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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 40 - September 1989


Entwurf für eine theologisch begründete Einwendung gegen das geplante Atommüll-Endlager "SCHACHT KONRAD"

von Albrecht Fay

Durch die geplante Einlagerung von radiaktivem Müll in der ehemaligen Eisenerzgrube "Schacht Konrad", Salzgitter-Bleckenstedt, fühle ich mich in meinen Rechten auf Leben, Gesundheit und Eigentum bedroht und erhebe - zugleich in Verantwortung gegenüber künftigen Generationen und stellvertretend für sie - gegen die Errichtung und den Betrieb der Anlage die folgenden Einwendungen.

Das von den Betreibern erstellte Langzeitsicherheitskonzept sagt aus, daß radioaktive Teilchen aus dem Endlager im Schacht erst nach 300.000 Jahren mit der Biosphäre in Kontakt kommen. Andere Erhebungen komme ~. zur Vorgabe von 1.100.000 Jahren. Geologische Prognosen unterliegen hoher Fehlerwahrscheinlichkeit. Die Aussagen zur Langzeitsicherheit dieses Endlagers hingegen geben vor, in hohem Maße präzise und fehlerfrei zu sein. So werden z.B. Ort und Zeitpunkt des Austretens kontaminierter Schichtenwasser angegeben.

Die Handhabung eines Endlagers für radioaktiven Müll setzt eine fehlerfreie Technik und eine fehlerfreie Bedienung dieser Technik voraus. Beides ist utopisch, da immer Menschen damit umgehen werden. Vielmehr gehört es zum Wesen des Menschen, seiner Lernfähigkeit und seines zivilisatorischen Fortschritts, daß er fehlbar ist und fehlbar sein darf. Das Lernen durch Fehlermachen, durch Versuch und Irrtum, das Lernen aus Erfahrung und die Weitergabe von Erfahrungen im Zusammenleben der Generationen sind Grundvoraussetzungen menschlichen Lebens und seiner Entwicklungsfähigkeit.

Das Fehlermachen zeigt neben der Irrtumsfähigkeit des Menschen seine Schuldfähigkeit an. Schuld als Summe aus Fehlern, Versäumen und Versagen bestimmen aber nicht den Menschen in schicksalhafter Prägung: Schuld ist vergebbar durch die Einsicht, die zur Umkehr (Buße) führt. So müssen Fehler nicht wiederholt werden, sondern aus Fehlern kann man lernen: es entsteht eine neue Ebene von Wissen und Bewußtsein. Treffend heißt es bei Paulus: "Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet!" (Römer 2;4). Aber das Erfordernis, fehlerfrei sein und arbeiten zu müssen - wie in diesem Fall die Technik der Entsorgung radioaktiven Mülls im Endlager auf einige hunderttausend Jahre - ist zutiefst unmenschlich und menschenfeindlich, weil keine Einsicht, keine Umkehr (Buße) aus Fehlern oder Schuld möglich sind. Denn auf Jahrhunderttausende sind unveränderbare Tatsachen geschaffen worden, die - selbst wenn sie noch durch unsere Generation als Fehler begriffen werden - schon nicht mehr korrigierbar sind.

Der Ruf zur Buße, zur Einsicht, die eine Umkehr und einen Neubeginn ermöglicht, ist die Leben schaffende und Lebenssinn erschließende Botschaft der Propheten und des Jesus von Nazareth. Das Erfordernis fehlerfreier Technik und ihrer fehlerfreien Handhabung leugnet mit der Fehlerfähigkeit a* h die Bußmöglichkeit des Menschen. Damit werden dann auch Vergebung und Versöhnung mit ihrer Leben erneuernden Kraft aufgehoben. Bei einem Fehler in dieser Entsorgung wird es keinen Schuldigen mehr geben und keine Befreiung von Schuld durch Vergebung. Denn es bleibt der geschädigten Kreatur nur das Warten auf Gottes Gericht: weh uns, "da wird sein Heulen und Zähneklappern"!

Die Berechnungen zur Langzeitsicherung geben vor, Aussagen über mehrere Jahrhunderttausende treffen und verantworten zu können. Für einen nur zwei Generationen langen Nutzen aus der Atomenergie wird eine zwanzigtausend Generatioen lang erforderliche Müllbewachung und -verwahrung irreversibel verfügt. Das sind Zeiträume, die sich menschlicher Vorstellungskraft - etwa durch Vergleich erdgeschichtlicher Epochen, insbesondere der Entwicklungsgeschichte des Menschen - weitgehend entziehen und für die keine Verantwortung übernommen werden kann. Die Erkenntnis der Vielfalt der Schöpfung und ihrer Evolution führt zum Willen zu ihrer Bewahrung als Ausdruck der Achtung vor dem Schöpfer. Zur Erhaltung (Bewahrung) der Schöpfung gibt es keine Alternative! Das verbietet uns, künftigen Generationen der Menschheit, ja sogar Epochen erdgeschichtlicher Entwicklung, unsere Lasten aufzubürden. Während jedes Lebewesen der Erdgeschichte verwesen darf, entzieht sich unser! Atommüll dem Vergessen durch die Geschichte: er ist gleichsam "ewig". Er ist nicht einzureihen in den geschöpflichen Kreislauf von Produkten und Reduktion. Seine Entsorgung wird zu einer ewigen Versorgung und Beachtung. Er verlangt allzeitige Bereitschaft und allgegenwärtige Aufmerksamkeit. Somit ist die Entsorgung keine Ent-Sorgung, sondern führt - statt daß wir Ehrfurcht vor dem Schöpfer zeigen - zu gotteslästerlicher Sorge um den Atommüll.

Ein Langzeitsicherheitskonzept zur Endlagerung radioaktiver Abfälle aufzustellen mit dieser Verfügung über Zeiträume von erdgeschichtlicher Dimension, zeigt die Attribute unserer Wachstumsideologie: alles ist machbar, alles ist beherrschbar, alles ist berechenbar und überprüfbar. Nachdem die Atomtechnologie eine schier unbegrenzte Energieversorgung sicherzustellen versprach, muß nun eine ebenso grenzenlose Entsorgung sichergerechnet werden. Aber der Markt (Entgrenzung von Bedürfnissen als Ausdruck wirtschaftlichen Wachstums) darf nicht die Verantwortung vor dem Leben und vor der gesamten Schöpfung korrumpieren! "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon", sagt Jesus in der Bergpredigt (Mat. 6; 24).




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu040/einwendung.htm, Stand: September 1989, dk

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