnen die Bibel mit der Bibellese, der Psalter als Gebetbuch der Kirche, das Gesangbuch und der Katechismus. Auch die Losungen...usw“. Vom Pastorenhaus heißt es: der Dienst des Pfarrers erfordere es, dass er der Gemeinde mit seinem ganzen Hause ein Vorbild sei.
Die Erinnerungen der von mir befragten, nunmehr pensionierten Kinder an ihre Kinderzeit im Pfarrerelternhaus sind durchweg gute. Es gab gemeinsame Essenszeiten, begonnen mit einem Tischgebet, die Mutter begleitete die Kinder betend oder singend in die Nacht, es gab gemeinsame Feste. Die häusliche Ordnung wurde nicht als Zwang empfunden.
Sie schätzten und schätzen nach wie vor die Vorzüge und die vielen Freiheiten, die das Pfarrhaus bot und bietet:
Den Vorzug des kurzen Arbeitsweges, vom Frühstückstisch ins Amtszimmer, die Gemeindemitglieder brauchen dafür oft eine unbezahlte Stunde. Die Freiheit der Zeitgestaltung, sie können aufstehen, wann sie wollen und arbeiten so lange sie wollen. Die Freiheit von jeder Arbeitskontrolle. Keine Steckuhr kontrolliert Arbeitsende und Arbeitsanfang, für manche eine große Versuchung. Die Freiheit der Gestaltung des Dienstes beim Gottesdienst, beim Konfirmandenunterricht. Die Freiheit, sich eigene Mitarbeiter auszusuchen. Schließlich den Vorzug, seine persönlichen Gaben in die Arbeit einzubringen und die Arbeit im Pfarrhaus und der Gemeinde zu profilieren.
Es sind Vorzüge und Freiheiten unter dem Dach eines Dienstverständnisses, das im grundlegenden Artikel 1 der Verfassung benennt wird: „Die Landeskirche steht unter dem Auftrag Jesu Christi, der seine Kirche zum Dienst in der Welt sendet. Die Verantwortung für Zeugnis und Dienst tragen alle Kirchenmitglieder gemeinsam“. Artikel 14: „Alle Mitarbeiter haben mit ihrem Dienst den Auftrag der Kirche zu erfüllen.“ Der Dienst ist der Leitgedanke, ist das Dach, unter dem sich die Arbeit im Pfarrhaus und Gemeinde vollzieht.

In der Lebensordnung von 1961 blitzen allerdings auch, als Ausnahmen getarnt, wesentliche Veränderungen auf: es ist dem Pfarrer möglich, trotz der Betonung der Unauflöslichkeit der Ehe eine geschiedene Person erneut kirchlich zu trauen. Das bedeutete im Kern eine Anerkennung der Trennung der Ehepartner.
Die Lebensordnung erkennt eine konfessionsverschiedene Ehe an und verzichtet ausdrücklich auf einen Übertritt des katholischen Teils, erstrebt vielmehr, „dass der katholische Teil kirchlich nicht heimatlos wird“.
Es deutete sich eine Aufweichung des Fundamentes der Ethik der Ordnungen an. Ernst Wolf entwarf 1962 in seiner Ethikvorlesung in Göttingen einen Abschied von dieser Ordnung. „Der Weg von einer Ethik der Ordnungen zu einer Ethik der Wandlungen bedeutet der tiefste Einbruch in den konservativen Hang der bisherigen abendländischen Tradition.“
Wie sich dieser Wandel im Leben des Pfarrhauses auswirkt, ist das Thema des letzten, dritten Abschnittes meines Vortrages.

III.
Das Pfarrhaus nach 1968

Im Pfarrhaus dieser dritten Phase wurde nicht mehr auf der Blockflöte und am Klavier Telemann und Händel gespielt, sondern auf der Gitarre schlagerähnliche, neue Rhythmen.

(Wir singen „Unfriede herrscht auf der Erde“ (EG 617) zur Gitarre von Herbert Erchinger)

Die 70er Jahre wurden von einer ungewohnt hohen, anhaltenden Kirchenaustrittsziffer eingeleitet. Die Kirche war auf dem Wege zu einer Minderheit. Mit Zukunft? Neben dem Modell „Pfarrhaus als geschlossener Kosmos“ und Pfarrhaus als „offene Begegnungsstätte“ entstand ab 1970 kontinuierlich ein drittes Modell. Dabei löste nicht ein Modell das andere ab. Sie bestehen bis heute in leicht abgewandelter Form nebeneinander.

Seit den 70er Jahren trug ein Pfarrer zivile Kleidung, schwarz war jetzt nicht mehr vorgeschrieben. Er war Mitbürger in der Dorfbevölkerung, ging auch in die Dorfkneipe, oder auf den Dorfplatz zum Fußballspiel, er leitete den Volkschor und beteiligte sich am Volksfest. Dabei blieb er auf den ersten Blick als Pfarrer nicht erkenntlich. Er ließ sich nicht mehr mit „Herr Pastor“ anreden, sondern mit seinem Familiennamen. Das Pfarrhaus wurde öffentlicher, ziviler, man feierte Feste und Feten. Gabs da womöglich Drogen? Gingen die Jugendlichen nicht zu weit? Beten war dort nicht mehr üblich.
Neben seinem Beruf ging der Pfarrer mit anderen seinen hobbies nach. Der eine fuhr leidenschaftlich Motorrad, der andere wurde Schützenkönig, einer leistete sich den Reitsport, die „Reisewelle“ hatte längst dass Pfarrhaus erreicht, also verreiste die Familie mehrfach gemeinsam oder in ausgewählten Gruppen.
In der Schule wurden von den Pfarrerkinder nicht mehr ein Vorbildfunktion erwartet, sie waren Schüler und Schülerinnen unter ihren Mitschülern.

Das Pfarrhaus wurde politisch, aber anders als in der ersten Phase. Das politische Engagement des Pfarrhauses zur Herzogzeit war strukturell konservativ, weil der Pfarrer Staatsdiener war. Das politische Engagement in den 70er und 80er Jahren kann als ein persönlicher Protest gegen diese strukturell konservative Position verstanden werden, ausgelöst durch die barbarische Kriegsführung der USA gegen Vietnam und ihre Unterstützung von der Bonner Regierung. In manchen Pfarrhäusern wurden Flugblätter formuliert, Unterschriften gesammelt und Zeitungsannoncen für einen Regierungswechsel am Rhein aufgegeben. Jetzt, typischerweise erst jetzt, wurde öffentlich diskutiert: wie parteipolitisch ein Pfarrhaus sein dürfe. Das Pfarrhaus wurde ein Ort des provozierenden Evangeliums.
Dieses gesellschaftspolitische Engagement verebbte mit der Zeit, dafür war eine andere „Bewegung“ sehr viel nachhaltiger für das Pfarrhaus: die Frauenbewegung. In der Landeskirche hatten sich die Pfarrfrauen schon seit den 50er Jahren zu gegenseitiger Beratung und auch Fortbildung im Pfarrfrauenkreis getroffen.
Es war früher üblich, dass Frauen bei der Heirat eines Pfarrers ihren gelernten Beruf aufgaben. Das war ein sehr großes Opfer. Es führte in die Abhängigkeit des Ehepartners, die durch eine Berufsausbildung gerade vermieden werden wollte. Um die Abhängigkeit zu durchbrechen, setzten die künftigen Frauen von Pfarrern es durch, ihren Beruf weiter auszuüben, Beruf und Pfarrhaus miteinander zu verbinden. Zunächst auf privater Ebene. Friederike Fricke hatte eine Lehrerinausbildung absolviert und machte es 1971 sozusagen zur Bedingung ihrer Ehe mit Wilfried Steen, dass sie diesen Beruf weiterhin neben dem Beruf ihres Mannes ausüben durfte. Es funktionierte. Wie weit sich die berufstätige Frau des Pfarrers an der Gemeindearbeit beteiligte, blieb offen und der persönlichen Lebensgestaltung überlassen. Das war noch keine Trennung von Privatem und Dienstlichem, sondern konnte als Stabilisierung der Ehe und Vielfalt in der Gemeinde verstanden werden.
Die Erwartung der Gemeinden hatte sich allmählich, regional unterschiedlich auf diese Situation eingestellt. Es wurde nicht mehr überall erwartet, dass die Ehefrau sonntäglich einen festen Platz im Gottesdienst einnahm.
So gibt es inzwischen in der Braunschweiger Landeskirche zahlreiche Pfarrer, deren Ehefrauen als Lehrerin, Kindergärtnerin, in einem sozialen, seltener in einem technischen Beruf tätig sind. Ebenso gibt es Pastorinnen, deren Ehemänner „natürlich“ ihren Beruf weiterhin ausüben und deren Erscheinen in der Gemeinde wohl eher eine Ausnahme bildet. Neben der Verbesserung der finanziellen Situation waren es vor allem die erarbeiteten Renten bzw. Pensionsansprüche, die die Unabhängigkeit stärkten.
Im Pfarrfrauendienst wurden nun Überlegungen angestellt, ob die bisher unentgeltlich geleistete Arbeit von Pfarrfrauen in der Kirchengemeinde in irgendeiner Weise in das Besoldungs- und Versicherungssystem eingebaut werden könnte.

Die Gesellschaft der Bundesrepublik hatte sich immer mehr von einer sozialen Marktwirtschaft zu einer sog. freien Marktwirtschaft, von einer Sozialgesellschaft zu einer Individualgesellschaft entwickelt und war für die Mehrheit zu einer Wohlstands- und Anspruchsgesellschaft geworden. Die Ansprüche an Freizeit und Lebensstandard wuchsen und machten sich im Pfarrhaus bemerkbar durch eine immer größere Trennung von Amts- und Privatraum.
Das geflügelte Wort „Ein Christ ist immer im Dienst“ galt als Überforderung. Ein Christ ist keineswegs immer im Dienst, hieß es, ist selten im Dienst, murrte die Gemeinde, er hat immer frei, wenn er gebraucht wird, hat häufig frei, ist nicht zu erreichen.
Das Pfarrhaus reflektierte die Situation einer immer anspruchsvoller werdenden kapitalistischen Gesellschaft mit ihren Süchten und ihrer Gier.
Die Forderung eines freien Tages in der Woche übersah, dass damit die Freiheit der Zeitgestaltung unter dem Dach des Dienstes gefährdet war. Sie täuschte vor, mehr Freiheit zu bieten,, tatsächlich durchlöcherte sie das Dach des Dienstes. Es gab im Pfarrhaus immer gedrängte Zeiten, zu Weihnachten, in der Kar- und Osterwoche. Dafür gab es im Sommer sog. Sauregurkenzeiten, das glich sich also wieder aus. Aber der Anspruch auf immer mehr Privatleben bedeutete, dass sich das Pfarrerehepaar nach dem Silvestergottesdienst kurz mal in den Schneeurlaub verabschiedete, Epiphanias war auch sonst „niemals was los“, die Zeit der geschlossenen zwölf Nächte vom 25.12. bis zum 6.1. wurde abgebrochen und das Kirchenjahr verkürzt, zu Gunsten eigener, privater Ansprüche. Statt „die Freude am Herrn ist eure Stärke“ hieß es nun: „Die Freude am Privaten ist unser Lebensziel“. „Was kann eine Kirchengemeinde mir dazu bieten? So ist es verständlich, dass die erste Frage eines Vikars an seinen Vikarsvater lautete: Wann habe ich frei?
Dem Anspruchsdenken stand die sog. Residenzpflicht im Wege. Die Residenzpflicht, also die ständige Anwesenheit am Ort, daher besser „Präsenzpflicht“ genannt, gehörte zum allgemein üblichen Beamtenrecht und war eine Säule der Pfarrhauskultur. Das Pfarrergesetz regelte, das ein Pfarrer, eine Pfarrerin über Nacht in seinem Pfarrhaus zu sein habe und im Falle einer kurzfristigen Abwesenheit für Vertretung zu sorgen und diese dem Propst zum anzuzeigen habe. Die erhöhte Mobilität und Kommunikationstechnik der medialen Welt schienen eine ständige Erreichbarkeit zu sichern. Andrerseits wurden die Räumlichkeit des Pfarrhauses als zu üppig und zu teuer empfunden, einige Räume abgeschlossen, um die Miete zu verringern.
Das Pfarrhaus verlor seinen ganzheitlichen Charakter, der Amtliches und Privates unter dem Bewußtsein des Dienstes vereinte. Der Dienst wurde auf das Büro beschränkt.
Die finanzielle Situation einiger Pfarrerehepaare hatte sich inzwischen soweit gebessert, dass es auch an den Bau eines Eigenheimes außerhalb der Kirchengemeinde dachte. Diese Überlegung wurde vor allem von denen angestellt, die ihren Dienst in einem übergemeindlichen Amt ausübten. Und so bauten diese. Wirtschaftliche Gesichtspunkte dominierten in der Kirche und auch unter Pfarrerinnen und Pfarrern. Der Leitgedanke des Dienstes trat immer mehr zurück.
Die Minderheitensituation verschärfte sich selbst auf den Dörfern. Der Anteil der evangelischen Bevölkerung sank dort unter 50 % der Dorfbevölkerung. Da die Gemeinden schrumpften, blieb das Pfarrhaus unbewohnt. 30 sind inzwischen entwidmet, verkauft oder abgerissen.

Leben und Gesellschaft wurden lustvoller, und auch darin wurde das Pfarrhaus ein Spiegelbild der Gesellschaft. War die Lust, die libido, früher ein Trieb, der „bezwungen“ und „beherrscht“ werden sollte, zumal er nach altkirchlicher Auffassung „böse“ und das Vehikel der Erbsünde war, so wurde nun seit der sog. sexuellen Revolution der Sexualtrieb als Gabe Gottes aufgefasst. Er blieb nicht mehr ausschließlich dem Erzeugen von Familienachwuchs vorbehalten. Er wurde Selbstzweck.
Die Ethik der Wandlungen spitzte sich zu in der „Theologie der Revolution“.
Spielwiese sexueller Experimente und von Beziehungsfreuden und - leiden wurden die evangelischen Studentengemeinden, auch die Braunschweiger, was zu heißen Debatten in der Landessynode führte.
Die studierenden Pfarrersöhne und -töchter lebten unter dem Mahnwort „Bring mir kein Kind ins Haus“, oder im Jargon der Alten: „erst die Pfarre, dann die Quarre“, nämlich der Kinderwagen. Aber der Kuppelungsparagraf, demzufolge kein Student seine Freundin über Nacht mit aufs Zimmer bringen durfte, fiel in der Gr. Strafrechtsreform 1969. Sie teilten Hörsaal und Bett, und zeugten gelegentlich Kinder, was zu schweren Konflikten in den Pfarrhäusern führte. Die Alten standen vor einem enormen Umdenkungsprozeß. Sie bewältigten ihn nur langsam auf dem Weg einer Ethik der Ordnungen zu einer Ethik der Wandlungen. In festen Beziehungen begannen viele Vikare der Geburtsjahrgänge 1955 ihre Predigerseminarzeit und heirateten in dieser Zeit.

War die Ehe unauflösbar? Zu einer der größten Veränderungen gegenüber der Zeit des Jahrhundertbeginns gehörte die Möglichkeit der Scheidung einer zerrütteten Ehe.
Die Dauer der Ehe wurde durch das Dogma ihre Unauflöslichkeit gesichert. Die Lebensordnung von 1961 behauptete jene Unauflöslichkeit der Ehe und zwar „nach Gottes Willen.“ Jede Zertrennung oder Scheidung einer Ehe verletze Gottes Ordnung. Wenn eine Ehe in Gefahr gerate, solle alles geschehen, um „den Schaden zu heilen und die Eheleute zur Vergebung untereinander zu führen.“ Das seelsorgerliche Bemühen solle darauf gehen, „den Geschiedenen zur Rückkehr in ihre Ehe oder zum Verzicht auf eine neue Ehe zu helfen.“ Zur Seelsorge eines Pfarrers gehörte es daher, auf die Nachricht der Kommunalbehörde von der Scheidung eines Gemeindemitgliedes, dieses zu besuchen und das Ehepaar zur Wiederaufnahme ihrer Ehebeziehungen zu ermuntern.
Wenn eine Ehescheidung in der Pfarrerschaft vorkam, wurde der geschiedene Pfarrer ohne Umschweife in eine andere Gemeinde versetzt. Die Kirchenleitung war der Ansicht, ein geschiedener Pfarrer könne nicht mehr glaubwürdig von dauerhafter Ehe und Partnerschaft reden. Wie angstbesetzt das Thema Ehe und Sexualität in der Landeskirche noch war, zeigt die Tatsache, dass den ca 100 in den Krieg eingezogenen Pfarrern das fünfte Gebot nicht entgegengehalten und gefragt wurde, ob sie über „Du sollst nicht töten“ noch glaubwürdig predigen könnten. Sie waren alle in den Bannkreis der Kriegsverbrechen einbezogen worden und amtierten ohne Beanstandung nach der Rückkehr in die Gemeinde weiter.

Seit den 70er Jahren häuften sich auch in der Pfarrerschaft die Ehescheidungen. In der Hannoverschen Landeskirche wurden 2010 von 1.790 aktiven Pfarrern 13,41 Prozent geschieden, also ca 240. Auf unsere Landeskirche umgerechnet wären es ca 35 Pfarrer und Pfarrerinnen, tatsächlich ist die Prozentzahl niedriger. Nach Auskunft des Landeskirchenamtes beträgt sie 9,3 %. Das Scheidungsbewußtsein der Pfarrerschaft entsprach dem der Gesellschaft. Zum Kriegselend, Wirtschaftselend, Wohnungselend trat in der Geschichte des Pfarrhauses nun das Scheidungselend.

Die Position der Kirchenleitungen gegenüber diesem Problem blieb unterschiedlich. Als sich Propst Peter Brandt von seiner Frau trennte, drängte ihn Bischof Müller, die Landeskirche zu verlassen. Er wurde später Militärdekan. Bischof Krause hingegen berücksichtigte die Ansichten der Gemeinde.

Erst allmählich setzte sich die Einsicht durch, dass die Ehe auch eine Bindung auf Zeit sein und dass eine Trennung der Ehepartner neben den Verletzungen und Nöten auch ein Segen sein könnte, und zwar für die Kinder, wie auch für die beiden Ehepartner. Es gab Pfarrfamilien, in denen die geistliche Erkenntnis wuchs: Gott führt auch aus der Ehe heraus. Wenn die Kirche vollmundig bei der kirchliche Trauung bekundete „Was Gott zusammengeführt habe,“ was durchaus zweifelhaft sein konnte, dann konnte auch der andere Satz gelten: Was Gott auseinander geführt habe, soll der Mensch nicht zusammenzwingen. Die Braunschweigische Landessynode diskutierte diese Möglichkeit anlässlich eines Antrages des Synodalen Arbeitskreises Solidarische Kirche, konnte sich jedoch zu einer entsprechenden Erklärung nicht bereit finden. Aber die Agendenkommission reichte eine Arbeitsvorlage für Segenshandlungen ein, darunter auch eine Andacht bei Scheidung einer Ehe oder Trennung einer Lebensgemeinschaft. Die Kirchenbehörde unter Landesbischof Müller lehnte diese Vorlage ab und der zuständige Oberlandeskirchenrat Kollmar löste die personelle Zusammensetzung der Agendenkommission auf.

Die geschiedener Pfarrfrauen schlossen sich wie in den meisten Landeskirchen auch in unserer zusammen, um sich zu beraten, zu informieren und auch einige Rechte und Verbesserungen durchzusetzen, wobei sie bei den Oberlandeskirchenräten Henje Becker und Jürgen Kaulitz auf Verständnis stießen. Frau Gisela Wölfel, die lange Jahre diesen Kreis leitete, beschreibt die Anfangssituation folgendermaßen: „Neben der psychischen Katastrophe des Scheiterns – der Mann auf der Kanzel war herabgestürzt und zerstörte das Gottesbild – gab es ganz existentielle Abgründe. Der Pfarrer wurde versetzt. Ihm wurde ein neue Beziehungsgeflecht eröffnet. Kirchenvorstände, Dienstwohnung, Umzugskosten, Kranken- und Beihilfeversorgung blieben bei ihm. Die Pfarrfrau wohnte noch im Pfarrhaus, war verpflichtet, alles darin in Ordnung zu halten. Sie hatte keinen Rechtsbeistand, mußte eine Scheidung durchstehen. Schlimmstenfalls besaß sie keinen Berufsabschluss. Die Kindererziehung belastete Berufszugänge. Kirchliche und diakonische Arbeitsgeber beschäftigten gelegentlich Pfarrfrauen in Scheidung und eröffnete ihnen den Eintritt in die Sozialversicherung und eine Krankenversicherung. Mit solchen Handlungsabläufen hat sich die Landeskirche in beispielhafter Weise hervorgetan. Bei EKD weiten Tagungen wurde das immer wieder festgestellt. Auf den Informationsständen des Marktes der Möglichkeiten machte Braunschweig ein gute Figur mit seiner Hilfs- und Beratungsstruktur.“ (gelesen von Elisabeth Lampe)

Der Pfarrfrauendienst der Landeskirche gab in 2. Auflage eine Broschüre heraus „Wenn Trennung und Scheidung droht – Hinweis für Frauen von Pfarrern.“
Die Scheidungen erfolgten in seltenen Fällen einvernehmlich, und oft genug erwiesen sich Pfarrer als vergeltungssüchtige, gekränkte Verlierer.
Das Pfarrhaus stellte sich also nicht mehr als sog. heile Welt dar. Ihr Vorbildcharakter lag nicht in einer Erfüllung aller Zehn Gebote, sondern in der aufrichtigen Bewältigung von Krisen in Haus und Gesellschaft.

Inzwischen entfaltete sich innerhalb der Landeskirche unter Duldung oder Stillschweigen eine Vielfalt
partnerschaftlicher Lebensformen: auch Dreiecksverhältnisse, deren Bewältigung nicht der Amtszucht sondern den handelnden Personen überlassen blieb, auch Partnerschaften ohne staatliche Legitimierung, wie sie sich in der Individualgesellschaft häufen. Diese Vielfalt unterschiedlicher Lebensentwürfe kann als Reichtum oder als bedauerliche Beliebigkeit eingeschätzt werden.

Ich wiederhole zum Schluss um der Deutlichkeit willen, was ich bereits betont habe:
heute bestehen alle drei Pfarrhaustypen und ihre Bewohner nebeneinander. Ich überzeichne sie folgendermaßen: der eine liest für seine Predigt noch den griechischen oder hebräischen Urtext, trägt wieder schwarz, sogar einen runden weißen Kragen, ist als Pfarrer kenntlich, hält sich beim Gottesdienst streng an die agendarische Ordnung. Er „dient“ gern und lange. Der andere liest für seine Predigt vor allem die Zeitung und beschäftigt sich im Gottesdienst mit aktuellen Zeitfragen, in der Gottesdienstform ist er beweglich und abwechslungsreich, er trägt zivil, mischt sich unter die Leute. Er macht einen fröhlichen Eindruck, achtet aber darauf, dass die Familie nicht zu kurz kommt. Der dritte zieht seine Predigt aus dem internet und liest sie sich vor dem Gottesdienst rasch noch mal durch, er trägt zivil und achtet auf seine im Amt gewährten Rechte. Er fühlt sich ständig überfordert und klagt über stress.
Da sich das Leben an kein Schema hält, vermischen sich die drei Typen und deren Eigenschaften im Alltag und lassen sich - unnötig zu sagen – nicht auf eine Pfarrhausbau verteilen.

Und für die Zukunft?
Christoph Meyns hat in seiner Dissertation vorgeschlagen, sich im Blick auf die organisatorische Dimension des kirchlichen Handeln entschlossen den Zahlen zu stellen und sich im Blick auf seine inhaltliche Dimension genauso von Zahlen zu verabschieden. Die Kirche müsse sich davon lösen, ihre Arbeit durchgehend an zu erzielenden Wirkungen zu planen. Ihr Auftrag bestehe in der Verkündigung des Evangeliums. Das bedeutet für die Zukunft des Pfarrhauses, nüchtern auch die Zahl der Pfarrhäuser zu überprüfen, mehr aber noch, das Pfarrhaus als Ort der Verkündigung des Evangeliums zu entdecken, eines geglaubten, gelebten, erlittenen und provozierenden Evangeliums.

Die künftige Gestaltung des Pfarrhauses ist eine zentrale Frage. Für eine Kirche, in der die Selbstverwaltung der Kirchengemeinde in jeder Hinsicht, organisatorisch, finanziell und geistlich das A und O des Gelingens ist, ist die stabilitas loci grundlegend, also ein fester Standort, eine Art ruhender Pol, ein Stützpunkt, umgeben von kleiner werdenden, aber selbstbestimmenden und selbstbestimmten Kirchengemeinden, eine Art Heimstätte, ein Anker in einer ihr fremden Welt.

Die Pfarrhäuser bleiben ein Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer gegensätzlichen Lebensentwürfe und Kultur.

Ich schließe mit der Hoffnung:
„Du wirst dein herrlich Werk vollenden/ der du der Welten Heil und Richter bist/ Du wirst der Menschheit Jammer wenden/ wie dunkel auch dein Weg o Heilger ist. Doch hört der Glaub nie auf zu dir zu flehn. Du tust doch über Bitten und Verstehn“.

(Alle singen diese Liedstrophe)



Die Diskussion
Vorstellung, Gesang und eine an das Referat anschließende „Murmelrunde“ mit dem Nachbarn dauerte bis 20.45, sodass nicht viel Zeit für die Diskussion blieb. Peter Wicke fragte nach dem Kirchenkampfbegriff, Gabriele Canstein nach dem Kulturbeitrag des Pfarrhauses, Erwin Curdt hat seinen mündlichen Beitrag unten zu Papier gebracht, Dietmar Schmidt Pultke vom Ausstellungsteam verteidigte die Ansprüche der jungen Generation gegenüber dem Pfarramt, es müsse mit dem Dienst „auch mal Schluss sein“, Direktor Dieter Rammler wies gleich zu Beginn die Bewertung des Moderators zurück und nannte die Tatsache von sechs Einwänden gegen die Berliner Ausstellung überzogen, ohne inhaltlich auf sie einzugehen. Den Vorschlag einer Abschlussdiskussion beantworteten beide nicht.
Im Kreuzgang ging die Diskussion noch bis 22.00 Uhr weiter.

Stimmen zum Vortragsabend
Das war gestern abend ein spannender Vortrag. Ich habe mal in die Zuhörer geguckt, da war so viel Nachdenklichkeit, fast Ergriffenheit, aber das klingt schon wieder zu pathetisch, also kurz, es war ein hoch interessanter, emotional beteiligender Vortrag und „im Stoff“ sind Sie keineswegs „ertrunken“ . Chronologie gibt immer eine gute Struktur, der Hörer weiß, wo er sich befindet und was wohl noch kommt. Mancher hat sich vielleicht auch in den eigenen Erinnerungen wiedergefunden. Dafür vielen Dank.“
Dr. Ingrid Henze, Helmstedt

Im Rahmen der Ausstellung und Veranstaltungsreihe „Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses“ setzte sich Pfarrer i. R. Dietrich Kuessner mit dem Thema „Das Ev. Pfarrhaus im 20. Jh. In Stadt und Land Braunschweig“ auseinander.
Das vollbesetzte Auditorium dankte ihm für seinen konzentriert vorgetragenen Beitrag mit lang anhaltendem Beifall. Er galt auch den externen Vorträgen zu den Quellen, die anschauliche Ergänzungen leisteten. Der Moderator, Pfarrer Busch, sprach zu Recht von einem „fulminanten“ Referat.
Kuessner thematisierte die historischen und gesellschaftlichen Zustände der Zeitgeschichte und Gegenwart: Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Nachkriegszeit, 60er Jahre bis in die Gegenwart.
Es gelang ihm, eine exemplarische Anschaulichkeit seiner fundierten Quellenarbeit zu präsentieren: das Alltagsleben und „Innenleben“ der Pfarrhäuser in der Braunschweiger Landeskirche. Da wurden Beispiele des Ehe- und Familienlebens und der Umgang der Kirchenregierungen (Landeskirchenämter) mit den Pfarrämtern in den jeweiligen Epochen aufgezeigt (z. B. Umgang mit verwitweten und geschiedenen Pfarramtsfrauen), also anschauliche Details, die nicht jeder erfährt (Sachverhalte, die die Öffentlichkeit nicht erfahren sollte).
Nun muss man wissen, dass ohne Kuessners jahrzehntelange Forschungen keine Erkenntnisse über wichtige Bereiche der Kirchengeschichte im Lande Braunschweig vorlägen. Damit sind auch Einsichten über Werthaltungen und Handlungen der protestantischen Geistlichkeit (Obrigkeit) gemeint, die man der Öffentlichkeit nicht zugänglich machen wollte. Das gilt insbesondere für die NS-Zeit („Deutsche Christen“) und die Nachkriegszeit, weil verantwortliche Amts- und Würdenträger (immer noch oder schon wieder) in einflussreichen Positionen tätig waren.
Kuessner bemerkte an mehreren Stellen seines Referats kritisch, dass die zentralen Anliegen seiner Forschungen im Rahmen dieser Ausstellung keinen Platz gefunden hätten.
Bei den sich anschließenden Fragen vergewisserte sich ein Zuhörer noch einmal dieser Kritik Kuessners. Der bekräftigte sie daraufhin noch einmal und begründete seine Sichtweise. Die ansonsten gut angelegte Ausstellung habe aus wissenschaftlich nicht nachvollziehbaren Gründen wichtige Erkenntnisse seiner Untersuchungen ausgeblendet. Diese Kritik wurde von einem leitenden Mitarbeiter der Ev. Akademie (und Mitorganisator der Ausstellung?) zurückgewiesen.
Leider kam es wegen der zeitlichen Umstände nicht mehr dazu, eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu finden. Die Kritik des Referenten und der Widerspruch blieben unbeantwortet. Erstaunlich war, dass sich in der Zuhörerschaft kein Widerspruch regte, obwohl man voraussetzen konnte, dass viele die Kritik des Referenten fachlich zu bewerten wussten.
Erwin Curdt, Wendeburg

Lieber Bruder Kuessner,
Ich gebe wieder, was meine Frau zu Ihrem Vortrag notiert hat."Kuessners Vortrag geriet schon von seiner Aufgabenstellung her zu keinem kurz-weiligen Lauf durch die Jahrhunderte Pfarrhausgeschichte, eingerahmt von gesungenen Liedversen und geschickt unterbrochen von
Zuhörern, die mit Zitaten aus Quellen und Briefen die durchgängig interessanten Informationen und deren Einordnung und Bewertung unterstrichen, er war auch darüber hinaus Anreger zu anschließender Reflexion und Diskussion etwa über eine kurze Einflechtung im Vortrag, dass der Pfarrer auch immer 'der Fremde' gewesen sei. Eine gute und wichtige Ergänzung der Ausstellung."

Ich selber blieb bei dem Gedanken hängen, dass der Pfarrer - und wahrscheinlich seine Frau auch - im Pfarrhaus mitten in der Gemeinde oft einsam und fremd gewesen sein muss. Ich versuchte mich in meinen Urgroßvater im Othfresener Pfarrhaus hineinzuversetzen. Das Fremdenbuch berichtet von einem offenen Haus mit vielen interessanten Besuchern und von einer Familienidylle mit bei der Ernte helfenden Verwandten oder winterlichen Festen mit Punsch und Charaden. Ein Haus voller Kinder. Ein Vater, der Prediger, Seelsorger, Lehrer, Amtsperson war. Aber wie ihn die Gemeinde sah, bleibt im Dunkel. War er der Hirte einer ihm anvertrauten Herde, die seinem Auftrag weithin mit Unverständnis begegnete? War er als Repräsentant der Kirche, als Mahner der Zehn Gebote so etwas wie das wandelnde schlechte Gewissen der Gemeinde? Gehört es nicht nur zum Pfarrerbild vergangener Zeiten, sondern strukturell zum Beruf eines Pfarrers, dass er, wenn er seinen Dienst
ernst nimmt und seinem Auftrag und Amt treu ist, immer ein wenig einsam, fremd inmitten derer lebt, an die er gewiesen ist?
Das sind meine Gedanken, die ich denen meiner Frau angefügt habe.
Mit freundlichen Grüßen Ihr Henning Kühner

Manöverkritik
Inzwischen trafen sich die Gestaltenden des Abends zu einer „Manöverkritik“ in der Borsigstraße zu einem lebhaften, zweistündigen Gespräch. Ein kontrovers diskutiertes Thema war der Dienstbegriff in den drei beschriebenen Typen und die kritische Charakteristik eines Teils der jüngeren Generation, die, obwohl sie keineswegs auf den dritten beschriebenen Typ allein zutrifft, als zu schroff empfunden wurde. Die Zeiten hätten sich geändert und „wir Alten“ kämen da eben nicht mehr mit.
Die Position eines Pfarrhauses im Dorf wurde gegensätzlich beschrieben. Es sei auf die Dauer entbehrlich (Steen), der Verkauf sei tief bedauerlich (Erchinger), wichtiger als die architektonische sei die personale Präsenz in den Dörfern (Pieper), beides sei in Zukunft notwendig (Frau Rohlfs, Kiel, Busch). Wünschenswert sei eine Fortsetzung dieses Themas mit der jüngeren aktiven Pfarrergeneration.
Es war mir auffällig, dass die im Referat ausführlich dargestellten historischen Zusammenhänge sowohl am Vortragsabend wie beim Nachgespräch nicht diskutiert wurden. Der Vergleich zu „früher“ ergibt nämlich, dass die heutige Pfarrergeneration in einem den Vätern und Großvätern unvorstellbaren Reichtum, ja sogar Luxus lebt. Dieser Reichtum ist ein Ausdruck der Einbindung der heutigen Generation in die Strukturen des Kapitalismus, der in der Landeskirche nicht diskutiert wird. Diese Einbindung macht einen Teil der heutigen Generation eher reformunfähig, weil es ihr vorrangig darauf ankommt, die Privilegien nicht zu verlieren. Diese Feststellung wurde von der Mehrheit der Gesprächrunde deutlich in Frage gestellt.
Schon länger dauert die Jammerei und Klage über den „stress“ an. Dabei diagnostizierte das Pfarrerblatt zwei unterschiedliche Gründe. Der „stress“ komme von einer Überforderung, vor allem gegenüber den bürokratischen Wust, den das Landeskirchenamt aufbürde. Er komme aber auch von einer Unterforderung. Das könnte wieder mit der Dienstauffassung zusammenhängen. Das muss besprochen werden.
Es gab zu allen Zeiten in der Pfarrerschaft Fleißige und Faule, damals und heute. Und es gab Begeisterte und Depressive. Mal wurde der Frust im Alkohol ertränkt, mal in Passivität.

Dabei wurde auch die Frage von Fusionen der Landgemeinden angesprochen, die offenbar eine von mehreren Optionen darstellt, die vom Landeskirchenamt vorgeschlagen wird. Diese Option wurde von mir scharf zurückgewiesen. Es liegt nahe, dass zur Bequemlichkeit neigenden Pfarrer Fusionen befürworten, um sich Arbeit zu sparen. Es gibt dafür bereits abstoßende Beispiele. Stattdessen gelte es, auch zahlenmäßig kleine Kirchenvorstände und Küsterstellen und dazu gehörende Lektorinnen und Lektoren anhaltend zur geistlichen und organisatorischen Selbstständigkeit zu ermuntern und zu erziehen, was mühsam sein kann, aber viel Frucht verspricht. Man muss gerade den vorhandenen kirchlichen Mitarbeitern auf dem Lande viel mehr zutrauen. Auch zentrale Personalplanungen sind der Tod im Topf der Kirche. Es gelte, mit den vorhandenen kirchlichen Mitarbeitern und Strukturen Stützpunkte in allen Kirchengemeinden zu festigen und neu zu bilden. Es gibt viele Beispiele für gelingende Gemeindearbeit. Mit diesen sollte ein gemeinsames Treffen verabredet werden.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/pfarrhaus.htm, Stand: Juli 2014, dk