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[Kirche von unten]

"Gott strafe England" - die evangelische Kirche und der Bombenkrieg

Vortrag am 6.10.1994 im Landesmuseum in Braunschweig
von Dietrich Kuessner

Das Referat hat vier Teile:

  1. Die evangelische Kirche unterstützt den Bombenkrieg Hitlers;
  2. Wie kommt sie dazu?
  3. Die evangelische Kirche erleidet den Bombenkrieg der Engländer und Amerikaner;
  4. Was sagt sie dazu?

I.

"Ein Feuer brennt im deutschen Land, und der's gezündet, schürt;/ und die der Flamme Schein gebannt, die sind von ihm gekürt/ Ein Feuer brennt im deutschen Land, der Stärkste hat's entfacht/ Hat, Deutscher, dich ihr Schein gebannt/ halt mit am Feuer Wacht"
Brennende Straßenzüge, die Brandwachen, die am Straßenrand stehen und gebannt in den geröteten Himmel sehen - solche Eindrücke stellten sich mir beim ersten Lesen dieser Zeilen ein: "ein Feuer brennt im deutschen Land." Ein Gedicht von Deutschland im Bombenkrieg 1944. Tatsächlich aber ist es ein Huldigungsgedicht zum 50. Geburtstag Adolf Hitlers im Jahre 1939, von der glühenden Begeisterung der Deutschen zu ihrer Staatsführung - kein deutscher Kanzler im 20. Jahrhundert hat je wieder solche überwältigenden Mehrheiten erreicht wie Hitler - von der flammenden Verehrung, die Hitler aus allen Volksschichten entgegenschlug, auch aus den Kirchen. Dieses Gedicht ist von einer Diakonisse verfaßt worden, abgedruckt in den Blättern des Ev. Diakonievereins. "Ein Feuer brennt im deutschen Land, der Stärkste hat's entfacht"- Pastorin Mechthild Brauer stellt in der BZ vom 30.9.1994 einen Zusammenhang zwischen der lodernden Begeisterung der Deutschen und den brennenden Städten her. "Der Stärkste hat's entfacht" - wie wahr. Hitler und seine Politiker haben die Bombengeschwader ins Land geholt und ihre Flächenbrände verursacht. Die "gebannt" in ihren bürgerlichen Wohnzimmern die Kriegserfolge Hitlers an großen Landkarten mit x kleinen bunten Fähnchen abstecken und im Sommer 1940 die Vision eines braunen Europas greifbar vor sich haben: der Duce in Italien, Franco in Spanien, Petain in Frankreich, Quisling in Norwegen, der Stärkste in der Mitte Europas, das erfordert schon die Mittellage Europas - die schleppen nun paar Habseligkeiten aus ihren stehengebliebenen Kellern, die denunzieren zum Kriegende hin zunehmend Nachbarn und Kriegsgefangene, die geheimen Berichte des Braunschweiger Oberlandesgerichtspräsidenten sprechen von der Verwahrlosung der in Braunschweig verbliebenen Bevölkerung und das Landvolk berichtet 50 Jahre später ungeniert: "Herr Pastor, wir haben keine Not gekannt": ein bestechendes Beispiel für die viel besungene Volksgemeinschaft.

Die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Zerstörung Braunschweigs stellt uns die Frage nach der Ursache des Bombenkrieges. Liegt eine der vielen Ursachen beispielsweise in der oft variierten und auf Postkarten abgebildeten Parole "Gott strafe England", die dann unter den Bombenteppichen in die Frage umschlägt " Straft Gott so Deutschland?"; und da die Parole "Gott strafe England" schon aus dem 1. Weltkrieg stammt: Reichen die Ursachen für den Bombenkrieg bis in die Zeit um den 1. Weltkrieg? Der religiöse Bezug dieser Parole und eine Diakonisse als Verfasserin jenes Gedichtes legen uns die Frage nahe: Hat die Kirche mitgebombt, mitgezündelt, weil sie auch mitgesiegt und mitgebetet hat etwa mit den Worten: "Segne Du unsere Wehrmacht auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft. Segne allen Einsatz und alle Arbeit in deutschen Land, segne und schütze Du unsern Führer, wie Du ihn bisher bewahrt und gesegnet hast, und laß gelingen, daß er uns einen wahrhaftigen und gerechten Frieden gewinne uns und den Völkern Europas zum Seg en und Dir zur Ehre," so die offizielle Gebetsempfehlung der zentralen Berliner Kirchenkanzlei an alle Landeskirchen am 6. September 1939.
Und weil das diesjährige Erntedankfest gerade hinter uns liegt, ein Beispiel aus der Gebetsempfehlung zum Erntedankfest am Schluß des ohne Kriegserklärung eröffneten Polenfeldzuges: "In tiefer Demut und Dankbarkeit beugen wir uns am heutigen Erntedankfest vor der Güte und Freundlichkeit unseres Gottes. Wieder hat er Flur und Feld gesegnet. Wir danken ihm, daß uralter deutscher Boden zum Vaterland heimkehren durfte und unsere deutschen Brüder nunmehr frei und in ihrer Zunge Gott im Himmel Lieder singen können. Wir danken ihm, daß jahrzehntealtes Unrecht durch das Geschenk seiner Gnade zerbrochen und die Bahn freigemacht ist für eine neue Ordnung der Völker, für einen Frieden der Ehre und Gerechtigkeit. Und mit dem Dank gegen Gott verbinden wir den Dank gegen alle, die in wenigen Wochen eine solche gewaltige Wende heraufgeführt haben: gegen den Führer und seine Generale, gegen unsere tapferen Soldaten auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft, die freudig ihr Leben für das Vaterland eingesetzt haben".

Die Ausstellung im Landesmuseum beginnt mit einer Tafel zur Bombardierung Warschaus Ende September, nicht etwa ihrer militärischen Anlagen, die Hitler möglichst unzerstört kassieren wollte, sondern der Zivilbevölkerung in der Stadtmitte Warschaus. "Wir loben dich droben, Du Lenker der Schlachten, und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei", endet die Gebetsempfehlung für das Erntedankfest 1939. Das ist eine Zeile aus dem auf vielen Parteiversammlungen gesungenen Lied "Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten", das 1939 dann auch in den Anhang des Braunschweiger Gesangbuches aufgenomen wurde. "Ein Feuer brennt im polnischen Land, der Stärkste hat's entfacht - nicht Hitler allein sondern der "Lenker der Schlachten", Gott selber, der die unausgesprochene Bitte, Gott strafe Polen, erhört hat, "daß unsre deutschen Brüder nunmehr frei und in ihrer Zunge Gott im Himmel Lieder singen können"? Mitgebombt? mitgezündelt?

Als Ende Juni 1940 nach der Bekanntgabe der Kapitulation Frankreichs aus allen Volksempfängern aus rauhen Männerkehlen auch noch der Choral "Nun danket alle Gott" erklang, da war für alle Zuhörerinnen und Zuhörer klar: hier hat Gott gesiegt. Hitlers Krieg ist die Festigung Großdeutschlands als Kern eines faschistischen Europas Die Bahn ist frei für eine "neue Ordnung der Völker".
Was im Evangelischen Gemeindeblatt Nürnbergs zum 6. Sonntag nach Trinitatis, dem 30. Juni 1940 zu lesen war, wurde tausendfach in der noch intakten kirchlichen Gemeindepresse abgedruckt: "Wo die deutsche Waffe nun 6 Wochen lang durch Tag und Nacht ihre von Heldenmut und ungeheurer Kraft dröhnende Sprache gesprochen hat, da herrscht nun die tiefe erhabene Stille des erkämpften Sieges. Wer vermag das mit Worten auszusagen. Aber in der Stille, die uns ehrfürchtig schweigen heißt, hebt unser Auge an zu sehen. Wir sehen den Mann, der mit seinem Geist und seiner Kraft diesen Sieg geschaffen hat. Wir sehen die Scharen deutscher Männer, die mit der Waffe in der Hand und unbändiger Tapferkeit im Herzen diesen Sieg errangen. Und wir sehen den lebendigen Gott, der den Kampf zum Siege gesegnet hat. Das sehen wir mit den Augen, und übervollem Herzen danken wir: "Im Streite zur Seite ist Gott uns gestanden."

Das ist der Anfang der zweiten Strophe von "Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten." Die Kirche im Juni 1940, also in der Stunde Null eines faschistischen Europas mit der nationalsozialistischen deutschen Mitte unter dem Brandenburger Tor plant eine neue, auf die großdeutschen Ausmaße zugeschneiderte großdeutsche Kirche. Die Siege Hitlers seien Siege Gottes, und weil Gottes Hand so unübersehbar die deutsche Geschichte lenke, machten sich die lutherischen Kirchen, besonders im Westen Deutschlands in den folgenden Monaten unter der Leitung der Hannoverschen Landeskirche an den Entwurf einer Verfassung für eine Lutherische Kirche Großdeutschands, in der es heißt: "Die Lutherische Kirche Großdeutschlands ruht auf dem Grunde des Wortes Gottes... § 3:"An der Spitze der lutherischen Kirche Großdeutschlands steht der Erzbischof der Lutherischen Kirche Großdeutschlands.." Die übrigen obersten Organe: der Bischofsrat, das Lutherische Oberkirchenamt, die Großdeutsche Lutherische Synode. Mitgesiegt, mitgebetet, mitverfaßt - nicht nur, aber auch die Kirche rechnete für die 4oiger Jahre mit stabilen nationalsozialistischen Verhältnissen, auf die man sich einrichten müßte.

Nach dem Krieg gegen Frankreich hatte die deutsche Bevölkerung allgemein mit dem Ende der Kriegshandlungen gerechnet. "Ich sehe keinen Grund, der zur Fortführung dieses Kampfes zwingen könnte", hatte Hitler in seiner Siegesrede vor dem Reichstag am 19. Juli 1940 erklärt, und reichlich verlogen: "Meine Absicht war es nicht, Kriege zu führen, sondern einen neuen Sozialstaat von höchster Kultur aufzubauen." Aber zwei Tage vorher hatte Hitler bereits die Weisung Nr. 16 über die Vorbereitung einer Landeoperation gegen England erlassen. Am 13. August begann Hitler mit 2.355 Flugzeugen den Luftkrieg über England, um die englischen Städte auszuradieren. "Wir werden diesen Nachtpiraten das Handwerk legen, so wahr uns Gott helfe", schäumte Hitler in einer wüsten Rede am 4. September aus Wut über paar abgeworfene Flugblätter und Bomben. Nachdem ein dritter "Blitzsieg" und die für den 15. September geplante Landung gescheitert waren, verlegte sich Hitler auf den "Terrorangriff" gegen zivile Städte in englischen Städten, um die Moral der englischen Bevölkerung zu treffen.
Bei dem zehnstündigen Bombardement Coventrys unter dem stimmungsvollen Decknamen "Mondscheinsonate" wird die ganze Innenstadt verwüstet. Goebbels nennt diese neue Methode "coventrieren". Noch 50 Jahre später wird bei einer Gedenkfeier in Coventry auf das Abspielen der Melodie der Nationalhymne,des "Deutschlandliedes", verzichtet. Und unbegreiflicherweise rechtfertigt Horst Boog, Referent des Militärgeschichtlichen Institutes Freiburg, bei einer Tagung des Historischen Seminar der Technischen Universität vor 14 Tagen hier in Braunschweig diese Bombardierung.

Hitler hat den Krieg gegen England als Gesinnungskrieg hochstilisiert. Der überfall auf Polen und der Krieg gegen Frankreich entsprachen dem antidemokratischen Impuls der Hitlerregierung. Aus Frankreich kamen die französische Revolution und westliche Demokratie. Zu demokratischen Zuständen wollte man in Deutschland unter keinen Umständen zurückkehren. Der Sieg über Frankreich war ein Sieg des autoritären Staates über die schlappen, verweichlichten Demokraten.
Gegen England kam ein weiterer Impuls der Hitlerregierung zum Tragen: der antikapitalistische. England hasse - so Hitler - die sozialen Taten seiner Regierung und alles, was er in dieser Richtung weiter plane. Unbestreitbar hatte ein großer Teil der deutschen arbeitenden Bevölkerung die nationalsozialistische Regierung so erlebt: im buchstäblichen Sinne als nationalsozialistische Volkswohlfahrt, NSV. "Wie kann ein bornierter Kapitalist sich mit meinen Grundsätzen einverstanden erklären?", hatte Hitler am 10. Dezember 1940 vor den Arbeitern eines Berliner Rüstungskonzern geprahlt. Eher ginge der Teufel in die Kirche und nähme Weihwasser.

In diesen Gesinnungskrieg nun wird die Kirche gezielt von Goebbels mit eingespannt. Sie teilt ja den antidemokrati-schen und auch den antikapitalistischen Impuls der Hitlerregierung. Der sozialistische Anstrich des nationalsozialistischen Parteiprogramms "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" klang akzeptabel und sollte nun gegen England, wo "das Geld regierte", also gegen die Plutokratie, um ein beliebtes Schlagwort von damals aufzugreifen, durchgesetzt werden. Bereits in der Pressekonferenz vom 24. Januar 1940 hatte Goebbels dieses Schlagwort ausgegeben, und das Reichspropagandaamt hatte die kirchliche Presse dazu verdonnert, sich mit diesem Thema ausführlich zu beschäftigen , was diese dann auch gezwungenermaßen tat.
In einem Gesinnungskrieg zwischen "Geldherrschaft" dort und einem angeblich sozial ausgerichteten Deutschland konnte nicht zweifelhaft bleiben, auf welcher Seite die evangelische Kirche stand. "In diesem Kampf stehen wir als evangelische Christen hinter unserer Kirche, denn Christentum und Plutokratie sind unvereinbare Gegensätze", schreibt das angesehene Blatt der Lutheraner, die Allgemeine Lutherische Kirchenzeitung.
Zusätzlich wurde die strenge staatskirchliche Form der anglikanischen Kirche ins Visier genommen. Wegweisend dazu wurde die Schrift des bedeutenden neutestamentlichen Theologieprofessors Martin Dibelius aus Heidelberg "Britisches Christentum und britische Weltmacht". Dibelius attackierte darin die behauptete Gleichsetzung von a.t. Gottesvolk und englischem Volk und dessen "Erwählungspathos." Es war die Absicht der Schrift, der anglikanischen Kirche den christlichen Charakter überhaupt abzusprechen, und dieser Tenor wurde von dem damaligen Flaggschiff der evangelischen Presse, dem "Evangelischen Deutschland" kräftig verbreitet.
Auch der Braunschweiger Domprediger Hans Schomerus nahm diese These, es handle sich um einen Gesinnungskrieg, auf. "Hier stoßen nicht nur materielle Interessen der Tagespolitik aufeinander, sondern geistige Atmophären."

Es gehört zu den beschämenden Kapiteln der Kirchenpresse, daß die evangelische Presse sich dazu hergab, die Bombardierung der britischen Hauptstadt als gerechte Strafe zu rechtfertigen. "Schicksal einer Weltstadt. Fast ununterbrochen, bei Tag und Nacht, donnern deutsche Jäger und Kampfflugzeuge über Englands Hauptstadt. Seit vielen Wochen fallen Bomben auf die Docks und Speicher, die Fabriken und Bahnhöfe und sonstige militärische wichtige Gebäude der Weltstadt. Die Millionen, die diese Stadt bewohnen, verbringen den größten Teil ihrer Zeit drunten im Keller. Sie, die sich bisher rühmen konnten, Bürger einer Stadt zu sein, die im Mittelpunkt eines gewaltigen Reiches stand und ein Zentrum an Macht, Einfluß und Reichtum ohnegleichen bildete, müssen sich in die Erde verkriechen und kümmerliche Liegeplätze in den Schächten der Untergrundbahn erkämpfen, während droben die Häuser, ganze Komplexe und Straßenzeilen in Schutt und Asche zusammenstürzen.
Uns ist das Schicksal dieser Weltstadt mehr als nur ein besonders dramatischer Ausschnitt des Krieges. Wir sehen, wie sich in diesem von England heraufbeschworenen Kampf zahllose Fäden der Schuld, der Herrschsucht und schrecklicher Verblendung verknotet haben, um nun mit dem Schwert zerhauen zu werden. Hier vollzieht sich ein großes Gericht. Eben darum sind wir als Zeugen der Schlacht um London fern von niedrigen Gefühlen. Wie könnten uns solche Empfindungen beseelen, während Gott richtend über die Erde schreitet? Das zerbrechende London ist ein schauerliches Mahnmal. Halten wir uns die Herzen offen für das, was es uns zu sagen hat! Und laßt uns mit gespann-ter Kraft und blanker Seele den Kampf weiter durchstehen, der uns aufgezwungen wurde. Und laßt uns bewußt sein, daß wir mit all unserm Tun in Familie, Beruf und Volk Gott verantwortlich sind, der uns dereinst zur Rechenschaft ziehen wird., daß wir auch die Zeit des Krieges tapfer, opferbereit und mit reiem Gewissen bestanden haben."

II.

Ich möchte in einem zweiten Teil entfalten, wie es zu dieser enormen Bejahung des Hitlerschen Krieges durch die Kirche gekommen ist. Die Wurzeln dazu reichen weit zurück und waren während des ersten Weltkrieges besonders sichtbar geworden. Sie sind keineswegs verwickelt, sondern leicht beschreibbar: der christliche Staat habe ein Recht zum Krieg. Ihm sei das Schwert von Gott gegeben zur Strafe über die Bösen ( Römer 13 ). Also sei der Krieg ein "göttliches Verhängnis" und Pflicht der Obrigkeit, solange er gerechten Ziele diene, angemessene Mittel einsetze - also "sauber" bleibe - und die Kriegsziele zur Wiedererrichtung von Gerechtigkeit und Frieden dienten. Der Soldat leiste mit seinem Tod ein Opfer für sein Vaterland, das in der Wertesakal höher stehe als das Leben. Der Tod sei ein stellvertretender Tod für die Familie in der Heimat. Er ähnele daher dem stellvertretenden Tod Jesu. So wie Jesus aber aus dem Tode auferstand, so bleibe der getötete Soldat nicht im Tod sondern werde durch seinen Heldentod selig. Friedensbestrebungen dagegen werden lächerlich gemacht. "Die neuerdings aufgetretenen Bestrebungen zur Herstellung des allgemeinen Weltfriedens nach vorausgegangener Abrüstung der Weltmächte, gehen weniger von christlichen Gesichtspunkten oder Grundsätzen aus... und sind mit einem sentimentalen Zug behaftet, der sie dem Spott preisgibt", heißt es in dem einschlägigen Artikel eines klassischen theologischen Lexikons von 1902.
Diese Melodien der Kriegstheologie wurden mit mehr oder weniger Pathos an der Front und in der Heimat immer wieder neu angestimmt. Aus der Braunschweiger Kirche nenne ich die Kriegspredigten von Beck, Pfarrer an der Jacobikirche in Braunschweig. Es ist auffällig, daß katholische und evangelische Kirche in ihrer Anschauung zum Krieg nicht abweichen: eine ökumene des Unheils. Nach der Ausrufung des totalen Krieges durch General Ludendorff im Jahre 1917 und nach der Beseitigung "christlicher Obrigkeiten " im Jahre 1918 hätte es wohl einer neuen Begründung für einen zu führenden Krieg bedurft. Aber gerade dies hat die evangelische Theologie unterlassen. Und so geht sie mit den alten Argumenten "gut" gerüstet in den zweiten Weltkrieg.

Otto Borchert, ein vielgelesener Pfarrer in der Harzgegend, dessen Lebensbiografie von der theologischen Verlagsbuchhandlung Hellmuth Wollermann am Bohlweg in Braunschweig verlegt wurde, schrieb 76jährig von seinem Ruhesitz in Blankenburg aus 1938 die populäre Schrift "Der Krieg mit gutem Gewissen". Darin aktualisierte er die Argumente für die Notwendigkeit eines Krieges und nannte zusätzlich ein zweifaches Notrecht zum Kriege:
Krieg müsse sein, um einem Volk den nötigen Lebensraum zu verschaffen, und im Versailler "Schandvertrag" galt durch die "Wegnahme" der Kolonien und durch die "Gebietsverluste" im polnischen Osten der deutsche Lebensraum zu Unrecht eingeschränkt.
Krieg dürfe mit gutem Gewissen außerdem dann geführt werden, "wenn einem hochstehenden Volke der Einbruch von Völkern droht, die in der Kultur niedriger stehen und an deren Fersen die Zerstörung hängt."
Solche Gedankengänge machten den Überfall auf Polen und auf die Sowjetunion nach dem damaligen Verständnis allemal möglich.

Hans Schomerus war nicht nur Braunschweiger Domprediger sondern auch Herausgeber der theologischen Zeitschrift "Glaube und Volk in der Entscheidung". In einem kurzen Essay "über die Tapferkeit" ging Schomerus von der zunächst überraschenden Sentenz Thomas von Aquin aus, Furchtlosigkeit sei ein Mangel an Tapferkeit. Nur wer dem Furchtbaren ins Gesicht sähe, könnte seine Tapferkeit bewähren. "Der Ernstfall, mit dem wir es zu tun haben" wird von Schomerus als "göttliche Heimsuchung" hochstilisiert. "Es gilt, das Mannestum des Abendlandes den Anblick dieses furchtbaren Mysteriums der Geschichte zu lehren, damit eben dieses Mannestum in der Stille vor Gott sich rüste mit der heiligen Gabe christgläubiger Tapferkeit."
1939 breitet Schomerus diese Gedankenwelt in seinem Buch "Ethos des Ernstfalles" aus, das 1940 bereits in der vierten Auflage erscheint. Ich empfinde solches Jonglieren und Deuten von Begriffen als das schöngeistige Glasperlenspiel in der Etappe, mit der die neue Generation für den Krieg, zum Töten und Morden mit einem getrösteten Gewissen ausgerüstet werden soll.

Oskar Hammelsbeck, Mitglied der Bekennenden Kirche, arbeitet an einer solchen seelischen Aufrüstung mit. Er schreibt in der angesehenen Zeitschrift "Der Eckhard" 1937 einen Aufsatz über "Glaube und Gefahr im totalen Krieg". Er spricht von der künftigen ganz neuen Kriegsmaschinerie. Es werde nicht mit Bajonett und Feldgeschütz gekämpft, sondern mit Panzerwagen und Großbombern. Der Irrtum vom Sommer 1914, rasch zurückzukehren, sei nicht wiederholbar. Für einen solchen neuartigen Krieg, den Hammelsbeck grundsätzlich bejaht, sei eine besondere seelische Widerstandskraft notwendig. So bietet sich die Kirche schon zwei Jahre vor dem überfall auf Polen zur moralischen Aufrüstung der Hitlerheere an, obwohl nachdenklichen Theologen angesichts solcher Prognosen die überlegung gut anstünde, ob denn derlei Kriegsmittel noch "verhältnismäßig" seien.

Unbeeindruckt von dem sichtlichen Verfall der Kriterien des sog. "gerechten Krieges" schreibt Hanns Lilje 1941 sein Heft "Der Krieg als geistige Leistung." Der Krieg sei nach Martin Luther "Gottes Werk". Dieser Krieg diene dem Entstehen einer neuen geschichtlichen Ordnung, offenbar einer antidemokratischen, antikapitalistischen und vor allem antikommunistischen Ordnung. Mit der Bemerkung vom Krieg als einem schöpferischen Werk Gottes verbindet Lilje einen Seitenhieb auf jene nationalsozialistischen Sinngeber, die den Krieg nicht-religiös, nämlich "heldisch", interpretieren. Ohne "metaphysischen Zusammenhang könne ein Krieg nur "chaotisch" wirken". Kirche und Glauben dagegen vermittelten das rechte Verständnis vom Krieg eben als einer geistigen Leistung.

Nicht alle Pfarrer haben sich diese Art von theologischer "Sinngebung" des 2. Weltkrieges gefallen lassen. Als der bayrische Pfarrer Höchstädter von seinem Landesbischof Meiser dieses Heft als Heimatgabe an die Front geschickt bekam, zerriß er es wütend. Lilje war damals schon ein über die Grenzen des Deutschen Reiches bekannter Theologe, der dann 1949 Bischof der Hannoverschen Landeskirche wurde.

Dieses ständig variierte Thema vom gerechten Krieg wurde in den Gemeinden am Heldengedenktag wirksam, der, anders als der Volkstrauertag heute, damals im Februar am 2. Passionssonntag Reminiscere gehalten wurde. Da bot sich reichlich Gelegenheit, den Tod der Helden, die in die Ewigkeit eingegangen seien, zu ehren, und die Schrecken des Krieges als Ort neugefundner Gottesfurcht und Gottesliebe zu rechtfertigen. Der Glaube an Christus habe in Eisen, Feuer und Not der Schlacht den Männern Halt und Kraft auch zum Schwersten gegeben.
Diese Gedankenfäden wurden in den Leitartikeln der Braunschweiger Volkszeitung alle Jahre neu gesponnen. Und mit Geschichten aus dem ersten Weltkrieg und volkstümlichen Gedichten eingerahmt. Ein solches Kriegsgedicht endet 1937 mit den Versen:
"Mag der Leib gefallner Krieger modern/ die dem großen Tode sich geweiht/ ihres Ruhmes Flammenzeichen lodern/ in dem Tempel der Unsterblichkeit."
Banalität und Feierlichkeit liegen nicht nur hier dicht beisammen. - Ein zweiter wiederkehrender Tag im Kirchenjahr, an dem der kämpfenden Kirche gedacht wurde, war der Michaelistag am 29. September. Der Kampf des Erzengels Michael gegen den Drachen symbolisiert nun den Kampf der Kirche gegen das Antichristliche auf der Erde, und der Antichrist muß vernichtet werden von der Kirche, aber sie schafft es nicht alleine, sondern ruft an diesem Tage die Engel, überirdische Kräfte, zur Hilfe. Sie stärkt sich in der Hoffnung, daß im Himmel der Streit schon entschieden sei. Bezeichnenderweise nannte Hanns Lilje sein 1938 erschienenes Gebetsbuch für Kriegszeiten das "Michaelisbuch".

Neben den immer wiederkehrenden Tagen im Kirchenjahr traten die besonderen Gedenktage. Im Oktober 1937 jährte sich der 20. Todestag von Walter Flex.
Unserer Generation wurde Walter Flex als Lichtgestalt aus dem 1. Weltkrieg stilisiert, ein junger, nationalistisch empfindender Schriftsteller, der mit 30 Jahren an der Front gefallen war und berühmt wurde durch seine Schrift "Der Wanderer zwischen zwei Welten". "Wir sanken hin für Deutschlands Glanz, blüh Deutschland uns als Totenkranz", bedichtet er die Erinnerung an einen gefallenen Kriegskameraden.
Ein anderer, mit 36 Jahren bei der Seeschlacht von Skagerak 1916 mit untergegangener Schriftsteller mit dem Künstlernamen "Gorch Fock" wurde immer und immer wieder zitiert. "Man kann nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes,", schrieb er, und das wurde zum geflügelten Wort bei zahllosen Traueransprachen für gefallene Soldaten.

Neben die Gedenktage im Kirchenjahr und Vorbilder aus dem ersten Weltkrieg traten jüngste Beispiele aus dem Tagesgeschehen.
Mit dem Luftgeschwader "Legion Condor" beteiligte sich die deutsche Luftwaffe ab 1936 an der Niederschlagung des im Februar rechtmäßig gewählten links-republikanischen Bündnisses in Spanien durch die rechtsradikalen Truppen Francos. 1937 bombardierte das deutsche Luftgeschwader die Stadt Guernica. Der bei der Legion Condor mit eingesetzte Pfarrer Karl Keding schrieb das "Kriegstagebuch eines evangelischen Legionspfarrers", das 1939 bereits im 30.Tausend erschienen war und in zahlreichen Gemeindeblättern abgedruckt worden war, so auch im Braunschweiger Volksblatt am 16. Juli 1939. Er verband Kriegsberichterstattung, etwa die Bombardierung eines spanischen Flugplatzes, mit der nötigen Sinngebung.
Der Militärpfarrer beobachtet den Piloten: "Die Backenmuskeln traten stark hervor, die Augen gewannen einen metallischen Glanz, der ganze Mann ein Urbild gesammelter Kraft." Als ein deutsches Flugzeug vor ihm abgeschossen wurde, notiert er: "Fünf deutsche Männer sind nicht mehr unter den Lebenden, haben ihr junges Leben hingegeben für Spaniens Zukunft. Fieberhaft jagen sich die Gedanken: nur Spanien?...Deutsche Waffenehre... Deutscher Einsatz gegen den Weltfeind, also Tod für Deutschland, Heimat, Glaube, Zukunft." Bei der Kasernenstunde am Abend desselben Tages variiert Keding Gorch Fock: "Fall ich, so fall ich doch immer wieder nur in die offene Hand meines göttlichen Vaters.... Ich hatte Acht darauf, daß wir nicht ins Sentimentale abglitten oder in Trauer steckenblieben. So schloß ich mit der Parole: über Gräber vorwärts".

Zu aller Bitterkeit über derlei verworrene Theologie - man könnte ja auch in die Hölle abstürzen - und zur Bestürzung über die Gefühllosigkeit gegenüber den Müttern, den jungen Frauen dieser Soldaten, ihren Kindern, den zerstörten Ehen und Familien und zum verständlichen Zynismus über eine solche Art von Kirche, stellt sich bei mir der verheerende Eindruck einer tief eindringenden Breitenwirkung dieser sich Jahr für Jahr wiederholenden und immer wieder pathetisch nach außen gewendeten Kriegstheologie ein.

Diese bewährt sich nun während des Krieges insbesondere bei den zahlreichen Gedächtnisgottesdiensten, für die in den Heften für Praktische Theologie zwischen 1939 und 1944 empfehlenswerte Beispiele abgedruckt werden. Vom Gedächtnisgottesdienst für einen über Belgien 1940 abgeschossenen 20jährigen Sturzkampfflieger ist zu lesen: "In der Kirche brennen alle Lichter wie zu Festgottesdiensten... Vor dem Altar ist ein Lorbeerkranz, gewidmet von der Jugend, niedergelegt. Nach Eingangslied und Bibelworten singt der Dorfgesangverein "Näher mein Gott zu dir". Der Pfarrer predigt über den Konfirmationsspruch des Toten Jesaja 41,10: "Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir. Weiche nicht, denn ich bin dein Gott." Die Aufforderung, nicht zu weichen, wird nun umgedeutet als Stärke und Einsatz gegen den Feind: "So hat auch A.B. als ein tapferer Ritter der Luft, als Sturzkampfflieger nach Gottes Willen den Weg zur Heimatburg gefunden. Nach hartem Luftkampf aus 800 Meter Höhe abgeschossen...Aus Gottes Hand in Gottes Hand. Nicht der Sturz ins Ungewisse." Er hatte sich mit 17 Jahren freiwillig gemeldet, und jetzt ruft der Tote seinen Konfirmationsspruch den Hinterbliebenen als Trost zu: "Ich bin mit dir. Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit."

Schmutz, Brutalität und mörderische Menschenverachtung im Kriege werden mit einer pastoralen Handbewegung beiseitegeschoben und das Sterben im Krieg religiös überhöht. Vor dem Mißverständnis, daß diese Art von frommem Trost den Angehörigen wirklich eine Hilfe sei, warnt lic. Werner Jentsch in einem Aufsatz "Seelsorge im Kriege im "Evangelischen Deutschland". Der Schmerz der Angehörigen bei Kriegsbestattungen sei nicht nur Brücke sondern blockiere das Verstehen des Evangeliums. Deswegen sei eine nüchterne unaufdringliche Verkündigung angebracht. Darauf folgt allerdings der fürchterliche Satz: "Der Krieg bearbeitet den Acker des Menschen für die seelsorgerliche Saat gut vor." Jene Seelsorge habe die Aufgabe, "den Siegeswillen des deutschen Soldaten zu stählen und zu erhalten", und fragt, ob die Heimatgemeinde auf diesen Dienst wirklich gerüstet sei.
Verhärtung, Verheerung und Verwahrlosung des Menschen, besonders der jungen Menschen, durch den Krieg kommen der schmutzigen Wirklichkeit wohl sehr viel näher. Aber derlei Beschreibung wirkt kriegszersetzend.

III.

Nachdem ich im ersten Teil dargestellt habe, wie die evangelische Kirche Hitlers Bombenkrieg unterstützt hat und wie sie diese Haltung begründet, möchte ich in einem dritten Teil zunächst einige Schwerpunkte des englisch-amerikanischen Bombenkrieges nennen und dann einen ausführlichen Einblick in den von Alarm und Sirenen bestimmten kirchlichen Alltag einer Kirchengemeinde im Bombenkrieg geben, und zwar aus der nicht ganz üblichen Sicht eines braunschweiger Dorfes des Dorfes Barbecke. Dabei bitte ich Sie jetzt schon um Geduld. Stellen sich vor, ich läse Ihnen einen Ausschnitt aus der Sammlung von Kempowski vor.

Schon sehr früh waren Kirchen und Gemeinden in der Heimat auf einen Luftkrieg seelisch eingestellt worden.. Seit 1934 war die Bevölkerung zu Luftschutzübungen aufgefordert worden und im Mai 1934 wählte die Belegschaft des Landeskirchenamtes in Wolfenbüttel zwei Luftschutzwarte. 28 Beamte und Angestellte der Kirchenbehörde nahmen im selben Monat 1934 an einer Luftschutzübung teil. Die Einladung dazu war von der Wolfenbüttler NSDAP Ortsgruppe ausgesprochen worden und zwar hellsichtig "..in der Erkenntnis der großen Gefahr, die unserm Volk und Vaterland durch Angriffe aus der Luft droht, und der unbedingt dringenden Notwendigkeit, daß sich die Bevölkerung mit den Luftgefahren und deren Schutzmaßnahmen vertraut macht.. Eine Teilnahme von Damen ist mit Rücksicht auf die vorherrschende Abneigung gegen Gasmaken usw besonders erwünscht."
In den Kriegsmonaten wurden die Böden entrümpelt, das Holzgebälk in den Kirchtürmen imprägniert, bei Sirenengeheul sind die Kirchen zu öffnen, damit im Falle von Löscharbeiten nicht erst noch der Schlüssel gesucht werden muß. Ein Besuch der Innenstädte von Warschau und Rotterdam hätte einen eindrucksvollen Einblick in das Ausmaß möglicher Zerstörungen aus der Luft gegeben.

Braunschweig blieb lange Zeit von der Vernichtung verschont.
Dagegen wurden schon in der Nacht zum Sonntag Palmarum, dem 28./29 März 1942, die Innenstadt Lübecks, darunter die Marienkirche, der Dom und die Petrikirche zerstört. Pfarrer Stellenbrink nannte die Bombardierung ein Gericht Gottes und wurde dafür verhaftet.
Am 1. März 1943 wurden bei einem einzigen Angriff auf Berlin 20 evangelische Kirchen zerstört. Zwischen Totensonntag und dem 1. Advent 1943 wurde u.a. die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche völlig zerstört. Nach dem Gottesdienst in einem benachbarten Gemeinderaum ging die Gemeinde in die Ruine des Altarraumes und sang das Adventslied: "Wie soll ich dich empfangen". Die Gemeinde fühlte sich an das Ende der Zeit und den kommenden Christus erinnert. Bei demselben Angriff wurde die Dreifaltigkeitskirche, auf deren Kanzel 25 Jahre lang Friedrich Schleiermacher gepredigt hatte, ausgebombt. Der Gemeindepfarrer Baumgarten predigte bei der Gedenkfeier am 3. Advent über das Wort aus der Offenbarung Johannes "Christus spricht: Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an."
Unter dem biblischen Decknamen "Gomorrha" wurde die Hamburger Innenstadt Ende Juli 1943 vollständig zerstört. Es gab keine Innenstadtgemeinden mehr. In die Vorstädte regnete es Ruß und Papier.

In Harburg hebt jemand im Garten ein solches verrußtes Stück Papier auf und liest: "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen".
Dreiviertel der Innenstadtkirchen Hannovers wurden beim Angriff vom 27. auf den 28. September 1943, einen Tag vor Michaelis, und am 8./9. Oktober 1943 zerstört. Hannover erlebte insgesamt 88 Luftangriffe. Landesbischof Marahrens forderte die Pfarrer seiner Hannoverschen Landeskirche zum Durchhalten auf.
Bei drei Angriffswellen im Juli 1944 auf Stuttgart wurden auch die restlichen Kirchen zerstört. Helmut Thielecke hatte in der unzerstörten Stiftskirche vor 3000 Zuhörerinnen und Zuhörern seine berühmten Abendvorträge gehalten und mußte nun nach Bad Cannstatt und Ludwigsburg ausweichen. Kaum hatte er dort die Vortragsreihe wieder aufgenommen, wurde auch dieser Gemeindesaal in Bad Cannstatt zerstört.
Bei dem Flächenbombardement am 18./ 19.August 1944 wurden die Bremer Kirchen zerstört. Ende des Jahres sind 12 ausgebombt., und nur eine steht noch. Im Bremer Vorort wurde auch jene Kirche zerstört, die bei der Grundsteinlegung 1936 Horst-Wessel-Gedächtnis Kirche heißen sollte, was Hitler dann auf die Dauer verhindert hatte, aber in deren Vorraum am 1. Advent 1938 bei der Einweihung eine Tafel mit der Inschrift angebracht wurde: "Aus Dankbarkeit gegen Gott für die wunderbare Errettung unseres Volkes vom Abgrund des jüdisch-materialistischen Bolschewismus durch die Tat des Führers erbaut im Jahre 1938 nach Christus, im 6. Jahr nach der nationalsozialistischen Erhebung.."
Ende des Monats August 1944 wurden die Königsberger Schloßkirche und der Dom schwer getroffen.

Braunschweig war bis dahin im Ganzen vergleichsweise wenig getroffen, aber in der Bevölkerung machte sich angesichts der zu "erwartenden verheerenden Wirkung der Luftangriffe" große Niedergeschlagenheit breit, berichtete der Präsident des Oberlandesgerichts Nebelung an das Reichsjustizministerium. Mit den Evakuierungsmaßnahmen könne sich ein Teil der Bevölkerung nicht abfinden. Sie kämen zurück und belasteten den Verkehr.
In der Nacht zum 2. Sonntag nach Ostern "Barmherzigkeit des Herrn, Misericordias Domini" wurden die Johannis und Magnikirche und das Marienstift schwer getroffen.
In der Nacht zum Sonntag, dem 15. Oktober, wurden die Andreas-,Brüdern-, Petri- und Katharinenkirche zerstört. Für diesen Sonntag hatte sich der Paulipfarrer Otto Henneberger vorgenommen, anläßlich des 100. Geburtstag von Friedrich Nietzsche in der Martinikirche über "Luther und Nietzsche" zu reden. Aber auch die Martinikirche war unbenutzbar. Nur die Michaelis- und Jacobikirche standen in der Innenstadt noch zur Verfügung.
Da der Keller im Pfarrhaus an der Andreaskirche trotz aller Luftschutzmaßnahmen viel zu unsicher war, flüchteten Pfarrer Barg in den kleinen Turm der Andreaskirche, dessen meterdicke Wände sicher erscheinen. Etwa 100 Personen haben dort Platz gefunden. Von dort aus wurden sie von der Feuerwehr am Sonntag morgen herausgeholt.
Die Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche hatte im September 1944 noch angeordnet, daß die Kirchen durch besonders herangezogene Schnell-Löschtrupps sichergestellt werden sollten. Aber die offiziellen Löschtrupps fuhren in der höchsten Brandgefahr gerne an den Kirchen vorbei. So berichtet es der Küster der Paulikirche.

Die Gemeinden halfen sich gegenseitig aus. Die Gemeindemitglieder von Martini sammelten sich zum Gottesdienst in der Michaeliskirche, die von der Petrikirche wurden von Jacobi aufgenommen. Sonst zog man sich in die Sakristei oder ins Pfarrhaus zurück.

Besonders anstrengend war der Dienst der Pfarrer auf dem Friedhof. Vom 11. Februar bis zum 11. März 1944 zählte der Paulipfarrer Schwarze allein 76 Bestattungen aus seinem Gemeindebezirk.. Am 17.2. brach er nach der dritten Beerdigung zusammen. Ein Jahr später, so schreibt Pfarrer Staats von der Johanniskirche, fehlte es auf dem Friedhof an Särgen und an Personal zum Bestatten.
Die verbliebenen Braunschweiger Pfarrer richteten zusätzliche Nachmittagsgottesdienste ein, da manche Vormittagsgottesdienste wegen Alarm ausfallen mußten. Man hatte sich für den Fall, daß die Gemeinde wegen Alarm in den Luftschutzkeller mußte, darauf geeinigt, eine Stunde nach Entwarnung den Gottesdienst fortzusetzen.
Zahlreiche Glocken waren 1942 als Beitrag für den Endsieg abgenommen worden. Ihr Geläut wurde nunmehr abgelöst vom häufigen Sirenengeheul.
Zum Kriegsende waren in der Braunschweiger Landeskirche insgesamt 28 Kirchen zerstört, davon 12 im Stadtgebiet Braunschweig und 16 Dorfkirchen im Braunschweiger Land.
Schon am 9. November 1942 zerstörte eine Volltreffer die mit viel Fachwerk versehene alte Dorfkirche von Hohenassel aus dem Jahre 1611, die in kurzer Zeit vollständig ausbrannte.
Einem Angriff am 14. Januar 1944 fielen die Kirchen von Kissenbrück, Wendessen und Gr. Denkte zum Opfer. Das Gewölbe der Gr. Denkter Kirche hält zwar, aber Turm, Dach, Uhr und Glocken stürzen ins Kirchenschiff.
Durch eine Sprengbombe wird die Weferlinger Kirche am 15. März 1944 getroffen.
Die Rüninger Kirche brennt nach dem Angriff am 13./14. August 1944 vollständig aus.
Die Kapelle von Billerbeck bei Kreiensen wird nach einem Fliegerangriff Anfang 1945 schließlich durch Artilleriebeschuß am 8. April vollständig zerstört.
Allerdings ist der Verlust im Verhältnis zur Gesamtzahl der Kirchengebäude in der Braunschweiger Landeskirche von über 3oo Gebäuden eigentlich noch gering.


Wie sich der Bombenkrieg auf den kirchlichen Alltag auswirkte, erfahren wir aus der Kirchenchronik von Barbecke, die der damals 45 Jahre alte Pfarrer Karl Heinemann sorgfältig führte.

21.6.1940 1. Fliegeralarm in Barbecke nachts um 2.00 Uhr. "In der Gemeinde ist man recht beunruhigt."
24. Juli 1940: "Vorige Nacht war dadurch bemerkenswert, daß wir der Flieger wegen nicht weniger als fünf mal aufstehen mußten. Man lernt so, sich schnell anzuziehen."
27. August 1940: "Vorige Nacht um 12 Uhr ertönten wieder die Sirenen. Wieder zu spät. Denn es war keine Zeit mehr zum Anziehen, da hörte man schon Motorengeräusch. Wir waren mehrmals unten. Als Angriffsziel darf man jetzt 12 - halb vier Uhr rechnen. Das ist recht lange."
1. September 194o :"Halb zwölf bis drei Uhr siebenmal im Keller. Heftiges Flakfeuer. Es sollen Scheiben gesprungen sein. Brandbomben sollen zwischen Engelnstedt/ Broistedt, Sprengbomben zwischen Broistedt und Lauingen gefallen sein. Die Engländer kommen so pünktlich und fliegen in Staffeln von zwanzig Minuten."
24. September 1940: "Wieder Fliegerbesuch.. Zweimal im Keller. Es wird bekannt, daß am 23.9. üfingen mit 17 Bomben schwer bombardiert wurde."
16. Oktober 1940: "Schon einhalb 22 Uhr Fliegeralarm bis 1o Minuten vor ein Uhr. Dreimal im Keller .Man wird gleichgültig. Wenn es nicht ganz schlimm ist, bleibt man liegen.
24. Oktober 194o: "Die Fliegerangriffe setzen wieder ein. Diesesmal von zwei Uhr bis kurz vor sieben Uhr. Zum Frühzug (6.35) kann man also nicht mehr ungefährdet kommen. Im Keller waren wir nicht, weil die Gefahr immer schnell vorüber ging und weil wir an den Kanonendonner schon ganz gut gewöhnt sind."

Diese Aufzeichnungen von Pfarrer Karl Heinemann, der seit 1925 in der Kirchengemeinde Barbecke tätig war, korrigiert den Eindruck, als ob nur die Städte von den Fliegerangriffen betroffen seien, und daß die Zerstörung des normalen Alltags erst nach der gescheiterten Offensive gegen die Sowjetunion im Winter 1941 begonnen hätte. Seit Sommer 1940, bereits 10 Monate nach dem überfall Deutschlands auf Polen, veränderte sich der Alltag dramatisch, und zwar für die folgenden fünf Jahre. In Barbecke gab es allein im Jahr 1940 107 Mal Alarm, manchmal bis zu sie-ben Mal an einem Tag.

6. Juli 1941: "Vorige Nacht kurzer Angriff anscheinend von einem einzigen Flugzeug. Hierbei wurden Baracken in Watenstedt getroffen, 50 bis 100 Tote (Italiener) und viele Verwundete. Frl. Fischbach hat weichen müssen. Sie wurde zum 1. Juli zum Arbeitsdienst in die Munitionsfabrik eingezogen auf Weisung der Partei, weil Frl. Fischbach die Arbeit der BDM störe. Frl. Fischbach hatte nichts weiter getan, als versucht, junge Mädchen zu Bibelabenden zu sammeln. daraufhin sind diese Mädchen gemaßregelt worden, sodaß sie nicht wiederkamen, und Frl. Fischbach hat die erwähnte Strafe bekommen."
13. August 1941 " Vorige Nacht ging es sehr lebhaft her. Es standen Fallschirmleuchten am Himmel.. Auf Broistedt wurden Bomben geworfen. Das Haus Uhrmacher Löhr soll beschädigt sein. Personen sind nicht zu Schaden gekom-men."
"Vom 14. - 15. August war von 12 bis 3 Uhr etwa ein Fliegerangriff, der wohl vor allen Dingen Hannover galt. Es wurden sehr viel Fallschirmleuchten ausgeworfen. Oft war es taghell. Es war ein wunderbares Schauspiel. Dazu hörte man ununterbrochen das schwere Motorengebrumm, was unheimlich wirkte." 3. September 1941: "Man hörte jetzt oft Stimmen, die sich skeptisch äußern. Der Krieg geht in das dritte Jahr und immer noch ist das Ende nicht abzusehen. Dazu die vielen Verluste in Rußland und der sich verschärfende Mangel."
8.September 1941: "Vom 7. bis 8. Sept. waren wieder die Engländer da. Der Alarm dauerte von 23 Uhr bis 4 Uhr. Man hörte oft Motorengeräusch, sonst ging es aber harmlos vorüber."
13. Oktober 1941: "Am Sonntag, dem 5. Oktober, war um 15 Uhr die erste Trauerfeier für Gefallene in Barbecke während des gegenwärtigen Krieges. Es waren gleich zwei: Heinrich Möhle, gefallen am 24.8.41 und Erwin Pape gefallen am 31.8.41. Ich sprach über Johannes 12,24-26, las auch die letzten Briefe der Gefallenen im Auszug vor. Die Kirche war sehr voll, wie ich es lange nicht gesehen hatte. Es waren über 15o Teilnehmer, die führenden Persön-lichkeiten der Gemeinde fehlten jedoch völlig."
3. November 1941: "Es begann am 31. Oktober abends zu schneien. Der Schnee blieb zunächst nur z.T. liegen. Heute ist eine einheitliche Schneedecke vorhanden. Meine Tochter ist mit ihrem Schlitten gefahren. Ein sehr früher Winters-anfang.. Das sind schöne Aussichten, wo wir so wenig Kohlen haben und die Ernte noch nicht geborgen ist."
8. November 1941: "Vorige Nacht waren die englischen Flieger, trotzdem Sturm da war, wieder da. Es wurde lange und viel geschossen von der Flak. Ich hörte auch zweimal, wie die Engländer Bomben abwarfen. Nachdem lange Zeit Ruhe gewesen war, gibt dieser neue Angriff doch zu denken, daß die Engländer noch nicht am Ende sind, wie manche sich wohl schon eingebildet hatten.
4. Dezember 1941: "Die Kirchlichkeit läßt jetzt überall sehr nach. In Woltwiesche am Reformationsfest drei Frauen als Gottesdienstbesuch, kein Mann, kein Kind. Am Bußtag in Berel 5 Personen, in Reppner 1 Frau. Auch in Barbecke werden die Zahlen kleiner... Es wird systematisch gegen die Kirche gehetzt. Eine Frau der Gemeinde, der Frauen-schaft angehörend, sagte: "Wie schellt es ja nich mehr glöben" Eine Hilfe habe ich insofern vor vielen Orten darin, daß der Lehrer nicht gegen das Christentum spricht....Ich muß sehr klagen über die Disziplinlosigkeit und Frechheit der Konfirmanden, sogar auch über Widerspruch und Verächtlichmachung der christlichen Lehre."
5. Mai 1942 :"Am 2. Mai kamen 48 Verwundete zu Erholung nach Barbecke. Sie sollen bis zum 17. Mai bleiben. Es war vorher herumgefragt, wer einen Soldaten aufnehmen wollte. Aufällig, daß so viel einen genommen haben und darunter viele kleine Leute. Allerdings spielt ja auch das Geld keine Rolle mehr, da man so gut wie nichts mehr dafür kriegen kann. Entscheidend ist heute, wer eingeschlachtet hat."
21. April 1943 :"Man erzählt sich von Flugblättern, die die Engländer abgeworfen hätten. Sie wollten dem Führer zu seinem Geburtstag am 20. April einen Fackelzug von Köln bis Berlin bringen. Darum war man in etwas bänglicher Erwartung. Tatsächlich war vorige Nacht Alarm. Wir sind aber nicht aufgestanden."
29. April 1943:" Es ist dies Jahr ein sehr zeitiger Frühling. Am Karfreitag ( 23. April) war es so warm wie im Som-mer. Ostern waren die Kirschen schon verblüht! Die Apfelbäume standen zu Ostern in voller Blüte...Der Pastor von Broistedt, dem Woltewiesche jetzt übertragen wurde, ist krank und hat schon 2 Pfarren. Da muß ich doch den Dienst in Woltwiesche machen. Und dieser Dienst ist der vielen Gefallenen wegen unsagbar schwer."
22. Januar 1944: "Gestern abend war wieder Fliegeralarm. Von 21 Uhr bis nach 24 Uhr dauerte der Vorbeiflug. Es wurde von der Flak zeitweise auch stark geschossen. Wir waren viermal im Keller."
28. Januar 1944: "Gestern abend war wieder Fliegeralarm. Es ist das Ablassen von Phosphorkanistern ( Weihnachts-bäume) beobachtet. Wir waren dreimal im Keller. Heute Abend war zweimal Alarm, ohne daß Flugzeuge gekommen wären."
29. Januar 1944: "Von ¾ 3 bis ¾ 5 waren wir wegen Alarm auf und waren dreimal im Keller. Da auch schon vorher am Abend zweimal Alarm war, haben wir nicht viel schlafen können."
30. Januar 1944: "Es geht ein Tag zu Ende, den wir so leicht nicht vergessen werden, ebensowenig wie den 3o.1.1933. Schon um 4 Uhr war Alarm, so daß wir aus den Betten mußten. Gegen 12 Uhr mittasgas erfolgte ein schwerer Angriff auf unsere Gegend. Ich in Woltwiesche und hielt Kindergottesdienst in der Kirche. Wir wurden plötzlich und unvermutet erschreckt durch eine heftige Explosion. Von Alarm hatten wir nichts gehört. Ich stürzte heraus und stellte fest, daß wir uns im Fliegeralarm befanden. Wir versuchten dann alle schnell Zuflucht im Turmge-wölbe. 8-10 Wellen brausten mit unheimlichem Gebrumm vorüber. Es waren 17 Kinder, dazu Organistin, Frl. Haupt, aus Braunschweig und Kirchenvogt Kasten im Gewölbe. Meine Frau und Irmtraut hatten in Barbecke auch große Angst. Die Fliegerbombe soll auf den Sülder Berg gefallen sein. Man erzählt, die Dörfer westlich Braunschweig und Wolfenbüttel seien diesmal betroffen. Abends nach 22 Uhr trat Ruhe ein. Meine Familie war nicht weniger als sie-benmal im Keller. Solcher Tag macht kaputt."
2. Februar 1944: "Gestern abend war Alarm ohne Angriff. Man geht nach den Erfahrungen des 30.1. sehr schnell in den Keller. Wir waren einmal unten. Der Mittagsangriff vom 30.1. hat die Gegend von Braunschweig und Wolfen-büttel sehr betroffen."
13. Februar 1944: "Braunschweig muß diesmal schwer getroffen sein, auch die Innenstadt. Es war große Sorge um diejenigen, die in Braunschweig arbeiten. Sie sollen zu Fuß zurückgekommen sein. Privattelefongespräche wurden nicht ausgeführt. In Barbecke fliehen immer mehr bei Alarm in den Stollen unseres Bergwerkes, da soll es sicher sein. Sonst gibt es ja in den Splittergräben und Kellern keine Sicherheit."
14. Februar 1944: "In der Mittagszeit wurde dreimal Alarm gegeben. Dies Warnen und Entwarnen macht ganz kon-fus. Wir waren zweimal im Keller."
18. Februar 1944 :" Am 15. Februar abends war langer Alarm. Man hörte die Flugzeuge aber nur in der Ferne. Sie haben Berlin heimgesucht. In den letzten Tagen ist Ruhe eingetreten. Man atmet auf. In Braunschweig sind vom 10.2. schon über 25o Tote. Wir täuschen uns nicht darüber, was uns noh bevorsteht."
21. Februar 1944 :" Gestern und heute waren zwei schwere aufregende Tage. In der Nacht vom 19. zum 2o. Februar ( Sonntag) waren um 2 Uhr Voralarm, 2 Uhr Alarm bis etwa 6 Uhr. Ich habe bis 2 Uhr gearbeitet und habe in dieser Nacht zum Sonntag kaum Schlaf gefunden. Am Sonntag, dem 10.2. war Gottesdienst und Trauerfeier für Paul Kolokowski und Hermann Hellemann. Ich mußte eilen und kürzen, da mir Luftgefahr durch meine Frau (Organistin) gemeldet war. Gleich danach kam ein schwerer Angriff. Anscheinend auf Braunschweig. Frau und Kinder waren rechtzeitig in den Schacht unsres Bergwerkes geflüchtet. Die Taufe von Hanna Bartels konnte erst um 17 Uhr statt-finden. Auch heute Mittag etwa 14 Uhr war wieder ein schwerer Angriff, anscheinend wieder auf Braunschweig. Zweiweilig bebten die Türme, wahrscheinlich durch Explosion. über uns waren wohl schwere Luftkämpfe, wie man aus dem Schießen in der Luft hörte. Es war schwer zu ertragen. Man wird imer aufgeregter. Gestern waren wir insge-samt sechsmal, heute fünfmal im Keller."
29. Februar 1944 :"Nach einigen Tagen Ruhe war heute um 11 Uhr wieder ein großer Angriff bei bedecktem Himmel und Schneefall. Es wurde viel geschossen."
4. März 1944 :"Mittags Fliegerangriff. Die Sirene warnte zu spät. Es soll da ein Versehen passiert sein, was nicht sein dürfte. Die Kinder konnten von der Schule noch nicht zu Hause sein. Meine Frau und Tochter, die in den Schacht sich in Sicherheit bringen wollten, liefen geradezu in die Gefahr hinein. Es ging aber alles gut. Es war lange Alarm."
9. März 1944 :" Gestern um ¾ 13 Uhr sollte die Beerdigung der kleinen Brigitte Helmdag sein. Ich war schon auf dem Wege zum Trauerhaus. Da wurde Alarm gegeben. Nicht weniger als fünfmal mußten wir in den Keller. Erst 10 Minuten nach 16 Uhr wurde entwarnt und gegen ½ 17 Uhr konnte die Trauerfeier beginnen: Fast 4 Stunden später als geplant! Unter solchen Umständen ist ja Arbeit kaum noch möglich.
18. März 1944 :"Am 15. März war mittags um 11 Uhr Alarm. Es flog wieder ein größerer Verband ein, der Braun-schweig heimgesucht hat und das Göring - Werk ( Arbeitsamt abgebrannt, Braunschweig Frauenklinik des Landes-krankenhauses abgebrannt ). Auch die Bahnstrecke nach Braunschweig war wieder einmal unterbrochen. Der Zugverkehr soll Gr. Gleidingen - Drütte - Braunschweig geleitet sein.
23. März 1944: "Gestern war mittags Alarm, den Angaben des Radios nach müssen die Feinflieger nach Berlin geflogen sein. Abends war Alarm vieler Störflieger wegen. Wir waren 21 Uhr einmal im Keller. Heute Vormittag, 10 Uhr ab, war wieder ein schwerer Angriff auf unsere Gegend. Man hörte den Abwurf der Bomben auf Timmerlah - Watenstedt.
20.April 1944: "Gestern Vormittag war wieder ein Vollangriff, der uns in den Keller zwang. Für heute, Hitlers Ge-burtstag, hatte man schwerste Angriffe befürchtet. Es war aber nur kurze Zeit Voralarm.
23. April 1944. "Am Sonnabend, dem 22.4. gegen 18.oo Uhr überflogen uns Feindflieger ( Jäger). Die Flak schoß sehr tief. Eine krepierende Flakgranate erschreckte uns stark im Keller. Heute früh etwa 2 Uhr war wieder ein starker Angriff. Etwa 1 Stunde dauerte das schwere Motorengebrumm. Es war unheimlich. Von Braunschweig leuchtete ein starker Feuerschein her. Die Barbecker Feuerwehr wurde nach Braunschweig gerufen. Braunschweig Ost soll stark getroffen sein u.a. Marienstift, Magnikirche. Dieser Angriff hat in der Gemeinde viel Schrecken ausgelöst."
27. April 1944: "Heute früh 1 Uhr bis 2 Uhr mußten wir wegen Alarm auf sein. Gestern Vormittag 9-11 Uhr etwa war auch ein Angriff. Wir waren im Keller. Es war wieder ein Angriff auf Braunschweig."
9. Mai 1944 vormittags: " Am Sonntag, dem 7. Mai und Montag dem 8. Mai waren vormittags wieder Fliegerangrif-fe. Am 7. Mai waren wir fünfmal, am 8.5. sechsmal im Keller. Am 7. Mai war Gottesdienst mit Trauerfeier für Albert Reiher. Um 10 Uhr sollte der Beginn sein. Die Gemeinde mußte jedoch wieder nach Haus gehen, da die Sirenen er-tönten. Um 11 Uhr etwa konnten wir wieder anfangen, komme aber nur bis vor die Predigt. Ich mußte die Gemeinde von der Kanzel aus nach Haus schicken, da wieder Alarm gegeben war. Ich setzte die Fortsetzung auf 13 Uhr fest. Das glückte auch, von 13 Uhr ab wurde nicht mehr gestört. So waren denn manche Gemeindeglieder dreimal an diesem einen Tag zur Kirche gegangen, so oft wie sie vielleicht sonst das ganze Jahr nicht gekommen waren.. Am Montag dem 8.5. hörte man das Rasseln der abgeworfenen Bomben. Braunschweig soll wieder getroffen sein. Auch Göring - Werke, Leinde. Zwei feindliche Jäger kamen dicht über Barbecke. Sie sollen Bauern zwischen Lesse und Berel beschossen haben."
10.Mai 1944: "Gestern am 9. Mai zogen ein bombengeschädigtes Ehepaar Fuhrmann aus Braunschweig in das Pfarr-haus ein. Sie erhielten von uns die zwei Zimmer rechts."
29. Septemer 1944: "Gestern Mittag war wieder einmal ein ganz großer Tagesangriff. über uns waren anscheinend Luftkämpfe. Immer wieder zwangen uns neue Geschwader in den Keller. Bomben fielen jedoch nicht. Abschüsse von 6, nach anderen 11 Flugzeugen wurden beobachtet. Magdeburg soll schwer betroffen sein. Dafür kamen wir des Abends an die Reihe. Die Vororte von Braunschweig wurden angegriffen. Es dauerte lange und man hörte die Deto-nationen der Bomben. Heute 4 Uhr war schon wieder Alarm, ohne daß ein Angriff erfolgte - heute kamen Flücht-linge aus der Gegend von Aachen in Barbecke und Woltwiesche an und wurden auf die Häuser verteilt. Nicht überall wurden sie freudig aufgenommen."
1945: "das Plündern in den Häusern hat nachgelassen. In Woltwiesche hing ein Plakat, nach dem Plündern mit dem Tode bestraft wird.
11. Mai 1945: "Am 9. Mai 1945 19 Uhr war Siegesfeier der Amerikaner in unserer Kirche. Auch am 10.Mai 1945 ( Himmelfahrt) und heutigen 11. Mai waren je zwei Gottesdienste der Amerikaner. Der amerikanische Pastor, der Titel lautet Chaplain, war bei mir und besuchte mich jeden Abend, wenn sein Dienst zu Ende ist. Wir unterhalten uns, er kann aber nur einzelne Worte deutsch, ich nicht viele englisch."

Die Aufzeichnungen von Pfarrer Heinemann widerlegen den Eindruck, daß der 5 jährige Bombenkrieg die Menschen eher näher gebracht hat und die "Volksgemeinschaft" mobilisiert habe. Die Deutschen waren durch den völlig verän-derten Alltag schließlich demoralisiert, kaputt, es war ihnen egal, was mit der bisher heiß geliebten Führung geschah: selbst der nach dem gescheiterten Attentat vom 2o. Juli deutlich feststellbare Solidarisierungseffekt war verflogen. Daß sich die nationalsozialistische Führungselite Hitler, Goebbels, Borrmann und später Göring hilflos und verant-wortungslos selbst vergiftete oder erschoß, war ihr denn schließlich gleichgültig. Die Aufzeichnungen widerlegen auch, daß die psychische Zerstörung der Deutschen nur etwa in den Städten festzustellen sei, sie hatte auch das länd-liche Gebiet erfaßt. Durch das "Wirtschaftswunder" und die Remilitarisierung in den 5oiger Jahren ist die notwendige Tatbestandsaufnahme und Bewußtmachung rasch verdrängt worden.

IV.

Karl Heinemann deutet diesen Befund nicht, aber ich möchte doch in einem vierten Teil der Kernfrage dieses Referates nachgehen: Was sagt die Kirche zu diesem seit Jahrhunderten größten Eingriff in ihre Kirchengeschichte, zur vollständigen Vernichtung ihrer Architektur in allen Großstädten Deutschlands, zum Verschwinden ihrer Gemeinden? Ist das nun der Wille Gottes? Was will Gott seiner Kirche damit sagen?

Die Antworten sind außerordentlich unterschiedlich: die erste vernehmbare Deutung stammt von Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink aus Lübeck unmittelbar nach der Zerstörung der Lübecker Innenstadt. In den Trümmern der Stadt bezeichnet Stellbrink am 29.3. 1942 in der Predigt zu Beginn der Karwoche die nächtliche Vernichtung ein Gericht Gottes über die Gebets- und Gottlosigkeit der Lübecker Bevölkerung. Nun würden die Lübecker wieder beten lernen. Stellbrink galt im Lübecker Pfarrerkreis als Querkopf und "schwierig". Er hatte sich schon 1933 vom Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus distanziert. Er gehörte nicht der Bekennenden Kirche an. Er war Einzelgänger und Einzelkämpfer. Das Gericht Gottes - so muß Stellbrink verstanden werden - erging über die Lübecker Nazigrößen und über die sie unterstützenden Deutschen Christen. Die Gestapo nahm Stellbrink noch in derselben Woche am Karfreitag in Haft und mit ihm drei katholische Geistliche. Stellbrink wurde von der deutsch - christlichen Kirchen-leitung umgehend mit einem Disziplinarverfahren überzogen, kam nach einem Jahr quälenden Wartens vor den Volksgerichtshof, der ihn im Juni 1943 in Lübeck wegen "Zersetzung der Wehrkraft" und "landesverräterischer Feindbegünstigung" zum Tode verurteilte, das im November 1943 in Hamburg vollstreckt wurde. Ein Gnadengesuch aller Lübecker Pfarrer war abgelehnt worden. Die Sache sprach sich in der gesamten evangelischen Kirche herum. Eine öffentliche Deutung der Bombardierung als Gottesgericht konnte also tödlich sein, jedenfalls dann, wenn es als Gottesgericht über den Nationalsozialismus gedacht war. - Wie in Lübeck kam es auch in Braunschweig zu einem Sondergerichtsverfahren wegen äußerungen zum Luftkrieg, und zwar von der 30jährigen Pfarrgehilfin Elfriede Randau. Sie gab im Salzgittergebiet Konfirmandenunterricht und wurde Sommer 1944 bei der Gestapo von einer Konfirmandenmutter angezeigt, weil sie bei einem Hausbesuch geäußert habe: "..daß die Feinde jetzt in unser Land kämen und alles verwüsteten, die Städte, Frauen und Kinder durch Terrorangriffe vernichteten, das wäre eine Strafe Gottes für die Gottlosigkeit der Menschen.". Sie bestreitet zwar diese Aussage in ihrer Vernehmung bei der Gestapo, wird aber doch verhaftet, und auf das brisante Datum 1.9.1944, dem 5. Jahrestag des Kriegsbeginns, ist die Anklageschrift datiert. Darin wird ihr "heimtückische und böswillige" äußerung vorgeworfen. Die Zeugin, die Konfirmandenmutter, sei glaubwürdig, die Beklagte Randau dagegen "fanatisch-religiös". Die Hauptverhandlung werde die Schuld der Angeklagten ergeben. Am Freitag, dem 15. September, kommt es zur Verhandlung, und unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Ahrens wird Frau Randau zur überraschung des anwesenden Braunschweiger Gestapochefs Mack freigesprochen, da sie günstige nationalsozialistische Zeugnisse vorweisen kann, und die Zeugin sich leicht widersprochen hatte. Dieses Urteil ist ein überzeugendes Beispiel für den Spielraum, den die Sondergerichtsbarkeit im Dritten Reich hatte. Es wäre hier eine Gefängnisstrafe, sogar ein Todesurteil der Praxis auch des Braunschweiger Sondergerichts nach durchaus denkbar gewesen, zumal Elfriede Randau Mitglied der Bekennenden Kirche gewesen war.
Im Zusammenhang unseres Themas ist es bemerkenswert, wie die Vorstellung von den Bombennächten als einer "Strafe Gottes" nicht etwa nur in der Kirche sondern schon bei den nationalsozialistischen Parteigenossen kursierte. In dem geheimen Bericht des Oberlandesgerichtspräsidenten wird noch ein weiterer Grund genannt, der in der Bevölkerung die Runde machte: die Luftangriffe seien ein Vergeltungsakt für die Beseitigung der Synagogen in Deutschland.

Anders deutete der Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche die Zerstörung seiner Hauptstadt, und zwar auch als ein Gericht Gottes, dieses ergehe aber, weil es die evangelische Kirche an Patriotismus und Bekenntnisfestigkeit habe mangeln lassen. Die Zerstörung von Barmen Elberfeld zum Beispiel sei die Antwort Gottes auf die Erklä-rung der Kirche im April 1934 in Barmen, wo sie in sechs Thesen und Verwerfungen sich deutlich von der deutsch - christlichen Irrlehre abgegrenzt hatte. Diese Deutung bedient sich bedauerlicherweise eines innerkirchlichen Streites und blieb daher von der Gestapo unbeanstandet.

Auch Helmut Thielecke deutet in Stuttgart die Zerstörung der Stuttgarter Innenstadt als Gericht und Heimsuchung Gottes. Thielecke, damals 36 Jahre alt, als Dozent für Systematische Theologie von der Heidelberger Universität verdrängt und von Landesbischof Wurm in die Württembergische Landeskirche zur theologischen Weiterbildung der Pfarrerschaft geholt, hatte für die damalige Zeit einen ganz ungewöhnlichen Zulauf. Zu seinen Abendvorträgen in der Stuttgarter Stiftskirche kamen bis zu 3ooo Zuhörerinnen und Zuhörern aus allen Volksschichten. An insgesamt 32 Abenden hielt er Vorträge über den "Glauben der Christenheit". Der 27. Abend war für den 13. September 1944 geplant, aber am 12. September wurde auch die Stiftskirche wie alle Innenstadtkirchen Stuttgarts vollständig zerstört. Auch der große Gemeindesaal in Cannstatt, wohin Thielecke nun ausgewichen war, wurde bald danach zerstört. Thielecke setzte jedoch seine Abendvorträge unbeirrt nun in Ludwigsburg fort und war seinen Zuhörern begreiflicherweise eine Deutung schuldig. Die Kirchengebäude hätten nur dem kulturellen Selbstzweck gedient, sagt Thielek-ke. Sie seien ein Ort der "Selbstanbetung" gewesen statt eine Brücke zum Ewigen zu sein. "Vielleicht ist deshalb auch die Zerstörung unserer Stiftskirche Gericht und Heim - Suchung zugleich".
Thielecke macht also zunächst die Kirche selber verantwortlich und zwar insbesondere jenen kirchlichen Liberalismus, der das Evangelium mit Kultur verwechselt habe. Die Kirche sei aber auch zu bequem geworden. Sie habe zu lange " in der Etappe gelebt". Thielek-ke sieht die Kirche in " die letzte Zeit" gestellt, die die Menschen zur Umkehr zu Gott bewegen will. "Jede Entwar-nung sagt: Noch ist die angenehme Zeit. Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen." Thielecke trennt sich aber von der traditionellen Kriegstheologie, die das Fronterlebnis als besonders intensive Offenbarung Gottes verstanden hat. Thielecke beobachtet, daß die Menschen unter dem Eindruck der Zerstörung keineswegs "einfach aufgeschlossen würden für die Ewigkeit" Man könnte also " auf keinen Fall von einer Offenbarung Gottes reden." Später jedoch erinnert sich Thielecke an die Zeit der Fliegerangriffe so, "daß in Gericht und Gnade der Vater Jesu Christi durch die Feuerstürme schreitet."

Thielecke kann sich nicht zu der Einsicht durchringen, daß die Zerstörung der Städte und Gemeinden eine Folge der Unterstützung Hitlers durch die Kirche gewesen sei. Deswegen beeindruckt ihn tief eine Predigt, die er unmittelbar nach der Zerstörung Stuttgart von Prälat Ißler hört. Ißler distanziert sich von den Jubelchören der Kirche im Sommer 1940 und deutet sie entgegen der damaligen Stimmung als Schweigen Gottes, also als Rückzug Gottes von der deut-schen Sache. Nicht "Gott mit uns" wie es auf den Koppelschlössern der Soldaten stand und wie es Hanns Lilje noch verwegen als "geistige Leistung" gedeutet hatte, sondern: Gott hat sich zurückgezogen. Dieses bedrückende Schweigen habe Gott nun gebrochen. "Er redet wenigstens wieder mit uns."

Die Zerstörung der Kirchen als vernehmliche Rede Gottes zu deuten, nötigt dann zu der weiteren Frage nach dem Inhalt dieser Rede Gottes. Dafür gibt es ein schönes Beispiel aus der Braunschweiger Landeskirche.
Einen Sonntag nach der Zerstörung der Magnikirche, dem 3. Sonntag nach Ostern Jubilate, hält Pfarrer Johann Hermann Wicke den Gottesdienst über den für diesen Sonntag empfohlenen Bibeltext 2. Kor. 5,1-8: "Wir wissen aber, so unser irdisch Haus, diese Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, was ewig ist im Himmel, und darüber sehnen wir uns auch nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, und uns verlangt, daß wir damit überkleidet werden. Wir sind aber getrost und haben viel mehr Lust, außer dem Leibe zu wallen und daheim zu sein bei dem Herrn."
Wicke gibt der Predigt das Thema "Heimweh" und deutet die stehengebliebenen gotischen Bogen des Mittelschiffes der Kirchenruine als das bleibende Christuszeugnis. "In dem hoch aufgerichteten Bogen ist uns ein Zeichen für den Herrn gegeben, der über die Trümmer sich erhebt, der aufrecht bleibt., auch wenn die Hüllen fallen müssen." Wicke spricht von dem "selbstverständlichen Christentum", das nun in Trümmern gegangen sei, dafür aber sammle sich eine Gemeinde aus dem Geist Gottes, "..er will uns herausnehmen aus dem Trümmerfeld, in dem wir täglich graben und zu retten suchen, was zu retten ist.. auch ein uns bisher vielleicht viel zu selbstverständliches Christentum kann mit den gewaltigen Kirchen in Trümmern gehen, aber der Geist, der einst den Gemeinde solche Kirchen schuf, wird nie vergehen."
An den Innenwänden der stehengebliebenen wuchtigen Türme, der dem Bohlweg zugewandten Westfront der Magnikirche, ist noch das Psalmwort zu lesen :"Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt." Wieder ermutigt Wicke seine Gemeinde, auf lieb gewordene Traditionen wie auf altes mitgeschlepptes Gepäck zu verzichten. "Wir halten es für weitaus wichtiger, nach Hause zu kommen, als auf halbem Wege liegenzubleiben, weil wir uns von der bisherigen Heimat nicht trennen können. Dieses Los wollen wir ruhig denen überlassen, die in irgendeiner Religion oder Weltanschauung vergeblich auf eine bessere Zukunft warten. Gott hat uns die Brücke geschlagen, auf der wir aus der altgewohnten Heimat der heute zusammenbrechenden alten Welt hinübergehen sollen in die Zukunft, die er für uns herrlich bereitet hat."
Dieses Heimweh ist nach rückwärts gewandt, es sehnt sich nicht wehmütig zurück in die frühere Jugend, sondern ist voller Bereitschaft, "aus der Fremde einzuwandern in das neue Land, um bei Gott zu Hause zu sein. Selig sind die Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen." Wicke spricht nicht von den Bombenopfern und stellt sie populär in ein Verhältnis zum Opfer Jesu, sondern er stellt die riskante Frage nach der Verantwortlichkeit und antwortet textgemäß: " Die Menschen machen sich durch den Krieg selber fremd in dieser Welt "Wir reißen uns gegenseitig die letzten Zelte ein... Wir wissen, daß es uns nicht bestimmt ist, für alle Zeiten verarmt, entblößt, obdachlos zu werden, sondern daß wir, wenn wir die Hütten unsres sterblichen Lebens abstreifen, aus den Trümmern der alten vergänglichen Heimat hinausgenommen werden, um von dieser Stunde an bei Gott zuhause zu sein." Wicke deutet die Zerstörung der Magnikirche, einer der ältesten Kirchen Braunschweigs, als das Handeln Gottes an einem überkommenen Christentum und weckt zugleich in seelsorgerlicher Zuwendung zu den nach Sinngebung fragenden Gemeindemitgliedern die Sehnsucht nach einer Heimat bei Gott, die aber nicht aus der Tiefe des Gemütes oder erträumt ist, sondern die Ver-heißung des auferstandenen Christus ist.

Das wird der vielleicht mal wieder mitschreibende Gestapobeamte seiner Dienststelle in der Leopoldstraße, die ebenfalls im Gemeindebezirk Magni lag, ungern weitergegeben haben. Die braunen Sinngeber pochten auf Heroismus und Durchhalteparolen und blindes Vertrauen auf den Führer und seine Wunderwaffen. Das bekamen sie hier nicht zu hören. Johann Hermann Wicke war damals 35 Jahre alt, und erst seit einem Jahr Pfarrer in dieser Gemeinde, Mitglied des Braunschweiger Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche. Widerstand mitten im Bombenkrieg? Wicke setzt sich in dieser Predigt nebenbei auch mit der Frage nach dem Ursprung des Krieges auseinander. Er weist dabei die These, das Leben sei "Kampf aller gegen Alle" ab und fährt fort: "Wer das erkannt, wird unsicher, er verliert den Glauben an die Menschheit und fühlt sich plötzlich in seiner eigenen Haut nicht wohl." Das war nicht systemgerecht. Im Gebäude der HJ - Führerakademie an der Wolfenbüttler Straße (heute Braunschweig Kolleg) lautete die Fortsetzung auf den Satz, das Leben sei Kampf aller gegen alle so: "Deshalb soll der deutsche Mann sein zäh wie Leder, schnell wie ein Windhund und natürlich hart wie Kruppstahl", dieser schauerliche Dreiklang nazistischen Männlichkeitswahns.

Wicke, mit 25 Jahren noch SA - Mann, kannte die braunen Marschlieder, in denen die strahlende Zukunft besungen wurde. In einem Gedichtband "Die Fanfare", von dem nationalsozialistischen Liedermacher Heinrich Anacker heißt es unter der überschrift "Blick in die Zukunft" vom "Braunen Wall": "So stehen wir und werden wir nimmer weich/ drum blüh und gedeihe junges Reich/ 600 000 Leiber und mehr/ bürgen für deine Freiheit und Ehr."
Und vom Osterfest dichtet er: "So haben wir noch zu keiner Frist/ die Botschaft tief verstanden/ denn Deutschland ist wie der Heilige Christ/ leuchtend auferstanden." Die Alternative zu dem vom Paulus gepredigten "ewigen Haus" ist das Ewige Deutschland. Unter diesem Titel ist ein deutsches Hausbuch 1940 vom Winterhilfswerk herausgegeben und im Braunschweiger Westermann Verlag gedruckt worden.. Das Haus, das den deutschen Menschen nach seinem Tode aufnehmen soll, ist das ewige Deutschland. Karl Heinz Magerls nimmt in seinem Gedicht "Soldatengebet" die Motive vom Lebenskampf und vom ewigen Haus auf. "Denn ohne Kampf verlohnt sich's nicht zu leben/ ich mag nicht warten Herr bis dann und wann/mir deine Hände jenen Lorbeer geben/ den ich mir selbst im Kampf erringen kann// Doch jage deine Flammen mir entgegen/ und sende deinen stärksten Engel aus/ um mich mit einem Schlage umzulegen/ und aufzunehmen in dein weites Haus." Das war die nazistische Alternative zu 2. Kor. 5
Auf diesem Hintergrund sprachlicher und gedanklicher Banalität des braunen bürgerlichen Braunschweig erweist sich Wicke als herber Widerspruch und spitzer Gegensatz mitten im Bombenkrieg. Nach dem Krieg erinnert Wicke in seiner Predigt vom 11. November 1945: "Als nach der Schreckensnacht des 15. Otober 1944 die Ausgebombten mit rauchgeschwärzten Gesichtern aus den Toren der Stadt strömten, kam uns das Entsetzen an über so viele Heimatlose. Aber Gott hat sie herausgerufen aus einer brennenden Stadt, weil er ihnen und mit ihnen uns allen sagen wollte : Laßt die alten Heimat ruhig hinter euch." Wicke predigte über den Auszug Abrahams aus seiner Heimat 1. Mose 12,1-3 . Die Predigt in den Trümmern der Stadt ist mit dem Kriegsende keineswegs beendet. Ihre Erforschung wäre ein weiterer Beitrag zur Kontinuitätsdebate über die Zusammenbruchgesellschaft in der Zeit vor und nach dem Mai 1945.

Die offiziöse Stimme der Landeskirche klang da schon anders. Am Dienstag nach dem Bombardement, dem 17. 10.1944 ordnete der Stellvertreter des Landesbischofs Johnsen, Oberlandeskirchenrat Röpke, in einem Schreiben an alle Pröpste die Verlesung eines Briefes an die Braunschweiger Stadtgemeinden in der ganzen Landeskirche an. Nach der Klage über die Zerstörung der Wohnungen und der Kirchengebäude erinnert Röpke auch daran, daß "Einer steht, der uns die Hand hält im Zittern und Beben. Zu ihm wollen wir miteinander beten in aller Not". Er ermahnt die Gemeindeglieder zum Glauben an Christus, den "Flammen nicht versengen und verbrennen, fallende Trümmer und blindwütend geworfene Bomben nicht vernichten können. Der bleibt."
Röpke zitiert mehrere bekannte Gesangbuchverse z.B. Soll's uns hart ergehn, laß uns feste stehn", er erinnert an die Taufe, die Konfirmation und Trauung als die "Marksteine eures Lebens", in denen sie Gottes Wort vernommen hätten. "Da, wo die Gemeinde zerrissen ist, sammelt Euch unter Gottes Wort,...vertraut auf Gott und wankt nicht."

Diese Erklärung ist nicht frei von Vokabeln der Propaganda. Röpke bezeichnet die Bombardierung als "blindwütigen Terrorangriff, der über Eure Stadt dahinraste". Jesus wird die erquickende Quelle genannt, "die uns immer wieder Kraft spendet fürs Leben, das unserm geliebten Vaterland gilt." Röpke verbindet also den Einsatz fürs Vaterland im Jahre 1944 noch mit dem Glauben an Gott, der für einen solchen Einsatz erst richtig tüchtig macht. Das entsprach auch Röpkes persönlicher Meinung, die er in einem Brief an einen im Felde stehenden Pfarrer so wiedergibt: "Ich weiß aus Erfahrung, daß gerade auch der Kriegsdienst unserer Pfarrer für das Amt von besonderem Segen ist. Ich möchte in meinem Leben dieses Fronterlebnis nicht missen und wäre, wenn es meine schwere Verwundung zuließe, selbst wieder dabei, um Führer und Vaterland den schuldigen Dienst zu tun."
Im Begleitbrief an die Pröpste verbindet Röpke die Liebe und Treue zueinander mit der Liebe und Treue "zu unserm teuren deutschen Vaterland". Für Röpke hat der Nationalsozialismus und die nationalsozialisti-sche Führungselite den Begriff des Vaterlandes keineswegs verdunkelt. Trotzdem werden die Gaupropagandaleiter und fanatischen Nazis auch über dieses Kanzelwort Röpkes sich keineswegs gefreut haben. Zu deutlich spricht aus ihm die Frömmigkeit eines Christen, der in der Bibel und dem Gesangbuch zu Hause ist und dessen im Grunde unpo-litische Haltung ihn davor bewahrt, die hohlen nazistischen heroischen Parolen nachzubellen.

Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht hörte endlich das noch lange in Angstträumen hörbare Sirenengeheul auf bis es in den 6oiger Jahren mit dem monatlichen Probealarm als Warnung vor einem möglichen atomaren Krieg wieder aufgenommen wurde. Luftschutz war wieder gefragt, besserer Luftschutz, wie die Braunschweiger bei Prescher "Der rote Hahn" nachlesen konnten, so auch in der 1994 unverantwortlich unkorrigierten Neuauflage. Die noch lange bestehende Trümmerlandschaft Ende der vierziger und in den fünfziger Jahren und der sich zuspitzende kalte Krieg zwischen den Supermächten forderte von den Kirchen weiterhin eine klare Antwort. Nun rangen in der evange-lischen Kirche die Befürworter auch eines atomaren Krieges mit einer starken Gruppe von Antikriegstheologen. Die 1950 in Berlin-Weißensee tagende gesamtdeutsche Synode der EKiD stellte in einem dramatischen Appell fest: "Wir beschwören die Regierungen und Vertretungen unseres Volkes, sich durch keine Macht der Welt in den Wahn treiben zu lassen, als ob ein Krieg eine Lösung und Wende unserer Not bringen könnte. Wir begrüßen es dankbar und voller Hoffnung, daß die Regierungen durch ihre Verfassung denjenigen schützen, der um seines Gewissens willen den Kriegsdienst verweigert. Wir bitten alle Regierungen der Welt, diesen Schutz zu gewähren. Wer um des Gewissens willen den Kriegsdienst verweigert, soll der Fürsprache und der Fürbitte der Kirche gewiß sein."
Nach dem Gewinn der absoluten Mehrheit für die CDU/CSU bei der Bundestagswahl im September 1957 wurde vom 3. Kabinett Adenauer/Globke die atomare Bewaffnung der Bundeswehr und die Verfassungsänderung einer nunmehr allgemeinen Wehrpflicht durchgedrückt. Darüber kam es in der evangelischen Kirche während der gesamtdeutschen Synode 1957/58 praktisch zur Spaltung. Für die einen behauptete Prof. Künneth: "Die Frage der Herstellung, der Verwendung, des Besitzes von Atomwaffen kann eine ethische Herausforderung von höchster Bedeutung sein, denn auch diese schrecklichen Mittel können in den Dienst der Nächstenliebe treten.." Für die andere Seite erklärte der Synodale Metzger bündig: "Der Krieg mit Atomwaffen ist Massenmord an fremden Völkern und am eigenen Volk."
In der Raketenkonfrontation der 7oiger und 8oiger Jahre machten unübersehbare starke Gruppen auf den evangelischen Kirchentagen in Hamburg und Hannover den kirchlichen Protest gegen die Irrationalität des Rüstungswahnsins hörbar. Er beherrschte die kirchliche Presse.

Die Spaltung wurde nun auch in der Braunschweiger Landeskirche vertieft. Als der stellvertretende Landesbischof und frühere Militäroberpfarrer Friedrich Wilhelm Wandersleb für den Landeskirchentag 1982 die Losung "Zum Glauben ermutigen" ausgab, fragte eine Gruppe von kirchlichen Mitarbeitern: Zu welchem Glauben? Auch zu einem Glau-ben, der den Einsatz atomarer Waffen rechtfertigt? Deshalb riefen sie zu einem Gegenkirchentag unter der Losung "Zum Frieden ermutigen" auf, der unter beträchtlichen Druck der damaligen übergangskirchenleitung geriet.
Es bildete sich nach diesem Landeskirchentag die sog. Friedensinitiative in der Braunschweiger Landeskirche, dem über 300 kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angehörten. Diese stellten sich unmißverständlich hinter die Aussage der Weltkirchenkonferenz von Vancouver 1983, daß die Herstellung und Anwendung atomarer Massenvernich-tungsmittel eine Lästerung Gottes sei. Erstmalig in der Landeskirche werden in den letzten Jahrzehnten Tausende von Kriegsdienstverweigeren beraten und in die damals erniedrigenden, mündlichen Verhandlungen begleitet. Und es ist ein Schmuckstück dieser Friedenstheologie in unserer Landeskirche und ein besonders eindrucksvoller Beitrag zum 5ojährigen Gedenken des Bombenkrieges, daß kürzlich vor der Magnikirche ein "Denkmal des Kriegsdeserteurs" aufgestellt worden ist. Es zeigt den Geisteszustand dieser Stadt an, daß dieses Denkmal bereits einmal zerstört und ein weiteres Mal mit Kot beschmiert worden ist, genau dieselbe Verachtung, mit der die Fahnenflüchtigen seinerzeit behandelt worden sind. Auch die Liturgie der Kirche hat inzwischen die Friedensthematik aufgenommen und versucht, sich alljährlich im November in der sog. Friedensdekade in die kleinen mühsamen Schritte zum Frieden einzu-üben. Da ist zum heute manchmal noch peinlichen Heldengedenk - und Volkstrauertagsritual eine liturgisch abgestützte Friedenskultur in der Kirche entstanden, ein besonders schönes Geschenk der DDR - Kirchen an die westdeut-schen Kirche.

Ich schließe mit Versen aus einem Gedicht, daß Werner Bergengruen nach seiner Ausbombardierung in München geschrieben hat und das in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 25. Juli 1943 erschienen war:
"Liebt doch Gott die leeren Hände/ und der Mangel wird Gewinn./ Immerdar enthüllt das Ende/ sich als strahlender Gewinn./ Jeder Schmerz entläßt dich reicher,/ preise die geweihte Not/ Und aus nie geleertem Speicher/ Nährt dich das geheime Brot."


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Autor: dk