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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 96, Juli 2000, Seite 12-15
(Download als pdf hier)


Ein Versuch, das Neue Testament neu zu schreiben?
Die EKD legt „Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum” vor

von Kurt Dockhorn

Zum dritten Mal seit 1975 legt die EKD jetzt eine Studie „Christen und Juden” vor. Gleich im Vorwort wird man stutzig: dort nennt Präses Kock die Frage der sogenannten Judenmission ein „brennendes Problem”. Für wen ist sie brennend? Wer definiert diese Frage überhaupt als Problem, als brennendes gar? Darauf kann doch nur kommen, wer immer noch meint, eine Ludwig-Hofacker-Vereinigung und andere pietistisch-fundamentalistische Gruppen in Schutz nehmen zu müssen, Gruppen also, von denen Hans Küng in einem anderen Zusammenhang einmal bemerkt hat, man könne nicht alle rückwärts-orientierten Fraktionen der Christenheit mit in eine ökumenische Zukunft der Kirche nehmen. Wenn es ein brennendes Problem gibt, dann ist es wohl doch dieses: gibt es eine Möglichkeit, den zweitausend Jahre alten Antijudaismus aus Kirche und Theologie herauszuoperieren aus dem Christentum, ohne dieses selbst im Kern zu verändern? Anders gesagt: der Streit muß darum gehen, ob nicht ein gewisser Antijudaismus konstitutiv für das Christentum ist.

Inzwischen mehren sich die eindeutigen Absagen an die Judenmission, mithin also die Erklärungen, daß das angeblich brennende Problem, das die EKD noch immer meint ausmachen zu müssen, gegenstandslos ist. Mehrere Landeskirchen — die Braunschweigische ist nicht darunter, sie hüllt sich zum Thema in Schweigen! — haben sich deutlich erklärt. Die Evangelische Kirche in Österreich hat vor zwei Jahren eine ausdrückliche Absage an die Judenmission erteilt, natürlich gegen Proteste von evangelikaler Seite. Zuletzt hat sich die Württembergische Landessynode angeschlossen und das, obwohl die Landeskirche im Südwesten Anfang dieses Jahres heimgesucht wurde von einer Stellungnahme der Tübinger Theologischen Fakultät, die zwar den Begriff, aber nicht die Sache der Judenmission abgelehnt hat. Entsprechend findet die Studie lobende Worte für eine Umetikettierung des „Zentralvereins für Mission unter Israel” in "Zentralverein für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen". Es steht zu befürchten, daß eine Umbenennung das Anliegen nicht verändert hat, nämlich Menschen jüdischen Glaubens zu konfrontieren mit dem „überlegenen” christlichen Verständnis der Bibel. Zu fragen ist vielmehr, warum in aller Eindeutigkeit der Satz ausbleibt, daß Christen Juden nichts voraus haben.

Theologischer Schwerpunkt der Studie und ihr umfangreichster Teil ist der Durchgang durch die Theologie des Bundes Gottes in der Bibel. Ausgehend von Sätzen der Rheinischen Synodalerklärung von 1980 und den Leitsätzen des Reformierten Bundes von 1990 läßt sich die EKD leiten von der Frage, ob eine beide Testamente der Bibel umgreifende Bundestheologie tragfähig sein kann für eine neue positive Verhältnisbestimmung zwischen Israel und der Kirche. Dabei sei festzuhalten: frühere Bundessetzungen Gottes mit seinem Volk haben bleibende Gültigkeit und das Heilsgeschehen in Christus stehe zu ihnen in positiver Kontinuität. Jedoch kommt die EKD nicht umhin, diesem Schema der Entsprechung unter den verschiedenen Bünden ein ganz anderes Schema konkurrierend gegenüberzustellen, nämlich das altbekannte antijüdische Muster von Verheißung und Erfüllung: „Gott hat Jesus zum endzeitlichen Herrscher eingesetzt... Alles Weltgeschehen läuft auf die Begegnung mit ihm zu, um in ihr seine heilvolle Vollendung zu finden. Christen glauben, daß in der Botschaft Jesu die biblisch begründete Hoffnung des jüdischen Volkes auf den Anbruch der Herrschaft Gottes ihre äußerste Konkretion und Verdichtung erfuhr und daß sein Wirken auf die Sammlung ganz Israels als endzeitliches Volk der Gottesherrschaft ausgerichtet war”.

Also: offensichtlich funktioniert der Trick der Bundestheologie nicht so, wie es die EKD gern möchte. Sie selbst führt den Versuch ad absurdum, indem sie gleichzeitig die geballte Konstruktion von Heilsgeschichte, wie sie nach christlicher Tradition im Neuen Testament kulminiert, verabsolutierend bekräftigt.
Hierin erweist sich dieser jüngste Versuch der EKD, die theologischen Fesseln des Antijudaismus abzustreifen, als Sackgasse.

Aber das eigentliche Ärgernis dieser Studie ist noch ein anderes: am Ende fordert sie zurecht ein, den „Gesamtzusammenhang neutestamentlicher Verkündigung zu beachten”, und hält sich doch selber so ganz und gar nicht daran. Denn schockierenderweise blendet sie den gesamten antijudaistischen Kontext des Neuen Testamentes (von dem allein Paulus eine Ausnahme bildet) vollkommen aus. So scheint mir der Versuch, eine von Antijudaismus gereinigte Theologie vorzulegen, auf eine verfälschende Lektüre des Neuen Testamentes hinauszulaufen. Es ist zu hoffen, daß am Dialog interessierte Jüdinnen und Juden der EKD diese neue Lesart nicht durchgehen lassen werden.

An einer Stele hätte die EKD die Chance gehabt, die traditionelle evangelische Hermeneutik in Frage zu stellen, wenn sie im Zusammenhang der Reflexion der Shoa ein „grundsätzlich neues Denken” statt der Korrektur von Fehlverhalten fordert. „Buße heißt, den falschen Weg bisherigen Denkens und Handelns zu erkennen, sich realistisch dessen Konsequenzen zu stellen und sich auf einen neuen Weg des Urteilens und Handelns einzulassen”. Ernstgenommen bedeutet diese Einsicht, daß Theologie und Kirche zumindest gegenüber Israel ihre bisherige Hermeneutik preisgeben, die, wie zitiert, nach wie vor vom alles krönenden heilsgeschichtlichen Christusereignis aus die gesamte Bibel in den Blick nimmt. Stattdessen ist vorzuschlagen, daß in Zukunft Bibel und Kirchengeschichte christlicherseits mit der Hermeneutik von Auschwitz gelesen werden.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu96/KvU96_12-15.htm, Stand: März 2006, dk