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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von unten Nr. 35, November 1988, Seite 17-19
(Download als pdf hier)


EIN KIRCHENVORSTAND WEHRT SICH GEGEN HTR

Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Petri Emmerstedt in Helmstedt
- Der Kirchenvorstand -

Emmerstedt, Am Lehberge 16, 22.09.1988

Herrn Dr. Werner Remmers, persönlich, 3330 Helmstedt 3
Niedersächsischen Umweltministerium,Postfach 4107 3000 Hannover

Betr.: HTR-Genehmigungsverfahren in Ihrem Ministerium

Sehr geehrter Herr Minister!
Der Kirchenvorstand der ST.Petri-Gemeinde Emmerstedt wendet sich entsprechend dem Vorbild anderer kirchlicher Gremien aus grundsätzlichen Erwägungen gegen einen Ausbau der Kernenergie, wie er durch das jetzt eingeleitete Genehmigungsverfahren für Hochtemperaturreaktoren (HTR) vorgezeichnet wird. Er ist der Auffassung, daß ein solcher Schritt aus christlicher Verantwortung für die uns Menschen anvertraute Schöpfung und aus dem Gebot der Nächstenliebe heraus nicht mehr in Frage kommen darf. Ausschlaggebend sind dabei für ihn als Kirchenvorstand also nicht tagespolitische, sondern grundsätzlich-ethische Bedenken.

1. Wir können als Christen nicht einverstanden sein mit einem technischen System, das darauf angewiesen ist, menschliches und technischen Versagen hundertprozentig auszuschließen, wenn nicht Schäden unvorstellbaren Ausmaßes riskiert werden sollen. Denn damit wird die Unfehlbarkeit des Menschen vorgespiegelt, die mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar ist und Überheblichkeit gegenüber Gott bedeutet("Ihr werdet sein wie Gott.."-1.Mose 3,5l).

2. Wir können als Christen nicht einverstanden sein mit einer Technologie, die den Menschen in die Gefahr bringt, seinen von Gott gegebenen Herrschaftsauftrag gegenüber der Schöpfung zu Pervertieren. "Macht euch die Erde Untertan" bedeutet für uns sorgsame Bewahrung der Schöpfung, nicht das Spiel mit ihrer Zerstörung. (1. Mose 1,28)

3. Wir können als Christen nicht damit einverstanden sein, daß Verhältnisse geschaffen werden, in denen das winzige Versagen eines Einzelnen ihm eine Schuld aufladen kann, deren Folgen Millionen von Menschen tödlich bedrohen und über Jahrtausende hin weiter wirken. Technische Mitarbeiter einem solchen Verantwortungsdruck auszusetzen, bedeutet für uns eine totale Überforderung des menschlichen Gewissens.

4. Wir können als Christen nicht damit einverstanden sein, daß selbst bei fehlerfreier Handhabung der neuen Technik unabsehbare Folgen in Kauf genommen werden. So bleibt das Problem der Abfallensorgung ungeklärt -eine Situation, die bei weit ungefährlicheren Industrien jede Genehmigung ausschlösse. Wer auf Jahrtausende strahlenden Atommüll produziert oder diese Produktion genehmigt und dabei weiß, daß es keinerlei Endlager gibt, handelt für uns verantwortungslos an zukünftigenGeschöpfen. Das Gebot "Du sollst nicht töten" gilt auch gegenüber kommenden Generationen.

5. Wir können als Christen auch nicht einverstanden sein mit dem Vorschlag, eine für uns bedenkliche Technologie zum Export vorzusehen und damit nach dem St.-Florians-Prinzip das unkalkulierbare Risiko auf andere abzuladen, woran noch Geld verdient wird. Wir sind der Meinung, daß damit für alle noch ein weitaus höheres Risiko eingegangen wird. Denn unter den Bedingungen eines Entwicklungslandes etwa sind kostensparende Abstriche am Sicherheitsstandard wie auch die Ausnutzung zu militärischen Zwecken nur eine Frage der Zeit.. Im Übrigen gilt das Prinzip der Nächstenliebe für uns Christen auch gegenüber dem "fernen Nächsten". In der von Jesus gebotenen Form (Luk.10,23-57) verträgt es keine Abstufungen je nach Volkszugehörigkeit und Entfernung.

Aus alldem wird deutlich, daß klare Gründe der christlichen Ethik für uns nur einen Ausstieg aus der Kernenergie offenlassen und keine Ausweitung durch neue Technologie. Deshalb meinen wir, in der gegenwärtigen Debatte um den Hochtemperaturreaktor (HTR) auch gerade als Kirchenvorstand nicht schweigen zu dürfen.

gez. E. Eggeling, gez. E. Hille, gez. I. Krumpelt, gez. G. Vogelsang, gez. Hj. Dobers, gez. p. Engel, gez. U. Lautenschläger, gez. W. Thiele, gez. K. Zeltner

Dr. E. Beichler, P.


Die Kirchenvorstände von Marienthal Horst und Marienthal-Barmke haben sich in einer öffentlichen Erklärung und in einem Schreiben an Minister Remmers ebenfalls gegen die Errichtung eines Hochtemperaturreaktors in Helmstedt und anderswo ausgesprochen. Die Entscheidung fiel nach Aussagen von Pastor Leyrer einstimmig aus.
Die Propsteisynode Salzgitter-Lebenstedt hat ihren Beschluß, ein Atommüllendlager Schacht Konrad abzulehnen, bekräftigt. Die Propsteisynode Helmstedt unter dem Vorsitz von Herrn Elshoff, der auch Vorsitzender des Rechtsausschusses der Landessynode ist, hat es abgelehnt, den Beschluß der Lebenstedter Propsteisynode überhaupt zur Beratung auf die Tagesordnung zu setzen. Bei der Gelegenheit wurde von Herrn Elshoff unter heftiger Zustimmung von Pfarrer Nebel den Kirchengemeinden das selbstverständliche Antragsrecht entzogen. Eine Anfrage in dieser Richtung an Herrn OLKR Niemann von 6 Synodalen ist bis heute - sie war am 5.12.87 eingereicht und wiederholt angemahnt worden- unbeantwortet geblieben. Die Pfarrer von Bad Harzburg haben sich ebenfalls in einer öffentlichen Erklärung gegen einen Riesenmüllhaufen vor ihrer Stadt ausgesprochen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu035/HTR.htm, Stand: November 1988, dk