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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 42 - Dezember 1989


Wahnsinn: DDR-Rechte plus BRD-Rechte = 4. Reich im Kommen

von Dietrich Kuessner

Es langt.Kommentar der Hosang-Rabbow Clique am 9.11.89:

"Hier wird die Nachkriegsgeschichte einschließlich ihrer Grenzziehung revidiert". Also: Braunschweiger Zeitung als völkischer Beobachter unserer nationalen Scene trommelt auf Wiedervereinigung bis alles in Scherben fällt: Grenze weg heißt: freie Marktwirtschaft zwischen Oder und Elbe, statt Stasi Verfassungsschutz, statt Arbeitslose in den Betrieben Arbeitslose zu Hause,der errechenbare Anteil beträgt 1:4, also 5oo.000 in der DDR plus 2 Millionen in der BRD,1,5 Millionen an der Armutsgrenze Lebende in der DDR, bei uns 6 Millionen, macht summa 7,5 Millionen, reizende Aussichten allerseits für die nächsten Jahrzehnte. Die Bemerkung zur Grenzfrage in unserer Erklärung ist aktueller als je.

Der Wert der DM steigt und steigt. Die Süddeutsche Zeitung diagnostiziert angesichts der Grundstückspekulationen am 14.12.:"Kein Wunder, wenn man in allen Erdteilen angesichts der vorhersehbar niedrigen Einstiegskosten satte Gewinne riecht." Danach ist die DM-Offensive unabwendbar, und unser schüchterner Hinweis in der Erklärung wohl wichtig.

Ich habe in den letzten 6 Wochen sehr viele Gespräche mit DDR-Leuten im kleinen und großen Kreis, privat und öffentlich gehabt und mein Eindruck: da braut sich bei Intellektuellen wie bei Konsumleuten in der DDR eine hemmungslose, unkritische Westorientiertheit zusammen, die von der West-CDU unterhalb der Generalsekretärsebene aufgesogen wird und ein schauderhaftes Koalitionsgemix abgibt. Das geschiehtalles.mit Wissen und in Absprache mit Kohl. Denn Geisler mußte ja gehen, weil er sich mit Kohl nicht verstand; versteht sich also, daß mit dem knäbischen Rühe das alles bestens abgesprochen ist. Es ist ja geradezu lachhaft, wenn uns Rühe, duese Mischung von Unschuld und Brechreiz, uns erklärt,daß DDR-Leutein den Kreisgeschäftsstellen der West-CDU sich mit Broschüren,Parolen und Fahnen eindecken. Da ist wohl schon richtiger, was Rudolf Großkopff im Deutschen Allgemeinen SONNTAGSBLATT am 15.12. auf S.1 im Leitartikel vermutet:"Brisanter ist die Spannung, die sich in der DDR aufzuladen droht. Dabei läßt sich noch nicht abschätzen,wieviel auf bundesrepublikanische Stimmungen und Drahtzieher zurückgeht,wenn Z.B. die allwöchentlichen Leipziger Demonstrationen ihr Gesicht völlig verändern.."

Die DDR-Rechte und die BRD-Rechte in unheiliger, aber natürlich christlicher Koalition,die SPD klappert hinterher, Genscher drückt sich unklar aus; ab Januar wird es furchtbar und mit nahendem Wahlkampf in Niedersachsen und der DDR immer verrückter.

Gegen diese neonazistischen Gefahren ist unsere Erklärung geschrieben. Nichts ist überholt, wie Martin Quandt in seinem Einspruch zwar behauptet aber nicht begründet. Die Grenzfrage ist brennender denn je. Die beschäftigt ganz Europa, nur - ach du lieber Martin - liest davon nichts?

Ich weiß, welche dramatische Bedeutung die Grenzfrage hat. Ich will wie Herbert E. auch mal mit dem Gefühl, also aus dem Bauch argumentieren: kein ev.Pfarrhaus steht dichter an der innerdeutschen Staatsgrenze als meins in Offleben. Ich gucke durchs Küchenfenster auf den Wachturm. Ich sehe durchs Schlafzimmerfenster: Wachturm. Wir legen uns ins Bett. Frage: Was blitzt da so orange im Spiegel des Schrankes? Antwort: Die Beleuchtung der DDR-Grenze. Solange das alles ist, weiß ich etwas von dem Schrecken, der Banalität, der Hinfälligkeit und der Schutzfunktion der Grenze. Der Turm ist jetzt leer,die Lampen werden wohl bald ausgeknipst, aber die Grenze muß nun garantiert werden, wie Helmut Schmidt in der ZEIT zu Recht schreibt: (vom 15.12.)"Deutscher Glaube kann keine Berge versetzen. Er darf Grenzen weder versetzen noch aufheben wollen; er darf es nicht um des Friedens willen". Und da wäre es keine Aufgabe für einen Pfarrer,eine Pastorin bei uns in dieser Lage zu sagen:nachdem die DDR der Grenze den unmenschlichen Charakter genommen hat,möge unsere Regierung um der Stabilität willen die Grenze fürs erste noch mal anerkennen?

Die Einlassung von M.Quandt unter Absatz 5(S. )erweckt bei mir den Eindruck eines vorsätzlichen Mißverständnisses. Es geht nur darum, etwa für das Neue Forum Papier und einen Abzugsapparat zu sammeln und rüberzubringen.

Die Absicht der Erklärung ist es, dem Wiedervereinigungsrummel hier gründlich und hörbar zu widerstehen, und den Leuten in der DDR dadurch Ruhe zu eigener Klärung und Verarbeitung wenigstens von unserer Seite aus zu verschaffen. Die Erklärung ist keineswegs eine 'Einmischung nach "drüben", sie richtet sich an Regierende in Kirche und Gesellschaft bei uns in der BRD, nicht an die DDR.Das kann Martin Quandt nicht überlesen haben. Die "Bemerkungen" zur Erklärung könnten Aufschluß geben dem,der sie lesen will.

Herbert E. tut seine Unterschrift schon leid. Was ist das für eine Papiersolidarität? "Wahlhilfe für die CDU"
( ). Ach danke schön. Die Reaktion der Rechten im Lande Braunschweig von Herrn Jahn bis Herrn Reinemann sind anders. Die fühlen sich zu Recht kräftig gestört. Weizsäckers wichtige These von den zwei deutschen Staaten in einer deutschen Nation als Ausgangspunkt für das Zusammenrücken mit der DDR- ist das nach Erchinger: 'Vorhang aus Papier"? Grundfalsch ist Dein Satz:"Die Teilung Deutschlands und Europas stimulierte ständig die rechtsradikale Scene"
( ). Umgekehrt: Das Einheitsgequasselle stimuliert die rechtsradikale Scene in der DDR und der BRD. Schönhuber schickt tonnenweise Material in die DDR, ebenso die CDU. Sie haben gemeinsam die Parole der "Wiedervereinigung jetzt". Und das reicht bis in die gute Stube des Braunschweiger Bürgertums der Hosänger und Rabbownen.

Am meisten auf den Geist geht mir die ungerechtfertigte Sozialismusdebatte. Wer Sozialismus vom Stalinismus nicht unterscheiden will,wer nicht die herrliche Vielfalt im sozialistischen Lager Europas zur Kenntnis nehmen will, wer zudem den Sozialismus nicht als Zielvorstellung begreift sondern mit der komischen Frage kommt:Wo ist er denn nun? ( Ja, lieber Herr Jesus, wo ist denn nun das Reich Gottes?), mit dem ist das Gespräch keineswegs aussichtslos, aber bestimmt mühsam. Ordinär finde ich allerdings die VergeBlichkeit in Chschichte: Wem haben wir denn im Braunschweiger Land das allgemeine Wahlrecht, das Wahlrecht für Frauen, die Hebung der Schulverhältnisse zu verdanken? Etwa den Deutsch-Nationalen ? Es war das Ergebnis eines zähen Kampfes der Sozialisten. Wenn die Leute in der DDR im Mai frei wählen können,dann haben sie das den Sozialisten im ehemaligen Deutschen Reich zu verdanken. Demokratie und Sozialismus sind ja ganz eng miteinander verbunden. Aber die CDU bekämpft mit dem Slogan "Freiheit statt Sozialismus" nicht nur die SED sondern auch die SPD. Schauerlich und verlogen. Und dazu können wir als Kirche schweigen!

Eine Bemerkung zur Ost-CDU: Ihr 1. Vorsitzender ist stellvertretender Präses der Synode des Bundes der Kirchen in der DDR. Ihr 2. Vorsitzender (Stellvertreter ist der leitende Jurist der thüringischen Landeskirche. Siehe dazu den Zeitungsausschnitt auf der nächsten Seite. Kirchner nach der Frankfurter Rundschau vom 27.11.d.J.:
" CDU-West und CDU-Ost lägen sehr nahe beieinander". Die Bundesrepublik sei für die Ost-CDU Modell eines starken Sozialstaates. Wie sich doch die Entwicklungen in der CDU gleichen: damals bei uns die Oberkirchenräte Ehlers, Cillien, Schwatzkopf in der West-CDU , nun macht die Ost- CDU denselben Fehler. Damals sollte es bei uns im Gegensatz zur NSDAP wieder richtig christlich zugehen, heute soll es in der DDR im Gegensatz zur SED wieder richtig christlich zugehen in der Politik. Und was das für eine Christlichkeit ist, demonstriert dann die Tatsache, daß sich der "Erneuerungsparteitag"der Ost-CDU ausgerechnet Herrn Diepgen als West-CDUler gefallen läßt, den Mann aus dem stinkendsten CDU-Sumpf ,den es bei der CDU je gab mit Lummer-Stasi, ausgedehntester Überwachungstätigkeit des CDU-Berliner Verfassungsschutzes, Polizei u. Bestechungsskandalen. Diese Art von Ost-CDU braucht beim Wähler nur noch die Andeutung zu machen, daß sie im Gegensatz zu allen anderen Parteien doch für eine gar nicht so weit entfernte Wiederverinigung sei, um kräftige Stimmengewinne zu kassieren. Mit wem sie allerdings nach dem 6. Mai koalieren will, ist schleierhaft. Und dem Kirchenbund in der DDR steht ein saftiger Konflikt ins Haus. Die nächste Bundessynode wird sehr sehr spannend:
Pfarrer Steffen Reiche bei der Ost-SPD, Eppelmann und Schorlemmer beim Demokratischen Aufbruch, der sich auf die Dauer wohl doch zu einer außerparlamentarischen Bürgerrechtsbewegung zurückbilden wird, Kirchner und andere etablierte Kirchenfürsten bei der Ost-CDU,die Unierten (Forck, Krusche, Demke) im Aufruf "An unser Land". Zwischen den DDR- und BRD- Kirchen besteht "einr besondere Gemeinschaft". FÜr uns ist das das ein Grun d mehr, für die Erklärung hüben wie drüben zu werben, sie zu verteilen und darüber zu diskutieren zur Klärung des eigenen Standpunktes:Was sollen wir selber im Hinblick auf die beiden Staaten in einer deutschen Nation und auf die evangelischen Kirchen in diesen beiden Staaten ?

Die Erklärung fordert zu Folgerungen in unserem eigenen Kirchenwesen auf (Welche Veränderungen müssen wir angesichts von Kirchenaustritten, Resignation in synodalen Gremien gegenüber der Kirchenzentrale, dem Eindringen kirchenfremder Marketing-und Werbevorstellungen in den kirchlichen Raum, der Armen und Arbeitslosen in der Bundesrepublik in unseren eigenen Kirchen vornehmen?).

Glockenläuten, DDR-Gemeinsamkeiten und 500.00o Piepen für die sächsische Landeskirche (im übrigen ein ziemlich dreister Vorgriff auf Haushaltsmittel der neuen Synode durch den Synoden-Fürst von damals-wird er etwa berufen?) sind da wenig hilfreich, eher ablenkend. Was soll denn das Glockegeläute weil die Grenze hoch geht? Ich kann zwar diese "Theologie mit dem Bauch", das enthusiastische Gefühl gut verstehen, aber hatten wir uns nach 1945 nicht dazu entschlossen, nie mehr zu geschichtlichen Ereignissen die Glocken zu läuten? Und dann darf der "Choral von Leuthen" Nun danket alle(s) Gott auch nicht fehlen wie schon beim "Tag von Potsdam im März 1933. Der Rauch des Jahres 1933 mit viel völkischem Idealismus, echter Begeisterung, religiösem Hochgefühl ( in den Grenzgemeinde mit DDR-Leuten mal wieder gefüllte Kirchen!) - urplötzlich zieht er wieder auf. Nun soll doch bitteschön keiner die Deutschen Christen von damals in ihrer Anfangsphase Frühsommer 1933 vermrteilen, wenn er-möglicherweise unreflektiert- demselben Virus erliegt und Dünnpips kriegt. Theologie aus dem Bauch verursacht theologischen Durchfall, nichts weiter.

Und die vielen Gemeinsamkeiten von hüben mit drüben wirken ja rührend und komisch. Wir kriegen in unserer eigenen Landeskirche kaum anständige, reformfreudige Amtskonferenzen zustande, und dann soll das mit denen drüben klappen? Zwischen den Charismatikern ,Bulmannianern, gesellschaftskritischen, reformerischen, orthodoxen Pfarrern, Pastorinnen und Gemeinde und Gemeindegliedern bestehen bei uns tiefe Gräben. Wir hätten allen Anlaß, Mauern, Grenzen und Gräben erst mal unter uns zu beseitigen, damit wir bei aller emphorischen Gemeinsamkeit nicht unsere eigenen Probleme und Fronten nun übertransportieren.

Es geht bei der Einschätzung der gegenwärtigen Lage in unseren Kirchen und was zu tun sei ein tiefer Riß durch die Kirchen in der DDR, durch unsere Braunschweiger Landeskirche, auch durch die Redaktion der KvU. Ob die unterschiedlichen Antworten ergänzungsfähig sind, bezweifle ich sehr. Aber hoffen kann man ja immer.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu042/wahnsinn.htm, Stand: Dezember 1989, dk

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