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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von unten Nr. 117, März 2006, Seite 32-36
(Download als pdf hier)


Es bonhoeffert mal wieder - etwas zu ville

von Dietrich Kuessner

Bonhoeffer und wir Braunschweiger – klar doch. Wir haben zwei Bonhoefferkirchen, eine in Braunschweig, eine in Helmstedt, an unser Landeskirchenamt wurde eine Bonhoefferstraße gelegt. So pflegt man theologisches Erbe.
Bonhoeffer ist uns Braunschweigern schon sehr früh begegnet. Als Bonhoeffer 37 Jahre alt war, begegnete ihm im Gefängnis ein Mitglied der Braunschweiger Kirchenleitung. Mal hören, wie Bonhoeffer das erlebt hat:
„ 2. Advent 1943...Meinen täglichen Spaziergang mache ich seit einiger Zeit mit einem Gauredner, Kreisleiter, Regierungsdirektor, ehemaligem Mitglied der D.C. Kirchenregierung in Braunschweig, z.Zt. Standortführer der Partei in Warschau. Er ist hier total zusammengeklappt und schließt sich mit einer geradezu kindlichen Anhänglichkeit an mich an, holt sich in jeder Kleinigkeit Rat, erzählt mir, wann er geweint hat etc. Nachdem ich mehrere Wochen sehr kühl war, verschaffe ich ihm jetzt einige Erleichterungen, wofür er rührend dankbar ist und mir immer wieder erklärt, er sei froh, gerade mit einem Mann wie mir hier zusammengetroffen zu sein. Kurz, es gibt die seltsamsten Situationen; wenn ich Dir nur erst mal richtig erzählen könnte...
4. Advent....Der Propagandaredner, mit dem ich täglich spazieren gehe, wächst sich allmählich geradezu zu einer schwer erträglichen Klette aus. Während im ganzen die Leute hier doch versuchen, Haltung zu bewahren, auch in sehr schweren Fällen, ist er total zusammengeklappt und macht eine wirklich traurige Figur. Ich bin so nett wie möglich zu ihm und rede zu ihm wie zu einem Kind. Es ist manchmal schon fast komisch“. (aus „Widerstand und Ergebung“ Taschenbuchausgabe 1967 S.87 und 96)

Tja wir Braunschweiger. Wer das nun genau war, ach is doch egal, ich habe keine Lust da im Personensumpf rumzufummeln, er war ein Braunschweiger Kirchenpromi, für ganz kurze Zeit, die ersten Monate 1934, ein Überzeugter wie die meisten, und im Krieg ein Etappenschwein. Wie ganz viele Braunschweiger, die vom Krieg erst sehr spät etwas mitbekommen haben.

Wir Überlebenden von der nächsten Generation haben mit Straßen- und Kirchenbenennungen dann weitergeklettet, „schwer erträgliche Klette“ würde Bonhoeffer wohl solche Nominierungen genannt haben.
Es gibt auch lieblichere Erinnerungen an Bonhoeffer und Braunschweig. Ab 1957 redigierte ein echter Bonhoefferschüler, der ihn in seinem Predigerseminar persönlich erlebt hatte, unser Braunschweiger Sonntagsblatt. Ein Glücksfall. Es war Richard Grunow, der in Erinnerung an seinen theologischen Lehrer ein Bonhoefferbrevier verfaßt hat, das auch gedruckt und gelesen wurde. Bischof Heintze machte mit einem längeren Zitat in einem seiner Bischofsbriefe darauf aufmerksam. Grunow war bei Herdieckerhoff in der Inneren Mission untergekommen, weil er denunziert wurde, wie er Männer angefasst hatte. Das war im Adenauerstaat natürlich sehr böse, im Gemeindeamt nicht mehr vermittelbar aber eben in der Diakonie. So kamen wir Braunschweiger Mitchristen für mehrere Jahre an diesen guten Mann, der das geistige Erbe der Bekennenden Kirche bei uns ablesbar hoch hielt. Er ist ganz tragisch bei einem Hotelbrand in Zürich umgekommen. Sein Name fehlt im Pfarrerverzeichnis vom Archivar Freist. „Sowas wie den wollen wir nicht“, - wir Braunschweiger. Immerhin wäre zu fragen, ob Grunow ein Gewächs jener, wie Karl Barth unangenehm berührt kritisch anmerkte, Seminaratmosphärenmischung aus Eros und Pathos war?
Schließlich wäre an die Fahrten nach Fanö zu erinnern, die der frühere Synodale Dr. Peter Voß, Gandersheim, organisiert hat, zur Erinnerung an das Friedensengagement Bonhoeffers.

Wie die übernächste Pastorengeneration heutzutage das Erbe Bonhoeffers pflegt, habe ich selber drastisch vor Augen geführt bekommen: eines Tages klingelt bei mir das Telephon, am andern Ende der Strippe eine helle Mädchenstimme. Ich besänne mich bestimmt an sie, ehemalige Konfirmandin und sie müsste eine Arbeit über Bonhoeffer schreiben, ob ich ihr nicht helfen könnte. Klar doch, gerne. Aber sie sollte sich einfacherhalber – ich war weit weg in Braunschweig, sie im kleinen Dorf – an den Ortspfarrer wenden. Der wäre doch vor der Tür. Da sei sie schon gewesen, seufzte sie, aber der habe ihr gesagt, das könne er nicht. Vielleicht wollte er auch nicht. Schließlich war das ein promovierter Theologe. Das verstünde ich zwar nicht, aber klar, sie könnte kommen. Ich war etwas gerührt, denn ich hatte die Gute zwar die ganze Zeit im Unterricht gehabt und sie gehört zu denen, die ganz vorne saßen und als Gymnasiastin aus dem normalen Durchschnitt fielen, den Vater hatte ich auch schon konfirmiert, aber auch er gehörte zu jenen viele Hektar bewirtschaftenden Landwirten, die die Nase patronatsartig etwas zu hoch trugen und wenn sich die Kirche nicht vor ihre Interessen spannen ließe, diese auch gerne fallen ließen. Weil der Konfirmandenkurs sich nicht an Verabredungen den Gottesdienstbesuch betreffend gehalten hatte, verschob ich die für den 2. Advent vorgesehene Konfirmation auf das Epiphaniasfest. Selbst Herr OLKR Kollmar erschien mit Frau damals in Offleben, um mich umzustimmen. Vergeblich. Zu diesem Konfirmandenkurs hatte auch jene Mädchenstimme am anderen Ende vom Telephon gehört. Sie hatte das ohne seelische Schäden überstanden, kam, legte ihren flotten laptop auf ihr schlankes Untergestell und tippte nun hinein, was ich meinte, das für die Arbeit einer 20jährigen über Bonhoeffer ganz passabel wäre. Das hat mir Spaß gemacht, und ich verstehe bis heute nicht, wie man sich eine solche Gelegenheit zu einem Hausbesuch und zu einem theologischen Gespräch in einem der Bauernhäuser bei uns entgehen lassen kann. Das ist keine Generationsfrage. Das ist auch eine Frage, wie wichtig bei uns Braunschweigern Bonhoeffer ist.

Die letzte und erfreuliche Verbindung zwischen Bonhoeffer und Braunschweig ist der Beitrag von Albrecht Schönherr über das Bonhoefferlied „Von guten Mächten“ in der Heintzefestschrift „Gott dem Herrn Dank sagen“ S. 201 ff „Die letzte Strophe“. Ein Text gegen die grauenhafte Verkitschung dieser letzten Strophe.

Nun stellen wir uns mal vor, Bonhoeffer hätte doch überlebt. Was wäre aus ihm geworden?
„Es gib keine Frieden auf dem Weg der Sicherheit“, hatte Bonhoeffer schon Anfang der Dreißiger Jahre gepredigt. Wie wäre er mit dieser These im Adenauerschen Wiederaufrüstungsstaat angekommen? Damals zerriß die Frage der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr die ev. Kirche. Prof. Künneth, den auch Bonhoeffer kannte, erklärte vor der Synode, ein Atomwaffeneinsatz könnte ein Akt christlicher Nächstenliebe sein. Bonhoeffer im Adenauerstaat ein totaler Einzelgänger. Wie es Bonhoeffers im Adenauerstaat ergangen ist, kann man gut nachlesen in dem kürzlich erschienenen Buch, das Reden und Aufzeichnungen von Frau Bonhoeffer wiedergibt, der Frau von Klaus Bonhoeffer, dem Bruder des Dietrich Bonhoeffer und einige Monate vor ihm 1945 hingerichteten, richtiger: ermordeten. Nach 45 – Leute von 20. Juli klar doch: Vaterlandsverräter. Den Leuten an der Front in den Rücken gefallen. Das war „bei uns in Braunschweig“ ständige Redeweise. Also für Bonhoeffers bei uns nach 45 ganz schlechte Zeit.
Frau Bonhoeffer kümmerte sich um die aus den Ostblockländern herbeigerufenen Zeugen im Frankfurter Auschwitzprozeß, die nach ihrer furchtbaren Zeugenaussage völlig solo in ihren Unterkünften saßen und mit den aufgewühlten Erinnerungen alleine waren. Ein Lichtblick unter der Ansammlung furchtbarer Juristen. Denn auch die Mörder von Dietrich Bonhoeffer zierten nach 45 natürlich die Juristenzunft.

Damals in den 60igern zerrissen sich die Frommen ihre Mäuler über das sog. Entmythologisierungsprogramm von Prof. Bultmann. Bultmann hatte 1941 geschrieben, man müsse die biblischen Bilder von Himmelfahrt, Wunder etc. zeitgemäß interpretieren. Das gab nach 1945 einen Aufstand in der Kirche, übrigens auch bei uns im Braunschweigischen. Es wurden die berüchtigten „Braunschweiger Thesen“ aus dem Dunstkreis der Brüderngemeinde veröffentlicht und fanden reißenden Absatz. Tagungen, Leserbriefe, Ketzerhüte, en masse. Und Bonhoeffer? Bonhoeffer hatte Bultmann gelesen und schrieb dazu an Eberhard Bethge am 5. Mai 1944: „Du erinnerst Dich wohl des Bultmannschen Aufsatzes über die „Entmythologisierung“ des Neuen Testamentes? Meine Meinung dazu würde heute die sein, daß er nicht „zu weit“, wie die meisten meinten, sondern zu wenig weit gegangen ist. Nicht nur mythologische Begriffe wie Wunder, Himmelfahrt etc sondern die „religiösen Begriffe“ schlechthin sind problematisch. Man kann nicht Gott und Wunder voneinander trennen (wie Bultmann meint), aber man muß beide „nicht-religiös“ interpretieren und verkündigen können. Bultmanns Ansatz ist eben im Grunde doch liberal.“ (s.o. S. 136). Bonhoeffers Stimme in der damaligen theologischen Debatte der 60iger Jahre, eine totale Einzelstimme.
Für Bonhoeffer wäre kein Platz damals gewesen.

Auch deswegen schon nicht: Bonhoeffer hatte 1935 ziemlich pointiert geschrieben: „wer sich von der Bekennenden Kirche trennt, trennt sich vom Heil“. Das war die sympathische Frechheit eines 29 Jährigen. Aber es kostete ihn die Sympathie der damaligen lutherischen Koryphäen wie Meiser, Marahrens, Lilje, die in den etappenartigen Bischofsresidenzen ihrer intakten Kirchen (für Lilje galt das damals noch nicht) für sich Heil (und später Widerstand) reklamierten und trotzdem immerfort für den Sieg der deutschen Waffen zu Wasser, Lande und in der Luft beteten und flaggten und sich von ihrem Hitler nicht trennen konnten. Nun spuckte ihnen ein 29jähriger Berliner Lümmel von Theologe in diese immerfort schön lauwarm angerichtete Suppe. Meiser, Marahrens, Lilje, - das waren auch die Leitfiguren für Kirche nach 45 (für Marahrens galt das nur noch für die hannoversche nimmermüde marahrenstreue Landeskirche). Und diesen Bonhoeffer hatten sie nicht vergessen. Meiser weigerte sich in den 50igern, an der Feier für die Enthüllung einer Bonhoeffertafel in Flossenbürg teilzunehmen. An der Aufarbeitung der Hinterlassenschaft konnten sie kein Interesse haben. Es ist das Werk eines Einzelnen, seines Freundes Bethge.
Auch die Bekennende Kirche dankte es Bonhoeffer zu Lebzeiten nicht. Sie hatte sich geweigert, den Namen von Dietrich Bonhoeffer auf die im sonntäglichen Gottesdienst zu verlesende Fürbittliste zu setzen. Begründung: es wäre politischer und nicht religiöser Widerstand gewesen. Dumm, geistlos, lieblos, kurz: christlich von der besonderen Art.
Heute heben sie ihn alle in den Himmel. Etwas verspätet. Vielleicht ist er da schon ohne sie angekommen. Aber sie tun es mit schlechtem Gewissen, weil sie seine damalige völlige Exklusivität und Isolation in der Kirche kennen. Jetzt holen sie ihn herein, den Toten. Dazu haben sie eigentlich kein Recht mehr, es sei denn, sie würden sich kritisch mit ihren Vätern von damals auseinandersetzen.
Dankenswerter Weise hat die EZ vom 5.2. ein Interview mit dem Vorsitzenden des Dietrich Bonhoeffer-Vereins abgedruckt, der auf die Frage, was mit Bonhoeffer nach 45 geworden wäre, geanwortet hjat: „Bonhoeffer als Bischof, das wäre eine Katastrophe geworden für ihn und für die evangelische Kirche..Er hat das uns bekannte Kirchensystem immer wieder scharf kritisiert. Bonhoeffer hätte gar kein Repräsentant dieses Systems werden können...Wäre er überhaupt noch in der evangelischen Kirche?“
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Das Jubelgeschrei über den toten Bonhoeffer ( „Bonhoeffer als Leitfigur!“ Wofür, wenn man fragen darff?) verhindert auch eine fällige kritische Auseinandersetzung mit seiner Theologie, auch mit seiner Person. Frau Kühnbaum-Schmidt machte mich auf das indiskutable Frauenbild Bonhoeffers aufmerksam. Selbst Harald Likus in der Braunschweiger Zeitung machte zu Recht auf die kritischen Töne aufmerksam ( BZ 4.2.06).




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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu117/bonhoeffert.htm, Stand: März 2006, dk

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