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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 114, Dezember 2004, Seite 51-52
(Download als pdf hier)


SCHLOSSATTRAPPE FÜR ECE-EINKAUFSPARADIES

von Kurt Dockhorn

In Braunschweig tut sich zur Zeit der Bewerbung um den Ehrentitel "Kulturhauptstadt Europas 2010" etwas, das die Gesellschaft spaltet: Der Schloßpark soll zugebaut werden mit einem riesigen Konsumtempel. Der Investor ECE, der in den letzten Jahren in vielen Städten an der Vergleichförmigung der Einkaufslandschaften arbeitet, hat, damit die Entscheidungsträger in der Stadt die ECE-Kapitalinteressen sich zu eigen machen, das Lockangebot gemacht, die Schauseite des nach dem Krieg abgerissenen Schlosses als potemkinsche Fassade vor einen Teil des Konsumtempels zu stellen.
Es ist nachvollziehbar, daß das Vorhaben die Bevölkerung spaltet: auf der einen Seite finden wir lokale Eliten, die - ähnlich wie in Berlin - immer schon ihr Schloß wiederhaben wollten, und eine hauchdünne konservative Ratsmehrheit, die sich die beträchtliche Investition nicht entgehen lassen will. Diese Leute finden ihre "Massenbasis" in dem Teil der Bevölkerung, der süchtig ist nach dem, was als fortgeschrittene Art von "Shopping" gilt.

Auf der andern Seite finden wir Kaufleute in der Innenstadt, die bei jetzt schon zu verzeichnenden wachsenden Leerständen nicht nur die Konkurrenz, sondern den kommerziellen Tod der Innenstadt befürchten, sowie die Opposition aus SPD, Grünen und PDS im Rathaus. Ihre Basis wiederum sind all jene, die in dem Vorhaben einen ästhetischen und städtebaulichen Skandal (Schnöder Konsum hinter hehrer Fassade) sehen, und die die Zerstörung eines Parks mitten in der Stadt für ruchlos halten.

Seit Monaten gehen das Für und Wider heftig hin und her, und lange hat kein kommunalpolitisches Thema die Braunschweiger so in Wallung gebracht wie das ECE-Einkaufsprojekt mit vorgehängter Schloßfront. Zu Recht.

An dieser Stelle nun soll die Rede sein von einer ehemaligen Braunschweiger Bürgermeisterin, die auch viele KvU-Leserinnen und -Leser als eine der engagiertesten und unerschrockensten Stimmen in der Öffentlichkeit dieser Stadt kennen. Ihr ist aufgefallen, daß die Kirche, die gerade in Braunschweig ja mit fast täglichen Wortmeldungen in der Presse öffentlich mehr als präsent ist, zum Thema ECE schweigt. Dieses Schweigen findet Sigrid Probst sehr irritierend. Sie fragt z.B., wie im Dom eine Ausstellung zum Thema "Bäume.... dem Himmel nah" angeboten werden kann, ohne dabei der Vernichtung eines Innenstadtparks im Interesse von noch mehr Konsum zu gedenken. Und sie fragt, ob sich Kirche nicht äußern darf oder nicht äußern will.

Vielleicht ist ein Blick in die jüngere Kirchengeschichte hilfreich, um das jeweilige Reden und Schweigen der (Institution) Kirche zu verstehen: Während der inhaftierte Dietrich Bonhoeffer nicht auf die Fürbittenliste kam, also sein Schicksal beschwiegen wurde, war dieselbe Kirche sehr beredt, als es nach dem 20. Juli 1944 darum ging, Gott für die gnädige Bewahrung des Führers zu danken. Wir haben es mit der schlichten Wahrheit zu tun, daß sich kirchliches Reden und Schweigen nach Gesichtspunkten der Opportunität richtet. Es brauchte etwa zwei Generationen, ehe es für die Kirche nichts mehr kostete, Abscheu über den Nationalsozialismus zu äußern. Demnach wird es ein paar Jahrzehnte dauern, bis wir von der Landeskirche, wenn es sie dann noch gibt, erfahren, ob der Bau des Konsumschlosses zu Braunschweig ein Fehler war oder eine Wohltat für die Menschen in Stadt und Umgebung.

Mich erinnert das Gespräch, das Sigrid Probst gern mit der Kirche führen würde zum Zwecke ihrer Positionierung, das sie aber nicht bekommt, an die noch nicht lange zurückliegende Causa Schacht Konrad und Landeskirche: Ein von jeher unwilliges Landeskirchenamt setzte sich gegen alle innerkirchlichen Bitten bis in die Landessynode hinauf durch mit der Entscheidung, sich nicht am Klageverfahren gegen das genehmigte Atommüll-Endlager Schacht Konrad zu beteiligen. Die Parallelen sind offensichtlich. Auch hier spaltet eine Planung die Bevölkerung. Auch hier geht es um die Bewahrung der Schöpfung. Und auch hier stehen Menscheninteressen gegen Kapitalinteressen. Auch hier stellt sich die Kirche nicht in den Konflikt, sondern ins Abseits.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu114/KvU114-51-52.htm, Stand: März 2006, dk