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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 41 - November 1989


SCHRITTE ZUR VERSTÄNDIGUNG

von Detlef Quandt, Susanne Schuchardt, Markes Bratall, Hermann Voigt und der Wicherngemeinde Braunschweig

Vom 26. Okt. bis zum 5. Nov. war eine Gruppe von 21 Mitgliedern der Friedensinitiative in der Braunschweiger Landeskirche in Belorußland und Litauen. 4 Personen aus unserer Gemeinde nahmen an dieser Fahrt teil, die der Versöhnung mit den Menschen in der Sowjetunion dienen sollte. Ausschnitte wichtiger Erfahrungen geben wir hier wieder:
"Auf unserer Fahrt wollten wir uns einem Bereich weithin verdrängter deutscher Geschichte stellen. Schon auf der Bahnfahrt begegnete mir diese Geschichte sehr konkret in Gestalt eines 76jähriaen Mannes. Viele Stunden erzählte er mir, zum Teil unter Tränen, sein Lebensgeschichte.
1943 wurde er als 30jähriqer Mann aus der Ukraine von seiner Frau und seinen Kindern getrennt und als russischer Zwangsarbeiter ins Ruhrgebiet verschleppt. Er mußte im Bergbau schuften und hatte Glück, daß er zu den wenigen gehörte, die die Stranazen und die Hungersnot überlebten. Nach dem Krieg gab es für ihn keine Möglichkeit, in seine Heimat zurückzukehren, denn unter der Diktatur Stalins und seiner Nachfolger mußte er bei Rückkehr mit einer Verbannung nach Sibirien oder dem Tod rechnen. Er blieb daher in der Bundesrepublik, arbeitete hier weiter im Kohlebergbau, heiratete eine Deutsche und erfuhr nichts über seine Familie. Nachdem sich vieles in der Sowjetunion durch Gorbatschow änderte, faßte der alte Mann noch einmal Mut und suchte wieder, ob seine Kinder und seine 1. Frau noch lebten. Vor einem Jahr bekam er aus seiner Heimat eine positive Antwort, und nun macht er sich nach 46 Jahren auf diese lange Reise, um noch einmal seine erwachsenen Kinder, Enkelkinder und seine Heimat wiederzusehen.
Das Leid, die Not, die Heimatlosigkeit - er beherrscht heute als Staatenloser keine Sprache sicher, weder Ukrainisch, noch Russisch, noch kann er deutsch schreiben -, aber auch ein Lichtblick von Hoffnung - dieser Aufbruch des alten Mannes zu einem versöhnlicheren Ende, das hat mich sehr bewegt."
Detlef Quandt

"Eines der eindrucksvollsten, aber auch bedrückendste Erlebnisse auf unserer Reise war unser Besuch in Chatyn, eine nationale Gedenkstätte, die 1969 eingeweiht wurde (nicht zu verwechseln mit Katyn, wo tausende polnische Offiziere unter Stalin erschossen wurden) Chatyn ist ein Kapitel unserer finsteren deutschen Geschichte.
60 km außerhalb von Minsk - mit dem Bus über eine Stunde fahren wir bei Nieselregen dorthin. Von der wunder schönen Landschaft können wir wenig sehen, es ist alles grau in grau.
Die Gedenkstätte liegt dort, wo einst das kleine belorussische Dorf Chatyn stand. Wir gehen den Weg hinunter auf eine überlebensgroße Gestalt zu. Es ist der Schmied Kaminski, einer der drei Überlebenden des Massakers, der seinen sterbenden Sohn in den Armen hält.
Einheiten einer SS-Einsatzgruppe drangen am 22.3.1943. in das Dorf ein, holten die Menschen aus ihren Häusern und trieben sie in die Dorfscheune. Dann zündeten sie die Scheune an. Bei lebendigem Leibe wurden 149 Menschen, darunter 75 Kinder, verbrannt. Wer versuchte zu fliehen, wurde durch Maschinengewehrsalven der SS-Leute erschossen. Eine Mutter, die entkommen wollte sind dabei erschossen wurde, fiel auf ihren 7jähriqen 3ohn, der so, durch den Körper der Mutter geschützt, überlebte. Das ganze Dorf wurde in Schutt und Asche gelegt, die Brunnen vergiftet. Nur Josef Kaminski und zwei Kinder entkamen dem Massaker.
Das alles erzählt uns Ina, unsere Intertouristdolmetscherin hier an der Skulptur: "Der Unbeugsame", Symbol des belorussischen Volkes. Uns schnürt es die Kehle zu Ich kann das Weinen nicht mehr unterdrücken. Rechts neben dem Denkmal steht ein schwarzes Marmordach, Symbol für die Scheune, die an diesem Platz gestanden hatte. Links auf einer Anhöhe das Massengrab der Chatyner mit einer Gedenktafel. Ina übersetzt uns: 'Liebe Mitmenschen, denkt daran: Wir haben das Leben und unsere Heimat und Euch geliebt. Wir sind lebendigen Leibes verbrannt. Unsere Bitte an alle: Mögen Euch eure Trauer und Leid Kraft und Mut geben, damit Ihr für immer Frieden auf der Welt stiftet. Damit nie und immer das Leben im Sturm des Feuers stirbt."
Dort, wo die Holzhäuser standen, stehen nun kahle Betonschornsteine mit einer Glocke. Die Grundrisse der Häuser sind ebenfalls mit Beton angedeutet. Alle 30 Sekunden schlägt die Glocke zur Mahnung.
Unsere mitgebrachten Blumen legen wir in einigen der Häuser nieder. - Wir gehen weiter. Rechts vom Weg eine große Rasenfläche mit Gedenksteinen. So wie Chatyn wurden damals 186 weitere belorussische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Es sind die Dörfer, die nicht mehr aufgebaut werden konnten, weil niemand mehr da war, es zu tun. Es ist der Friedhof der Dörfer. Eine Raute am Gedenkstein zeigt an, daß sie verbrannt wurden, darüber eine Urne mit Erde von dem Ort, an dem das Dorf einmal gestanden hat. Noch weitere 433 Dörfer sind auf ähnliche Weise wie Chatyn vernichtet worden; aber sie sind nach dem Krieg wieder aufgebaut worden. Deshalb sind ihre Namen in einem Lebensbaum am Rande des Friedhofs aufgeschrieben - ein Zeichen der Hoffnung. 'Wir werden immer mit der Vergangenheit leben' steht auf dem Stammbaum.
Dazu erzählt uns Ina: Ganze Landkreise in Belorußland sind völlig ausgerottet worden. 209 Städte und größere Ortschaften, 9200 Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt. 2.230.000 Bürger, jeder vierte Einwohner fiel dem Terror zum Opfer. - Tiefe Betroffenheit läßt uns verstummen. Ich weine innerlich und friere. Der Regen nieselt unaufhörlich, dazu ist ein scharfer Wind aufgekommen. Das Wetter ist unserer Stimmung angeglichen.
Der 3. Teil dieser Gedenkstätte ist den KZs in Belorußland gewidmet. In eine Betonmauer sind große und kleine Nischen eingelassen worden. Das Grau des Betons symbolisiert die Farbe der Baracken. 260 KZs gab es in Belorußland. Wir haben Kerzen von zu Hause mitgebracht und zünden nun in den Nischen der Mauer die Lichter an zum Gedenken an all die Ermordeten. Z.B. für die Kinder, die, bevor sie ermordet wurden, noch zu medizinischen Experimenten mißbraucht wurden - als Blutspender für die Wehrmachtssoldaten, bis sie körperlich am Ende waren und dann gefesselt lebend in die Massengräber geworfen wurden, um Kugeln zu sparen.
In der Mitte des Gedenkplatzes brennt die ewige Flamme. Drei Birken stehen hier, die vierte fehlt - einer von vier Einwohnern ist umgekommen. Abseits vom ewigen Feuer halten wir eine kleine Andacht. Es regnet immer noch, und es ist sehr kalt. Wir stehen da und frieren und versuchen, unsere Sprachlosigkeit in Worte zu fas sen. Einige von uns weinen. Das abschließende Vaterunser kann ich kaum mitsprechen. Inzwischen sind viel Besucherinnen und Besucher an uns vorbeigegangen. Schulklassen, Gruppen von Kindern, Familien, alte und junge Leute. An jedem Tag gedenken hier tausende von Menschen der Opfer des Vernichtungskrieges. Ich spüre aber keinen Vorwurf und Haß uns Deutschen gegenüber, weder von den Menschen noch aus den Worten auf den Gedenktafeln."
Susanne Schuchardt

"Das Treffen mit dem Belorussischen Freundschaftskomitee in Minsk war für mich eines der vielen besondere Erlebnisse auf unserer Reise durch die UdSSR. Wir trafen mit einer Stunde Verspätung in einer großen Villa ein. An liebevoll gedeckten Tischen warteten 30 Erwachsene unterschiedlichen Alters auf uns. Wir wurden herzlich begrüßt. Nachdem wir uns mit Hilfe unserer Dolmetscherin Ina gegenseitig vorgestellt hatten wurde uns ein kurzer Film über Hannover qezeigt. Dort hatten einige der Anwesenden in diesem Jahr die Messe besucht. - Bei Kaffee und Gebäck wurden viele Fragen zur politischen Situation in der Sowjetunion diskutiert. Über die Hoffnungen und Wünsche in die Umgestaltunqspolitik von Gorbatschow wurde qroßer Offenheit gesprochen. Das erlebten wir übrigens überall während unserer Reise. Auch die Verbrechen der Stalinzeit sollen keine weißen Flecken der Geschichte bleiben. Die schreckliche Wahrheit muß ans Licht, wurde gesagt.
Zum Abschluß des Treffens wurde für uns ein Konzert qegeben. Acht junge Frauen spielten auf Zimbeln. Das sind Saiteninstrumente, die der Zither ähneln. Aber sie zaubern auch Töne wie eine Harfe oder Geige hervor. Von einer Frau am Klavier wurden sie begleitet. Diese schwermütige und doch fröhliche, lebensvolle Musik berührte mein Herz und meine Seele so sehr, daß ich nur noch weinen konnte.
Am Morgen hatten wir die Gedenkstätte Chatyn gesehen, die zur Erinnerung an die ermordeten Kinder, Frauen und Männer in Belorußland errichtet wurde. Der Klang der Glocken dort und alles, was wir sahen, hatte mich tief bewegt. - Nun hier dieses Treffen mit Menschen, die nicht ein einziges Wort des Vorwurfes qegen Deutsche sprachen, trotz der schlimmen Ereignisse, die alle Familien durch die deutsche Wehrmacht im Jahre 1943 erdulden mußten.
Mir fielen Befehle ein, die ich in Wehrmachtsdokumenten gelesen hatte: 'Der russische Mensch ist schlecht, P n Untermensch, nicht wert zu leben und wenn, dann ~s unser Sklave. Der russische Mensch hat keine Kultur. Wir werden diese Menschen ausrotten. Macht ihre Dörfer dem Erdboden gleich.
Friedvollen russischen Menschen saß ich gegenüber und hörte ihre wunderbare, alte Volksmusik. Das überstieg meine Kraft.
Nach dem Konzert kam ein ehemaliger Oberst auf mich zu. Als ich mich für meine Gefühle entschuldigte, nahm er mich in den Arm und sagte, er hätte es bis heute nicht geschafft, nach Chatyn zu gehen, Das Übersteige seine Kraft.
Ich möchte mehr Deutsche dazu ermutigen, sich auf die Spuren unserer Väter nach Belorußland zu begeben."
Marlies Bretall

"Es war ein trüber Novembertag, als wir in Minsk das Museum des 'Großen Vaterländischen Krieges' besuchten. Eine bedrückende Fülle von zusammengetragenen Dokumenten, Bildern und Gegenständen aus der Zeit des Krieges erwartete uns. Was hier besonders erschütterte und betroffen machte, waren die Einzelschicksale der gemordeten, gequälten und geschundenen Menschen, von Säuglingen bis zu Greisen, die dann in ihrer großen Zahl in die Statistik zu Millionen einmündeten. Allein in Weißrußland sind 2.230.000 Bürger - jeder vierte Einwohner - ermordet worden. Alles wurde in Schutt und Asche gelegt. Was noch übriglieb, wie Verkehrs-mittel, Eisenbahnen, Brücken, Energieversorgungen usw. und nicht zuletzt das gesamte Vieh, das nicht mehr abtransportiert werden konnte, wurde beim Rückzug der deutschen Truppen durch die Aktion 'Verbrannte Erde' restlos niedergemacht. - All dieses war hier in seiner unvorstellbaren Grausamkeit zu erfahren.
Wir konnten weitaus nicht alles erfassen und waren auch an die Grenze der Belastbarkeit gekommen, als wir abberufen wurden, um noch ein Gespräch mit russischen Veteranen zu haben. Dieses fand in einem Nebenraum des Museums statt. Die Beklommenheit bei mir stieg, sollten wir doch nun mit unmittelbar Beteiligten zusammenkommen. Auch ich war ja beteiligt. Als junger Soldat war ich z.B. im Raum Smolensk - Minsk an der Front gewesen. Haben wir vielleicht gegenübergestanden? aufeinander geschossen? Wie erleichtert war ich, als uns zwei freundliche Herren, ehemalige Offiziere der 'Roten Armee', einer sogar 'Held der Sowjetunion', herzlich begrüßten. Nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt hatten, entspann sich ein Gespräch. Viele Fragen wurden von beiden Seiten gestellt und beantwortet. Wieder erstaunte es, daß uns - wie überhaupt auf der ganzen Reise - kein Haß und keine Polemik entgegenschlugen. Immer wieder waren wir beschämt und beglückt zugleich, mit welcher Herzlichkeit und Bereitschaft die russischen Menschen auf uns zukamen und uns aufnahmen. Immer wieder erfuhr ich, wie groß die Sehnsucht nach Frieden und Freundschaft mit dem deutschen Volk in ihnen verwurzelt ist, so auch bei diesen beiden Herren. Etwas fiel dann auch von meiner Beklommenheit. Nach gegenseitigem Austausch einiger Geschenke verabschiedeten wir uns herzlich nicht ohne die Bitte seitens der Veteranen, bald wiederzukommen. Außerdem wünschten sie unserer Arbeit für Frieden und Verständigung viel Erfolg. Der ehemalige Oberst gab mir ehemaligem kleinen Soldaten die Hand und sagte 'Freundschaft auf immer!'
Zum Schluß eine kleine Episode, die uns sehr erfreute: Immer, wenn wir Menschen begegneten, die sich für uns interessierten, gaben wir ihnen ein vorbereitetes Schreiben mit unserem Anliegen. So auch in diesem Museum an die dort Bediensteten. Wir konnten sehen, wie sie eifrig lasen, zueinander gingen und die Köpfe zusammensteckten.
Als wir das Museum verlassen wollten, kam eine alte Dame auf mich zu und sprach mich an. In ihrer sichtlichen Rührung konnte ich sie nur schwer verstehen. Sie drückte mir lange die Hand, bedankte sich herzlich auch im Namen ihrer Kolleginnen und Kollegen für unser Anliegen und wünschte alles Gute. Sodann Übergab sie mir einen schnell geschriebenen Zettel, auf dem geschrieben war: 'Wir sind zufrieden mit dem Wirken Ihrer Gruppe. Wir danken Ihnen. Sorgen Sie dafür, daß es mehr solcher Gruppen bei Ihnen gibt. Vielen Dank Ihnen. Die Mitarbeiter des Museums.'"
Hermann Voiat

In unseren Erfahrungsberichten haben wir den Blick stark auf die Vergangenheit gerichtet. Gleichzeitig erlebten wir aber auch die Gegenwart mit ihren Veränderungen und dem gewandelten Bewußtsein. Wir alle hatten das Gefühl, für einen Moment an einem revolutionären Umbruch teilnehmen zu können. Im Augenblick wird in der SU von sehr vielen Menschen fast alles in Frage gestellt und öffentlich diskutiert. Befreiend ist diese Offenheit und Ehrlichkeit. Wir wünschen sehnlichst, daß die sowjetischen Menschen auf diesem Weg weitergehen können,
Detlef Ouandt




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu041/verstaendigung.htm, Stand: November 1989, dk

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