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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 50 - Januar/Februar 1991


KEIN FALL " WALTER LERCHE" - SONDERN ?

von Dietrich Kuessner

Ein Artikel in der Braunschweiger Zeitung von Heinz - Bernd Goedecke am 7.11.1990 hat die Sache noch mal einer größeren Öffentlichkeit publik gemacht. Im Rundfunk waren davor außerdem wiederholt die Nachforschungsergebnisse von Johannes Unger über den Prozeß gegen Erna Wazinski zu hören. Das hat zu einer Anfrage des Synodalen Bengsch in der Landessynode geführt, die Beratungen im Gemeindeausschuß und im Ältestenausschuß auslösten. In der nächsten Synodalsitzung am 8. Februar werden wir hören, was sie erbracht haben. Was die Justiz macht, die den Prozeß womöglich wieder aufrollt, ist die eine Seite, die die Landeskirche zunächst nichts angeht. Es geht auch nicht um Entschädigungsansprüche, weil von der Familie Wazinski keiner mehr lebt ( allerdings leben könnte: Erna Wazinski, Jahrgang 1925, wäre heute 65 Jahre alt ). Es geht in der Kirche zunächst darum, wie ein Vorsitzender des Sondergerichts, der offenbar mehrere Todesurteile zu verantworten hat, einen leitenden Posten in der Landeskirche erlangen konnte, ohne sich zu seiner Vergangenheit gegenüber der Kirche zu äußern. Ist er unter falschen Voraussetzungen angestellt worden ? Hat Walter Lerche die Kirchenleitung seinerzeit getäuscht ? Wie hat dies und anderes nach 1945 funktioniert ?

Es funktionierte folgendermaßen: Walter Lerche, Jahrgang 1901, war zur Zeit des Todesurteils ein dynamischer Mann, 43 Jahre alt, sein Vorgänger mußte gehen, weil er zu lasch war, von Lerche erwartete man offenbar das Gegenteil. Nach 45 verlor er alle Posten in der Braunschweiger Justiz. Er war für sie offenbar untragbar geworden. Aber für die Kirche ? Merkwürdig. Die Landeskirche hatte für solche Fälle einen "Persilwaschsalon" ( aus braun mach violett) eingerichtet, die sog. "ev. Akademie". Diese vom späteren Landesbischof Erdmann am 4.11.1946 feierlich eröffnete Akademie war eigentlich eine gute Sache. Sie diente der Ausbildung von Religionslehrern und Katechetinnen, die man in der Landeskirche nach 45 dringend benötigte ( wie heute in den neuen Bundesländern). Es gibt heute noch mehrere in der Landeskirche, die von ihrer Ausbildung in der Akademie erzählen können. Aber die Akademie gerät ins Zwielicht. Es fehlt nicht nur jeder, eigentlich selbstverständliche Einfluß der Bekenneden Kirche auf die Dozentenschaft: im Gegenteil, alte Nazis melden sich als Dozenten: der AT Professor Hempel, Mitglied der Thüringer Deutschen Christen bis 1945, der seinen Lehrstuhl in Göttingen verloren hat, will hier unterkriechen. Er bekommt aber eine Gemeinde in Salzgitter. Mehr Glück hat Professor Schmidt-Japing, der gewaltsam und gegen den Willen der Studenten vom Nazi-Ministerium eingesetzte Nachfolger von Karl Barth in Bonn, eine wahrhaft unerfreuliche Figur und nach 45 an der Bonner Uni unhaltbar geworden. Schmidt-Japing unterrichtet an der braunen Akademie Systematik und Praktische Theologie. Mehr noch: er ist von 1949-196o Pfarrverweser an der Brüdernkirche. Das hat die Liturgiker vom Dienst damals nicht gestört. Er hat auch kräftig in der Männerarbeit mitgemacht. Sehr viel undurchsichtiger ist der Leiter der Akademie Dr. Ritter. Wer je seine Handschrift gesehen hat, gewinnt spontan den Eindruck: diese deutschen Kinderschriftzüge sind künstlich zugelegt und haben was zu verbergen. Er habe das Wesen eines SS- Psychologen, erzählt mir einer der Erstsemester. Nach 18 Monaten wird Ritter "unter anderem auch aus gesundheitlichen Gründen" entlassen. Die gesamte Dozentenschaft (I) wird 1948 ausgewechselt. Die Akademie erlebt einen zweiten, ganz anderen Abschnitt ihrer kurzen Geschichte, den der Vizepräsident der Landessynode miterlebt hat. Immerhin: das ganze Unternehmen mit dem nun einzigen hauptamtlichen Mitarbeiter Pfarrer Rienecker läuft bald aus.
Sonderrichter Walter Lerche gehört zum ersten Semester dieses "braunen Abschnittes" der Akademie und durchläuft eine katechetische Ausbildung. Andere ns-Juristen aus Braunschweig übrigens auch, z.B. Höse und Grimpe. Auch Grimpe war m.W. am Sondergericht. Zum 1. Semester gehört auch Dr. Klara Wicke, Oberstudienrätin und überzeugte Anhängerin des Nationalsozialismus, kurzum: eine recht gemischte Gesellschaft. Erstaunlich ist nun jedoch, daß Lerche nicht in ein katechetisches Amt geht, sondern 1947 im Landeskirchenamt als Hilfsreferent eingestellt wird, und zwar in der Grundstücksabteilung. Anders macht es Dr. Kronenberg. Er war juristischer Oberkirchenrat in der Kirchenkanzlei in Berlin und dort 1945 unhaltbar geworden. Er ging .... in die Braunschweigische Landeskirche, aber nicht in sein altes Fach Kirchenjura, sondern wurde Pastor und flüchtete in die Roswithaforschung.
Lerche im Landeskirchenamt war von seinem Herkommen logisch: der Großvater war Generalsuperintendent in Braunschweig gewesen, der Bruder Pfarrer in Gebhardshagen, also eine fromme Braunschweiger Familie, keine Probleme mit der Kirche. So bot es sich an, daß die drei mächtigen Leute im Landeskirchenamt: Bischof Erdmann und die Oberlandeskirchenräte Röpke und Breust ihn in ihre schützenden Arme nahmen. Breust indes war selber schwer belastet: bis 1945 Deutscher Christ, Mitarbeiter der berüchtigten Wolfenbüttler Finanzabteilung bis 1943. Breust ist die fatalste Fehlbesetzung nach 1945. Was heißt Fehlbesetzung? Er fuhr im Sommer 1945 einfach mit dem Möbelwagen vor das Landeskirchenamt vor, packte seine Möbel aus, nistete sich ein und ging nicht wieder. Er kannte ganz genau die braune, allmählich entnazifizierende Vergangenheit der Mitarbeiter im Landeskirchenamt, in der seit 1923 als Oberkirchenrat gearbeitet hatte, 1934 beurlaubt wurde, aber den Kontakt nie verlor. Nun konnte er die alten Seilschaften wieder aufleben lassen. Jeder wußte von jedem Bescheid, ganz gewiß auch Oberlandeskirchenrat Fritz Steffen, der in der berüchtigten Finanzabteilung Hoffmeister das Referat IV Grundstücke verwaltete, vor 45 und nach 45. Ihm war Lerche unterstellt. Über die Entnazifizierung des Landeskirchenamtes geben die Personalakten bestens Bescheid. Aber die Behandlung eben dieser Entnazifizierungsakten ist ein weiteres besonders trübes Kapitel praktizierter Ungläubigkeit in der Kirchenbehörde.
Lerche wird vom Landeskirchenamt nach außen präsentiert. Er wird 1949 in die Generalsynode der VELKD geschickt und dort nicht unter seiner tatsächlichen Tätigkeit als Hilfsreferent in der Grundstückabteilung sondern als "Landgerichtsdirektor z. W." geführt und zum 2. Präsidenten der Generalsynode gewählt. Damit ist auch in Braunschweig der Aufstieg erleichtert. Lerche wird im Juni 1951 Oberlandeskirchenrat, 1957 Mitglied des Kollegiums. Nun sind sie wieder alle unter sich: Breust, Lerche, Röpke, Strothmann. Da kann jeder jeden erpressen: der eine hatte es mit der Gestapo, der andere mit Hoffmeister, der nächste mit dem Sondergericht, der vierte Generalbevollmächtigter für die Gemeinden in der Hermann-Göring-Stadt und darüber ein schwacher Bischof, der das alles bemäntelte und Vergebung mit Verdrängung kunstvoll zu verknüpfen wußte. Nichts sollte bekannt werden, bis nicht der letzte Lebende gestorben sei, sei sein Vermächtnis gewesen, offenbarte Oberlandeskirchenrat Wandersleb, der dieses Vermächtnis dann bis in die 8oiger Jahre hütete.
Also wirklich kein "Fall Lerche" - sondern ein typischer Fall Braunschweiger Kirche nach 1945.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu050/wazinski3.htm, Stand: Januar/Februar 1990, dk

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