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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von unten Nr. 35, November 1988, Seite 23-24
(Download als pdf hier)


ZUKUNFT UND VERGANGENHEIT DER LANDESKIRCHE

von Dietrich Kuessner

Es stimmt hoffnungsvoll, wenn Leute noch um die Zukunft der Landeskirche bangen, sich zusammensetzen und überlegen, wie man dieselbe meistern könne. Ein solcher Kreis fand sich zusammen und tagte im Wilhelm-Raabe-Zimmer des Grünen Jägers in Riddagshausen: Domprediger Kraft, der Man mit der Verbindung zum großen Geld, Hempel als Mann der Presse, Spitz. als frustrierter Mann beim Rundfunk und mit einem Bein als Nachfolger von Kraft im Dom Klüppel, für liturgische Auswege gut, Meyer, in volksmissionarischem gewieft und für jedes Seminar eine gefüllte Schublade. Die Zukunft der Kirche fürwahr in guten Händen. Als Ergänzung dieser Runde von Oberbrüdern würde sich einer von Kirche von Unten ganz gut machen. Zur Komplettierung sozusagen. Also warum nicht Kuessner? Den Vorschlag machte Kraft und ich ging hin mit einem Papier in der Tasche und einer Frage. Das erste Treffen hatte stattgefunden, das zweite am 6. Oktober fiel aus irgendwelchen Gründen aus. Nun sitze ich mit meinem Papier da und veröffentliche es hier folgend:

(20 b) Wolfenbüttel Landeskirchenamt am 8.9.1947
Schreiben Nr. 13226 an Rechtsanwalt Franz Hofmeister und Dr. Werner Hofmeister j.etr.: Schreiben vom 22. August 1947

Die von dort erbetene Bescheinigung können wir nicht geben, da Herr Dr. G. Kühl dem Unterzeichneten, soweit er sich erinnern kann, nicht bekannt ist. Das Landeskirchenamt hat mit Herrn Dr. Kühl keinerlei Schwierigkeiten gehabt.
gez. Unterschrift

Das Schreiben hat in der Abschrift keine Unterschrift. Geheimnisvoll. Der Inhalt ist widersprüchlich. Rechtsanwalt Hofmeister hat das Landeskirchenamt offenbar am 22.8.1947 um eine Bescheinigung für Dr. G. Kühl gebeten. Dieser sitzt im Gefängnis, weil er von Ende 1942 bis Kriegsande die Gestapo im Lande Braunschweig geleitet hat. Er wird dafür im September 1948 in Hamburg zum Tode durch Strang verurteilt. Das konnte das Landeskirchenamt ein Jahr vorher nicht wissen. Es gibt ein Jahr zuvor die obige aparte Antwort: Dem Unterzeichneten ist Dr. Kühl nicht bekannt, "soweit er sich erinnern kann". Kühl indes wird sich des Landeskirchenamtes erinnern, denn wie käme der Verteidiger dazu, das Landeskirchenamt- überhaupt anzuschreiben? Wenn hier der Schluß des Schreibens gewesen wäre, wäre die Sache noch leidlich ausgegangen. Nun aber kommt ein Satz, der das Vorangegangene auf den Kopf stellt. Der Unterzeichnete bescheinigt dem Verteidiger, das Landeskirchenamt habe "mit Herrn Dr. Kühl keine Schwierigkeiten gehabt". Wie dieses, wenn man sich dort, seiner nicht erinnert? Die Absicht ist klar: Herrn Dr. Kühl soll in seiner Lage landeskirchenamtlicherseits etwas geholfen werden. Der Verteidiger unterstreicht daher diesen entlastenden letzten Satz.

Wie steht es mit dem Wahrheitsgehalt? Hatte das Landeskirchenamt mit der Gestapo in Braunschweig unter der Leitung Dr. Kuhls wirklich nichts zu tun? Das ist ganz abwegig. Zur Dienstzeit Kuhls, im Jahre 1944, wird die Gemeindehelferin Ingeborg Klünder von der Gestapo Braunschweig verhaftet, verhört und vor den berüchtigten Volksgerichtshof in Berlin gebracht. Dort wird Frau Klünder wegen Wehrkraftzersetzung mit drei Jahren Zuchthaus bestraft. Hatte sich das Landeskirchenamt damals nicht an die Gestapo gewandt, um Frau Klünder wieder herauszubekommen? Hatte es keine Entlastungszeugen aufgeboten? Blieb ihm das Verfahren gegen eine kirchliche Mitarbeiterin, die doch Fürsorgepflicht erwarten darf, unbekannt? Kann sich schon drei Jahre danach, nämlich 1947, niemand mehr erinnern? Gibt es keinen Aktenbestand "Klünder" im Landeskirchenamt? Hat sich damals der Arbeitgeber nicht einmal das Urteil besorgt?

Mit diesen Fragen und dem Papier bin ich also in Riddagshausen und möchte gerne im Gespräch klären, wie eine Landeskirche ein Zukunft hat, wenn sie sich ihrer eigenen Vergangenheit schon nach drei Jahren (1944-47) kaum noch erinnert, wieviel weniger nach 30 oder 40 Jahren. Ob es im Dom wohl eine Ausstellung auch über die Vergangenheit der Kirche geben könne, damit sie auch eine gute Zukunft hat, wollte ich fragen. Ob man im epd einen Aufmacher loslassen solle "Landeskirchenamt und Gestapo in Braunschweig"? Oder ob man das Ganze nicht unterdrücken solle, aber wohin damit? Das müßte Hempel beantworten. Und wie Klüppel gregorianisch singen kann angesichts dieser Notiz? Und wie sich die Kirche nun volksmissionarisch glaubwürdig weiterempfehlen kann? Meyer hatte seinerzeit schon die Fortsetzung einer kritischen Bestandaufnahme zusammen mit den Blankenburger kirchlichen Mitarbeitern in Berlin Weißensee - damals ging es um das Stuttgarter Schuldbekenntnis und seine Rezeption in der Braunschweiger Landeskirche vernachlässigt. Ich wollte nur mal fragen, denn es ging ja um die Zukunft der Kirche.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu035/Landeskirche.htm, Stand: November 1988, dk