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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

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Die schöne neue Welt der Internet-Arbeitsplätze

Ansprache zum ersten Jahrestag des Schulungszentrums der OBZ (Orientierung, Berufe, Ziele)

Herbert Erchinger

Sehr geehrte Damen und Herren
Zuerst einmal möchte ich der Stadt Braunschweig und dem Arbeitsamt meine Anerkennung aussprechen für die vielen Initiativen und Projekte, die hier in Braunschweig mit viel Phantasie und Mühe auf die Beine gestellt werden, um den Stier der Arbeitslosigkeit an den Hörnern zu packen. Auch die OBZ ist ein respektabler und erfolgreicher Versuch, im Bereich der neuen Medien Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Es war ermutigend, zu sehen, wie viele soeben als Zeichen dafür, daß sie einen Job gefunden haben, ihre Initialen an diese Holzfiguren genagelt haben.

Aber diese sympathischen Holzfiguren schauen doch ziemlich besorgt in die Gegend, während die Welt um uns her sich radikal verändert durch die Kommunikationstechniken, durch Internet und Cyberspace. Chancen und Risiken gilt es zu betrachten und abzuwägen. Entfernungen spielen keine Rolle mehr. Der zeitgleiche globale Zugriff auf Informationen, Geld, Begabungen und Arbeitskräfte wird Wirklichkeit. Schon heute sind Computerspezialisten und Programmierer in Indien und China mit einem Zehntel der Löhne in Braunschweig unsere direkten Konkurrenten. Wir haben diese Entwicklung verschlafen, aber sie holt uns nun ein.

Der rheinische Kapitalismus, weintrinkend gemütlich mit Sozialstaat und garantierter Rente hat uns lange geschützt. Adenauer und Erhard waren seine Paten. Der Braunschweiger Kapitalismus, biertrinkend und Braunkohl essend die Braunschweiger Interessen in Hannover in guten Händen wissend zur Zeit des Paten Glogowski, geht nun auch zu Ende. Wie wird es weitergehen?

 

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Wir vertrauen darauf in diesem Schulungszentrum, daß Computer und Internet neue Arbeitsplätze schaffen. Und das ist wohl auch so. Aber vergessen wir nicht, daß diese neuen Techniken auch Jobkiller gigantischen Ausmaßes sind. Denn ein Computer kann nun die Arbeit schaffen die früher 10 Menschen im Büro geleistet haben. Auch jede CD-Rom ersetzt viele Arbeitskräfte. Trotzdem ist es richtig, tapfer das Arbeitskräftepotential der neuen Medien in Forschung, Entwicklung, Produktion, Anwendung, Ausbildung, Beratung und Erneuerung zu nutzen. Diese Chancen beherzt zu ergreifen, hilft uns die OBZ. Das Internet hat ohne Zweifel Potentiale in Richtung auf Demokratie und Beteiligung: Jeder hat Zugang, jeder kann mitmachen und die ganze Welt steht offen. Nicht nur die Großen, auch Kleine haben eine Chance. Entfernungen schrumpfen, Menschen rücken sich näher. Es werden z.B.wieder Briefe geschrieben, was durch das Telefon schon fast ausgestorben war. Aus den Schulen höre ich, daß die Austauschschüler sich täglich E-Mails schicken über Kontinente hinweg von Braunschweig nach Australien und Neuseeland.

Aber die Waage im Internet kann sich auch in Richtung auf Vorherrschaft großer Firmen, reicher Leute sowie wachsender Ungleichheit neigen. Machtkonzentrationen können entstehen, wo einzelne Konzerne ganze Staaten in ihrer Machtfiille aushebeln und ablösen.

Die feindliche Übernahme von Mannesmann durch Vodafone ist hier durchaus ein Menetekel. Und dies ist nur ein Beispiel von vielen. Welcher Welt gehen wir entgegen? Werden uns eines Tages Identifikations-Chips unter die Haut eingepflanzt? Die moderne Informationstechnik ermöglicht durchaus die totale Kontrolle des Menschen mit weltweitem Zugriff.

Oder werden wir unsere Möglichkeiten erweitern, eine menschliche und bewohnbare Welt zu schaffen?

Gewisse Gefahren in Richtung auf Orwells "1984" und seinen "Big Brother" sind nicht von der Hand zu weisen. Beobachtungen in China

 

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zeigen, daß sich über das Internet Kontrolle, Personenidentifikation und Überwachung perfekt organisieren lassen. Das Internet darf deshalb nicht in falsche Hände kommen, weder der Hacker, noch der Nazis, der Rassisten, der Pornohändler, Kinderschänder oder Diktatoren.

Die Cebit zeigt, daß auch wirtschaftlich die neuen Medien viel zu hoch gepokert werden. Da gibt es hohe Aktienkurse, aber auch viele Seifenblasen, eine schlüpfrige Achterbahn. Auch bei Firmen, die gar keine Gewinne machen, werden die Kurse in schwindelnde Höhen getrieben, nur weil IT in ist - ein äußerst instabiles System. Mancher Flop steht da noch ins Haus.

Das Menschenbild, - das hinter den neuen Kommunikationstechnologien und ihren Arbeitsplätzen steht, macht mir manchmal Angst: Du mußt immer erreichbar sein. Du hast die ganze Welt im "World Wide Web" vor Augen. Du wirst erschlagen von der sintflutartigen Fülle der Informationen. Alles ist dir zugänglich, darunter ganz viel Müll. Du mußt ständig auswählen zwischen wichtig und unwichtig, zwischen relevant und irrelevant. Und alle Informationen und Kommunikationswege sind ungeheuer beschleunigt.

Wie war das schön, als man noch in Ruhe mit der Hand einen Brief schrieb und dann gedankenverloren wie in einem Ritual zum Briefkasten ging. Plumps. Am nächsten oder übernächsten Tag kam der Brief an und in frühestens einer Woche konntest Du mit Antwort rechnen.

Heute kriegst Du um 9.48 eine E-Mail und der Absender will sofort Antwort haben. Zack Zack, das ist das Gesetz des Internet. Es gibt keine Pausen mehr. Auch Unmögliches wird sofort erledigt. Nur Wunder brauchen etwas länger. Die Schnelligkeit des Internets erzeugt Druck, Angst und Leistungsverdichtung. Ist das dem Menschen gemäß? Ich denke an Livingstone, dessen afrikanische Träger sich eines Tages, als er zur Eile mahnte, weigerten,

 

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weiterzugehen. "Unsere Seelen müssen erst nachkommen" Ich fürchte, bei diesen neuen Techniken kommen unsere Seelen nicht mehr nach, denn sie brauchen Muße, Langsamkeit und Entschleunigung.

Vor dem Fernseher kann man ja immerhin noch gemeinsam sitzen, Nüsse kauend, Wein trinkend oder schmusend. Aber vor dem Computer sitzt du immer allein. "Da tritt kein anderer für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein". Nur wenn du nicht mehr weiter weißt, rennst du verzweifelt über den Flur, bis du jemand findest, der dir aus der Patsche hilft. (Mir passiert das regelmäßig).

In dieser neuen Welt muß ich mich ständig verkaufen, ich muß ständig mein eigener Unternehmer sein. Ich trage ständig die volle Verantwortung. Und ich trage das volle Risiko. Das aktiviert Kräfte, ist aber auch auf Dauer eine schwere Überforderung.

Laßt uns auch die Schattenseiten sehen: Was machen wir z.B. mit den Altgeräten, wenn alle zwei Jahre Hardware und Software veraltet sind und entsorgt werden müssen? Eine verbindliche Elektronik-Schrott-Verordnung fehlt immer noch trotz rot-grüner Regierung.

Ja, ein bißchen verweigern möchte ich mich dieser neuen Entwicklung. Da bin ich wie einer dieser Holzköpfe hier an der neuen Skulptur. Ich habe z.B. kein Handy, auch kein WAP- Handy mit "wireless application protokoll", weil ich gar nicht immer erreichbar sein will.

Man kann sein Handy abschalten, aber man steht dann trotzdem immer unter dem Anspruch, ständig erreichbar zu sein. Und sind eigentlich die Börsenkurse und das Kinoprogramm so wichtig, daß ich sie jederzeit auf dem Handy-Display abrufbar haben muß? Das ist doch ein seltsames Schillern zwischen Spielerei, Brutalität und Hektik. Ich habe schon in der Kirche beim VaterUnser ein Handy klingeln hören und da hört für mich der Spaß auf.

Und tatsächlich rechne ich durchaus damit, daß hier jeden Augenblick ein Handy klingelt und jemand schamhaft telefonierend die Szene

 

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verläßt. Ja, wir lassen uns auf nichts mehr wirklich ein, wir sind stets abrufbar. Das Wichtigste kommt wohl immer von außen. Der außengeleitete Mensch, das ist unsere Gefahr. Wir sollten mehr bei uns selber sein und den inneren Menschen pflegen.

Wie wird die Zukunft dieser schönen neuen Internet-Welt aussehen? Jeder sitzt zu Hause hinter seinem Computer als sein eigener Unternehmer auf eigenes Risiko "outgesourced" online arbeitend. Er muß sich ständig selbst verkaufen, ständig weltweit auf Beute lauernd. Diese Art zu arbeiten hat Konsequenzen für Unternehmenskultur, Solidarität und Gemeinschaftsfähigkeit. Werden wir alle Online-Autisten?

Ich mache mir Sorgen.: Die Halbwertzeiten unseres Wissens werden immer kürzer. Unsere Bildungsanstrengungen werden immer kurzatmiger. Wir rennen hinter den Beschäftigungsmöglichkeiten des Internets her wie der Hund hinter dem Kaninchen. Das ist alles sehr tapfer und lobenswert, aber immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Internet führt zu Hektik und ständiger Beschleunigung. Fehler akkumulieren sich. Nick Leesson läßt grüßen. Dies Ping-PongSpiel wird immer schneller und flacher und die meisten Bälle landen im Netz. Unglaubliche Machtzusammenballungen wie bei Bill Gates stehen unglaubliche Crashs gegenüber. Vieles ist ungesund aufgebläht wie die Aktienkurse. Dazu gibt es gratis viel Müll, Sex und Porno. Und wer will die E-Mails alle lesen, die sich täglich ansammeln? Daher sage ich mit der Bibel: Prüfet alles und das Gute behaltet

Ich mache diese kritischen Anmerkungen ja nicht, um mieszumachen. Wir müssen einfach die Gefahren rechtzeitig sehen. Gefahr erkannt - Gefahr gebannt. Wir haben wohl gar keine Alternative, wir müssen uns auf diese weltweite Entwicklung einlassen, um zukunftsfähig zu bleiben. Laßt uns das Beste daraus machen. Gute Ansätze einer kritisch abwägenden Begleitung sehe ich bei den Coaching-Bemühungen der OBZ . Ich danke Ihnen für's Zuhören .


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu095/internet.htm, Stand: 17. November 2001, dk