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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Verheerende Rede des amerikanischen Präsidenten am 20.9.01

Nachdenkliches von Dietrich Kuessner zum Morgenkaffee am 22.9.

Heute morgen lese ich leider nur in Auszügen die Rede von Bush. Sie ist anachronistisch und politisch verheerend aus folgenden fünf Gründen:

Bush umgeht das Eingeständnis der schweren Niederlage Amerikas durch die Zerstörung der Welthandelszentrums und von Teilen des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Er umgeht das Eingeständnis der kurzfristigen Überlegenheit der globalen Guerilla.

Bush lässt infolgedessen jedes Nachdenken über die tieferen Gründe dieser Niederlage vermissen. Dabei ignoriert Bush zahlreiche Äußerungen europäischer Intellektueller und auch aus den ev. Kirchen in Deutschland.

Der zweite Grund ist: Bush isoliert sich, weil er die UNO vollständig ausschaltet. Das Wort UNO kommt in der Rede überhaupt nicht vor. Damit markiert Bush die USA mal wieder als number one in der Weltpolitik, im Augenblick abgepolstert durch Koalitionsabsprachen. Diese sind jedoch brüchig. Sehr brüchig. Es hat sich längst eine von der Presse nur nicht entsprechend wahrgenommene nachdenklichere, kritische, sogar oppositionelle Schicht entfaltet, die rasch anwachsen kann. Die einzigen und zwar vier kritischen Leserbriefe in der heutigen Samstagausgabe der BZ sind symptomatisch.

Der dritte Grund ist: Bush setzt sich vollständig über die Rechtslage und über das Völkerrecht hinweg. Mit der Aufforderung "Bringt sie mir lebendig oder tot" schwingt sich Bush zum obersten Richter auf. Fritz Stern und andere diskutieren darüber, Verdächtige vor ein übernationales Gericht zu stellen. Aber die BushRegierung erkennt ja nicht mal den europäischen Gerichtshof an. Das Recht wird dem politischen Sieg untergeordnet. Dazu gibt es leider deutliche Parallelen zu europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Der Sieger hat recht. Dabei sind alle Mittel, die zum Sieg führen erlaubt. Das kennen wir sogar aus der Bundesliga. Aber so kann man keine Weltpolitik gegen die globale Guerilla machen.

Der vierte Grund: Bush tut so, als ob er eine Weltallianz gegen weltweiten Terrorismus anführt und bezeichnet dies als ersten Krieg im neuen Jahrhundert. Seine Aufgabe wäre es ja, einen solchen Krieg zu verhindern und nicht zu führen. Aber die Rede Bushs wirkt auf mich wie eine Rede beim Eintritt Amerikas in den 2. Weltkrieg 1941. Auch das ganze Ambiente im Repräsentantenhaus passt dazu. Der globalen Guerilla jedoch müßte man mit anderen, viel stilleren Formen begegnen. Es soll doch angeblich alles anders geworden sein seit dem 11. September. Die politischen Kulissen Washingtons sind offenbar stehen geblieben. Umso größer ist die amerikanische Selbsttäuschung und wird der Fall sein.

Schließlich ist die Rede auch verheerend für das Verständnis der christlichen Weltreligion. Bush wird ja als Christ wahrgenommen, der zum Kreuzzug aufruft und Staaten "beenden" will. Dazu wäre ein kritisches Wort der Weltkirchen längst fällig. Dies jedoch unterbleibt, weil die christlichen Kirchen selber selbstkritisch eingestehen müssten, dass ihr Buch der Offenbarung, die Bibel, eine Quelle der Gewalt, auch der Guerilla, ist. Unübersehbare Passagen der Bibel sind grausame Gewaltdarstellungen. Der Alleinvertretungsanspruch der Kirche auf Wahrheit müßte endlich aufgegeben werden. Mt. 28 ("Geht hin in alle Welt") müßte ein neues, durch die Mission schwer diskreditiertes Verständnis erfahren. Auch die Kirche agiert noch in ihren alten Kulissen. Wenn nun wirklich am 11. 9. alles anders geworden ist, na bitte, dann müssen wir uns an die theologische Arbeit machen.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/bush2009.htm, Stand: 22. September 2001, dk