Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube

[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von unten Nr. 34, September 1988, Seite 11-13
(Download als pdf hier)


APHORISMEN ZUR SEELSORGE-SYNODE

von Dietrich Kuessner

"..Und für meine Seele sorgen.."

und zwar zunächst jeder für seine eigene, meint Heinrich Albert in seinem Morgenlied Nr. 345. Seelsorge also als allmorgendliche Seelenhygiene des persönlichen Innenlebens, allein oder mit der Familie, am Schreibtisch oder am Frühstückstisch. Kürzlich saßen wir zusammen und brüteten über einem Predigttext. Früher begannen wir sowas mit einem Morgenpsalm oder einem Lied. Dergleichen gilt heute als altmodisch. "Und zu Hause?" "Ich weiß nicht, wann ich das morgens einschieben soll", sagte er. So verbleibt diese Art von Seelenpflege, eine andere zeigt sich nicht. Das wird vermutlich die Fähigkeit und Möglichkeit zur Seelsorge • an anderen mindern. Voraussetzung dazu ist nämlich: "und für meine Seele sorgen."
Amtkonferenzen: früher fingen sie mit einer normalen Schriftexegese an. Schön, wenn man jemand sich am Text mühen und quälen sieht. Dann fühlt man sich darin nicht so allein. Aber das gemeinsame Gespräch über biblische Texte ist sichtlich am Verstummen. Ein Emeritus aus der Wolfenbüttler Amtskonferenz berichtete, daß es sowas kontinuierlich schon lange nicht mehr dort gäbe. Wenn wir uns aber dazu nicht mehr regelmäßig zusammensetzen - wie sollen wir denn sonst für unsere Seele sorgen, unser Innenleben klären und vertiefen?

Der Begriff "Solidarität" sei in der Seelsorge nicht zu gebrauchen, meine Prof. Seitz vor der Braunschweiger Synode, offenbar ohne Widerspruch zu finden.( siehe Kurier Aug.88 S. 56) Wenn Solidarität meint, daß ich mit jemanden ein Stück Wegs gehe, an seiner Seite bleibe, mit ihm oft gegen andere verbünde, dann gehört Solidarität zu den Urerfahrungen der biblischen Menschen. Dahinter steckt oft die Erfahrung, wie sich Gott selber gegen andere mit dem Bedrängten, Verachteten, Schwierigen, mit Alten und Jüngeren, auch mit Erfolgreichen und Fröhlichen solidarisiert, an seiner Seite bleibt. So wächst wohl auch die Fähigkeit zu Solidarität untereinander. In der Braunschweiger Landeskirche jedoch ist Solidarität ein Fremdwort. Der hochgradigen Frustriertheit der Braunschweiger Pfarrerschaft liegt eben diese Erfahrung von fortwährendem unsolidarischem Verhalten in unmittelbarer und weiterer Umgebung zugrunde. Der Arbeitskreis 7 der "Seelsorge-Synode" formuliert ganz richtig "Seelsorger bedürfen selbst dringend der Seelsorge" (ebd. S.64), er bezieht dies auf eine Glaubenskrise des Pfarrers. Häufiger wohl sind die sich sehr rasch einstellenden Krisen und Enttäuschungen gerade bei jungen Amtsbrüdern über ihre Möglichkeiten in der Gemeinde und im Umgang mit dem Landeskirchenamt. Ein besonders bedrückendes Beispiel ist die mehrjährige "Bewährungszeit" der Jungen bis zur festen Anstellung. Früher war ich auf die jungen Leute in der Amtskonferenz gespannt. "Was gibt es Neues an der Uni? Welche Ideen bringt ihr mit? Gibt es frischen Wind in der Flaute?" Heute ducken die Jungen ab, schielen auf das Gutachten des Propstes, das dieser neuerdings abgeben muß, "ja nicht auffallen", ist die Devise, "auf Nummero sicher gehen", Hauptsache: die feste Anstellung ist erreicht. Welche Art von Seelsorge ist da zu erwarten, welche Einübung in Solidarität ?
Seelsorge und Verwaltung: wieder so ein elendes Kapitel unserer Landeskirche. Welchen seelsorgerlichen Dienst können sich die Pfarrer von den für die Seelsorge der Pfarrerschaft im Landeskirchenamt hauptamtlich angestellten Oberbrüder erwarten, die doch zugleich für Verwaltung und Amtszucht zuständig sind? Im Grunde und theoretisch liegt in der Verbindung von Verwaltung und Seelsorge eine große Chance. Tatsächlich aber wird ein verwaltungsstrenger Oberrat einem ratsuchenden Gesprächspartner womöglich sagen müssen: "Bitte reden Sie jetzt nicht weiter. Darüber müßte ich dem Kollegium berichten". Daß Dienstvorgesetzte praktisch nie Seelsorger für Untergebene sein können, gehört zu den Grundfehlern unserer Kirche. Nicht selten wird ein persönliches Wort erwartet, aber ein Verwaltungsvorgang daraus gemacht, der dann zynisch wirken muß. So ist es mir kürzlich mit dem Diakonischen Werk als Oberbehörde gegangen: In unserem Dorf hat sich eine frömmelnde, spirituell überdrehte, sehr geschäftstüchtige Schwesternschaft eingenistet, die eine mit vielen Fragezeichen versehene Therapie für Abhängige anbietet. Sie ist Mitglied des Diakonischen Werkes. Der grausam autoritäre, "christliche" Stil dieser Schwesternschaft führte zu Nachfragen von Eltern, Rechtsanwälten, Gemeindegliedern. Ein Patient bringt sich um.

Vorstellungen beim Direktor des Diakonischen Werkes v. Bülow seitens des Kirchenvorstandes und der Propstei werden verwaltungsmäßig zynisch beschieden. Das sei alles bekannt; wenn nicht neue Tatsachen vorlägen, sähe man keinen Grund. Seelsorge wie in diesem Falle a la Bülow - nein danke. Das Schlimmste daran ist, daß die Kirchenvorstände jede Hoffnung auf eine Seelsorgekompetenz derer, die zugleich •in einer Behörde arbeiten, aufgeben. Dieser Schaden ist auch nicht leicht zu beheben.
Seelsorge finde vor allem im Gespräch statt, war auf der Synode übereinstimmend zu hören. Das finde ich sehr einseitig. Seelsorge als Solidarität beschreibt eine Haltung, die zwar auch in Gesprächen, aber doch auch bei vielen anderen Gelegenheiten stattfindet, beim Ausflug mit der Frauenhilfe, bei einer Freizeit mit Konfirmanden, beim gemeinsamen Essen mit dem Kirchenvorstand. Wir können durch kleine Winke den ändern schon tief in seiner Seele verletzen, aber eben auch pflegen.

Bei der Durchsicht dessen, was die 8 Arbeitskreise zu Papier gebracht haben ( alles im Kurier August 1988 nachzulesen) , kann leicht der Eindruck entstehen, als ob in der Seelsorge der Ratsuchende den Ratgebenden, der Gesunde den Kranken, der Glaubensfeste den Glaubenskritischen, der Fragende den Antwortenden trifft, der Gebende den Nehmenden. Wer sich aber auf dieses Gefalle einläßt, hat Seelsorge schon verspielt. Um diesem schrecklichen Mißverständnis zu entkommen, kann der Begriff Solidarität durchaus hilfreich sein. Seelsorge als Solidarität findet eine gemeinsame Ebene. Sie findet nie von oben nach unten statt.
Eine Landeskirche jedoch, die überwiegend von Hühnerhofmentalität, Hackordnung und Revierkämpfen geprägt ist, wird sich schwertun mit Seelsorge am Anderen, am Fremden. Sie muß zunächst damit bei sich selber anfangen. Und dazu sind die Voraussetzungen denkbar schlecht.




[Zurück] [Glaube] [Helfen]
Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu034/aphorismen.htm, Stand: September 1988, dk