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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Heft 82 Juni 1996

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Die Revolversynode 30.5. - 1.6.1996 aus dem Hessenkopf

von Dietrich Kuessner

Die Synode wirkte auf mich wie ein geladener Revolver. Sie wird noch allerlei bleibende Verwundungen hinterlassen, wer weiß, vielleicht auch Tote. Abgeknallt wurde so ganz nebenenbei aus der Hüfte das "Haus der Kirchlichen Dienste" als Wirkungsstätte der gesamtkirchlichen Dienste. Sie werden nun ohne Einverständnis der Mitarbeitervertretung auf das Kasernengelände nach Wolfenbüttel verfrachtet. Abgeknallt wurde die Finanzkompetenz von OLKR Dr. Fischer: sein Finanzierungsplan vom Kauf und Umbau der Kasernengelände zu einem Kirchencampus von 12 Millionen DM aus dem Jahre 1995 hat sich als schwerer Fehler erwiesen: die Kasernen kosten jetzt 23 Millionen DM und noch auf der Synode erwies sich, daß dies nicht die letzten Kosten sind. Jedes Wirtschaftsunternehmen würde einen solchen Wirtschaftsfachmann schleunigst an die frische Luft setzen. Abgeknallt wurde die Vision von einer Landessynode mit einem wirklich kritischen, offenen Dialog mit der Kirchenleitung: stattdessen Hofhaltung, allseitige Verbeugung: "Herr Landesbischof, wir danken Ihnen", "Herr Landesbischof, Sie sind nun schon zwei Jahre bei uns.." ( Blumen vom Präsidenten), "Wir Frauen möchten alles nachlesen, was Sie da geschrieben haben, könnten Sie nicht.." Tatsächlich hatte als einzige Abteilung des Landeskirchenamtes das Bischofsreferat 01 keinen Bericht abgeliefert trotz zwei Sekretärinnen und einer ganzen Theologenstelle, obwohl die doch alle sehr fleißig waren. Aber das hatte keiner/ keine gemerkt. Ich hatte das bereits bei den Berichten von Landesbischof Müller bemängelt, und die Kirchenregierung hatte es durchgehen lassen. Abgeknallt wurde.. aber alles nach der Reihe. Vorab winken wir freundlich zu Herrn Landeskirchenoberamtsrat Böhning herüber, der übel daniederlag, die schweren Operationen nun überstanden hat. Wir freuen uns, wenn er im Sommer wieder im Synodalbüro sitzt. Die Einrichtung eines Synodalbüros hat keine Mehrheit im Rechtsausschuß und im Ältesten-u. Nominierungsausschuß gefunden. Die Ablehnung ist also vertagt. Der Umstand kann weitergehen.

Die Tische im Sitzungssaal vom Hessenkopf waren am Donnerstag Nachmittag bereits zusammengeschoben, damit die Lücken nicht so sichtbar würden: es fehlten am ersten und dritten Tag 13 Synodale, am zweiten 11 Synodale, darunter zum zweiten Mal bereits Unidirektor Rebe,

 

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der bis heute noch nicht sein Gelöbnis abgelegt hat. Seine Berufung war ein vorhersehbarer Fehlgriff. Propst Kraft schlug später einen Bischofsbeirat vor. Da gehört er hinein. Die Synodalen können von ihm keine Basisarbeit erwarten. Er fehlte auch in den beiden ersten Rechtsausschußsitzungen. Vielleicht kann jemand ihn in einem persönlichen Gespräch von der Sinnlosigkeit seiner Berufung überzeugen. Als wir anfingen, fehlten sogar 15, also mehr als ein Viertel. Wir sind insgesamt 57; nicht sehr eindrucksvoll. Aber die Zuhörerreihen waren dicht gefüllt mit Vikarinnen, Vikaren und Theologiestudierenden, denn ein Hauptthema sollte die Frage der drohenden Arbeitslosigkeit in der nachwachsenden PfarrerInnenschaft und ihrer Beseitigung sein. Dazu sollten sie sich selber räuspern.

Überraschungen aus der Kirchenregierung

Zu Beginn der Sitzungen bekommen die Synodalen jeweils auf mehreren Seiten zu lesen, was die Kirchenregierung zur Bekanntgabe freigibt. Das müssen sie husch husch lesen und dürfen dann Fragen stellen. Da hieß es z.B., daß Propst Boetcher Ende November 1996 in den Ruhestand trete, er ist dann 62 Jahre alt. "In diesem Zusammenhang hat die Kirchenregierung beschlossen, das Landeskirchenamt zu beauftragen, eine Neuordnung der Propsteien insbesondere im Blick auf die Propstei Schöppenstedt zu klären." Es liegt erst drei Jahre zurück, daß das Landeskirchenamt unter Federführung von OLKR Niemann der Synode in einem sehr langen Gutachten erklärt hat, an den Propsteien werde nichts geändert. Im Kollegium des Landeskirchenamtes war es insbesondere OLKR Dr. Fischer, der die Anzahl der Propsteien auf sieben zusammenstreichen wollte. Er war damals unterlegen, nun versucht er es erneut mit einer neuen Mehrheit im Kollegium des Landeskirchenamtes. Wenn es Mode wird, beim Ausscheiden eines Propstes jeweils über die Struktur der Landeskirche nachzudenken, bekommen wir nie Ruhe in die Kirche. In den nächsten drei bis vier Jahren scheiden die Pröpste Fiedler (Königslutter) und Schliepack (Vechelde) aus.

Da OLKR Dr. Fischer ja nun unseligerweise auch Politik über die Presse macht, konnte er für die ihm genehme Schlagzeile sorgen. Also war in der BZ am 31. Mai auf Seite 1 und auf der Seite Niedersachsen zu lesen "Beratungen der Landessynode in Goslar. Propstei Schöppenstedt auf dem Prüfstand". Ich wurde in Helmstedt noch am Sonnabend mit der Frage überrascht, ob wir die Propstei Schöppenstedt abgeschafft hätten und wann Helmstedt drankomme. Eben diesen Eindruck wollte Fischer erwecken: die Synode habe bereits "beraten".

 

 

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Propstei Schöppenstedt im Überblick

Die Propstei Schöppenstedt ist allerdings ein ganz besonders schwieriges Gelände für eine Reform, weil sie die meisten kleinsten Gemeinden in unserer Landeskirche hat: nämlich drei bis zu 100 Kirchenmitglieder ( Kl. Dahlum, Weferlingen, Kalme), dreizehn bis zu 200 Gemeindemitglieder ( Sottmar, Mönchevahlberg, Gilzum, Hachum, Ampleben, Kneitlingen, Eilum, Warle, Wetzleben, Timmern, Berklingen, Kl. Vahlberg, Bansleben ), sechs bis zu 300 Gemeindemitglieder ( Eitzum, Kl. Denkte, Schliestedt, Uerde, Watzum, Seinstedt ) und vier bis zu 400 Gemeindemitglieder ( Sambleben, Hedeper, Semmenstedt, Gr. Vahlberg ). Es folgen Roklum ( 438 ), Evessen ( 512 ) und Gr. Dahlum ( 516 ), Winnigstedt ( 680 ), Dettum ( 714 ), Remlingen ( 833 ), Gr. Denkte ( 1086 ) und Schöppenstedt ( 3.287 Evangelische ). Insgesamt verteilen sich die 13.697 Gemeindemitglieder auf 37 Ortschaften mit 37 (!) Kirchenvorständen. Sie werden in 11,5 Pfarrstellen zusammengefaßt. Auf deutsch: Vier Pfarrer verwalten vier Kirchengemeinden, fünf Pfarrer verwalten drei Kirchengemeinden, einer verwaltet zwei Kirchengemeinden, dazu das Städtchen Schöppenstedt und eine halbe Pfarrstelle mit der Synodalin Pfarrerin Müller, woher auch die Synodalin Frau Kaltschmidt kommt. Das Braunschweiger Übel ist es, daß jedes kleinste Dorf seine Kirche und seinen Kirchenvorstand hat. Wenn Urlaubszeit ist, hat ein Pfarrer dann bis zu elf Kirchengemeinden zu verwalten. Beispiel: Pfarrer Rochelmeyer in Gr. Vahlberg ( vier Gemeinden) hat Sambleben( mit vier Kirchengemeinden) mitzuverwalten, d.h. im Januar 8 Haushaltspläne, acht Kirchenvorstandsitzungen etc. Wenn dann noch einer krank wird, wird es ganz eng. Am Erntedankfest, Bußtag, Weihnachten will jeder Kirchenvorstand in seiner Kirche einen Gottesdienst haben. Das krasse Gegenbeispiel waren die Kirchspiele in Ostpreußen, wo zu einem Kirchspiel mit einer Kirche zehn bis zwanzig Dörfer gehörten, und es wurde sonntags angespannt Warum geht das in Zeiten wesentlich erhöhter Mobilität im Braunschweigischen nicht? An diesem Punkte hat eine basisnahe Reform anzusetzen unter Berücksichtigung von Anlaufstellen in jedem Dorf ( u.a. Kirchenkassennebenstelle, Kirchenvorstand, Frauenhilfe) und der Intensivierung des alten Pfarrverbandsgedanken.( Pfarrverbandskasse, Pfarrverbandssitzungen, Pfarrverbandshaushalte). Ob zur Propstei Schöppenstedt noch paar Gemeinden aus der Propstei Bad Harzburg zugeschlagen werden, ist ziemlich piepe. Im Pröpstekonvent war davon die Rede, die ab November 1996 freiwerdende Propststelle in Schöppenstedt

 

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vorerst nicht wieder zu besetzen. Das Gegenteil wäre richtig: die Stelle mit einer jüngeren, reformfähigen, reformfreudigen und durchsetzungsbereiten Person zu besetzen. Der Schöppenstedter Pfarrkonvent hatte brieflich beim Landeskirchenamt dagegen eine rasche Besetzung der Propststelle gefordert. Die Schlagzeile vom Freitag "Schöppenstedt auf dem Prüfstand" mobilisierte den Vorsitzenden der Propsteisynode Oberstudienrat Kynast, und er faxte seinen Protest stante pede auf den Hessenkopf. OLKR Becker faxte zurück, der Landesbischof und er selber seien für den Erhalt einer Propstei Schöppenstedt. Uns Synodalen blieb das alles bis Tagungs-ende vollständig verborgen, gegenüber einem Verfassungsorgan eine Frivolität ( "o frivol ist mir am Abend, wenn zur Ruh die Glocken läuten, bim bam"). Die neuen Synodalen mögen noch den Eindruck haben, sie werden unter den Informationen der Kirchenregierung vollständig und wahrheitsgemäß bedient. Weder das eine noch das andere. Und damit das so bleibt, kommen die Infos der Kirchenregierung immer erst ganz kurz vor Sitzungsbeginn heraus. Dieser Zeitfaktor hat System.

Abschaffung der Kirchenkassenstellen auf dem Lande

Eine weitere Information der Kirchenregierung, unter "Verschiedenes" versteckt, zielte darauf, zentrale Buchungsstellen einzurichten und die Kirchenkassen auf dem Lande einzustampfen. Propst Schinke roch den Braten und stellte eine Rückfrage dazu. Er vermutet zu Recht, die einzelnen Kirchengemeinden würden hinsichtlich der Verwaltung ihrer Kirchenkasse vollständig entmündigt, und das Kassenwesen auf dem Lande umständlicher und teurer. OLKR Dr. Fischer dagegen sagt: "entlastet". Die Pfarrerinnen und Pfarrer würden "frei für die Seelsorge". Fischer meint: Kirchenvorstände sind inkompetent und doof. Sie lassen z.B. die Regenrinnen vollaufen, dadurch absichtlich die Kirche beschädigen, um dann an höhere Renovierungskosten heranzukomen. Diesen in seiner Verallgemeinerung unerhörten Vorwurf hörten sich die Pröpste und Ordinierte der Synode an, ohne was zu sagen. Fischer kommt seinem strategischen Ziel der Entmündigung der Kirchenvorstände und einem grundsätzlichen Umbau der Struktur der Landeskirche von Mal zu Mal näher. Wem historische Vergleiche zur Verfügung stehen, wird an die Nazizeit erinnert, als Oberregierungsrat Hoffmeister im Landeskirchenamt hauste, der auch der Meinung war, die Pfarrer sollten sich gefälligst nur um das Seelische kümmern. Er setzte den Kirchenvorständen Finanzbeauftragte vor die Nase. Das ist die wahre Funktion der Buchungsstellen. Die Frucht und Erkenntnis

 

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des Kirchenkampfes war es damals, daß Geistliches und Verwaltungsmäßiges eben nicht zu trennen wäre. In diesem Fall hat es übrigens einen erheblichen Kirchenkampf in unserer Landeskirche gegeben: viele Kirchenvorstände haben sich damals nicht so kampflos entmündigen lassen. Den Synodalen, die die ländlichen Verhältnisse nicht kennen, sind sowas wie "Kirchenkassen auf dem Lande" Kleinigkeiten, bei denen man sich nicht solange aufhalten sollte. Man will ja schließlich auch mal nach Hause. Immerhin setzte Schinke doch einen Antrag auf, nach dem die Kirchenkassen auf dem Lande bleiben sollen, wenn sie es wollen, und er erhielt eine Mehrheit. Das wird Dube und Fischer nicht davon abhalten, den Kirchenkassenrechungsführerinnen davon vorzuschwärmen, daß sie alles viel billiger und einfacher haben könnten, und OLKR Niemann wird der Synode dann wieder erzählen, die Einrichtung von zentralen Buchungsstellen sei auf ausdrücklichen Wunsch der Gemeinden zustandegekommen. Solche Buchungsstellen werden sich in Zukunft als schwere Fehlinvestition erweisen, wenn die Kirchengemeinden per On line sich direkt nach Hannover an die Oberzentrale anschließen können, wie das übrigens Propst Boetcher schon getan hat. Eine propsteiübergreifende Buchungsstelle soll in Helmstedt eingerichtet werden und ca 6 Millionen DM kosten. Die Kosten für die Lebenstedter Buchungsstelle konnte Propst Schlimme nicht angeben.

Nach diesem anstrengenden Teil folgten einige erholsamere Pünktchen: Frau Christiansen stellte den Fortgang ihrer Arbeit vor, insbesondere die drei Faltblätter zum gegenwärtigen und historischen Standort der Landeskirche. Sie reichte einen interessanten Adventskalender mit Texten für die Zeit vom 1.12. - 31.12. durch die Reihen (Nachfragen bei IPS). Dr. Voss empfahl die Wiedereinrichtung der Kammern (Öffentlichkeit, Frauenfragen, Umwelt) und Ausschüsse ( Studentengemeinde, Fortbildung) und des Aids-Arbeitskreises. Frau Pfarrerin Becker berichtete aus der Ev. Studentengemeinde. Kammern und Ausschüsse wurden dann am Ende der Tagung auch personell besetzt.

Schon am Abend des ersten Tages legte der Landesbischof den Lage- und Tätigkeitsbericht vor, den das Landeskirchenamt durch die Kirchenregierung alle zwei Jahre der Landessynode vorzulegen hat. Dazu hatte es eine 210 Seiten starke Anlage mit Berichten aus den Referaten, Werken und Einrichtungen der Landeskirche gegeben, zu spät, wie

 

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Frau Haller mit Recht anmahnte, um in den Arbeitskreisen und zu Hause gründlich durchgearbeitet werden zu können. Einleitend stellte der Bischof fest, daß die Kirche immer noch ein "weitgespanntes Netz kirchlicher Präsenz" mit ganz unterschiedlichen Aktivitäten im Braunschweiger Land ist. Man solle "Kirche" eben nicht verengt auf Kirchenverwaltung oder ein Einzelinteresse verstehen, sondern die Zusammenhänge beachten. Er regte an, statt eines Tätigkeitsberichtes ein open hearing nach einigen wenigen zusammenhängenden Sachbereichen aufgeteilt zu veranstalten. Schade, daß diese Idee von den Synodalen nicht weiter aufgegriffen worden ist. Man könnte auch Beides machen: vor der Synode ein Tätigkeitsbericht und in einer Abendveranstaltung bei einer Gemeinde die öffentliche Anhörung. Unter der Überschrift "Das Ziel ist der Mensch" (Teil 1) schilderte der Bischof, wie das weitgespannte Netzwerk eben die Verbindung zu dem Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen sucht. "Es ist ein Ausmaß an menschlicher Kommunikation und Nähe, an helfender und seelsorgerlicher Lebensbegleitung geschaffen worden, das seinesgleichen im Lande sucht." Krause nannte dafür als prägnantes Beispiele u.a. das Jugendzentrum im Fredenberg (Salzgitter-Lebenstedt), das Frauenzentrum in Blankenburg, die Öffnung kirchlicher Räume zum Schutz für Asylbewerber, die Beteiligung an der Schaffung einer Aufgabenvermittlungsstelle für die große Zahl der Frühruheständler. Die Kirche unterstütze somit die Forderung nach einer Entwicklung vom Sozialstaat zur Sozialgesellschaft. In Teil 2 "Nicht vom Brot allein" bestärkt der Bischof die Pfarrerschaft, Lektorinnen und Prädikanten, den Weg in der Nachfolge als den Grund unter den Füßen nicht zu verlieren auch bei kleinen Zahlen und unter schwierigen Bedingungen. Die Kirche müsse im Dorf bleiben und der Religionsunterricht in der Schule. Der Vorschlag, die beiden halben Stellen für Kindergottesdienstarbeit in eine ganze zu verwandeln, führte später zu einem Antrag aus der Synode, der auch angenommen wurde. Mir ist das fraglich: nun entfällt die Anbindung dieser Arbeit an die praktische, sonntägliche Kindergottesdienstarbeit. Man müßte einmal die Erfahrungen von Schinke und Böse einholen. Die Bemerkung, der Traum der 68er sei ausgeträumt, er habe "uns von unendlich viel Muff und Gerümpel befreit, von dem wir nichts mehr zurückhaben wollen", habe aber auch "etliche Wurzeln ausgerissen" und mache die Profilierung als missionarische Kirche dringend erforderlich, führte zu einigen Nachfragen. Im Teil 3 "Gemeinschaft organisieren"

 

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hob der Bischof die deutliche Positionierung der Frau in der Landeskirche in Kirchenvorständen, bei den Ehrenamtlichen und im Netzwerk der Frauenhilfe hervor. Er unterstrich die Notwendigkeit, neue befristete Pfarrstellen zu schaffen, mit dem für ihn typischen Satz "mit dem Ziel, mit der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat bei den Menschen zu bleiben, wo sie leben". Sein besonderer Wunsch, im Landeskirchenamt eine befristete qualifizierte Planungsstelle zur Bündelung und Koordinierung aller Reformvorhaben einzurichten, wurde vom Synodalen Voss aufgegriffen und in einem Antrag in die Landessynode eingebracht, der dann erstaunlich rasch eine Mehrheit fand, ohne zu fragen, ob dies ein Theologe mit einer Sekretärinnenstelle, wie hoch die Bezahlung, wie die Zuordnung zu den anderen Reformgremien seien und wo er noch räumlich untergebracht werden solle. Während gelegentlich bei Anträgen aus der Reihe der Synodalen eine peinliche Detailbefragung einsetzt, schenkte sich auch der Präsident dieses Mal Nachfragen. Meines Erachtens liegt der Stillstand im Reformprozeß an ganz anderen Umständen z.B. an den vollständig unterschiedlichen Vorstellungen von Reform bei den Oberlandeskirchenräten, die sich dann gegenseitig im Kollegium blockieren, an der mangelnden Reformbereitschaft innerhalb des Pröpstekonventes, an den absolut fehlenden Absprache der synodalen Mitglieder in der Kirchenregierung, aber der Landesbischof hütete sich, seinerseits die Gründe für den Stillstand im Reformprozeß zu nennen.

Es war alles in allem ein Schönwetterbericht. Kritische Punkte wurden nicht benannt: z.B. wie verhält sich die Landeskirche weiterhin gegenüber den Atommülllagerungsplänen in Schacht Konrad? Gegenüber den Müllverbrennungsplänen und den jetzt schon die Gegend verseuchenden Deponien im Bereich Schöningen, Esbeck. Oder: wie ist der Krankheitsstand der Pfarrerschaft? Allein in der Propstei Helmstedt sind drei Pfarrer in Folge längerer Krankheit ausgefallen. Wo bleiben die entlastenden personellen Maßnahmen des Landeskirchenamtes? Dazu werden verstärkt Lektorinnen und Lektoren eingesetzt. Das ist allerdings nicht ihre eigentliche Aufgabe. Wer kümmert sich um die Vergütung der Lektoren für einen solchen Dienst, die in keinem Verhältnis zur Organistenvergütung steht, besonders wenn man die Vorbereitungszeit bedenkt? u.ä.

Ich hatte erwartet, daß wir am nächsten Tag morgens gleich in die Debatte des Tätigkeitsberichtes einsteigen, wie es der Tagesordnung entsprochen hätte, aber das geschah witzigerweise erst am letzten Tag.

 

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Für mich unerwartet wurde der Punkt "Umzug des Landeskirchenamtes" und die Bewilligung zusätzlicher 8 Millionen aufgerufen. OLKR Dr. Fischer informierte wie häufig, ohne die scharfen Probleme oder gar Alternativen zu benennen (er ist selber das Problem). Er setzte der Landssynode praktisch die Pistole auf die Brust und ließ ihr keine andere Wahl als zuzustimmen. Das Übliche: Sachzwänge (ein klassisches Wort aus dem Wörterbuch des Atheismus ) vollendete Tatsachen, damit einhergehend keine Möglichkeit zu einer vernünftigen Diskussion, die Fischer ja auch gerade verhindern will. Die Landessynode hat den vorgegebenen Konstellationen zuzustimmen. Wer Gründe dagegen nennt, soll durch Erfolglosigkeit frustriert oder nur mit äußerster Mühe aus der Nase der Verwaltung herausgepopelte Papiere und Pläne entmutigt werden. Dies war der Tatbestand: wiederholt hatten Fischer und die Kirchenregierung 1995 beteuert, der Umzug des Landeskirchenamtes und der Umbau der Gneisenaukaserne werden 12 Millionen DM nicht überschreiten. Innerhalb dieses finanziellen Rahmens konnten sich Finanz- und Baureferat frei fühlen. Ohne Angabe von überzeugenden Gründen erhöhte sich die Summe für das Projekt auf 22 Millionen DM, der Finanzausschuß glaubte auch dieser Lösung nicht und setzte noch eine Million drauf. Zusammen also Ende Mai 1996: 23 Millionen. Als Gründe wurden genannt: der Erlös aus dem Verkauf der Häuser am Neuen Weg sei um 3 Millionen gefallen, es seien Dachschäden an einem Haus entdeckt worden, was den Verkaufspreis mindere. Ansonsten habe man sich eben verschätzt. Wie sollte sowas der Synode verklickert werden? Es wurde die Stunde der Wahrheit für den Synodalen Riebenstahl, stellvertretender Vorsitzender des Finanzausschusses, Wirtschaftsprüfer seines Zeichens, also gute Voraussetzungen, dem Amt gegenüberzutreten, ihm sein Versagen vorzuhalten und der Synode die gewiß unvermeidliche (tatsächlich?) Zustimmung wenigstens schwer zu machen. In einem Gemisch von Sülze, Überheblichkeit und Schleim suchte er die Synodalen zu ermüden, versprach, daß keine müde Mark mehr zu den 23 Millionen hinzukommen werde, alles sei geprüft, der Finanzausschuß habe zugestimmt, was bedürfen wir weiteres Zeugnis? Vom Rechtsausschuß berichtete die Vorsitzende Frau Mattfeld Kloth, daß von rechtswegen keine Einwände zu erheben seien. Die Sache ging anstandslos durch. In der Mittagspause wurden die Baupläne für den Umbau der Kaserne ausgelegt und von OLKR Becker erläutert. Da ist

 

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auch ein sehr großer Sitzungssaal (Spitzname: "Kongreßzentrum") vorgesehen, in dem auch die Landessynode tagen könnte, was Gott verhüten möge. Die Synode gehört in die Gemeinden.

So ganz nebenbei wurde damit auch der Umzug der kirchlichen Dienste in die Gneisenaukaserne beschlossen. Es war eiserner Konsens in der Synode, daß die Dienste aus dem Gebäude in Riddagshausen erst ausziehen, wenn für dieses Haus eine anderweitige Verwendung gefunden sein würde. Das hatte die Kirchenregierung im September 1995 zu Protokoll gegeben. Dieses Wort hat nun die Kirchenregierung gebrochen, was sie widerspruchslos aber auch ungerührt hinnahm, als ihr dies aus der Synode vorgehalten wurde. Die billigste Lösung wäre gewesen, wenn Riddagshausen bestehen geblieben wäre. Jetzt wurde vom Landeskirchenamt ein Papier aus der Tasche gezogen, wonach drei Möglichkeiten geprüft werden sollen: 1) das Haus wird verkauft, 2) Einkehrhaus "Haus der Besinung", von der Industrie gesponsert, 3) Verlegung des Predigerseminars nach Riddagshausen. Auch dieses Papier ist unseriös, weil es ja nicht drei gleichwertige Vorschläge enthält. Vom Verkauf hält das Kollegium nichts, heißt es im Papier, aber natürlich kann es 1998 wortbrüchig werden wie die Kirchenregierung. Eine Verlegung des Predigerseminars ist schon geprüft und verworfen worden. Als geschätzte Kosten werden bereits auf dem Papier 4 Millionen DM angegeben. Dieser Vorschlag ist auch deswegen völlig unsinnig, weil OLKR Dr. Fischer etwas ganz anderes für die absehbare Zukunft plant: nämlich: die Aufhebung des Predigerseminars in Braunschweig und eine Zusammenlegung mit dem Hannoverschen Predigerseminar in Hannover oder anderswo. "Ein Predigerseminar werden uns bald nicht mehr leisten können!" ( Fischer ). Also ein Einkehrhaus; eigentlich eine schöne Idee. Ich habe selber sechs einprägsame Wochen bei den Benediktinern in Niederaltaich verbracht. Aber wenn sowas nicht von innen wächst und sich dann seine eigene Form schafft, wird es wie in Marienberg, Helmstedt, wo der Kloster- und Studienfonds tolle Zellen und Kreuzgänge renoviert hat, aber nun fehlen die Leute, die dort dauerhaft wohnen. Völlig ungeklärt ist das Nebeneinander der Kirchengemeinde Riddagshausen und dem "Haus der Einkehr". Also: in Bälde steht das Gebäude in Riddagshausen leer, ein Konzept, wie es weitergeht, ist noch nicht gefunden, neue Käufer sollen schon bereit stehen, klar: ein Filetstück für die Industrie. Die werden es dann zunächst

 

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"vorübergehend" übernehmen, "damit es nicht verfällt", wird Fischer der Landessynode erklären. Dann ist wieder ein Sachzwang geschaffen und die Synodalen werden seufzend, und obwohl es ihnen "ganz unerträglich ist" (so in der Debatte der Präsident), der durch ihre eigene Schuld geschaffenen Lage zustimmen.

Nach diesem aufregenden Freitagvormittag kam es zu einem ebenso aufregenden Freitag Nachmittag. Die Propsteisynode Helmstedt hatte einen Antrag auf sofortige Einrichtung und wenn möglich auch Besetzung von 12 - 26 Pfarrstellen bei den 13 Propsteien eingebracht. Die Finanzierung sollte aus den Personalrücklagen erfolgen. Da die Personalrücklage 1996 zwischen 130 und 140 Millionen DM und die jährlichen Zinsen 7 Millionen DM betragen, wäre ein Betrag von 3 Millionen leicht aufzubringen, ohne den Zufluß an die Personalrücklage aus den Vakanzen, geschweige denn die Rücklage selber anzugreifen. Angesichts der Höhe dieser Rücklagen erscheint die Bettelei nach Spenden in den sog,. Spendenfonds eine ziemliche Unverfrorenheit. Drei Vikare, die kürzlich das zweite Examen bestanden hatten, wurden nicht ordiniert, weil man sie nicht endgültig in den Probedienst übernehmen wollte. Anderen Vikaren hatte OLKR Kollmar bereits zu Beginn ihrer Ausbildung im Predigerseminar erklärt, es würde nur die Hälfte übernommen. Der Direktor des Predigerseminars Helmut Liersch schrieb dazu im Tätigkeitsbericht: "Eine schwere Hypothek für die Ausbildung im Predigerseminar und in den Gemeinden bedeutet die Stellensituation in der Landeskirche. Ziemlich unvorbereitet wurden im Herbst 1995 alle Beteiligten von der Nachricht getroffen, daß in Zukunft ein erheblicher Teil der Absolventinnen und Absolventen nicht in den pfarramtlichen Dienst übernommen werden kann. Zwei Kandidaten, die ihren Dienst am 1. Januar 1996 beginnen wollten, blieben trotz bestandener Examina auf der Bewerberliste stehen und werden derzeit aus dem Spendenfonds finanziert... Die Vikarinnen und Vikare, die sich für die Ausübung des geistlchen Amtes berufen fühlen, haben paktisch keine Berufsalternative... Es wird gehofft, daß umgehend Beschlüsse gefaßt werden, die es einer erheblich größeren Zahl von Kandidaten/innen ermöglicht, in der Kirche zu arbeiten" (S. 143). Der Helmstedter Antrag machte das Landeskirchenamt munter, seinerseits einen Antrag nach Unterstützung der Vikare und Vikarinnen einzubringen, und zwar einen Tag (!) vor Zusammentritt der Landessynode: eine unverschämte

 

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Zeitplanung besonders im Hinblick auf die neuen Synodalen, aber die rührten sich nicht, auch nicht die powerfrauen. Der Kern dieses Antrages war, sofort nichts zu tun, sondern zu prüfen und abermals zu prüfen, auch andere kirchliche Dienste wie Kirchenmusiker/in und Diakon/in einzubeziehen und im November dann einen Vorschlag einzubringen. Logisch wäre es gewesen, wenn Dr. Fischer endlich einen Finanzierungsplan vorgelegt hätte. Noch im Herbst war von einem großen Paket die Rede, das den Synodalen im Hinblick auf die Vikarssituation vorgelegt werden würde. Nichts, nichts, garnichts. Frau Mattfeldt -Kloth begründete den Helmstedter Antrag vor der Synode. Einen inhaltlich gleichartigen, mit einer leicht veränderten Begründung versehenen Antrag legte die Propsteisynode Salzgitter - Bad vor. Die Debatte eröffneten Frau Vikarin Pultke für die Vikarsvertretung, dann eine Theologiestudentin für den Konvent, Frau Pfarrerin Pia Dittman - Saxel für den Pfarrerauschuß und Frau Staberow für den Konvent kirchlicher Mitarbeiter. Die Einschüchterungen hatten offensichtlich schon gewirkt: man forderte nicht, sondern bat, bot eigene Einschränkungen an, "wir wollen die Kirche - will die Kirche uns?" lautete die Überschrift zu einem Papier, das bereits im Herbst in der Synode kursiert hatte. Frau Pia Dittmann Saxel hatte in einem gründlichen Papier des Pfarrerausschusses vorgerechnet, daß die Pfarrerinnen und Pfarrer durch die jahrelangen Vakanzvertretungen eine Vorleistung von 21 Millionen DM erbracht hätten und kam zu denselben Schlußfolgerungen und Forderungen wie die beiden Propsteisynoden. Frau Staberow dagegen bedauerte die als Bevorzugung empfundene Stellenvermehrung für Pfarrerinnen und Pfarrer und betonte die Sorgen und Ängste der Pfarramtssekretärinnen, Küsterinnen und Kindergärtnerinnen bei ihrem Dienst. In der Debatte sprachen sich Bengsch und Borrmann für den Helmstedter Antrag aus, Berner, Direktor des Diakonischen Werkes, empfahl völlig ablehnend, den Helmstedter und Salzgitter Antrag erst gar nicht zu behandeln, (sowas sollte man sich im Hinblick auf die Kollekten für das Diakonische Werk mal merken!), OLKR Dr. Fischer warf seine bekannten Nebelkerzen und tat so, als ob es gar keine Rücklagen für diesen Fall gäbe, Kollmar und Becker plädierten natürlich für den Antrag des Landeskirchenamtes. Wiederum mit einem Trick sorgte der Präsident dafür, daß zunächst über den Antrag des Landeskirchenamtes abgestimmt werden müßte, weil er der weiterführende sei, was die Vorsitzende des Rechtsausschusses zu Recht sofort

 

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bestritt. Bengsch sorgte dann für den Witz der Debatte, als er die Anträge von Helmstedt und Salzgitter zum Antrag von OLKR Becker packte, sie damit im Ansatz vernichtete, jedoch als Kompromiß ausgab, und das ging dann durch. Was wird also praktisch zur Besserung der Vikarssituation passieren? Bis November 1996: nichts; dank Becker/Bengsch. Dann werden wir sehen, ob Herr Bengsch als Mitglied des Finanzausschusses aus den Zinsen der Rücklagen für die kommenden zwei Haushaltsjahre und mittelfristig bis 2006 je drei Millionen DM auf einen Sonderposten zurückstellen läßt. Auch dann ist noch nichts gewonnen; sondern Dr. Fischer wird den Griff auf diesen Fonds natürlich abhängig machen von weiteren Vorleistungen aus der Pfarrerschaft und sich die Möglichkeit verschaffen, sich um die Besetzung der Stellen zu drücken. Außerdem kann durch weitere Vakanzen z.B. durch Erkrankungen von Pfarrern und frühzeitiger Pensionierung weiter auf Kosten der Knochen und Gesundheit der Pfarrerschaft gespart werden. Sowas füllt die Rücklagen weiter auf. Die Aussicht auf eine faire, rechtzeitige Vorlage des Landeskirchenamtes ist gering; sie hätte bereits in den Jahren 1991 - 1996 erfolgen können. Die Lage war ja bekannt. Steht ein neuer Wortbruch ins Haus?

Bei der Aussprache am Freitag abend ( 21.00 - 22.15 ) über die "Neuordnung der Grundsätze der Fortbildung in der Landeskirche", die den Aufgabenbereich von Dr. Theilemann erheblich erweitert und eine erste Straffung der Dienste im HKD bringen soll, konnten die Synodalen nicht viel mitreden. Es war sehr kirchenintern, auch Gerangel zwischen den Referaten im Hintergrund erkennbar, leider lag wieder mal kein Gesamtkonzept vor, obwohl unter den Tischen das fünfseitige Papier "Konzeptionelle Überlegungen zur Zusammenarbeit der gesamtkirchlichen Dienste" kursierte, wonach die gesamtkirchlichen Dienste in die drei Fachkonvente "Beratung und Seelsorge", "Aus-, Fort- und Weiterbildung" und "Gemeinde und Gesellschaft" aufgeteilt werden sollten. Frau Biersack machte mal einen schüchternen, vergeblichen Versuch, die Sache vorzubringen. Es war die alte scheußliche Geheimstrategie. Einen anderen Antrag, die übergemeindlichen Ämter vom Landeskirchenamt ganz zu trennen und daraus wie etwa in Hannover oder auch in Oldenburg zu einem selbständigen Amt zu machen, hätte natürlich vom Präsidenten zu diesen Vorschlägen "zur Prüfung"

 

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mit hinzugepackt werden können. Das wollte er nicht, sondern veranstaltete eine Abstimmung, die seiner Absicht gerecht wurde. Für wenig dauerhaft halte ich Lösungen ad hominem, also ein auf Dr. Theilemann zugeschnittenes Superamt mit einem gleitenden Übergang in das Referat I und Lösungen contra hominem, in diesem Falle gegen OLKR Kollmar. Solche Konstruktionen müssen unabhängig vom Amtsinhaber stabil sein. Dr. Theilemann wurde übrigens Vorsitzender des AK 7o als Nachfolger von Propst Schliephack.

Am Sonnabend Vormittag war dann die berauschende Aussprache über den Tätigkeitsbericht des Landeskirchenamtes, 210 Seiten Text und Tabellen und das Referat des Landesbischofs dazu. Es gab buchstäblich keine einzige Frage zum Tätigkeitsbericht aus dem Plenum. Nicht einer und nicht eine kam z.B. auf die interesssanten Berichte der Pröpste zu sprechen. Ich hatte den Eindruck, noch nicht einmal die Synodalen aus den eigenen Propsteien hatten es gelesen. Da hätte man z.B. die Berichte im Hinblick auf die Kindergottesdienstarbeit quer lesen können und einen Querschnitt über die durchaus nennenswerte Kindergottesdienstarbeit bekommen und auch neue Versuche, z.B. in Vechelde. Mich hätte schon interessiert über das Modell der Kinderkirche in Vechelde mehr zu erfahren.(S. 195) "Das Modell der Kinderkirche in Vechelde bewährt sich seit Jahren mit 60 bis 100 Kindern und ca. 25 jugendlichen und erwachsenen Mitarbeiter/innen. Zusammen mit einem Taufprojekt und einer Krabbelkreis- und Spielkreisarbeit und zugleich enger Verzahnung mit intensiver religionspädagogischer Arbeit im Kindergarten hat es sich zu einem wirksamen Gemeindeaufbauprogramm ausgeweitet." Oder: Wie löst man Pfarrvakanzen in der Nachbarschaft größerer Pfarrverbände? In der Propstei Vechelde sind zwei halbe Diakonenstellen zusammengelegt worden und eine Diakonin in einen großen Pfarrverband entsandt worden "Hier wären mehr Möglichkeiten für die großen Pfarrverbände wünschenswert" ( S. 194 ). Schulgottesdienste florieren in Seesen ( S. 193) Warum wird Glöckner nicht gefragt? Vom 20. bis 22. September 1996 findet in Schöppenstedt das Landesjugendtreffen statt (S. 190). Nachfragen? Keine! Wie wird das Thema "Reform" in Pfarrkonventen und Propsteisynoden behandelt? Pfarrer Rammler hätte berichten können. Er war mit diesem Thema in Goslar und Königslutter und sogar in Erfurt. Also Resonanz auf unser Reformdrängen. Reform? Wieso? War da was? Echo in den

 

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Gemeinden? Kalter Kaffee! Ich habe in den bisherigen sechs Jahren bezüglich des Tätigkeitsberichtes noch nie eine so uninteressierte Landessynode erlebt. Es muß sich ja nicht jeder für die Wehrdienstverweigerungsberatung, die steigende Zahl der Verweigerer besonders im Zusammenhang mit dem Kampfeinsatz deutscher Truppen in Afrika interessieren - es sind insgesamt 160.000 Verweigerer, eine stolze Friedensdemonstration in der Geschichte unseres Staates (S. 150 ), es fragt natürlich auch keiner nach einem Ehrenschutz für die staatliche Diskriminierung der Kriegsdienstverweigerer (erst kürzlich beschwerte sich ein junger Mechaniker aus unserem Grenzgebiet über seine skandalöse Behandlung vor einem Ausschuß in Magdeburg), aber wenn das LKA schon in eine leere Wolfenbüttler Kaserne zieht (es hätte auch eine Braunschweiger sein können, da hat man bloß gar nicht gefragt), wie also steht es mit der Militärseelsorge? Pfarrer Frisch berichtet von Taufen bei konfessionslosen Soldaten (S. 154 )? Und als ich den Bericht von der vielseitigen Arbeit von Frau Scharnighausen las (Frau und Beruf, S. 103 ) dachte ich mir, wo wird sie diese "gelebte Spiritualität und numinose Erfahrungen durch Begegnungen mit sich selbst und mit anderen Frauen" veranstalten, wenn sie aus dem HKD rausgeschmissen wird? Ich hatte mir die Kirchenmusik ( S. 126), die Agendenkommission (Defizit vor S. 55), aus dem Referat III die historische Kommission, Referat IV, die Statistik und die Situation in den Landgemeinden vorgenommen, angesichts der zu erwartenden Ungeduld das Ref. IV und die Landgemeinde gestrichen und wurde erwartungsgemäß vom Präsidenten nach dieser verkürzten Ausgabe mit der synodendeutschen Bemerkung "wir haben sie geduldig angehört", d.h. ins Hochdeutsche übersetzt "Sie haben zu lange gequatscht" auf den Platz geschickt. Man fragt sich: für wen geben sich die Ämter diese Mühe? Für die Ablage der Synodalen? Warum eröffnen nicht die Ausschußvorsitzenden und dann die Sprecher der Arbeitskreise die Aussprache? Die Antwort ist sehr einfach: es brennt einem/ einer offenbar nichts auf den Nägeln, man schmeißt sich lieber dem Bischof vor die Füße oder an den Hals, pickt dieses oder jenes aus seinem Referat, das bedarf keiner Vorbereitung, Majestät antworten, mit einem glücklichen Lächeln dankt der namentlich Erwähnte zurück. Ach ja, wie sind wir uns einig, die Kirche voller Sonnenschein, no problems, God shave the team. Schlußandacht. Oremus, non discutemus.

 

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Zum Schluß "Statistisches über den gegenwärtigen Stand der Landeskirche"

Über die Anzahl der Mitglieder in unserer Landeskirche gibt das Amt leider sehr voneinander abweichende Angaben. Sie schwanken zwischen 490.000 und 470.000 Mitglieder. Der Bitte um möglichst eine einheitliche Zahl begegnete OLKR Dr. Fischer mit dem Kalauer: "Wenn Sie die wahren Zahlen haben wollen, kommen Sie zu mir," aber auch die Zahlen von Dr. Fischer schwanken, wenn auch nicht so gravierend. Gegenüber der Öffentlichkeit kein gutes Bild. Vielleicht sind da z.B. die zweiten Wohnsitze mit angegeben. Sowas müßte sich doch feststellen lassen.

Obwohl viele aus der Kirche austreten, steigt die Kirchensteuer: die Zahl der Kirchenmitglieder fiel von 505.225 (1990) auf 475.000 (1994), aber die Kirchensteuer stieg im selben Zeitraum von 123.902.635 DM auf 155.814.685 DM. Also: immer weniger Leute zahlen immer mehr Kirchensteuern: 30.000 weniger Mitglieder, 32 Millionen mehr Kirchensteuer. Das geht schon 45 Jahre so.

Die Anzahl der Taufen ist zeitweise gestiegen: 1990: 5135; 1991: 5519, 1994: 5199. Die Taufen bis zum Konfirmationsalter (1-14 Jahre) sind leicht gestiegen: 1983: 873; 1991: 949; 1994: 948;

Die Anzahl jener Taufen, wo ein oder beide Elternteile aus der Kirche ausgetreten sind, ist ebenfalls gestiegen:

ein Elternteil nicht in der Kirche:1974: 201; 1984: 402; 1991: 814; 1994: 909;

beide Elternteile nicht in der Kirche: 1974: noch gar nicht erfragt, 1985: 53, 1991: 133; 1994: 182. Lassen die Eltern, die aus der Kirche ausgetreten sind, aber doch ihre Kinder taufen lassen, eine gestufte Mitgliedschaft erkennen?

Die Anzahl der Trauungen geht dramatisch zurück:

1974: 2.275; 1990: 2.090; 1994: 1.534. Das ist der niedrigste Stand an kirchlichen Eheschließungen überhaupt. Dagegen steigt die Zahl jener dubiosen "Gottesdienste anläßlich einer Eheschließung". 1990: 165; 1991: 173 . Es kann aber auch sein, daß schon unter den Trauungen sich solche befinden, wo eine Ehepartner aus der Landeskirche ausgetreten ist. Propst Kraft nennt solche "Gottesdienste" nicht zu Unrecht

 

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"Heuchelei". Tatsächlich sind es für die Beteiligten Trauungen.

Auch die Anzahl der kirchlichen Bestattungen geht erheblich zurück:

1974: ca 8.000; 1984: 7.000; 1994: 6.500 Besonders die anonymen Bestattungen sind eine abscheuliche Entsorgung der Verstorbenen. Sie sind auf den 188 kirchlich verwalteten Friedhöfen unerwünscht, schrieb unlängst Herr Siebert aus dem Landeskirchenamt.

Die Zahl der Austritte pendelt sich bei 6.ooo ein. Dann ist es unbegreiflich, daß die beiden Gymnasialstellen in Schöningen und Lebenstedt nicht besetzt sind und die Streichung von fünf weiteren Schulpfarrerstellen von OLKR Becker angekündigt wird.

Die Personalrücklage der Landeskirche

Die Personalrücklage der Landeskirche ist das Sparbuch für besondere oder schlechte Zeiten der kirchlichen Mitarbeiter/innen. Auf dieses Sparbuch kommen die Gelder, die dadurch eingespart werden, daß Pfarrstellen wegen Vakanzen nicht besetzt werden. Im Jahr stehen manchmal 15 bis 30 Pfarrstellen leer. Ein Teil dieses Geldes könnte auch der Gemeinde zugutekommen. Tut es aber nicht. Es wandert einseitig auf das Sparbuch des Landeskirchenamtes. Die Gemeinden leiden unter dem Mangel kirchlicher Mitarbeiter/innen. Das Landeskirchenamt streicht die Gelder ein und zwar nicht zu knapp: 1985: 7.369.021,--DM; 1989: 14.605.041 DM; 1991: 9.700.688 DM; 1993: 13.806.876,--DM. Auf das Sparbuch kommen auch die Zinsen: 1989: 3.541.315,--DM; 1991: 5.284.298,-- DM 1993: 6.439.279,--DM. Die Höhe dieses Sparbuches beträgt zur Zeit ca 140.000.000,--DM

Bauinstandsetzungsrücklage

Das Landeskirchenamt hat auch ein Sparbuch für die Bauunterhaltung. Die Höhe dieser Rücklage beträgt zur Zeit ca 45.000.000,-- DM. Es stehen zur Zeit folgende Großbauplätze an: Stiftskirche Bad Gandersheim ( geplant 2 Millionen, jetzt 4-5 Millionen, so Dr. Voss, 6 Millionen, so Dr. Fischer), Georgenhof in Blankenburg ( keine Auskunft vom Amt trotz Nachfrage, Diakonie- und Buchungsstelle in Helmstedt (Großprojekt Bruns) 6 Millionen, Umbau des HKD ??;

 

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Die Größe der Landgemeinden

In unserer Landeskirche gibt es kleinste Gemeindeeinheiten und zwar:

13 Kirchengemeinden mit 1-100 Gemeindemitglieder,
41 Kirchengemeinden mit 101 - 200 Gemeindemitgliedern,
116 Kirchengemeinden mit 201 - 500 Gemeindemitglieder,
88 Kirchengemeinden mit 501 - 1000 Gemeindemitglieder,
45 Kirchengemeinden mit 1000 - 1500 Gemeindemitglieder,
32 Kirchengemeinden mit 1501 - 2000 Gemeindemitglieder,
38 Kirchengemeinden mit 2000 - 3000 Gemeindemitglieder,
18 Kirchengemeinden mit 3000 - 4000 Gemeindemitgliedern,
11 Kirchengemeinden mit über 4000 Gemeindemitglieder,
05 Kirchengemeinden mit über 5000 Gemeindemitglieder,
02 Kirchengemeinden mit über 6000 Gemeindemitglieder,
01 Kirchengemeinde mit über 7000 Gemeindemitglieder

Die Braunschweiger Stadtgemeinden sind hierbei nicht mitgezählt.

Wir sind also eine Landeskirche mit wirklich sehr kleinen Gemeinden. In diesen Minigemeinden werden ganz überwiegend Gottesdienste gehalten. Beispiel: in Weferlingen: 77 Evangelische: 26 Gottesdienste im Jahr; in Kalme: 65 Evangelische: 27 Gottesdienste; in Kl. Dahlum: 79 Evangelische: 29 Gottesdienste; in Kneitlingen: 109 Evangelische 32 Gottesdienste; in Engerode: 155 Evangelische: 29 Gottesdienste. In allen 116 Kirchengemeinden mit 200-500 Evangelischen finden bis auf eine Ausnahme wöchentliche oder alle 14 Tage Gottesdienste statt. Es wird also ein ungeheurer Aufwand an Bauunterhaltung getrieben für Minigemeinden, wo sich sonntags in der Regel 2 - 10 Gottesdienstbesucher versammeln. Hier müßte eine Reform ansetzen. Entweder müssen Kirchen verkauft oder zu Mehrzweckräumen umgestaltet werden. Warum wird z. B. in Hedeper die alte abgetragene Kirche fast in den alten Ausmaßen wieder aufgebaut? Warum richten wir in den großen Dorfkirchen nicht Räume für ganz kleine Gottesdienstkreise ein?

Diese Minigemeinden sind natürlich unter einem Pfarramt zusammengefaßt. Es gibt 34 Pfarrämter, wo eine Pfarrer/in 3 Kirchengemeinden und 9 Pfarrämter, wo derPfarrer/in sogar 4 Kirchengemeinden zu betreuen hat. Wo diese Pfarrämter nebeneinander liegen (z.B. in Schöppenstedt siehe oben), bilden sich große Schwierigkeiten an den hohen Festtagen, und besonders große, wenn ein Pfarrer wegen Krankheit für

 

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längere Zeit ausfällt und vertreten werden muß. Hier wäre eine sorgfältige Nachbarschaftspflege besonders dringlich. Das passiert selten. Solche Minigemeinden haben oft auch noch einen eigenen Kirchenvorstand, der sich indes selten in der Kirche zum Gottesdienst sehen läßt. Das erzeugt entweder einen unbegreiflichen Verwaltungsaufwand mit z.B. jeweils einem eigenen Haushaltsplan oder es finden praktisch nur zwei oder drei Sitzungen im Jahr statt.

Oft haben die kleinsten Gemeinden auch ihren eigenen kirchlichen Friedhof. 20 Pfarrämter verwalten jeweils drei (!) Friedhöfe., d.i. bereits ein Drittel aller kirchlich verwalteten Friedhöfe.

Hier also ist dringender Reformbedarf. Denn auf die Dauer machen solche Kirchengemeinden krank, besonders dort, wo die Kirchenvorstände zur Teilnahme am Gottesdienst und am kirchlichen Leben nicht mehr zu motivieren sind.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu082/revolver.htm, Stand: 11. Dezember 2001, dk