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Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Troia in Braunschweig

Herbert Erchinger

Mit großem Genuß habe ich mir gleich am ersten Öffnungstag die Troia -Ausstellung angesehen. Es war für mich wie ein dèja vu, eine Rückkehr in Kindheit und Jugend.

Nun meinte ich immer, ganz in christlicher Tradition zu leben und wurde mir plötzlich wieder der anderen antiken und heidnischen Kultureinflüsse bewußt. Und wie tief die sitzen!

Da ist die Iphigenie auf Tauris. Sie hing in meiner Kindheit in großem Rahmen im Wohnzimmer der Eltern und ich habe sie immer für meine Mutter gehalten. Mit Dutt und sehnsuchtsvollem Blick übers Meer, das Land der Griechen mit der Seele suchend.

Nun erkannte ich sie in der Burg Dankwarderode wieder, dazu die Geschichten von Paris und Helena, Achill und Hektor, Priamos und Laokoon. Und immer mischen die Götter mit. Frauen und Krieg sind die Hauptantriebe. Ziemlich hemmungslos wird geliebt, getötet, gestraft, betrogen, vergewaltigt und geraubt.

Wo bleibt denn da die christliche Ethik des Friedens, der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung?

Wie konnte diese heidnische Götter- und Heldengeschichte im christlichen Abendland eine so dauerhafte Faszination entfalten?

Ich glaube, die Heldengeschichten des trojanischen Krieges bilden einfach die Kehrseite der Medaille der christlichen Kultur. Das Christentum mit seiner Leib- und Erotikfeindlichkeit, seiner Verzichts- und Friedensethik ließ gar zu viele Wünsche offen und unbefriedigt. Da entlastete der griechische Sagenzyklus den Triebdruck kollossal.

Es ist sicher kein Zufall, daß gerade an den Fürstenhöfen - auch in Wolfenbüttel- sich in Gobelins, Fayencen, Wandbildern und Porzellan Darstellungen der Ilias und Odyssee großer Beliebtheit erfreuten. Das stand im Einklang mit dem eigenen Pracht- Macht- Kriegs- und auch Erotik-Bedürfnis. Der christlichen Fassade tat das keinen Abbruch.

Das Christentum für den Plebs, die llias für den Adel. Friede aus den Hütten, aber Krieg aus den Palästen. Diese Form der Zwei- Reiche-Lehre macht uns bis heute zu schaffen. Die Ilias bot ein Ventil aus der Strenge des Christentums. Interessant ist, daß in mittelalterlichen Geschichtsdarstellungen die Ilias der Zeit der Richter im AT zugeordnet wird, was auch übrigens historisch etwa hinkommt. Und die Geschichten von Gideon und Samson samt Delila passen ja auch in ihrer Gewalttätigkeit gut zu Achill und Hektor.

Hinter dieser Einordnung steht aber auch tatsächlich ein ernstzunehmendes Bedürfnis nach Verknüpfung von biblischer und antik- kIassischer Tradition. Nur so wird das Abendland verständlich in seinen Wurzeln.

Ja, und dieses Doppel-Ripp- Gewebe ist doch in uns allen. Trotz aller Gewalt und aller Viel-Götterei atmen Ilias und Odyssee eine tiefe Menschlichkeit. Wie menschlich sind diese Götter in Liebe, Eifersucht und Streit, wie tief lassen sie sich zu den Menschen herab, wie verwoben sind diese Menschen mit den Göttern! "Gottheit und Menschheit vereinen sich beide", wahrhaftig etwas sinnenfroher als der Choraldichter es 1736 gemeint hat. Und mitten in Krieg und Verrohung leuchtet dann doch immer wieder Menschlichkeit und Erbarmen auf. Nicht nur bei Iphigenie, auch etwa, wenn Achill mit Priamos um seinen toten Feind Hektor weint... Ja, das Weinen macht menschlich, wenn der Haß der Klage weicht. Da ist vielleicht die innere Brücke zum Christentum, die zwischen Burg Dankwarderode und Dom so schön äußerlich sichtbar gebaut ist.

Daß das zerstörte Troia durch die Flucht des Aeneas Ursprung der Kaiserstadt Rom war, wußte ich schon. Daß aber viele Städte und Völker ihre Ursprungslegenden auf Troia zurückftihren, das war mir neu und eindrücklich. So führten die Franken sich doch tatsächlich auf einenTroia-Flüchtling Franco zurück. Schön daran ist, daß so ein schrecklicher Untergang und eine vernichtende Niederlage zum Samen vieler Neuanfänge wurde. Ich merke schon, daß ich über vieie Einzelgeschichten der Ilias auch predigen könnte.

Und dann der alte Schliemann mit seinen Ausgrabungen und seinem Schatz des Priamos, den er um Jahrtausende zu spät datierte. Welch ein Beispiel von "Trial and Error", welch deutsche Großmannssucht! Welche Ironie der Geschichte, daß dieser vermeintliche Schatz des Priamos heute in Moskau lagert und wir andächtig die Kopien bewundern dürfen. Hat der Untergang Berlins nicht Troia in den Schatten gestellt? Wußten wir nicht schon immer, daß wir Deutschen es noch besser können als die alten Griechen? Ach, hätten wir doch vor dem Krieg auf Kassandra gehört und nicht erst hinterher bei Graff Christa Wolf gelesen! Ja, schon vor 3000 Jahren hätten wir lernen können, daß Krieg keine Probleme und Streitfragen löst, sondern in Vernichtung, Blut und Tränen endet.

Ich will jetzt nicht die Exponate beschreiben, das kann sich jeder selbst anschauen. Es ist schon imponierend, uralte Vasen aus dem 5.Jh vor Chr zu betrachten mit feinen sensiblen Darstellungen der Helden und ihrer Schicksale. 0 edle Einfalt; stille Große trotz allem Kriegsgeschrei. Ach, wäre Achill doch in Frauenkleidern bei den Töchtern des Kykomedes geblieben! Und die Ausgrabungsstätte auf dem Hügel Hisarlik wird einem wunderbar nahegebracht Die mochte ich gern besuchen und die ganze Gegend friedlich erwandern.

Wie ich höre, haben Jugendliche aus Schulen und Gemeinden weniger davon. (Nur die Kinder können wunderbar im Sand nach Schätzen suchen wie Schliemann.) Insgesamt ist es eben doch eine Veranstaltung für's Bildungsbürgertum. Vielleicht gehöre ich ja noch dazu.

PS

Weise mir Muse den Weg zur Burg Dankwarderode
Zeige dort mir den Mythos den oft schon mißbrauchten
Klirrender Waffen an Troias erhabnem Gestade
Riesig das Pferd dort des listenreichen Odysseus
Seht, schon dräut es, ist größer gar als der Löwe
Eilig öffnet die Tür, daß ich die Helden erschaue
Nicht nur den starken Achill und den trotzig kämpfenden Hektor
Nicht nur erhabene Frauen und Göttinnen hoff ich zu sehn
Nein auch heutige Helden, den eifrig umtriebigen Biegel
Armin den wackeren, Hempel vom Dome hoff ich zu sehn
Zwar nicht geziert durch Helme Schilde und Speere
Nein, mit dem Worte allein gewinnen sie siegreich die Schlacht
Sammeln die Menschen dort ein in riesigen Hallen
Weisung erteilend den Ohren mit herrlich lehrreichem Schmaus
Gerne entricht' ich den Obolus den ihr mit Recht dort verlangt.

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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu101/bstroia.htm, Stand: 21. November 2001, dk