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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Wider die politische Hysterie

Eine knappe Betrachtung zum Attentat auf das Weltwirtschaftszentrum in New York und das amerikanische Verteidigungsministerium

von Dietrich Kuessner (13.9.2001)

Das Attentat auf das WTC in New York hatte drei Dimensionen: eine psychologische, eine politische, eine theologische. Alle gehen durcheinander. Es herrscht bei vielen unter uns echte Bestürzung und Betroffenheit. Außerdem: Jugendliche haben das Gefühl, es gäbe einen dritten Weltkrieg. Volle Gottesdienste. Gut, dass die Kirche Räume hat, wo derlei Bestürzung sich in Klage, Eingeständnis der Ratlosigkeit und Besinnung öffnen kann. - Wer aber denkt sich in die Attentäter und fragt nach ihren Gründen? Sind "Irrsinn" und "Todeslust" nicht zu rasche, billige Erklärungen?

Es gibt auch ganz andere, zurückhaltende Reaktionen in Deutschland. Wer sagt, es handle sich hier um Krieg, weiß nicht, was ein Krieg ist. Wer gar bei dem Anblick der eingestürzten Türme und einiger zerstörter Straßenzüge denkt, so sei Krieg, der mag sich die Bilder von Hamburg nach dem Gomorrhaangriff Sommer 1943 oder von Dresden 1945 ansehen. Das war wirklich Krieg.

Damit sind wir schon bei politischen Aspekten. Die Behauptung, Amerika befände sich in einem Krieg, stammt von Bush. Damit tut er den Attentätern den größten Gefallen. Schon deshalb ist solche Behauptung politisch dumm. Das ist keine analytische Aussage sondern dient zur Beschreibung seiner zukünftigen Reaktion als einer kriegsähnlichen. Die unsterbliche Blamage, auf sein Verteidigungsministerium ein großes Flugzeug fallen zu lassen, das Hunderte von Kilometern dazu Anlauf nimmt, schreit natürlich nach "Rache".

In Wahrheit handelt es sich um eine inneramerikanische Angelegenheit aus folgenden Gründen: in Hollywood ist das Scenarium x mal durchgespielt und auf Großleinwand gezeigt worden (Ausspruch einiger Konfis am 11.9.: Heute ist "Independence day...") Zum Vergnügen der amerikanischen und internationalen Spaßgesellschaft. Wenn ich meinen Konfirmanden immer wieder diesen Irrsinn auszureden versuchte, reagierten sie so: Du, das ist doch spannend, sonst ist es soo langweilig. In amerikanischen Hirnen und Studios ist derlei Verbrechen ausgebrütet worden. Weiter: der amerikanische Anteil an Tätern ist noch nicht festgestellt. Jetzt die Toten in den Todesmaschinen zu Schuldigen zu erklären und Briefe zu finden, kommt etwas schnell.

Weiter: auch in Hongkong und anderswo gibt es Riesentürme. Warum nicht die? Wenn es den Attentätern nur auf Tote ankäme! Die Türme des WTC sind das Urbild für Globalisierung und Kapitalismus, und das ist für einen bedeutenden Teil der Menschheit gleichbedeutend mit Verelendung, Verarmung und Tod. Aus diesen Türmen tropfte schon längst ihr Blut. Also: Das Attentat ist bereits eine Reaktion! Auf welche Aktion? Welchen Anteil hat Amerika daran? Darüber gälte es in Gottesdiensten auch nachzudenken!

Der Kanzler Schröder bezeichnete die Attacke als "Angriff auf die Zivilisation". Sind nun also wirklich diese beiden blöden Geschäftstürme der Inbegriff von Zivilisation? Erschöpft sich Zivilisation im Geschäft? Ist der Broadway getroffen worden oder das Guggenheimmuseum? Auch diese allein sind natürlich nicht Zivilisation. Aber die Verengung des Zivilisationsbegriffes auf Geldgeschäft finde ich eklig. Auch das wäre ein Seitenblick in einer Predigt wert.

Wenn jedoch die Methoden der Terroristen gemeint sein sollen, dann wäre zu erinnern, dass die USA die bisher erste und einzige Weltmacht war, die die Atombombe geworfen hat und sich bisher dafür nicht entschuldigt hat und kein Wort der Buße für die Verwüstung Vietnams gefunden hat. Zivilisation? Die kann man nun wirklich nicht von USA lernen. Ich schäme mich für das geistlose Wort Schröders, des Kriegskanzlers.

Die Attacke wird nun mit religiösen Mythen belegt. Es ist der manichäische Kampf des Bösen gegen die Guten, Zivilisierten. Manichäismus ist eine Abart von Christentum. Reagan hat seinerzeit manichäisch die Welt in die guten Amerikaner und bösen Russen eingeteilt. Diese manichäische Weltbild wird aber auch den Terroristen unterstellt.Sie führten einen heiligen Krieg gegen die sittenverderbten Amerikaner. Ach, wie sich beide Seiten gleichen. Auch ein Thema für eine Predigt.

Apokalypse - umschreibt ein Theologiestudent die Sache. Ein Pfarrer nannte mir heute auch das Kapitel, nämlich Apkokalypse Johannis Kap. 18, insbesondere die Verse ab Vers 15 vom Untergang der großen Stadt, die in einer Stunde verwüstet wird. Ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung verglich das Zusammensinken der Türme, als ob sich die Erde aufgetan hätte und sie "zur Hölle gefahren" seien.Eine Pfarramtssekretärin fühlte sich an den Turm zu Babel erinnert. Als AIDS ausbrach, kam von Amerika die Deutung "Geißel Gottes". Wie wenn jemand auf die Idee käme, nun ebenso geschichtstheologisch zu argumentieren?

Der Terror als Geißel Gottes gegen das Unrecht der freien Wirtschaft. Bischof Huber gibt sich dazu her, im Berliner Dom zu erklären, jene, die aus den Türmen in den Tod gesprungen wären, wären nicht tiefer gefallen "als in Gottes Hand". Diese seichte Begründung, mit der Militärpfarrer schon die Witwen von abgestürzten Luftwaffenoffizieren glaubten Trost spenden zu können. Wer weiß? Vielleicht sind sie auch in den Abgrund der Hölle gesprungen. Gedanklich müsste beides möglich sein, oder?

Ich habe mich mit Hilfe der Theologie v.Rads von dieser Art Mythifizierung von Natur und Geschichte getrennt. Genesis 1 bedeutet ja gerade eine Entmuythisierung von Natur. Also auch hier finde ich fällig: bitte etwas weniger gewagte religiöse Deutung und lieber Sachanalyse.

Ich hätte es für sehr gut gefunden, wenn zusammen mit den Amerikanern ein großer gemeinsamer Trauergottesdienst gehalten worden wäre. Denn es fängt in zwei, drei Tagen über Manhatten furchtbar an zu stinken, wenn sich Leichen von 10.000 Getöteten öffnen. Dann erst, dann wird manchen klar werden, was überhaupt passiert ist. Der Leichengestank macht vor Brücken nicht Halt.

Bei den spontanen Gottesdiensten habe ich Fragen, ob nicht die Gefahr besteht, sich an der Hysterie zu beteiligen und das gelassene und in beide Richtungen hin zur Buße rufende Wort jetzt eher ungehört bleibt. Oder die Gemeinde sich gar einseitig auf die Seite der amerikanischen Opfer stellt.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/WTC.htm, Stand: 14. September 2001, dk