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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 99, Januar 2001, Seite 15-16
(Download als pdf hier)


SCHLAGLICHT: OFFENBARUNG

von Kurt Dockhorn

Im Herbst vergangenen Jahres hat eine Gruppe von nordamerikanischen Rabbinern eine Erklärung zum jüdisch-christlichen Verhältnis abgegeben. In dem Papier plädieren die jüdischen Theologen für die gegenseitige Anerkennung der "Treue gegenüber der jeweils eigenen Offenbarung". Unter der Überschrift "Dabru Emat" ("Redet Wahrheit") wird hier erstmals von jüdischer Seite ein Dokument vorgelegt, das christlichen Positionen sehr weit entgegenkommt, selbst wenn festgehalten wird, daß der christliche Glaube "keine Erweiterung des Judentums" darstellt. Unter dem Bild der zum Zion strömenden Völker (Jes.2) wird als Gemeinsames der beiden Religionen das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden festgehalten.
Treue gegenüber der jeweils eigenen Offenbarung. Das läßt aufhorchen. War mit "Offenbarung" nicht stets eine Wahrheit gesetzt, die andere Wahrheiten ausschloß? Wenn sich Christlnnen diese Sichtweise der gegenseitigen Anerkennung zu eigen machen könnten, wäre das sicher ein Fortschritt. Zugleich aber läßt mich die Formulierung fragen, was die Autoren von Debru Emat denn eigentlich unter Offenbarung verstehen.
Der Begriff steht ohne Erklärung einfach da. Er hat etwas Totalisierendes, er neigt dazu, alles zu vereinnahmen, was zwischen den beiden berühmten Buchdeckeln der "Schrift" aufgeschrieben ist - für die Juden unter Absehen vom, für die Christen unter Einbeziehung des Neuen Testamentes. Der Begriff erlaubt eigentlich keine Differenzierung mehr, so daß dann beispielsweise auch die die Bibel durchziehenden Gewaltphantasien und destruktiven Ideen "Offenbarung" wären!? Oder man könnte fragen, ob denn wirklich jedes Detail der Gesetzgebung in der Bibel "Offenbarung" ist. Aber wenn man einmal so fragt, wo hört das denn auf mit der Ausdifferenzierung aus dem, was Offenbarungssubstanz sein soll? An solchen Fragen wird mir die Rede von der Offenbarung problematisch. Sinnvoll hingegen wäre wiederum im Rahmen der gegenseitigen Anerkennung, wenn Juden und Christen einander davon Mitteilung machten, was alles sie unter dem Kriterium der Humanität in ihrer heiligen Schrift heute als nicht akzeptabel ansehen.
Ich will noch ein zweites, vielleicht noch gravierenderes Moment anfügen gegen den naiven Gebrauch des Begriffs der Offenbarung: Konstitutiv für die Möglichkeit von "Offenbarung" in allen Offenbarungsreligionen ist die Vorstellung eines theistischen Gottes. Dieser ist außerhalb der Welt und interveniert aus diesem Außerhalb (extra nos!) in die Sphäre der Welt-Menschen. Nun aber ist dieser theistische Gott seit zweihundert Jahren tot. Das Interventionsmodell ist somit hinfällig. Es hilft nichts, wir können nicht mehr anders als alle religiöse Produktion, einschließlich der von Juden und Christen geglaubten Offenbarung, radikal innerweltlich zu verstehen.
Meine Empfehlung wäre, gegenüber den schwerlastigen Begriffen der Tradition vorsichtig zu sein, Enthaltsamkeit zu üben. Es bleibt genug zu tun, wenn wir klären, ob es etwas unverwechselbar spezifisch Christliches gibt, was wir einbringen könnten in den großen Diskurs, der im Gange ist um die Rettung des Menschen und seiner Würde.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu99/KvU99_15-16.htm, Stand: März 2006, dk