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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

„Es sollte alles anders kommen“

Kurzreferat am 9. September 2005 im Landeskirchenamt

anläßlich des 60. Jahrestages des Zusammentritts der neuen Kirchenregierung
nach dem 2. Weltkriegs am 10. September 1945

von Dietrich Kuessner

(Download des gesamten Textes als rtf hier)


Es gab mehrere, gegensätzliche Vorstellungen, wie es im Landeskirchenamt und an der Spitze der Landeskirche nach der Besetzung Wolfenbüttels und Braunschweigs im April 1945 durch alliierte Truppen weitergehen sollte.
Die einfachste Antwort lautete: es braucht sich gar nichts zu ändern. Die seit 1934 und 1936 amtierenden Oberlandeskirchenräte Röpke und Seebaß hatten in den zurückliegenden Jahren – so dachten sie – in schwieriger Zeit die Landeskirche durchgerettet, Röpke hatte die nazistische Finanzabteilung, die sich im Landeskirchenamt breit gemacht hatte, aufgelöst und jene Mitarbeiter, die ihm unbequem gewesen waren, im Mai kurzerhand entlassen. Er hatte die alte Ordnung wie zur Zeit von Bischof Bernewitz wieder hergestellt. Beide sahen keinen Grund zu weiteren Veränderungen. An dieser Haltung hielten sie auch in den folgenden Monaten fest: es braucht sich an der Spitze nichts zu ändern.

Die radikalste Antwort lautete: es muß sich alles ändern. Mit dieser festen Absicht erschien Paul Barg, Pfarrer an der Braunschweiger Andreaskirche, wenige Wochen nach Einmarsch der Amerikaner in Wolfenbüttel und Braunschweig schon Ende April/ Anfang Mai im Landeskirchenamt und forderte „zuerst in stürmischer Weise“, dann bei einem zweiten Besuch „in liebenswürdiger, aber fester Form,“ eine gründliche Neuordnung und eine vollständige personelle Neubesetzung.
Diese Forderung traf die Oberlandeskirchenräte völlig unvorbereitet. Barg, dem Mitglied des Pfarrernotbundes, war die Kirchenpolitik der kirchlichen Mitte, die ein geregeltes Miteinander von lutherischer Kirche und Nationalsozialismus erstrebte und praktizierte, unerträglich. Jeder in der Landeskirche solle wissen, daß er bewußter Lutheraner und überzeugter Nationalsozialist wäre, hatte Bischof Johnsen an die Gemeinden im Sommer 1934 geschrieben, und unter dieser Devise war Wilhelm Röpke im November 1934 Personalreferent und Stellvertreter Johnsens geworden und Hans Eduard Seebaß hatte 1936 unter Johnsen das Gemeindereferat übernommen. Mit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus war diese sogenannte Ordnung in den Augen Barg völlig diskreditiert.

Eine dritte Antwort erhielten die durch den Besuch von Barg schwer verunsicherten Oberlandeskirchenräte von Pfarrer Heinrich Lachmund. Die Oberlandeskirchenräte fanden eine Möglichkeit, am 7. Juni ins entfernte Blankenburg zu Pfarrer Lachmund, dem anerkannten Vorsitzenden und Begründer des Pfarrernotbundes zu fahren. Sie wollten bei dieser Gelegenheit herausfinden, ob hinter der radikalen Forderung Bargs der gesamte Pfarrernotbund stünde. Lachmund schlug den beiden Oberlandeskirchenräten ein drittes Modell, eine Kompromißlösung, vor: Pfarrer Ottmar Palmer und Martin Erdmann, Pfarrer in den Dorfgemeinden Lelm/ Räbke, sollten Mitglieder in einer neu zu bildenden Kirchenregierung werden, wobei Palmer sofort den Vorsitz übernehmen sollte. Die beiden anderen amtierenden Mitglieder, Propst Rauls und OLKR Röpke, sowie Landgerichtsrat Linke sollten ihre Sitze behalten. Diese Umbildung sollte umgehend erfolgen.

Wie kam Lachmund auf die beiden: Palmer und Lachmund waren zusammen in Blankenburg Pfarrer gewesen, Palmer seit 1916 als Superintendent und Kirchenrat, und hatten sich blendend verstanden: beide gefestigte, moderate Lutheraner, theologische Köpfe, politisch deutsch-national, aber mit klarer sozialer Einfärbung, dann scharfe Gegner der Deutschen Christen, Begründer des Pfarrernotbundes und daher ihres Pfarramtes verlustig. Beide wurden unter Bischof Johnsen rehabilitiert: Lachmund wurde in seine ehemalige Pfarrstelle in Blankenburg zurückversetzt, Palmer an die Helmstedter Stephanikirche. Beide waren Mitglieder des Bruderrates, dem inneren Zirkel des Pfarrernotbundes. Palmer konnte sich aber nicht damit abfinden, daß ihm die Blankenburger Stelle verweigert wurde und siedelte mit 64 Jahren in die Hannoversche Landeskirche in die Kirchengemeinde Berka, in der Nähe von Northeim gelegen. Dort beging er im aktiven Dienst mit 77 Jahren 1950 sein 50-jähriges Ordinationsjubiläum. Danach erst ging er in den Ruhestand.
Palmer hatte auch von Berka aus den Kontakt zum Braunschweiger Pfarrernotbund nicht abreißen lassen und hatte nach 1945 wieder den stellvertretenden Vorsitz übernommen.
Lachmund hatte Palmer vorgeschlagen, weil er einer der theologischen Köpfe des Pfarrernotbundes war. Er hatte außerdem 16 Jahre lang kirchenleitende Erfahrung auf der mittleren Ebene und war Mitglied des Landeskirchentages gewesen. Er hatte sich in jungen Jahren als Kirchenreformer erwiesen, schon 1911 einen Gemeindebrief herausgegeben und in Wolfenbüttel ein Gemeindehaus gebaut zu einer Zeit, als der Begriff „Gemeinde“ in der Landeskirche noch ein Fremdwort war. Auch im Ruhestand machte Palmer noch Gottesdienstvertretung in der Umgebung: „ich fahre dazu noch 25 Kilometer mit dem Fahrrad“ schrieb er an Alexander Rohlfs, als er über 80 war.
Palmer war für die Übernahme des höchsten Amtes in Wolfenbüttel trotz seiner 72 Jahre theologisch und körperlich in guter Verfassung.
Warum Martin Erdmann, der seit 1924 die Dorfgemeinde in Räbke, verwaltete? Auch Erdmann war seit November 1934 Mitglied des Pfarrernotbundes, Palmer und Erdmann lernten sich außerdem näher kennen, als Palmer in Helmstedt Pfarrer war. Erdmann war 23 Jahre jünger als Palmer. Es herrschte zwischen beiden ein Vater- Sohn Verhältnis. Erdmann nahm Ende 1937 den Sitz Palmers im Bruderrat ein, als Palmer nach Berka verzog.
Mit diesen beiden also, so der Vorschlag Lachmunds, sollte die Kirchenregierung umgehend ergänzt werden.
Mit dieser Antwort konnten die Oberlandeskirchenräte Röpke und Seebaß, was ihre eigene Position betraf, beruhigt nach Wolfenbüttel zurückfahren, zumal Lachmund ihnen wörtlich versichert hatte: „Es sollen keine Köpfe rollen.“

Lachmund hatte weder eine schriftliche Abmachung getroffen, noch eine verbindliche Zeit für die Umsetzung verabredet, daher ließen Röpke und Seebaß die Vorschläge erst einmal liegen und warteten eine Initiative des Pfarrernotbundes ab. Von ihnen aus sollte sich eigentlich überhaupt nichts ändern. Am 4. Juli 1945 tagte die Kirchenregierung zum Entsetzen von Lachmund in unveränderter Besetzung weiter. Von dieser Kirchenregierungssitzung in Goslar berichtete Amtsgerichtsrat Linke seinem Gemeindepfarrer Joh. Heinrich Wicke, der wiederum seinem Onkel Heinrich Lachmund davon am nächsten Tag folgendes schrieb: „Gestern erzählte Linke aus der Kirchenregierungssitzung, die unter Strömen von Tee und Erdbeertorte unter herzlichen Einladungen zu einem frugalem Abendbrot im Hause Rauls stattgefunden hat. Es soll sich aus Vorschlägen der Propsteien ein „Rat der Landeskirche“ bilden“...Es dürfte höchste Zeit sein, daß sofort ganz energische Vertreter der allein legitimierten bekennenden Kirche von uns nominiert und für die Kirchenregierung präsentiert werden. Linke hat es mir gestern noch einmal ganz besonders eingeknotet, daß es nur an uns liegt, die richtigen Namen zu nennen. Und du hast ja erlebt, daß der Röpke-Verein ein Schwindelgefühl im Leibe hat und auf alles eingeht, was ihn aufrechterhalten kann.“
Wicke drängte Lachmund, mit Palmer nach Wolfenbüttel zu kommen und eine der verfügbaren amtlichen Wohnungen für Palmer zu belegen.

Die Stimmung in der Kirchenregierung war ganz offensichtlich nicht auf Veränderung eingestellt. Die Goslarer hatten einen völlig neuen Vorschlag gemacht, nämlich einen Rat der Landeskirche zu bilden, der die Kirchenregierung beraten sollte. Dieser Vorschlag hatte lediglich die Aufgabe, eine rasche Neubildung unter Palmer auf lange Zeit hinauszuschieben.

Da auch der Juli vorging, ohne daß etwas an der Spitze der Landeskirche passierte, ging Barg am 26. Juli, nunmehr zum dritten Mal, ins Landeskirchenamt, diesmal nicht allein sondern mit Pfarrer Erdmann, aber die Oberlandeskirchenräte waren nicht zu sprechen und gar nicht da. Nur die Möbel von OLKR Dr. Breust standen in zwei Räumen und signalisierten, daß auch mit diesem allerdings schwer belasteten Oberlandeskirchenrat zu rechnen war. Auch Dr. Breust war bei Pfr. Lachmund gewesen und hatte sofort wieder anfangen wollen. Dieser Wunsch war aber auf größte Zurückhaltung bei Lachmund gestoßen.

Von dem vergeblichen Besuch im Landeskirchenamt am 26. Juli schrieb Barg an Palmer einen Tag später: „Lieber Bruder Palmer, Erdmann und ich waren gestern auf dem Landeskirchenamt. Du warst abbestellt und die Oberkirchenräte nicht da, damit sie nicht etwa doch erscheinende Notbundpfarrer empfangen müßten. So haben E. und ich beschlossen, anliegendes Schreiben an Mil. Reg. zu befördern. Ich habe Alles, was ich bisher erreichte, nur mit Androhung eines Schreibens an die M.R.(Militärregierung, d.H.) geschafft. Leider versagt Seebaß vollständig. Er ist dermaßen mit R. liiert, daß ich mich seiner nur schämen kann. Er intrigiert genau so wie R...... Komm also bald. Wir freuen uns auf eine Zusammenarbeit mit Dir und unter Deiner Leitung. Wir erhoffen uns viel davon. Grüße und beste Empfehlungen an all Deine Hausgenossen Dein ergebener Barg.....
Die Verhandlungen mit der Mil. Regierung mache ich zusammen mit einer mir seit langem bekannten und über die kirchliche Lage in Br. bestens unterrichteten jungen Lehrerin, die ein gutes Englisch spricht, weil sie kurz vor dem Kriege auf dem bekannten Missionary College in Edinburgh studierte.“ Bei dieser Lehrerin handelt es sich um die in Braunschweig durch ihr in der B.Z. jahrzehntelang geschriebenes Wort zum Sonntag bestens bekannte Journalistin Frau Gerda Wiele, die ich herzlich begrüße.

Ganz offensichtlich war der Geduldsfaden bei einigen Notbundpfarrern gerissen. Sie trafen sich am 8. August in der Sakristei der Brüdernkirche und beantragten, endlich die bestehende Kirchenregierung um die Pfarrer Palmer und Erdmann, um Studienrat Schwarz aus Helmstedt und OLKR Seebaß zu erweitern. Studienrat Schwarz war Palmer und Erdmann gut bekannt. Paul Schwarz, 1945 58 Jahre alt, war seit 1919 Studienrat am Helmstedter Gymnasium für Latein, Griechisch und Religion, Mitglied des Kirchengemeinderates der Stephanikirche, Mitglied der Bekennenden Kirche, und hielt vor allem im Kriege selbständige Predigtgottesdienste. Als er 1960 gestorben war, würdigte Pfarrer Kleinert den Verstorbenen und dankte „für alle verantwortliche Mitarbeit in der Leitung der Gemeinde, für seine Treue im Glauben, für seinen Bekennermut in schwerer Zeit und für alle selbstlose Hilfe im Dienst der Verkündigung.“

Palmer, Erdmann und Schwarz waren die Garanten für einen geistlichen neuen Anfang in der Landeskirche.
Ganz anders sah dies der Vorstand des Pfarrervereins, der wenig später als der Pfarrernotbund im August in der Jakobkirche in Braunschweig unter der Leitung von Propst Ernesti tagte und ganz im Sinne von OLKR Röpke beschloß, es solle zunächst einmal gar nichts passieren und man solle die Rückkehr der Pfarrer aus der Gefangenschaft abwarten.
Mit dieser Unterstützung im Rücken ließ Röpke den Antrag des Pfarrernotbundes auf Veränderung der Kirchenregierung den ganzen August über liegen.

Ende August war die Kirchenkonferenz zur Neuordnung der Ev. Kirche in Deutschland nach Treysa einberufen worden. Dazu war auch Palmer als vom Pfarrernotbund nominierter Vorsitzender der Kirchenregierung eingeladen worden. Palmer notierte dazu in seinem Pfarramtskalender: „24. August. Freitag. Wind trüb, nachts Regen. Nachm. Warten auf O.K.R. Seebaß zur Fahrt nach Treysa. Er kommt nicht... Abends Lesen.“ Der Wagen war keineswegs verunglückt, sondern Seebaß kam pünktlich in Treysa an und verfaßte einen mehrseitigen Bericht über die Tagung. Röpke und Seebaß hatten Palmer ausgebootet.

Aber es sollte alles ganz anders kommen. Während in Treysa die Kirchenkonferenz tagte, wurde Propst Rauls wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP von den Engländern als Propst von Goslar abgesetzt. Rauls war auch Mitglied der Kirchenregierung. Die Absetzung Rauls sprach sich in der Landeskirche in Windeseile herum. Als Zeitgenosse notierte Reinhard Herdieckerhoff die seinerzeit herrschende Stimmung: „Am 29.8.45 wurde Propst Rauls in Goslar durch die Mil. Reg. auf Grund eines eingereichten Fragebogens seines Amtes enthoben. Einige Tage später kam die Verfügung, daß sämtliche Pfarrer und kirchl. Beamte und Angestellten ihre politischen Fragebogen einzureichen hätten. Damit schien die Lage der ganzen Landeskirche äußerst gefährdet. OLKR Röpke, der Stellvertreter des Landesb. war ja selbst Pg., also auch in Gefahr, sein Amt einzubüßen und jedenfalls kaum geeignet, für die Pfarrer einzutreten, deren Suspendierung die Militärregierung eventuell fordern würde.“

Der Druck auf Röpke erhöhte sich, als auf diese Nachricht hin der Propst von Braunschweig, Hans Leistikow, nach Absprache mit dem Pfarrervereinsvorsitzenden Ernesti nach Wolfenbüttel fuhr, und Röpke zum Rücktritt aufforderte. Leistikow selber sollte stellvertretender Landesbischof werden, Herdieckerhoff und Erdmann stellvertretende Oberlandeskirchenräte. Das war nach dem Vorschlag von Barg der zweitradikalste Vorschlag. Aber Röpke lehnte rundweg ab und wartete die Entwicklung der Dinge ab, wie er es bisher erfolgreich getan hatte.

Am Freitag, dem 7. September war um 14.00 eine neue Kirchenregierungssitzung mit 15 Tagesordnungspunkten angesetzt. Das sprach sich herum und nun wagte endlich der Pfarrernotbund den entscheidenden Schritt. Uneingeladen erschienen Palmer, Erdmann und Schwarz vormittags im Landeskirchenamt, konferierten mit Röpke, Seebaß und Linke und erzwangen den Rücktritt der Kirchenregierung. Um 14.00 kam es in den Räumen des Landeskirchenamtes zu einer gespenstischen zehn Minuten dauernden Sitzung, an der nur noch zwei Personen, OLKR Röpke und Amtsgerichtsrat Linke, teilnahmen. Seebaß, der sonst immer an den Sitzungen teilnahm, fehlte. Er blieb bei den Mitgliedern des Notbundes. Röpke teilte Linke mit, Rauls habe telephonisch sein Amt als Mitglied der Kirchenregierung niedergelegt. „Die Kirchenregierung beschloß daraufhin, insgesamt zurückzutreten,“ heißt es lakonisch im Protokoll. Zu einer Art von Beschlußfassung gab es allerdings keine rechtliche Grundlage mehr.
Es ist mir sehr fraglich, ob die Absetzung von Propst Rauls der ausschlaggebende Grund für die Neubildung der Kirchenregierung gewesen ist, denn auch Amtsgerichtsrat Linke war zu dieser Zeit von der Militärregierung vom Dienst suspendiert, was Röpke keineswegs störte. Der eigentliche Grund war das Erscheinen der Mitglieder des Pfarrernotbundes im Landeskirchenamt.
Diese Sitzung bedeutete den Zusammenbruch der bisherigen Kirchenregierung und vor allem der Pläne Röpkes, die Kirchenregierung möglichst ohne Palmer weiter dominieren zu können.
Es sollte auch für Röpke alles anders kommen, als er es sich gedacht und geplant hatte.

Als sich die Gruppe nach dem Rücktritt am Nachmittag noch einmal zusammensetzte, versäumten es die Mitglieder des Pfarrernotbundes, sich aus eigener Kraft als neue Kirchenregierung zu konstituieren. So ermöglichte sie Röpke, der Braunschweiger Pfarrerschaft das Märchen aufzutischen, daß er – Röpke – die neue Kirchenregierung berufen habe. Dazu hatte er kein Recht und die Zusammensetzung war nun wirklich nicht seine Wahl. Monatelang hatte er diese Zusammensetzung hintertrieben.

Am Montag, dem 10. September, trat die Kirchenregierung in der neuen Besetzung zusammen. Über das Wochenende hatte es noch hektische Beratungen gegeben und der Landgerichtsrat Linke wußte von einem Antrag Leistikows, wonach Herdieckerhoff Oberlandeskirchenrat „für den inneren Aufbau“ der Landeskirche und Leistikow Bevollmächtigter für Verhandlungen mit der Militärregierung mit dem Titel eines Oberlandeskirchenrates werden sollte. Leistikow ging davon aus, daß in dieser ersten Sitzung auch die Posten im Landeskirchenamt neu besetzt werden würden.

Dem Protokoll ist nicht zu entnehmen, daß die Sitzung am 10. September 1945 ein historischer Einschnitt in der Geschichte der Landeskirche bedeutete. Mit Palmer, Erdmann und Schwarz hatte der Pfarrernotbund die Mehrheit in einem Verfassungsorgan der Landeskirche. Es gab keine Einladung, keine Tagesordnung und es war völlig offen, was auf dieser ersten Sitzung verhandelt werden würde. Das Verhältnis von Röpke zu Palmer war gespannt. Röpke hatte die Pläne von Lachmund für eine Neuordnung ins Leere laufen lassen und Palmer brauchte sich nicht mehr an die Zusage Lachmunds gebunden fühlen, daß „keine Köpfe rollen“ sollten.
Palmer aber verzichtete auf jeden dramatischen Akzent und so begann die Kirchenregierung unspektakulär und geschäftsmäßig ihre Arbeit. Die Sitzungen wurden weiter durchnummeriert, es war die 77. Sitzung. Palmer wurde zum Vorsitzenden gewählt. Erdmann wurde nun Stellvertreter des Landesbischofs an Stelle von Röpke, der diesen Posten abgab; er wurde auch Stellvertreter Palmers im Vorsitz der Kirchenregierung. Die kirchliche Mitte hatte über das Wochenende Propst Ernesti entgegen seinem eigenen Vorstandsbeschluß gegen Seebaß durchgesetzt. Aber OLKR Seebaß nahm als Mitglied des Landeskirchenamtes seit 1936 und auch künftig an den Kirchenregierungssitzungen teil, nur nicht stimmberechtigt, wie es der Pfarrernotbund vorgeschlagen hatte.
Wesentlich war der neuen Kirchenregierung, daß sie als leitendes Organ dem Braunschweiger Staatsministerium, der Militärregierung, dem Lutherrat und der in Treysa gebildeten Leitung der Ev. Kirche in Deutschland bekannt gemacht würde. Es war keine Rede davon, daß diese Kirchenregierung eine „vorläufige“ sein würde. Weitere Tagesordnungspunkte waren von Seiten des Pfarrernotbundes nicht vorbereitet worden. Sein Hauptanliegen war, sich als neue Kirchenregierung zu konstituieren.
Für das Landeskirchenamt legte nun OLKR Seebaß einige Vorgänge zum Religionsunterricht und zur Arbeitsfähigkeit der Kirchengemeinderäte zur Genehmigung vor, und schließlich holte OLKR Röpke die Tagesordnungspunkte für die Sitzung vom 7.9. hervor. Dabei war nicht der materielle Inhalt der Personalentscheidungen grundlegend, sondern ob die Rolle Röpkes als Oberlandeskirchenrat und Chef der Personalabteilung stillschweigend gebilligt würde. Linke brachte den Antrag Leistikows, der spätestens jetzt in die Sitzung hätte eingebracht werden müssen, nicht vor und die Kirchenregierung arbeitete geschäftsmäßig die Personalentschei- dungen ab.
Die schwierigste Entscheidung war der letzte Tagesordnungspunkt 18, die Frage einer Wiederverwendung von Dr. Breust. Eine Entscheidung wurde verschoben und kam immer wieder auf die nächsten Tagesordnungen. Das war ein entschiedener Fehler der Pfarrernotbundmehrheit, die eine Mitarbeit von Breust zu dieser Zeit hätte beendigen können.
Es ist Klaus Erich Pollmann zuzustimmen, der in dem Buch „Der schwierige Weg in die Nachkriegszeit“ schreibt: „Hätte die Landeskirche ein Signal der Entschlossenheit zu einem Neuanfang mit unbelasteten Männern geben wollen, so hätte sie sich von Oberkirchenrat Röpke trennen und darauf verzichten müssen, Dr. Breust als ihren ersten Kirchenjuristen zurückzuholen.“ Daß Weiterwirken Beider – so Pollmann - macht ihre Darstellung manchmal zu einem „Lauf über ein Minenfeld.“

Die aparteste Entscheidung betraf den vorletzten Tagesordnungspunkt, nämlich die groteske Tatsache, daß Palmer, ein in der hannoverschen Landeskirche amtierender, in der Braunschweiger Landeskirche nicht dauerhaft wohnender Pfarrer Vorsitzender der Braunschweiger Kirchenregierung würde. Wie drehen die Kirchenjuristen so was hin? Palmer wurde die Pfarrstelle in Blankenburg angeboten, die er gar nicht antreten konnte und wollte. „Die Kirchenregierung nimmt zur Kenntnis, daß Kirchenrat Palmer dem an ihn ergangenen Ruf an die Pfarre St. Bartholomäi, Blankenburg gefolgt ist. Da Blankenburg zur Zeit infolge russischer Besetzung nicht zu erreichen ist, sind die weiteren erforderlichen Ordnungen nicht durchzuführen. Die Kirchenregierung sieht daher durch die Erklärung von Kirchenrat Palmer seine Zurückversetzung als geordnet an.“
Dieser gequälte Protokollauszug will der Unmöglichkeit, daß ein in der Landeskirche nicht ansässiger, in der Nachbarkirche amtierender Pfarrer ein kirchenleitendes Amt innehat, einen „ordnungsgemäßen“ Charakter verleihen. Es ist kirchenrechtlich gesehen ein starkes Stück.

Nachdem es Röpke nicht gelungen war, einen Zusammentritt dieser Kirchenregierung zu verhindern, begann er systematisch, sie als bald zu beendigendes Provisorium hinzustellen. Er schrieb an die Kirchenkanzlei am 12. Oktober: „Ich stand vor einem Notstand – gemeint ist die Situation nach dem Zusammenbruch der Kirchenregierung - und mußte irgendwie handeln. Zur Behebung dieses Notstandes habe ich eine vorläufige Kirchenregierung bestellt, die lediglich die Wahl des Landeskirchentages vorbereitet und auch von vorneherein über diese beschränkten Befugnisse im Klaren gewesen ist. Die Bildung dieser Kirchenregierung ist nur für eine Übergangszeit gedacht“.
Dieses grob und gezielt verzerrte Bild Röpkes wurde in der Landeskirche jahrzehntelang verbreitet. Ein Viertel Jahr später, im Januar 1946, konnte Palmer sehr zufrieden auf die vergangenen sieben Kirchenregierungssitzungen zurücksehen. Es waren insgesamt 36 Personalentscheidungen getroffen worden, davon 27, die die Pfarrer der Landeskirche betrafen: Versetzungen, Pensionierungen, Disziplinierungen, Entlassungen, Besetzungen, Ernennungen. Es waren Wohnungsangelegenheiten und Darlehensfragen entschieden worden. Aber auch grundsätzliche Fragen wie die Zukunft der Schule, eine Vereinigung der Kirchen im niedersächsischen Raum, das kirchliche Hilfswerk, die Stellungnahme zu politischen Parteien, das Verhältnis zum Staatsministerium und zur EKD wurden besprochen. Die Abhaltung von Jugendgottesdiensten, die Bildung von Kerngemeinden, das Wort zum Reformationsfest sollten das geistliche Leben befördern. Mit einer Ausnahme war in den Protokollen nie von einer „vorläufigen“ Kirchenregierung die Rede, einmal von einer „neuen“. Die respektable Leistung dieser ersten, neuen Kirchenregierung wurde in den folgenden Jahrzehnten in den Schatten der ungerechtfertigten Redeweise vom „Widerstand gegen die Finanzabteilung“ gestellt. Pollmann spricht in „Der schwierige Weg in die Nachkriegszeit“ vom nach 1945 „überdimensional wahrgenommenen Feindbild Finanzabteilung“.

Mit der letzten Sitzung am 4. Januar 1946 vor Zusammentritt des Landeskirchentages war die Aufgabe Palmers keineswegs erschöpft. Er hielt als amtierender Vorsitzender der Kirchenregierung die Predigt zur Eröffnung des ersten Landeskirchentages nach dem Kriege im Februar 1946 in seiner geliebten Wolfenbüttler Marienkirche, an der er von 1907-1916 Pfarrer gewesen war. Er eröffnete den Landeskirchentag und verpflichtete die Abgeordneten.
Auf dieser Landeskirchentagung kam es zum offenen Konflikt zwischen Palmer und OLKR Dr. Breust. Damit sind wir aber schon beim 60. Jahrestag anläßlich des ersten Zusammentritts des Landeskirchentages. Ob das Gedächtnis der Landeskirche soweit reichen wird, bleibt abzuwarten. Die Akte Palmer jedenfalls war mit dem 10. September 1945 nicht geschlossen und es war für alle Beteiligten alles ganz anders gekommen.


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/vortrag/kundgeb03.htm, Stand: 26. März 2003, dk

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