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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 41 - November 1989


Hoffen und Bangen

von Martin Quandt

Das Volk bestimmt seine Geschicke in der DDR. Die Menschen aus der DDR bestimmen zur Zeit auch unsere Straßen, unsere Gespräche. Von Anfang an mischt sich in die Freude über das Wiedersehen und die Gemeinschaft auch Angst und Kritik. Ich habe meine Schwierigkeit zu akzeptieren, daß es so ist. Ich bin aber auch erleichtert darüber. Wird doch die Hälfte der Wahrheit nicht wieder unterschlagen und verdrängt. Die neue Situation verunsichert stark.
Die Kehrseite der Freude und Begeisterung, also die Angst
die Kritik, werden vermutlich stark zunehmen, wenn deutlich wird, daß die Veränderungen in der DDR nicht auf diese beschränkt bleiben. Wir werden (hoffentlich) merken, daß der Volksaufstand in der DDR auch die Bundesrepublik verändern wird.

Wird die Entdeckung der eigenen Kräfte bei den Menschen in der DDR auch zu einem Entdecken der eigenen Kräfte unter den Christen führen? Aus den Kirchen der Bundesrepublik sind in der Vergangenheit Jahr für Jahr ähnliche Massen ausgewandert. Sichtbar wurde dies fast nur den kirchlichen Funktionären in den Ämtern, die Woche für Woche oder Monat für Monat die Stapel der Austrittsmeldungen von den kommunalen Behörden erhielten. Bei ihnen ist deshalb seit Jahren die Angst, wohin diese Entwicklung führt, auch am stärksten ausgeprägt. Als Pfarrer oder Kirchenvorsteher erlebt man von dieser Austrittswelle immer nur sehr begrenzte Ausschnitte, meistens auch noch wenig konkret durch Nennen von Zahlen, die sich keiner so richtig vorstellt.

Ja, wird es in den Kirchengemeinden auch die Entdeckung der eigenen Kräfte, das Recht, die eigenen Wünsche zu äußern, ein erwachsenes Auftreten und miteinander um den rechten Weg Streiten geben?

Wie oft habe ich über die mündige Gemeinde gepredigt, wie sehr habe ich das protestantische Erbe vom Priestertum aller Gläubigen beschworen. Ich weiß, auch viele Kollegen träumen davon. Aber bisher war ich mir doch immer ziemlich sicher, daß dies Träume bleiben werden. Ich konnte wie oft auf diesen Seiten darüber jammern, klagen und schimpfen, daß die Verhältnisse nicht so sind.

Wenn das "Kirchenvolk" sich befreit, dann wird es uns wohl nicht anders gehen als den altgedienten Funktionären in der DDR. Selbst ein so relativ aufmüpfiges Blättchen wie KVU würde sich sehr ändern. Denn auch hier geben bisher die Funktionäre den Ton an. Ich weiß, viele wehren sich schon gegen diese Bezeichnung. - Es muß aber wohl noch einiges geschehen, bis solch eine Entwicklung die Kirche in der Bundesrepublik ergreift.

Insofern nehme ich die "Stimmen des Volkes" sehr ernst und finde, daß sie sehr Recht haben: "Für die wird alles gemacht! Für die werden Sonderprogramme gestartet! Für die ist plötzlich Geld und Wohnraum und Arbeit da! Für uns Obdachlose gibt es nun überhaupt keine Chance mehr! Zwei Millionen Arbeitslose wurden jetzt schon über ein Jahrzehnt lang mehr schlecht als recht versorgt. Sie hatten und haben sich mit ihrem Los abzufinden. Die Mißstände, die in derartigen Äußerungen benannt werden, sind Teil unserer Wirklichkeit. Verständlich, aber nicht richtig finde ich, daß sie gegen bestimmte Menschen ausgesprochen werden. Meistens sehr aggressiv, weil in den Menschen, die so sprechen, unendlich viel Verletzungen und Erniedrigungen schlummern.

Mich erfüllen die Erfahrungen mit vielen Hoffnungen. Menschen entdecken wirklich ihre eigenen Kräfte und sprengen die brutalsten Mauern dieser Welt. Solche Hoffnung ist keine Illusion. Sie kann zur Wirklichkeit werden. Sollte diese Entwicklung jemals unsere Kirche erreichen, wird diese Hoffnung auch schmerzhafte Veränderungen in meinem Leben zur Folge haben. Aber - darf ich als Mann dieses Bild gebrauchen? - es werden Schmerzen wie bei einer Geburt sein.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu041/hoffenundbangen.htm, Stand: November 1989, dk

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