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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 94, Januar 2000, Seite 48-50
(Download als pdf hier)


Die Auto-Kirche

von Kurt Dockhorn

Zeitgleich mit der VW-Jubelfeier anläßlich der Produktion des 100millionsten Autos im September 1999 durch den Konzern warfen die Wolfsburger Kirchen einen Hochglanzprospekt auf den Markt, das Programm für die „Kirchentage Wolfsburg "1999" am letzten Septemberwochenende. Unter anderen schrieb Landesbischof Krause darin ein Vorwort. Titelblatt: Bilder, die kirchliches Leben als Happening und Event suggerieren. Rückseite: In einem Park vier Theologen und eine Theologin in Amtstracht, ihre Hände treffen in der Mitte aufeinander, direkt hinter ihnen prangt der silberne Beetle (Jubiläumsauto). Bildunterschrift: Gemeinsam in die Zukunft. Foto: Volkswagen AG.

Im Inneren des Heftes ein „Perspektivgespräch Volkswagen AG - Kirchen in Wolfsburg”. Da hören wir vom konstruktiven Dialog zwischen Wolfsburger Kirchen und dem VW-Werk, da wird mal eben so nebenbei der Kirche das Bonbon in den Mund geschoben, daß das Mitbestimmungsmodell originär mit „Werten aus dem christlichen Glaubensbekenntnis” zusammenhänge (Dr. Ekkehardt Wesner, VW). Keine Rede ist von gewerkschaftlichem Kampf um Mitbestimmung gegen die Kapitalseite, wohl aber von der Identität von „christlichen Grundwerten” und „modernem Konsensmanagement” oder „Konfliktkanalisierung”. Gibt es in dem „Perspektivgespräch” irgendeinen theologischen Einwand gegen diese erstaunlichen Gleichsetzungen? Nein. Statt dessen geht die Produktion von Wortmüll und Nonsens-Sätzen weiter, etwa in der Forderung nach einem „flächendeckenden Dialog zwischen geistlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern”, um zu gipfeln in der Vermutung: „Ein dem Glauben verbundener Manager ist möglicherweise viel belastungsfähiger”.

Nun könnte man es gut sein lassen mit der abschließenden Feststellung: Wer sich in die Talkshow begibt, kommt darin um. Aber es ist an diesem Auto-Kirchen-Prospekt noch etwas anderes zu beobachten. Er ist ein Lehrstück über das allmähliche Verschwinden der Theologie im Marketing-Sumpf. Kirche begibt sich in die Gefangenschaft ihrer Sponsoren, theologischer Gewinn: Null. Oder noch etwas anders gesagt: Die Kirche, die doch vermeint, mit dieser „Öffnung” aktuell zu bleiben und so ihr Leben ins nächste Jahrtausend hinüberzuretten, wird von der zersetzenden Kraft des Marktes aufgelöst.

Diese Entwicklung - der Verlust des kritischen Potentials in der Kirche - ist um so bemerkenswerter, als die theologische Kritik in säkularisierter Form an unvermuteter Stelle auftaucht. Anläßlich der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt analysiert Rudolf Walther (DIE ZEIT vom 16.09.99) den Mythos von Autos und Autobahn - schon 1958 entdeckte Prälat Caspar Schulte „als Christ unterwegs” die „echte Bruderschaft zwischen Mensch und Auto”, das Auto als „Helfer zum großen Menschsein” und die Christen als „Optimisten des Autos”. Kurz vorher hatte DIE ZEIT in einem Dossier bereits diagnostiziert, wie der VW-Konzern ums Auto herum eine Religion baut. So etwas zu benennen, verliert natürlich eine von VW gesponserte Kirche die Freiheit. Ebenso wie sie die Freiheit einbüßt zu sagen, was das Auto auch noch ist: Das deutlichste Symbol dafür, daß unser System, die alternativlos beste aller vorstellbaren Welten, Tag für Tag Menschenopfer fordert. Diese „Schattenseite der automobilen Gesellschaft” sucht man vergeblich bei den Wolfsburger VW-Kirchen-Tagen. Sie in Erinnerung zu rufen bleibt der jüngsten Ausgabe des „fairkehr” (VCD, 5/99) in einem Themenheft vorbehalten: „Anscheinend sind tausende Verkehrstote und hunderttausende Schwer-verletzte in Deutschland so zur Gewohnheit geworden, daß bisher noch jede Regierung sich dieser Argumentation (nämlich von Geschwindigkeitsbegrenzungen) verschließen konnte”. Und doch: Man könnte die Gemächlichkeit, mit der die Wolfsburger Kirchen Anschluß an die Marktentwicklung suchen, milde belächeln. Denn andere sind da schon viel weiter, so z. B. die promovierte Theologin Anne Foerst. Sie will Computer taufen, wenn diese eine Frage stellen: „Woher komme ich?” (DIE ZEIT vom 23.09.99). Man sieht, das theologische Verhunzungspotential ist noch lange nicht ausgeschöpft.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu94/KvU94_48-50.htm, Stand: März 2006, dk