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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von unten Nr. 117, März 2006, Seite 15-18
(Download als pdf hier)


Wird Taizé katholisch?

von Herbert Erchinger

Wir alle waren sehr betroffen, als wir vom gewaltsamen Tode von Frère Roger hörten. Spontan wurde ein Trauergottesdienst in der Paulikirche vorbereitet, der sehr gut besucht war von evangelischen und katholischen Christen und sicher auch von vielen kirchlich nicht gebundenen.
Das war an der Spiritualität von Taizé ja auch immer so beglückend, daß hier die konfessionellen Grenzen und Trennungen aufgehoben schienen. Taizé gehörte allen Christen, ja allen, die auch nur eine ferne Sehnsucht hatten. Und wichtig war auch immer, daß Taizé und damit auch Frère Roger als Prior keine eigene Kirche als neue Konfession bildete, sondern jeden nach Hause schickte mit der ernsten Mahnung, sich vor Ort in der eigenen Gemeinde gleich welcher Konfession zu engagieren und so einen Frühling der Kirchen zu ermöglichen.
Taizé baute keine eigene Dogmatik, keine eigenes Lehrgebäude, sondern führte zurück an den Grund des Glaubens, die Anbetung und die Erfahrung der Gegenwart Gottes, ganz kindlich, direkt und ohne Theorie.
Das war bitter nötig auch für mich als politisch engagierten lutherischen Theologen, der durch die Studentenbewegung stark beeinflußt war. Unsere Theologie schaute ja nach den Erfahrungen der Nazizeit sehr auf die Praxis. Ein prägender Satz war damals: „Mich interessiert nicht dein Glaube als solcher, mich interessieren die Konsequenzen deines Glaubens.“ Die Konsequenzen des Glaubens im sozialen und politischen Engagement standen für uns im Mittelpunkt. Gemeindehäuser waren wichtiger als sakrale Räume, Erkenntnisse durch Referate und Aktionen wichtiger als das Gebet. So schöpften wir ständig aus einem Fluß, dessen Quelle wir nicht mehr pflegten. Das muß zum Burnout führen. Taizé hat mich wieder an die Quelle geführt. In Taizé erfuhr ich, was ich viele Jahre vermißt hatte.
Aber wer die Quelle wiedergefunden hat, darf und soll dann auch wieder Wasser schöpfen, das heißt die Konsequenzen seines Glaubens neu bedenken. Frère Roger hat das durch sein Buch „Kampf und Kontemplation“ programmatisch zum Ausdruck gebracht. Taizé- Kreise dürfen keine Kuschel- Nische der Trägheit sein. Das war mir immer wichtig. Schön fand ich in den ersten Jahren unserer Taizé- Gruppe, daß dort auch Leute aus der Anti- AKW- Bewegung, aus Oeko- Friedens- und Frauengruppen und der Flüchtlingsarbeit waren, die sich durch die Taizé- Gebete neu die Kraft für ihr soziales Engagement erhofften. Taizé ist eine Tankstelle, kein Parkplatz.
Ein schönes Symbol dieser Zusammengehörigkeit von Frömmigkeit und Engagement war für mich immer die Tatsache, daß die Versöhnungskirche in Taizé von Freiwilligen der Aktion „Sühnezeichen“ gebaut wurde.
Diese Zusammengehörigkeit von Frömmigkeit und sozialem Engagement sehe ich heute gefährdet.

Wichtig an Taizé war mir auch immer der Verzicht auf priesterliche und kirchliche Hierarchien. Vorn in der Kirche leuchtete nur in vielen Kerzen das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Kein Altar, keine Kanzel (zum Abkanzeln), kein Lesepult. Frère Roger als Prior saß bescheiden hinten, von Kindern umgeben. Die singende und betende Gemeinde war der Souverän. Ich habe es mehrfach erlebt, daß die Gesänge schon durch ein Ritardando abgestoppt waren, aber durch die Gemeinde weiterschwangen. Wir bestimmen selbst, wann wir aufhören. Und wenn wir bis nachts um drei singen, kann uns keiner daran hindern. Wenn die Brüder auszogen, gings óft erst richtig los.Es gab kein Gegenüber von Liturg und Gemeinde. Die Gemeinde war der Liturg. Das alles gefiel mir von Bonhoeffer her: „Christus als Gemeinde existierend.“
Auf dem Hintergrund dieses beglückend erlebten Verzichts auf Hierarchie waren einige Elemente des vom Sender Phoenix aus Taizé ausgestrahlten Trauergottesdienstes für Frère Roger doch sehr befremdlich. Natürlich habe ich Verständnis dafür, daß die Ehrengäste, Präsidenten, Minister, Bischöfe und auch der römische Kardinal- Staatssekretär für die Einheit der Christen in der ersten Reihe saßen. Gut, daß sie alle Frère Roger ihre Reverenz erwiesen. Auch die Fürbitte um Vergebung für die Attentäterin war ganz im Sinne des Verstorbenen und seiner Demut, weniger schon die großen Lobesworte. Aber dann war da ein Bruch, den ich unerträglich finde: Plötzlich zur Eucharistiefeier übernahmen der Kardinal- Staatssekretär und man höre und staune „die geweihten Priester unter den Brüdern“ das Kommando und zelebrierten in streng römisch katholischem Ritus die Eucharistie, an der nur Katholiken teilnehmen durften. Da haben wir jahrzehntelang in Taizé das Heilige Abendmahl ganz selbstverständlich unter beiderlei Gestalt mit Brot und Wein empfangen. Und niemand hat uns gefragt, ob wir katholisch, evangelisch oder orthodox sind. Das Abendmahl war ein Symbol der Einheit über alle Grenzen der Konfession, der Sprache, Rasse und Kultur hinweg. Und nun mußte ich erleben, daß dieses Symbol der Einheit ganz plötzlich zu einem Symbol der Trennung wurde. Ganz wie beim oekumenischen Kirchentag in Berlin. Ich will mich nicht empören, aber doch meine Trauer darüber zum Ausdruck bringen, daß wir noch nicht weiter, sondern sogar zurückgeworfen sind.
Frère Roger war ja ein in der Schweiz ordinierter reformierter Pfarrer. Er ist auch nie katholisch geworden, auch wenn er dort sehr anerkannt und mit mehreren Päpsten eng befreundet war. Und dies bleibt doch wichtig: Da war endlich einmal ein elementarer spiritueller Aufbruch im evangelischen Bereich. Daß dieser von Anfang an oekumenisch offen war, war uns immer selbstverständlich. Aber nun sollten wir uns mit Klugheit und Besonnenheit, d.h. ohne Schaum vor dem Mund dagegen wehren, daß nun nach dem Tode von Frère Roger die noch immer machtbewußte römisch katholische Kirche in Taizé die Führung übernimmt. Wir können uns gern alle als katholisch verstehen im Sinne von weltumfassender Verbundenheit „kat holon ten gen“, „über die ganze bewohnte Erde“. Aber wir dürfen einfach nicht naiv sein. Die Machtvergessenen werden sonst von den Machtversessenen gefressen. Und hier liegt nun mein ganz persönliches Dilemma: Natürlich dürfen wir die Jugendlichen, die nach Taizé fahren und die Mitglieder unserer Taizé- Gruppen nicht mit konfessionellem Hick-Hack belasten. Hier ist das diplomatische Geschick der EKD gefragt. Und da gibt es Faktoren in Taizé, die die oekumenischen Gewichte verlagert haben: Die massive Teilnahme von Jugendlichen aus katholischen Ländern Ost- Europas seit der Wende, der schleichende Verzicht auf die Einsetzungsworte bei der Eucharistie , die mangelnde Akzeptanz von Taizé bei und gegenüber der französischen „Eglise Protestante“, die stark durch die Hugenottentradition geprägt antikatholisch ist. Schließlich der Rückgang sozialethischen Engagements in den Taizé- Gruppen vor Ort. ( Vor Jahren haben wir noch in BS eine Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit organisiert!)
Wir brauchen als evangelische Christen die Spiritualität von Taizé wie die Luft zum Atmen. Es ist genau das, was uns seit den Erweckungsbewegungen des 19. Jh gefehlt hatte. Und selbst dieser Regen ist ja bekanntlich damals an Braunschweig vorübergegangen. So lassen wir uns Taizé diesmal nicht wegnehmen. Wie froh bin ich, daß wir in Pauli, also einer evangelischen Gemeinde ganz fest verankert sind.




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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu117/Taize.htm, Stand: März 2006, dk

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