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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

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Propst entschuldigt sich bei Homosexuellen

Daß die Kirche mit Kranken Gottesdienste feiert, ist in zwanzig christlichen Jahrhunderten üblich geworden. Und erst nach 10 Jahren Aids war es möglich, einen Gedenkgottesdienst für Betroffene, Schwule, Drogenabhängige und Prostituierte im Braunschweiger Dom abzuhalten.

Anläßlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dez. 92 lud die AIDS-Hilfe in Zusammenarbeit mit dem Propst Armin Kraft und dem Dominikaner Pater Hans-Albert Gunk zu einem ökumenischen Gottesdienst.

Der Propst zeigte von vorne herein Farbe: in seiner Begrüßung entschuldigte er sich bei den anwesenden Schwulen und Lesben . "Die christliche Kirche hat oft weggesehen, wenn es um Asylanten, Homosexuelle oder Kranke ging" erklärte er "Ich kann nur um Entschuldigung bitten für die Vorurteile und Diskriminierung durch eine Kirche, die die Nächstenliebe predigt. Glaubensätze, die die Liebe einschränken, taugen nichts."

Der Gottesdienst hatte den Sinn nicht schon wieder wegzusehen. Jean-Luc Tissot von der Braunschweiger AIDS-Hilfe zeigte auch, daß das Maß voll ist: 9/10 der an Aids infizierten Menschen leben in der 2/3-Welt und haben einen sehr schweren Zugang zu Präventions- und Pflegemöglichkeiten. Aids erinnert an den Skandal der weltweiten ungerechten Verteilung des Reichtums. Nicht nur Menschen anderer Hautfarbe, Nationalität und Religion werden zur Zeit tätlich angegriffen: in Braunschweig hat die Zahl der Überfälle gegen Schwule drastisch zugenommen. Zuletzt rief er die Kirchen auf, ein Schuldbekenntnis abzulegen, wegen ihrer diskriminierenden Haltung gegenüber den Homosexuellen.

 

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Die Realität von Aids wurde im Dom sichtbar, als eine Schweigeminute für einen, der nicht dabei sein könnte, gehalten wurde Hans Peter Hauschild, vom Bundesvorstand der Deutschen AIDS-Hilfe mußte seine Ansprache wegen seiner Aidserkrankung kurzfristig absagen.

Der Propst Armin Kraft predigte über die Geschichte der Heilung eines seit 38 Jahren gelähmten Mannes am Teich von Bethesda. Er betonte die Notwendigkeit der Solidarität mit den Aids-Kranken, ob Homosexuelle oder Drogenabhängige. Diese Hilfe sollte eine Selbstverständlichkeit unter Mitmenschen sein, ohne daß sich diese dafür glorifizieren. Kraft schloß mit den Worten, daß die Liebe wichtiger sei als Glaubensbekenntnis und auch aus diesem Grunde Homosexualität nichts Verwerfliches sein könne.

Auf den Bänken standen Kerzen. Pater Hans-Albert lud die TeilnehmerInnen ein, sie anzuzünden und über den Altar im Zeichen der Gemeinschaft zu bringen. Zwei lange Schlangen bildeten sich in tiefer Stille. Die Gedanken waren mit den Verstorbenen, dem Freund, der Freundin, dem Sohn, der Bekannten... Der Dominikaner Pater betete für sie " daß ihr Lebe und Sterben nicht umsonst gewesen ist". Er bat auch für Offenheit der Christen und der Kirchen für Schwule und Lesben " Wir denken an Gemeinden, die nichts zu tun haben wollen mit homosexuellen Männern und Frauen, an bischöfliche, synodale und päpstliche Schreiben, die die Liebe unter Schwulen und Lesben diskriminieren und ins Zwielicht rücken.

Daß dieser Gottesdienst ein echtes Bedürfnis für viele war, bewies auch die mehr als 300 Besucher. Viele von ihnen waren seit Jahren zum ersten Mal wieder in der Kirche und waren sichtlich gerührt.

JLT.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu065/aidsgd.htm, Stand: 12. Dezember 2001, dk