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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 41 - November 1989


Trauerarbeit in Polen

von Herbert Erchinger

Im September nahm ich an einem polnisch-deutschen Pastoralkolleg in Polen teil. Diese Reise vermittelte mir starke Eindrücke und vermittelte mir einen Einblick in den augenblicklichen Stand im Prozeß der Versöhnung mit Polen.
Dabei habe ich tief Widersprüchliches erlebt, was sehr schwer in Einklang zu bringen ist. Kein Volk ist ja so lange und so intensiv der verbrecherischen Vernichtungsmaschinerie der Nazi ausgesetzt gewesen wie die Polen. Ich habe mich lange im Arbeit kreis "Holocaust" damit beschäftigt.
Auf diesem Hintergrund kam ich schwer damit zurecht, daß wir Deutschen heute in Polen auch als Pfarrer ungewollt als die Reichen auftreten wie in der Dritten Welt. Kaum hatten wir unsere Westautos in Breslau/Wroclaw abgestellt, wurden sie schon von polnischen Jugendlichen gewaschen. Mit glücklichem Lächeln nahmen sie hinterher 1 DM in Empfang. So essen die Hündlein di Brosamen, die von der Herren Tische fallen. Unser Wohlstand schneidet uns von unserer Vergangenheit ab. Ich spürte ständig die tiefe Kluft zwischen dem Reichen Mann und dem Armen Lazarus Da war ich dankbar, daß wir gleich in den ersten Tagen Auschwitz besuchten, denn an Auschwitz vorbei gibt es keine Versöhnung. Die Stehzellen im Block 11 und die Todesfabrik Birkenau mit der Selektionsrampe und dem Barackengelände, soweit das Auge reicht, gehörte zu meinen bisher versäumten Lektionen. Ich will das nicht vergessen. Dann wieder das seltsame Gefühl, ausgerechnet dort von Jugendlichen um D-Mark angesprochen zu werden. Der Schwarzmarkt blüht über den Toten.
Eine ähnliche Entfremdung empfand ich, als wir mit neun deutschen Pfarrern in einem gemütlichen Lokal in der Warschauer Altstadt zu Abend aßen und uns beim Zahlen plötzlich klarmachten, daß wir soeben in Zloty das Monatsgehalt eines polnischen Pfarrers (Bruders?) verzehrt hatten, während es für uns auf Grund des Schwarzmarktkurses nur Taschengeldbeträge waren. Ob dies Essen dem polnischen Kollegen,d en wir eingeladen hatten, geschmeckt hat?
Und gleich neben diesem Speiselokal wurde auf Steintafeln an grausame Erschießungsaktionen der SS erinnert. Ich krieg das nicht zusammen. In meinem Wohnzimmer steht jetzt eine schöne rustikale Bodenvase, die ich in Polen für umgerechnet 80 Pfennig erworben habe. Sie schaut mich oft nachdenklich an.
Plündern wir Polen schon wieder aus? Nein, wir haben in kirchlichen Einrichtungen, die dort unter sehr eingeschränkten Bedingungen arbeiten, manche Spende hinterlassen.
Aber das ungeheure ökonomische Gefälle erschwert meines achtens die Versöhnung. Die polnischen Kollegen wohnten während des Kollegs im Studentenheim der theol. Akademie, wir wohnten feudal im Devisenhotel. Das war reisetechnisch nicht anders möglich. Doch das Sein prägt das Bewußtsein. Nun ein anderer Widerspruch: Ich bejahe völlig die Oder-Neiße-Grenze auf Grund deutscher Schuld und nachgewachsener Generationen, die dort längst Heimatrecht haben. Aber ich konnte mich gegen starke Trauer- und Verlustempfindungen nicht wehren, als wir durch das frühere Breslau bummelten. Aufmerksam registrierte ich jede deutsche Inschrift an Baudenkmälern. Ich empfand Breslau als im Ursprung deutsche Stadt: Deutsches Rathaus, deutsche Kirchen ,deutsche•Verbrechen, von Polen bewohnt. Mit Macht wurde mir deutlich, was wir verloren haben und ich halte diese Trauer für notwendig. Versöhnung, Verzicht setzt Trauer voraus und wir haben sie bisher zu wenig zugelassen. Da hat mir die souveräne Haltung eines polnischen Pfarrers aus Masuren gutgetan, der es sich zur seelsorgerlichen Aufgabe gemacht hat, in den Ferienmonaten zu Besuch kommenden ehemaligen Ostpreußen deutschsprachige Gottesdienste anzubieten. Er sprach sehr nett von den Vertriebenen und von der therapeutischen Bedeutung des Wiedersehens der verloren Heimat. Wiedersehen, um Abschied nehmen zu können. Die Kinder kämen dann als Touristen und Freunde des Landes wieder. Bei gelungener Versöhnung haben wir dann als Deutsche Masuren gar nicht "verloren", sondern neue Freunde gewonnen.
Am positivsten und ungebrochensten sind meine Eindruck von der alten Königsstadt Krakau und dem Wallfahrtszentrum Schtenstochau mit dem Gnadenbild der Heiligen Madonna. Endlich mal keine Zerstörung, sondern Kontinuität. Hier spürte ich das Selbstbewußtsein und die ungebrochene Identität des polnischen Volkes. Nur im Gästebuch haben Himmler und Hans Frank einige Seiten vor Kennedy und Genscher ihre Spuren hinterlassen.
Betroffen bin ich noch rückblickend über die Tatsache, daß die Demokratisierung des öffentlichen Lebens in Polen die Menschen nicht aus ihrer tiefen Lethargie befreit hat. Immer wieder hörte ich: Wir haben keine Hoffnung auf wirkliche Verbesserung. Demokratie kann offensichtlich nicht funktionieren, solange das wirtschaftliche Leben stagniert und Hoffnungslosigkeit verbreitet. Hier scheint ein Grundproblem der Entwicklung Europas zu liegen.
Und dann die kleinen evangelischen Gemeinden. Durch Abwanderung sind viele an den Rand der Existenz geraten. Sie arbeiten unter jämmerlichen Umständen und können oft nur mit verzweifelter Mühe ihre Kirchengebäude erhalten. Beziehungen zu westlichen Kirchen und dem Gustav-Adolf-Werk lindern nur die allerschlimmste Not. Eine sterbende Kirche? Nein, sobald wir gemeinsam Gottesdienst feierten, wußten wir: Diese Kirche lebt.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu041/trauerarbeit.htm, Stand: November 1989, dk

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