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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 42 - Dezember 1989


WIR KÖNNEN EIGENTLICH NUR WEINEN

von Antje und Eckehard Binder

So wortwörtlich Pfarrer Ingelmann bei unserm letzten Gespräch in Weferlingen in der DDR. Diese Worte markieren auch für uns eine Art Zwischenbilanz nach den Ereignissen der letzten Wochen.Dabei bestimmten anfangs Freude und Hoffnung unser Leben beiderseits der Grenze.

Grasleben und Weferlingen liegen knapp zwei Kilometer voneinander entfernt, das erste ein Dorf im ehemaligen Herzogtum Braunschweig, letzteres ein ehemaliger preußischer Marktflecken mit kleinstädtischem Charakter. Heute hat Grasleben mehr Einwohner als Weferlingen.Jahrzehntelang konnten nur die Bewohner selbst den Ort betreten. Er lag im streng abgeriegelten Grenzsperrgebiet der DDR.

Die Kontakte zwischen beiden ev.Kirchengemeinden waren schon vor einem Jahr entstanden aufgrund einer Begegnung der Ortspfarrer während eines gemeinsamen Pfarrkonvents in Haldensleben.So kam es direkt nach der Öffnung der DDR-Grenzen am 9./10.11. zu dem spontanen Entschluß, am Sonntag, dem 12.11. gemeinsamen Gottesdienst in Grasleben zu feiern. Es war für uns alle ein bewegendes Ereignis, in der überfüllten St. Maria Kirche zu Grasleben zu beten und auf die Predigt von Pfarrer Ingelmann zu hören. Im Anschluß daran luden Grasleber Familien Weferlinger Familien zu sich zum Mittagessen ein.

In der Woche darauf überschlugen sich die Ereignisse. Noch am Sonntag wurde das Sperrgebiet aufgehoben, und am Mittwoch begannen die Bauarbeiten für den Grenzübergang Grasleben-Weferlingen, der am Samstag ,dem 18.11. offiziell eröffnet wurde. Da wir aus der Bundesrepublik an diesem Wochenende ohne Visum und Zwangsumtausch nach Weferlingen gehen konnten, feierten wir am Sonntag, dem 19.11. gemeins. Gottesdienst in der Weferlinger St. Lamberti-Kirche.

Eine weitere Aktivität war der Besuch der Weferlinger Kinderkrippe im ev. Kindergarten Grasleben. Dieser Besuch wurde am Nikolaustag erwidert. Hier zeigte sich schon, wieviel besonders wir in der Bundesrepublik in unserem Umgang mit unsern Mitmenschen in der DDR noch lernen müssen. Aus der anfänglichen Idee, den Weferlinger Kindern mit paar Süßigkeiten und Südfrüchten eine Freude zu machen, wurde ein VW-Bus voll mit mehreren Kartons,u.a. Spielsachen, die die Eltern auch des Kindergartens in Mariental gesammelt hatten. Für unsere Gastgeber war dies sehr beschämend. Die Kinderkrippe Weferlingen ist nämlich mit Spielsachen besser ausgerüstet als viele unserer Kindergärten! Die Meinung, daß alles in der DDR minderwertig ist im Vergleich zu dem in der Bundesrepublik, verstärkt sich in der DDR jetzt noch - und wir haben zum großen Teil Schuld daran.

Die anfängliche Euphorie und die Sammlung auch vieler unkirchlicher Menschen in und um die Kirchen in der DDR ist einer zunehmender Westorientierung gewichen. Viele derjenigen im grenznahen Gebiet, die begonnen hatten, Kirche ( nicht nur im volkskirchlichen Sinn) als etwas glaubwürdiges zu entdecken, sind den fast unwiderstehlichen Verlockungen der vielen parteipolitischen Provinzgrößen bei uns mit extra auf sie ausgerichteten "Wohltätigkeitsveranstaltungen" erlegen. Die Menschen, die gerade auch in Weferlingen benötigt werden, um wirklich etwas zu verändern und neu aufzubauen, sind so mit anderen Aktivitäten beschäftigt. "Wir können eigentlich nur noch weinen!" ?

Aber es hat eben auch Begnungen gegeben, die diese Bezeichnung berechtigterweise tragen: in Familien nach den gemeinsamen Gottesdiensten und während einer Wochenendfreizeit am 8.10.12. in Hohegeiß i.Harz. Diese Begegnungen geben doch Anlaß zu. der Hoffnung, daß auf tatsächlich unterster Ebene die Menschen sich noch näher kommen und auf Fragen stoßen, die sie vielleicht gemeinsam bearbeiten möchten (neben den vielen unterschiedlichen Problemen, die im jeweiligen Gesellschaftssystem gelöst werden müssen!). Hierzu könnten gemeinsame Treffen von Gemeindekreisen einen guten Rahmen bilden. Gerade im grenznahen Bereich haben wir die Chance, in kleinen Schritten das Zusammenleben mit Christen in der DDR im wörtlichsten Sinne einzuüben, eine sicherlich unbegreifliche Chance wenn man bedenkt, daß die einzige Kontaktmöglichkeit der Kirchengemeinden bisher darin bestand, sich am dritten Ort in der DDR zu treffen.

Wir wünschen uns allen, daß es uns gelingt, diese Chance zu nutzen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu042/weinen.htm, Stand: Dezember 1989, dk

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