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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 105, September 2002 2006, Seite 22-24
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ZWISCHENRUF

von Kurt Dockhorn

Wenn diese Ausgabe der Kirche von Unten erscheint, hat sich der 11. September 2001 zum ersten Mal gejährt. Anders gesagt: Wir befinden uns im Jahr Zwei des von Präsident Bush vor einem Jahr ausgerufenen weltweiten Krieges gegen den Terror. Nachdem die Taliban in Afghanistan weggebombt wurden und die Amerikaner sich schon vor Monaten zu Siegern erklärt haben, ist inzwischen klar: Weder hat der Krieg Afghanistan Frieden gebracht noch ist das Netzwerk von AlQuaida zerschlagen. Redet noch jemand davon, daß das oberste Kriegsziel der USA, Usama bin Laden tot oder lebend zu kriegen, bis heute nicht erreicht ist?

Noch tut sich der Westen schwer einzugestehen, daß die bisherigen Ergebnisse des Weltkrieges gegen den Terror eine einzige Blamage sind, und schon werden wir auf den nächsten Krieg eingestimmt: In Bagdad soll Saddam Hussein gestürzt werden. Aus den die Kriegsvorbereitungen begleitenden Wortgefechten beiderseits des Atlantiks schält sich allmählich als Kern der wahre Kriegsgrund heraus: Saudi-Arabien mit seinen immensen Ölvorräten wird im amerikanischen Mittel-Ost-Kalkül immer mehr zum unsicheren Kantonisten. So wird es für die USA immer dringlicher, die direkte Kontrolle über die ebenfalls immensen irakischen Ölreserven zu sichern. Der Weg zu diesem Ziel ist der Sturz Saddams und die Etablierung eines amerikahörigen Regimes in Bagdad. Dabei sind diese Umsturzabsichten nur ein Mosaikstein in dem globalen Feldzug der USA gegen alle Regionen der Erde, die noch einen vermuteten oder tatsächlichen Widerstand gegen die alleinige Weltherrschaft der Amerikaner wagen. So ist die Front in der Tat weltumspannend und reicht von Kolumbien über die Philippinen, Nepal, Kabul, Usbekistan, Georgien, Irak bis nach Ostafrika. Bestürzend deutlich wird in diesem globalen Feldzug, daß es keine zu respektierende Souveränität von Staaten mehr gibt und daß Völkerrecht und Menschen-rechte nicht länger unbedingt zu achtende Schranken des politischen Handelns sind. Vielmehr gilt es politisch und militärisch die Globalisierung durchzusetzen. In der Definition von Henry Kissinger: "Globalisierung ist nur ein anderes Wort für US-Herrschaft".

Die Durchsetzung dieser Herrschaft stützt sich auf eine dualistische Religion, die die Welt in Gut und Böse aufteilt und Gefolgschaft einfordert mit der Drohbotschaft: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns".

Es ist ein Wirtschaftssystem (Kapitalismus), ein Militärsystem (weltweiter Feldzug gegen den Terror) und eine militante Freund-Feind-Religion, diese drei, die zusammengeschlossen sind in dem unbedingten Willen, sich die Welt zu unterwerfen. Konrad Raiser hat auf der letzten Sitzung des Zentralausschusses des ÖRK angemerkt, daß dieser Unterwerfungswille die Menschenrechte gefährdet, die Solidarität mit den Armen zerstört, internationales Recht beiseite schiebt. Und er hat darauf hingewiesen, daß diese Entwicklung insgesamt die Kirchen in eine tiefe Spaltung hineinzieht.

Ulrich Duchrow hat jüngst in PublikForum zwei Gründe dafür angegeben, daß EKD-Vertreter in internationalen Konferenzen im Vergleich zu Teilnehmern aus anderen Regionen der Ökumene taktisch, diplomatisch, bremsend auftreten, eben so die Kirchenspaltung, von der Raiser sprach, dokumentierend: Unsere Kirchenleitenden würden argumentieren, daß sie den Dialog mit den Partnern in der Politik nicht gefährden dürften und daß man die "Heranführung der Gemeinden an die Globalisierung" nicht erschweren dürfe. Offensichtlich sind beide Argumente von erschütternder Belanglosigkeit. Gegenüber der Gemeinde wird paternalistisch argumentiert, sie wird als Versammlung von mündigen Christinnen und Christen nicht ernst genommen. Und was den Dialog mit der Politik angeht: Ja, wo wird denn der Streit gewagt außer beim Sonntag? Die Geschichte der politischen Denkschriften ist eine Geschichte der Anbiederei der Kirche an die Macht (mit der rühmlichen Ausnahme der Ostdenkschrift) und entbehrt der Streitkultur. "Synode direkt" hatte ja recht im Interview mit Antje Vollmer, daß die politische Theologie, die Theologie der Befreiung out ist (war sie jemals "in" bei uns?). Aber zu fragen ist doch: Was muß eigentlich noch passieren, bis sich die "priesterliche" Kirche (Kollmar) darauf besinnt, daß sie auch prophetische sein soll? Worauf warten wir noch, bis wir den Streit aufnehmen mit der unheiligen Trinität von Mammon, Kriegs- und Gewaltbereitschaft und der Apokalyptik des Freund-Feind-Denkens?

Oder sind wir in der Kirche doch insgeheim der Meinung, dass wir "ein Recht darauf haben, unseren Lebensstandard zu verteidigen" (Schröder nach dem 11. September) ? Oder noch kürzer: "Unser Lebensstil ist keine Verhandlungssache" (Präsident Bush sen. 1992 auf der Umweltkonferenz in Rio).




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu105/KvU105_22-24.htm, Stand: März 2006, dk