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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 43 - März 1990


Die einzige Kraft gegen die Resignation heißt Vision

Offene Antwort an Heinz-Joachim Berger von Harald Bussenius

Lieber Heinz-Joachim Berger. Erschrocken legte Ich ihren Brief nach des Lesen nieder. Mich erschrak die Gleichgültig- und Gleichförmigkeit, die wir im Moment als Christen an. wenigsten gebrauchen können. Mich ärgert die Trägheit und Unbeweglichkeit vieler Menschen, die zu wenig in Frage stellen. Meiner Meinung nach lebt es sich ohne Visionen eher ohnmächtig und reisignativ durch den Alltag. Dieses Leben ohne Visionen führt zu Pessimismus, zum Leben ohne Hoffnung, in dem alles in Negativen enden müßte. "Es hätte ja auch alles anders kommen können...", klar, aber weil viele unserer Geschwister in der DDR mit Gottvertrauen und energischer Tatkraft leben, ist es nicht dazu gekommen! Unser Hoffen bestimmt unser Tun.

Mir fehlt ihrem Brief nun wirklich jede erkennbare Streitkultur. Es fällt mir schwer, Ansatzpunkte für eine Streitkultur mit Ihnen zu finden. Genau dieser Punkt ärgert mich. Zu einer Streitkultur gehört das Beziehen und Benennen von Standpuktea. das Bekennen von Meinungen.

Da ist es mir lieber, wenn Herr Kuessner provokativ seine Position darlegt. Seine Momentaufnahme, sein Andenken weitere Schritte macht ihn sichtbar und - viele übersehen das wohl - auch verletzlich.

Ich möchte nun versuchen meine Standpunkte zu skizzieren: Vorweg gesagt: ich schätze Sie unbekannterweise genauso respektvoll wie Sie den Herrn Rühe. Trotzdem - bei aller Achtung Nichtssager, Abwarter und Gewährenlasser schaffen keine Veränderung, bringen nichts neues ( siehe Entwicklung bis zu den Demonstrationen/Friedensgebeten in Leipzig in der DDR). Standortbezieher sind stets Vorreiter, Minderheiten, weil sich die breite Masse von Konsum und Luxus verantwortungslos 'einlullen' lässt.

Verantwortungslos auch ihrem Glauben gegenüber, denn der fordert - betrachten wir die Bibel genauer - durchaus ein anderes Leben. Welche Möglichkeiten bietet denn das Christentum eigentlich in dieser bürgerlichen Kultur?

Kirche und Kapitalismus haben eine lange gemeinsame Geschichte. Für viele Menschen und Christen in der Welt verkörpert. Kirche bis heute den Kapitalismus schlechthin. Es geht um die Chancen des Christentums, denn soviel dürfte feststehen: die Sozialgestalt unserer Kirche ist in diesen Land weitestgehend gestorben. Diesen 'Tod' der Kirche zu benennen fordert Christenmut, weil viele, entgegen ihrem Gefühl, die Tatsache nicht wahr haben wollen.

Wir brauchen eine österliche Hoffnungsperspektive, um den Glaubenspessimismus zu überwinden. Noch ist das Wesen der Kirche nicht am Boden. Für die schöpferische Weitergabe unseres Glaubens brauchen wir Visionen. Wir werden unserer Unwelt nur widerstehen können, wenn wir in unserem Inneren mit Zukunftsvisionen, "mit dem neuen Leben, mit der schöpferischen Kraft Gottes verbunden sind" (Hans-Eckehard Bahr:" Hoffen - Geschichten von gelingenden Leben").

Wenn wir als Christen prophetische Visionen aus den Augen verlieren, wenn wir unsere Wurzeln verdorren lassen, dort aufhören, wo Jona begann, wird die Vision von Reich Gottes auf Erden hoffnungslose Utopie bleiben. Was auch immer 'Reich Gottes' heißen mag; es verlangt von uns heute kraftvolle Visionen. Ohne Perspektive können wir keine Ausblicke wagen, werden Mauern bestehen bleiben. Versuche bedürfen ohne Perspektive keiner Umsetzung, Sehnsüchte würden ausbluten, Ansätze im Sande verlaufen. Wir haben unsere Visionen noch nicht in die Tat umgesetzt. Nicht hier, nicht heute.

Im Augenblick spüren wir eher das Folgende: "Je mehr das Pathos des Neuen, die Suche nach dem Anderen und Ändernden, die Leidenschaft für das Größere und Ganze sich Gestalt und Bahn bricht, desto mehr erscheint die Kirche selbst und auch der christliche Glaube als alt, uralt und veraltet: New-Age gegen Old-Age! Kirche und auch Christsein wird zu beziehungslos, zu erfahrungslos, zu wenig vital und leidenschaftlich erlebt "(Gotthard Fuchs in "Jugend verändert Kirche")".

Im Aufbruch besinnen wir uns zu wenig auf uns, auf unseren Christlichen Standpunkt in Kapitalismus.

Demokratie jetzt - was darunter zu verstehen ist, ist vielen in der DDR unklar. Ich muß sagen, daß mir an einer Klärung dieses Begriffes auch für unser Land gelegen ist, Der Ausblick, daß wir die DDR überrennen, entstandene Visionen mit kapitalistischer Manier niederrennen ohne Zeit für Dialoge gehabt zu haben, erschreckt mich. Unreflektiert wird alles, was hier scheinbar gut ist, für die Aufgabe von Eigenständigkeit verkauft. So verstehe ich Kuessners Erklärung als Momentaufnahme, die Zeit und Möglichkeit bietet, uns vor zu schnellem Handlungsdrängen ruhiges Machdenken zu ermöglichen, Besinnung auf uns, auf unsere Werte, unsere Vorstellungen.

Was wollen wir, was will ich hier als Christ? heißen die Fragen - und nicht! was ist eben für die DDR gut?

Hier im Lande fühle ich mich eben überfahren. Vieles geht mir zu schnell, läßt mich vom Tagesgeschehen abwartend zurückziehen. "Wenn die Resignation überhand nimmt, wächst der Visions-Bedarf"( Paul-Michael Zulehner in: "Jugend verändert Kirche").

Wenn meine Sehnsucht nach Erfüllung ruft, brauche ich Visionen. Hiob, der fromme Rebell, der allem Frevel widerstand, kommt mir in den Sinn. Sein Handeln forderte Kraft und Ausdauer. Und Jesus hat uns auch ein bescheideneres Leben vorgelebt, das mit dem hiesigen wenig zu tun hat.

Als Christen brauchen wir grenzüberschreitende, weltweite Visionen. Unser Horizont muß über den Grenzzaun hinaus führen. Wir werden nicht konform mit jetzigen Verhältnissen leben können. Christ sein ,bedeutet ein Stück Opposition. "Das Leben geht nur, wenn ich hoffe und handle, als ob es ginge "(Hans-Eckehard Bahr, s.o.).

Wir leben hier nicht im gelobten Land. Gottes Verheißung liegt noch vor uns. Aber schon jetzt können wir uns von unseren Fesseln befreien, uns die Knebel unserer Götzen vom Mund entfernen. So öffnet sich der Weg für gegenseitige Ein- und Zugeständnisse. Die Welt schreit nach Freiheit und fordert uns zum Handeln heraus. Die Chance eines geschwisterlichen Miteinanders liegt greifbar vor uns.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu043/antwort.htm, Stand: März 1990, dk

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