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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

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Ein guter Zug der (Landes-) Kirche

Konfirmanden-Ferien-Seminar KFS

Viele Ansätze zur Kirchenreform hat es seit Ende der sechziger Jahre gegeben. Ansätze, die "Pastorenkirche" zu überwinden. Ansätze, im Miteinander hierarchisches Denken zu überwinden. Ansätze, neue Arbeitsformen und Einsichten (von Gruppendynamik über Bibiodrama bis hin zur Erprobung neuer Formen spirituellen Lebens) für Gemeinden fruchtbar zu machen. Ansätze, Kirche weniger von ihrem institutionellen und mehr von ihrem Charakter als "Bewegung" her zu verstehen. Diese Aufbrüche zur Kirchenreform sind nicht ohne Folgen und Wirkungen geblieben.

Seit Ende der sechziger Jahre hat sich in unserer Landeskirche ein Modell der Konfirmandenarbeit herausgebildet und profiliert, das in dieser Form in den Kirchen der Bundesrepublik einzigartig ist: das Konfirmanden-Ferien-Seminar (KFS).

Entstanden aus Überlegungen zur Reform des Konfirmandenunterrichts, hat sich das KFS schnell zu einer Arbeitsform entwickelt, in der die regelmäßige und gleichberechtigte Zusammenarbeit von Ordinierten mit "Laien" wesentlich ist, Gemeinden ein besonderes Profil ausbilden und eine inzwischen über Propsteigrenzen hinweg durch die ganze Landeskirche vernetzte Kooperation von Kirchengemeinden gewachsen ist.

1968 war die Idee noch ungewohnt neu: "Wir machen Konfirmandenarbeit zusammen." Inzwischen allerdings werden in der religionspädagogischen Diskussion verstärkt als wichtige Faktoren für gelingende Konfirmandenarbeit manche im KFS seit Jahren praktizierte Grundsätze herausgestellt:

  • sich Bedürfnissen, Ausdrucksformen und Fragen der Jugendlichen öffnen
  • Phasen gemeinsamen Lebens ermöglichen
  • Lernen ganzheitlicher verstehen
  • verstärkt Ehrenamtliche am KU beteiligen

Der wesentliche Grundzug des Konfirmanden-Ferien-Seminars (KFS) ist Kooperation auf den unterschiedlichen am KU beteiligten Ebenen und eine Vernetzung von gemeindlicher Arbeit und übergemeindlicher Verbindung. "Wir machen Konfirmandenunterricht zusammen".

Das bedeutet zunächst, dass Pfarrerinnen und Pfarrer die Mitverantwortung der Kirchenvorstände für die Gestaltung des KU ernst nehmen. Ob in einer Kirchengemeinde KFS durchgeführt wird, ist keine einsame Entscheidung der PfarrerInnen. Für die Durchführung des KFS liegt in den Ortsgemeinden ein Beschluß des KV vor, der dieses Modell als Bestandteil des KU in der Praxis der Gemeinde verankert. Damit verbunden ist eine Selbstverpflichtung der Verantwortungsträger in der Gemeinde, auch notwendige finanzielle Bezuschussung der Maßnahme aus Mitteln des gemeindlichen Haushaltes bereitzustellen sowie gegebenenfalls Fördermittel der Diakoniekassen für finanzschwache Teilnehmer bereitzuhalten.

Grundlage dieser Beschlüsse sind ausführliche Vorstellung und Darstellung und Beratung des Modells im Kirchenvorstand. Mitverantwortung braucht nämlich Transparenz. Und diese Transparenz wird auch immer wieder hergestellt. Allein

 

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schon aufgrund des finanziellen Engagements beteiligter Gemeinden werden Gestaltung, Sinn und Ziel der Konfirmandenarbeit regelmäßig zum Thema in Kirchenvorständen, die für das KFS votiert haben.

KU zusammen machen bedeutet in Vorbereitung und Durchführung konsequente Arbeit in gemeindlichen Teams. Je nach Gruppengröße arbeiten ab ca. Oktober jeden Jahres in den Gemeinden Teams von ehrenamtlichen (Schüler, Kirchenvorsteher, Menschen unterschiedlicher Alters- und Berufsgruppen, Studenten) mit den PfarrerInnen zusammen an der inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung des dreiwöchigen KFS in den Sommerferien. Das bedeutet inhaltliche Auseinandersetzung mit einem biblischen Oberthema (in der Regel Jahreslosung oder Kirchentagslosung), Vorbereitung von etwa 40 Stunden KU, die im Rahmen des KFS in unterschiedlichen Arbeitsformen integriert sind, Gestaltung eines dreiwöchigen Programmes, das Bergtouren im Hochgebirge, Freizeitunternehmungen, Spieleabende, workshops (Kreativangebote) und geistliche Angebote umfaßt (tägliche Andachten zu Mahlzeiten, Gottesdienste, Taufen, Feiern des Heiligen Abendmahles, stille Zeiten und Abendausklänge in Zelten).

Die ehrenamtlichen Betreuer (Teamer) investieren dafür enorme Zeit (monatliche mehrstündige Teamtreffen, z.T. mit einem oder mehreren teaminternen Vorbereitungs-wochenende) und übernehmen größere organisatorische Parts eigenständig. In vielen Gemeinden sind die Teams auch an Vorstellung des KFS bei Elternabenden zur Anmeldung zum KU, bei den Vorbereitungstreffen mit Eltern und Konfirmanden, bei Probewanderungen im Harz beteiligt. Ohne diese Teamarbeit wäre das KFS nicht denkbar.

Die Teamer -"Kirche von Unten" wenn man so will-, tragen wesentlich diese Arbeit in der Durchführung (eigenständige Leitung von Kleingruppen, Gesprächs-kontakt als Zimmerteamer, Organisator des Tages im KFS, Leitung von Bergtouren, Gestaltung von Andachten etc.). Vorhandene Gaben und Kompetenzen werden gefördert, entwickelt und eingebracht. Die in ihrer Ausbildung oft noch hauptsächlich als "Einzelkämpfer" sozialisierten beteiligten PfarrerInnen üben die Teamfähigkeit dabei immer neu ein.

KFS zusammen machen basiert auf der Grundüberzeugung, dass Lernen im Bereich des Glaubens im Zusammensein mit Konfirmanden gemeinsames Leben und Lernen ist. Dabei verstehen sich die Betreuerteams als Initiatoren von Lernprozessen und auch als seelsorgerliche Begleiter der Konfirmanden. Sie bemühen sich darum, authentisch einzubringen, was ihnen wichtig geworden ist. Damit erleben Konfirmanden in Person der Teamer eine große Bandbreite gelebten Glaubens (und Zweifels) und begegnen als Vertretern von Kirche neben den PfarrerInnen den vielen anderen (jungen!) Gesichtern, die Kirche haben kann.

KFS zusammen machen bedeutet über Einbeziehung des Kirchenvorstandes und Teamarbeit in der Ortsgemeinde hinaus die landeskirchenweite Vernetzung der KFS-Gemeinden. Das Modell KFS geht über den gelegentlichen oder fest verabredeten Austausch mit Nachbarpfarrern hinaus. Das ganze Jahr über kommen Verantwortliche für das KFS aus den Gemeinden (mehrheitlich PfarrerInnen) monatlich zu einer dreistündigen Sitzung des Arbeitskreises KFS zusammen. Hier kommt es zu intensiver thematisch-methodischer Zusammenarbeit. Hier wird die Wahl des in allen Gemeinden bearbeiteten

 

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Losungswortes beraten und beschlossen. Eineinhalb Stunden jeder Sitzung gehören der theologischen und religionspädagogischen Erarbeitung des Themas und möglicher Gestaltungsformen der Arbeit in den drei Wochen KFS.

Der Arbeitskreis ist ein Forum und Ort theologischer Debatte in unserer Landeskirche, bei dem durchaus unterschiedlichen Positionen in theologischen Grundfragen doch in der Arbeit an einer gemeinsamen Sache zusammenfinden. Er ist ein Ort offenen und kritischen Austausches über erarbeitete Arbeitsformen, ein Ort wechselseitiger Information über von einzelnen erkundete Methoden und Arbeitsformen, ein kreativer Ort.

Gute Ideen werden zusammen entwickelt, erfolgreich erprobte Arbeitsformen finden schnell Verbreitung, kreative Varianten ergeben sich. Jemand ist immer dicht an modernen Entwicklungen auf einem Gebiet, allen kommt dies zu Nutze. Dahinter steht das Erleben, dass es gut tut in einem schwierigen Feld kirchlicher Arbeit nicht allein zu stehen.

Dieser intensive thematische Arbeitsprozess fließt über die beteiligten Vertreter zurück in die Teams vor Ort, umgekehrt kommen Anregungen aus den Gemeindeteams allen im AK zu Gute. Die thematische Erarbeitung fließt über ein jeweils für ein Jahr geformten Fortbildungs- und Leitungsteam ein in die Vorbereitung und Durchführung von drei Teamerfortbildungen im Haus Hessenkopf. Diese Wochenenden (in Eigenregie oder mit in der Regel in bestimmten Methoden spezialisierten Referenten) sind ein Angebot an Teamer aller Gemeinden, sich mit dem Thema persönlich auseinanderzusetzen, sich einzuarbeiten, sich mit neuen Methoden durch Erprobung vertraut zu machen (Themenzentrierte Interaktion, Arbeit mit Licht Andreas Lohrey, Bibliodrama, künstlerische Techniken wie Stabilo-Toner-Collagen etc.).

Diese Fortbildungen dienen der Zurüstung und der Inspiration. Teilweise werden erarbeitete Modelle erprobt und dann in den Gemeindeteams in Varianten fürs KFS übernommen.

Über diese Wochenenden entsteht auch zwischen Teamern verschiedener Gemeinden der Landeskirche über Jahre ein Netz von Menschen, die sich dem KFS als einer die unterschiedlichen Menschen verbindenden Sache zugeordnet wissen und ein Bewußtsein der Zusammengehörigkeit zwischen Groß Twülpstedt und Greene.

Der Arbeitskreis KFS hat zusätzlich zur Beförderung gemeinsamer thematischer oder methodischer Auseinandersetzung in den vergangenen Jahren jeweils mehrtägige Pastoralkollegs initiiert und durchgeführt, deren Thematik sich aus der Auswertung von Erfahrungen im Zusammensein mit den KonfirmandInnen ergeben hat. (Themen z.B. : Bibliodrama, TZI, Okkultismus, Sexualität und Aggression, Familienkonstellationen, zu eigenen Sprache finden).

KFS zusammen zu machen hat neben dieser intensiven Austauschebene auf theologischem Gebiet eine starke arbeitsteilig-kooperativ organisierte Seite. Gemeinsam wird die Fahrt nahezu aller KFS-Gemeinden nach Südtirol in einem Sonderzug organisiert (800-900 Teilnehmer). Für den Arbeitskreis kümmern sich Beauftragte in Verhandlungsteams mit dem Hauptgeschäftspartner Alpetour um die Organisation der Gruppenhäuser. Einzelne übernehmen nach Bedarf die Beschaffung von Materialien für alle interessierten Gemeinden in großen Stückzahlen. Vertreter des Arbeitskreises halten Kontakt zur Landeskirche, die

 

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das KFS nach Erprobung über viele Jahre als anerkanntes besonderes und besonders förderungswürdiges KU-Modell unterstützt.

Zur Präsentation des KFS-Modells für interessierte Gemeinden z.T. auch außerhalb der Landeskirche (Kirchentag 1983 Hannover, Bundestagung KU, Göttingen, Steinhuder Meer, Nürnberg) für Kontakte zu Tagungshäusern und Referenten finden sich aus dem Arbeitskreis immer wechselnd freiwillig Mitglieder bereit. Jährlich bildet der Arbeitskreis aus seiner Mitte ein Gottesdiensteam zur Vorbereitung eines gemeinsamen Jungendgottesdienstes in Südtirol (700 Teilnehmer).

Die Kooperation erstreckt sich auch auf die Finanzierung. KFS-Gemeinden zahlen in ein gemeinsames Konto Umlagen zur Finanzierung der notwendigen schriftlichen Kommunikation, zur Ermöglichung von Fortbildung und zur Absicherung von Risiken der Großunternehmung ein.

KFS lebt vom Engagement, vom Geben und Nehmen aller engagierten Teilnehmer. Der Arbeitskreis lebt davon, dass Einzelne für die Anderen Aufgaben übernehmen und die gemeinsame Sache vertreten. Und dabei finden sich für die einzelnen Bereiche jedes Jahr Einzelne in neuen Konstellationen zusammen.

Der Arbeitskreis vergibt jedes Jahr neu Beauftragungen für diese unterschiedlichen Aufgaben (Leitung der AK-Sitzungen, Fortbildungsteam, Zugorganisation, Finanzausschuss, Materialbeschaffung). Bezeichnend ist dabei, dass es auch noch nach mehr als dreißig Jahren KFS kaum institutionalisierte Verkrustungen gibt, nicht einmal eine Satzung, sondern gemeinsame Grundüberzeugungen immer wieder im Medium des Gespräches geklärt werden und gefestigt werden. Der Arbeitskreis versteht sich nicht hierarchisch und hat gegenüber den einzelnen Mitgliedern und KFS-Gemeinden auch tatsächlich keine "Weisungsbefugnis". Bei aller Gemeinsamkeit ist die "bunte Vielfalt" der in den jeweiligen Gemeinden gestalteten Formen von KFS nicht unerwünscht, sondern von allen geschätzter Reichtum. "Exotische" Personen und Gestaltungsformen haben ihren Platz im Verbund der Gemeinden. Trotz deutlich benennbarer gemeinsamer Standards ist kein KFS wie das andere.

Natürlich verspüren die Beteiligten durchaus die Mühe, die eine so offene Struktur macht. Aber die Bereitschaft, sich auf Veränderungsprozesse einzulassen, gehört unabdingbar zum KFS. In gewisser Hinsicht ist "nach dem durchgeführten KFS auch wieder vor dem KFS." Von Jahr zu Jahr brechen die Teams in der Gemeinde mit neuen KonfirmandInnen und neuem Thema und auch die Mitwirkenden im Arbeitskreis erneut auf. Und begeben sich immer wieder auf zum Teil unbegangene Wege. Insofern erleben wir gerade im Zusammenhang mit KFS "Kirche in Bewegung" als Herausforderung und Chance.

Zur Regulierung dieses aufwendigen Kooperations-prozesses gehört Feedback. Im KFS selbst mit den KonfirmandInnen ist dies fest verankert. Durchgeführte Teamerschulungen und die erlebten drei Wochen KFS werden in den Teams und im Arbeitskreis ausführlich nachbereitet. Oft mit Konsequenzen für zukünftige thematische-religionspädagogische Herausforderungen, Veränderung von Arbeitsformen und Fortbildungsbedarf. Feedback geben sich die Mitglieder des Arbeitskreises auch in Form einer einmal jährlich in Anspruch genommenen Supervision.

 

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KFS wurde und wird seit den Anfängen immer weiter entwickelt. Die Mehrheit der Initiatoren vor dreißig Jahren ist inzwischen im Ruhestand, eine weitere Generation von PfarrerInnen und MitarbeiterInnen in den Gemeinden aber spinnt den Faden und das Netz weiter. Nicht nur für beteiligte PfarrerInnen bedeutet KFS einen Arbeitsschwerpunkt und in gewisser Weise auch eine Beheimatung in der Landeskirche, es hat auch unzählige Gemeinden in ihrem Profil geprägt.

Dazu gehören die verstärkten Kontakte mit Konfirmandeneltern wie die immer wieder erforderliche Offenlegung der Arbeit und Präsentation der Arbeit in der Gemeinde (Gemeindebriefartikel, Diaabende, Filme). Viele Gemeinden haben der Jugendarbeit durch das KFS starke Impulse geben können, aus der der Nachwuchs für die Teams hervorgeht. Manche kreative Aktion zur Beschaffung zusätzlicher Finanzmittel für das KFS gehört zum festen Jahresprogramm von Gemeinden. Die Gottesdienste und die Arbeit von Gemeindegruppen werden bereichert durch Impulse aus dem KFS. Nicht zuletzt hat das KFS mit zum Engagement junger Leute in Kirchenvorständen beigetragen.

Gemeinden, die das KFS als Bestandteil ihres Profiles betrachten, machen auch bei Pfarrstellenwechsel die Fortführung dieser Arbeit mit zu einem Anforderungskriterium für die Nachfolger. KFS mag in vieler Hinsicht vom Einsatz und der Begeisterung der PfarrerInnen mitbestimmt sein. Es ist aber im Kern eine gemeindliche Aktivität, die nicht an einer Person allein hängt.

"KFS - ein guter Zug der Kirche". Tatsächlich ist der Sonderzug als unser Verkehrsmittel eine Verkörperung der besonderen Form der Kooperation. Ein gemeinsamer Gepäckwagen, ein Wagen als Teamertreff, ein reger Besuch und Austausch zwischen Teams und Konfirmandengruppen auf den Gängen während der Fahrt, vielfache gegenseitige Hilfe bei Be-und Entladung des Gepäcks und nicht zuletzt der Eindruck, den der eintreffende Zug auf Eltern und Andere an Bahnsteigen macht, zeigen die übergemeindliche Verbundenheit. Der Sonderzug macht uns leiblich bewußt, dass KFS und damit unsere Gemeinden und wir als Mitarbeitende "in Bewegung" sind und bleiben wollen.

Dietmar Schmidt-Pultke, Pastor in Gitttelde


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu103/kfs.htm, Stand: 7. Januar 2002, dk