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Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

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Nach dem Luther Jahr das Melanchton-Jahr

Christian Eisenberg

Nach dem Luther Jahr 1996 begehen Kirche und geistig-kulturelle Welt 1997 ein Melanchton-Jahr

1. Das Leben Melanchthons

Philipp Melanchthon wurde am 16. Februar 1497 in Bretten geboren, auf der Grenze zwischen Schwaben und der Pfalz. Elfjährig verlor er den Vater, einen kunstreichen Waffenschmied in kurfürstlich pfälzischen Diensten. Die Mutter gab den kleinen Philipp zur Großmutter nach Pforzheim, damit er die dortige Lateinschule besuchen konnte. Dieser Bildungsweg lag der Großmutter besonders am Herzen, war sie doch die Schwester des berühmtesten deutschen Gelehrten der Zeit, Johannes R e u c h l i n s. Bei einem Besuch in Pforzheim gräzisierte der Großonkel Reuchlin Philipps eigentlichen Namen Schwarzerdt in Melanchthon (schwarze Erde). Schon mit 12 Jahren erschien der glänzend begabte Melanchthon reif für den Besuch der Universität, ging nach Heidelberg, wurde dort aber seiner Jugend wegen bei der Bewerbung um die Magisterwürde abgewiesen - und vertauschte 1512 Heidelberg mit Tübingen, sehr zu seinem Glück. Denn in Tübingen kam er in einen großen Kreis jüngerer Humanisten, in dem er dem Ziel der humanitas, der Menschwerdung durch Bildung, nachjagen und den Heiligen der jungen Generation, Erasmus von Rotterdam, verehren konnte. Mit 17 Jahren zum Magister promoviert, wurde er bald selbst zum gefeierten Lehrer der klassischen Literatur.

So war es kein Wunder, daß Reuchlin seinen Großneffen dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen

 

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empfahl, der für seine junge Universität Wittenberg einen Professor für das Griechische suchte. Melanchthon zögerte. Doch Reuchlin überwand die Bedenken mit den prophetischen Worten: "Ich will dich jetzt nicht mit Dichterworten anreden, sondern mit der wahrhaftigen Verheißung Gottes an den glaubenden Abraham: Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde."

Wenige Tage nach seiner Ankunft in Wittenberg hielt Melanchthon am 29. August 1518 seine Antrittsvorlesung: De corrigendis adolescentiae studiis; wir würden sagen: "Über Universitätsreform". Bescheiden, aber mit jugendlichem Schwung rechnete er mit der abendländischen Geistesgeschichte ab: "Lernt Griechisch zum Lateinischen, damit ihr, wenn ihr die Philosophen, die Theologen, die Geschichtsschreiber, die Redner, die Dichter lest, bis zur Sache selbst vordringt, und nicht nur ihre Schatten umarmt." Und wenn wir, fuhr Melanchthon fort, "den Geist zu den Quellen lenken, werden wir beginnen, Christus zu verstehen, sein Gebot wird uns aufleuchten, und wir werden von dem seligen Nektar der göttlichen Weisheit durchdrungen werden." Luther, der sich auf den Lehrstuhl eigentlich den Leipziger Mosellan gewünscht hatte, war begeistert und ließ dem Kurfürsten für diese Wahl danken.

Fand Luther in Melanchthon seinen Lehrer im Griechischen, den idealen Mitarbeiter für das Studium und Übersetzen der Bibel und den treuen Freund, hat Melanchthon all dies und noch viel mehr in Luther gefunden: Luther wurde sein Schicksal, und von nun an verlief beider Weg parallel zueinander. Schneller als erwartet, während Luther als Junker Jörg auf der Wartburg saß, mußte Melanchthon allerdings

 

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selbständige Verantwortung übernehmen und den "Zwickauer Propheten", die sich auf unmittelbare Erleuchtung des Geistes beriefen und zur Beseitigung der Kindertaufe aufforderten, sowie den gewalttätigen bilderstürmerischen Reformen Karlstadts wehren. Melanchthon war erleichtert, als Luther den Wartburgaufenthalt kurzerhand abbrach und die zerrüttete Wittenberger Gemeinde neu ordnete.

Wenn auch Melanchthon immer im Schatten Luthers stand, so hat er doch eine Reihe von Aufgaben eigenverantwortlich gestaltet:

  1. Melanchthon hat eine Fülle von Schulen in christlich-humanistischem Geist initiiert.
  2. Auf beschwerlichen Visitationsreisen hat er Auswahl und Erziehung eines neuen Pfarrerstandes bewirkt.
  3. Als der theologische Führer auf protestantischer Seite - Luther mußte ja 1530 als Geächteter dem Augsburger Reichstag fernbleiben ist er der Kopf des ersten, mildesten, aber doch wohl des bedeutendsten protestantischen Bekenntnisses, des Augsburgischen Bekenntnisses und seiner Apologie, geworden.

Seit seinem ersten Auftreten 1530 vor Kaiser und Reich hat es in den nächsten 3 Jahrzehnten kaum eine theologische Verhandlung gegeben, bei der Melanchthon nicht beteiligt war. Zu gern hätte er sich auf Lehre und Wissenschaft beschränkt, aber der Übergang in die Epoche des politischen Kampfes um die Reformation riß

 

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auch ihn zwangsläufig mit, obwohl er für diese Kämpfe eigentlich nicht geschaffen war.

Schweres Leid, der Tod seiner Tochter 1547 und der Heimgang seiner Frau 1557, blieben ihm nicht erspart. Er sehnte sich nach dem "Licht der himmlischen Akademie", ermattet von gehässigen Kämpfen aus den eigenen Reihen. Am 19. April 1560 wurde er nach kurzer Krankheit erlöst. Nach seinem Tod fand man einen Zettel:...du wirst befreit werden von der Wut der Theologen.

2. Zur Theologie Melanchthons

Das Mittelalter hatte von der Überlieferung der Alten Kirche gelebt. Doch in der Renaissance besann sich auch die Kirche auf das Erbe der Antike. Der Humanist Melanchthon griff deshalb zurück auf den griechischen Philosophen Aristoteles und unterwarf sich seinen Regeln für die Kunst der Auslegung. Das tat Melanchthon bei der Interpretation der Bibel, z.B. des Römerbriefes, und bei der Übernahme der Theologie Martin Luthers. Danach bildeten sich für Melanchthon 3 Hauptbegriffe des theologischen Stoffes heraus, nämlich SÜNDE, GESETZ, GNADE (peccatum, lex, gratia), mit denen sich die neuen Erkenntnisse der Reformation zunächst umschreiben ließen. Melanchthon hat seine Bemühungen in den sog. Loci communes rerum theologicarum 1521 niedergelegt, was so viel heißt wie: Allgemeine Hauptbegriffe des theologischen Sachbereichs. Hier fügte er zwei weitere Begriffe, nämlich EVANGELIUM und RECHTFERTIGUNG (evangelium, iustificatio) hinzu und erfaßte damit die Gedankenwelt Luthers vollständig. Die Reihe der theologischen Haupt-

 

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begriffe hieß nun: Sünde, Gesetz, Gnade, Evangelium, Rechtfertigung.

Man hat Melanchthon vorgeworfen, er hätte ja nur über wenige Begriffe der christlichen Theologie geschrieben. Aber wir müssen wissen: Es ging ja nicht um eine Erneuerung des gesamten Glaubens und nicht um die Errichtung einer neuen Kirche, sondern um die Reformation des Bestehenden; und der Sinn der Reformation war weder die Umdeutung der Dogmen der Alten Kirche noch die Aufstellung neuer Dogmen, sondern der Sinn der Reformation bestand in einer klaren Auslegung der biblischen Botschaft.

Ich möchte daher den Satz Melanchthons aus den Loci anführen, der die reformatorische Theologie mit ihren Hauptbegriffen definitorisch enthält: "Wir werden also gerechtfertigt, wenn wir durch das Gesetz getötet sind und durch das Wort der Gnade wieder erweckt werden, die in Christus verheißen ist, das heißt: durch das Evangelium, das die Sünden vergibt, und wenn wir an Christus im Glauben hängen, ohne einen Zweifel daran zu haben, daß Christi Gerechtigkeit unsere Gerechtigkeit ist, Christi Sühnetat unsere Aussöhnung ist und Christi Auferstehung die unsere ist."

Doch Melanchthon hat bald, seit 1532, die Rechtfertigungslehre weiterentwickelt. Hatte Luther die Rechtfertigung des g a n z e n Menschen intuitiv ergriffen, traten bei Melanchthon zwei Grunderfahrungen nebeneinander: die Rechtfertigung als Zusage der Vergebung (remissio peccatorum) und die Wiedergeburt (re generatio) als Folge der Rechtfertigung.

Die Orthodoxie als die auf die Reformation

 

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folgende Epoche hat dis Begrifflichkeit Melanchthons übernommen. Indem aber die Rechtfertigungsauffassung Luthers in ein Nacheinander zweier Schritte zerlegt wurde, ergab sich als logische Folge die Trennung von Dogmatik und Ethik, wie sie dann in der Orthodoxie vollzogen wurde. Das aber war ein schwerer theologischer Fehler, ist doch Heilszusage und neues Leben im Neuen Testament eine Einheit.

Andrerseits verdanken wir der integrativen geistigen Kraft Melanchthons Unendliches: Er hat Philosophie und Humanismus in das theologische Denken des Luthertums einbezogen. Nunmehr wurde der Rückstand Deutschlands an Bildung udnd Kultur überwunden, und nicht umsonst erhielt er schon zu Lebzeiten den Ehrennamen Praeceptor Germaniae - Lehrer Deutschlands.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu086/melancht.htm, Stand: 17. November 2001, dk