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Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

KvU 23.11.2001: Kolloquium Juden und Christen in Wolfenbüttel

Am Donnerstag, dem 22.11. fand im Landeskirchenamt ein Kolloquium zum Thema Juden und Christen unter der Leitung von LKR C. Hahn statt, bei dem Frau Wagner-Redding, Gemeindevorsteherin der jüdischen Gemeinde Braunschweig, und Prof. Pöhlmann, früher Braunschweig, ein Referat zum Grundsatzthema Juden-Christen in der Br. Landeskirche hielten. Das Kolloquium war von 26 Personen besucht. Es dauerte von 17.00 - 20.30.

Der Anlass zu diesem Kolloquium war ein Antrag in der Landessynode im November 2000, die Verfassung der Landeskirche durch einen Zusatz derart zu ändern, dass die jüdischen Wurzeln unserer Landeskirche deutlich würden. Dieses ist in vielen Landeskirchen geschehen. Warum bisher in unserer Landeskirche noch nicht? Anstatt dem Antrag nach einer Diskussion in der Landessynode zuzustimmen, wurde der Antrag auf Vorschlag von Landesbischof Krause einer künftig zu bildenden Theologischen Kommission überwiesen. Das war etwas auffällig, weil die vom Bischof gebildete Theologische Kommission immer noch bestand und ohne Arbeit war. Dann wurde vorgeschlagen, Herrn Prof. Pöhlmann zu einem Grundsatzreferat vor dem gemeinsamen Gemeinde- und Rechtsausschuss einzuladen. Auch dieser Vorschlag wurde nicht weiter verfolgt. Schließlich kam das Kolloquium am 22.11. zustande. Eine Behandlung in dieser Sitzungsperiode der Landessynode ist damit nicht mehr möglich. Nur so ist es zu verstehen, dass an diesem Kolloquium kein Mitglied des Kollegiums des Landeskirchenamtes, kein Mitglied des Präsidiums der Landessynode und auch nicht der Pressesprecher der Landeskirche teilnahmen.

Andere, wie der Sprecher des Arbeitskreises synagoga und ecclesia Pfr.i.R. Jürgen Naumann, befürworteten auch zunächst die Herstellung einer breiten Basis für eine solche Verfassungsänderung, wie z.B. die Einholung von Stellungnahmen der Kirchenvorstände, wie es in der rheinischen Kirche geschehen war oder wie es zur Zeit in der Nordelbischen Kirche stattfindet. Eine Verfassungsänderung ohne Beteiligung der Kirchengemeinden bliebe nur auf dem Papier.

Nach der Begrüßung durch LKR Hahn gab Prof. Pöhlmann eine Übersicht über die Bemühungen in anderen Landeskirchen, kritisierte sehr scharf die Haltung Luthers zu den Juden, die keine Randerscheinung der Theologie des alten Luthers sei, sondern durchweg das jüdische Volk aus dem Gnadenangebot Gottes grundsätzlich und für immer ausgeschlossen habe und daher verheerender wäre als der nationalsozialistische Antisemitismus. Pöhlmann forderte die positive Erinnerung der Br. Landeskirche an Pfr. Georg Althaus, der im Dritten Reich dem Antisemitismus aktiv widerstanden und dafür in der Landeskirche nach 1945 keine Verständnis gefunden habe. Althaus wurde Anfang der 60iger Jahre gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt.

Die Gemeindevorsteherin Wagner-Redding hielt eine Erklärung der Landeskirche zum Verhältnis Juden und Christen nur für sinnvoll, wenn dies auch vor Herzen käme und den Dialog mit der jüdischen Gemeinde dauerhaft eröffnete. Ein solcher Dialog aber wäre bundesweit durch die geringe Anzahl von Juden in Deutschland in Frage gestellt. Es lebten heute 88.000 Juden in Deutschland, von denen 10-15.000 keiner Gemeinde angehörten und 50 % aus Russland stammten und für den Dialog ausfielen. Frau Wagner-Redding trug zahlreiche Äußerungen von christlicher Seite vor, die einen Dialog zusätzlich erschwerten, so z.B. die unerhörte Anfrage, ob die am Dialog beteiligten Juden die richtigen wären, da sie ja den Holocaust überstanden hätten. Sie befürwortete im Referat mehr eine praktische, sich im Alltag bewährende Zusammenarbeit. Dabei beseitige die besonders in Süddeutschland betriebene Judenmission (Seelenfängerei) jede mögliche Zusammenarbeit und beschädige eine Erklärung. Erst später in der Diskussion räumte sie ein, dass eine Erklärung seitens der Landeskirche für sie zwar einerseits keine Bedeutung hätte, aber auch nicht als belastend angesehen werden könnte.

Die Diskussion beschäftigte sich ausgiebig mit der Judenmission, die einhellig abgelehnt wurde, wobei Pfr.i.R. Kurt Dockhorn auf die evangelikale Schlagseite der neusten Äußerung der EKD zur Mission in der Bundesrepublik hinwiese. Pöhlmann verwies auf das Beispiel von Pfr.i.R. Wolfgang Büscher, Helmstedt, der seinerzeit die Schwere des Holocaust durch Anfragen, wieviel Juden denn nun eigentlich umgekommen seien, bestritten und eine stadtweite Diskussion ausgelöst hätte. Pfr.i.R. Naumann zitierte einen Ausspruch, wonach die Judenmission als Fortsetzung des Holocaust mit anderen Mitteln verstanden werden könnte. Pfr.i.R. Adloff, Wolfenbüttel, der bedeutsame Thesen zu Mt. 28 verfasst hat, wonach der fälschlicherweise sog. Missionsbefehl in keinem Falle den Juden gelte, hielt eine Erklärung durch die Landeskirche für nutzlos, wenn sie nicht mit Leben erfüllt würde. Diakon Graumann, Königslutter vom christlich-jüdischen Dialog verwies auf die zahlreichen Arbeitsmaterialien, mit denen in den Kirchengemeinde gearbeitet werden könnte. PS. Direktor Pfr. Dieter Rammler wies das Argument, dass es für eine solche Erklärung zu spät sei, zurück, man dürfe das Verhältnis Landeskirche-jüdische Gemeinde aber auch nicht mit der Erwartung zu hoher Dialogbereitschaft überfrachten. Es wäre nützlich, einmal festzustellen, was es in der Landeskirche an Veranstaltungen zu diesem Thema (Bibelabende, Isrälfahrten) gäbe. Pfr. Borrmann, Wolfenbüttel verwies noch einmal auf die Intention des Synodalantrages, wonach es nicht um das Verhältnis der Landeskirche zur jüdischen Gemeinde, auch nicht zum Staat Israel gehe, sondern um die vertiefte theologische Erkenntnis der jüdischen Wurzeln unserer Landeskirche. C. Hahn schloss die von einer koscheren Kaffeepause unterbrochene lebhafte Diskussion mit dem Vorschlag einer Weiterarbeit auf verschiedenen Ebenen an unterschiedlichen Themen, wobei er eine Zusammenführung der verschiedenen Bemühungen im Referat II,2 im Auge gehabt haben mag. Am Kolloquium nahmen mit Frau Pfaue-Vogt, Pfr. Welge, Herrn Peter, Hern Pfr. Jordens Höke, Frau Haller, Frau Mattfeldt-Kloth, Pfr. Borrmann auch Mitglieder der künftigen Landessynode teil.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu103/kolloqu011123.htm, Stand: 23. November 2001, dk