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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 114, Dezember 2004, Seite 50-51
(Download als pdf hier)


GAULEITERORIGINALTON IM DOM

von Kurt Dockhorn

Den Anfang machte der Pastoralreferent der Katholischen Hochschulgemeinde Hubertus Schönemann, der Anfang Oktober in einer geistlichen Wochenendkolumne der Braunschweiger Zeitung im Blick auf die 60. Wiederkehr des Jahrestages der Zerstörung Braunschweigs von einem völkerrechtswidrigen Luftangriff sprach. Völkerrechtswidrig. Mag ja sein. Aber was will das heißen zu einer Zeit, da ganz Europa im mörderischen Griff der Deutschen lag und die Deportationszüge Tag und Nacht in die Vernichtungslager rollten?
Der schwierige Umgang mit der Geschichte ("Vergangenheitsbewältigung" pflegen wir das zu nennen) geht schon mal leicht daneben.

Ich war am 15. Oktober, bei der zweiten Aufführung von Benjamin Brittens War Requiem, im Braunschweiger Dom. An der Stelle, an der am Abend zuvor bei der ersten Darbietung der Britische Botschafter das Wort ergriffen hatte, drehte sich nun der Dirigent der Aufführung, Domkantor Münden, zum Publikum und drückte seine Dankbarkeit darüber aus, daß eine gemeinsame Aufführung des War Requiems von Mitwirkenden aus der Partnerstadt Bath und aus Braunschweig möglich geworden sei, um sodann unvermittelt einen Text aus der Braunschweiger Zeitung vom 15. Oktober 1944, dem Tag nach der Zerstörung der Stadt, vorzulesen. Dieser Text aus der Feder des Gauleiters war - nichts anderes war zu erwarten - reine Nazipropaganda gegen die "kulturlosen" englischen Barbaren, denen Rache geschworen wurde.
Da stand nun dieser infame Text mitten zwischen den beiden Musikteilen des War Requiems. Und blieb da stehen, als sei er auch heute noch eine lesbare Deutung des Luftangriffs. Denn anstatt einige kommentierende, einordnende Sätze zu sagen, forderte Münden das Publikum auf, sich zum Gebet zu erheben. In der Situation empfand ich das als Blasphemie.

Im Gebet kam die Wendung "Nie wieder Krieg, nie wieder Gewaltherrschaft" vor. Weiß man im Dom noch, daß diese Wendung eine Fälschung der Ursprünglichen Verbindung "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus" ist?. Aber das auszusprechen, dazu reichte der Mut wohl nicht. So wie es jetzt im Dom klang, bleibt leider festzustellen, daß auch der Dom, die Bischofskirche, seinen Beitrag zur gegenwärtigen Lieblingsbeschäftigung aller geistig Tätigen hierzulande ablieferte, nämlich das Tätervolk in ein Opfervolk umzulügen. Da unterschied sich der Braunschweiger Oberbürgermeister in den Tagen des Gedenkens doch wohltuend von den zitierten theologischen Stimmen. Er sagte: "Wir klagen nicht an", und nannte als knappe Begründung: "Von Deutschland ist der Krieg ausgegangen".




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu114/KvU114_50-51.htm, Stand: März 2006, dk