Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube
 
[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von unten Nr. 117, März 2006, Seite 5
(Download als pdf hier)


Ich will dich nicht verlassen noch versäumen

auf der Suche nach der alten Fassung. Anmerkung zur Jahreslosung

von Dietrich Kuessner

So stolpert sie dahin die Sprachgestalt der Jahreslosung 2006: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Josua 1,5 b. Aus dieser Zeile sind weder Rhythmus noch Musik noch eine Steigerung herauszuhören; aber das Bemühen um eine moderne Sprache: „fallen lassen“ stammt aus der Bilderwelt der Beziehungskiste, sei es im Betrieb: der fallengelassene Trainer vom Fußballklub, oder im Privaten: er oder sie haben keinen Spaß mehr miteinander und einer läßt die andere fallen.
Ich habe eine ganz andere Übersetzung im Kopf: nämlich: „ich will dich nicht verlassen noch versäumen“. Dazu flutet mir die Vertonung eben dieser Textfassung als Baßrezitativ aus der Bachkantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ durch den Kopf. Bach läßt die Melodie auf das a in „verlassen“ zuströmen und dann absteigen. So hat der Vers eine Steigerung und einen Abschluß.

Die holprige Doppelung „lassen“ – „verlassen“ wäre Luther nicht passiert. Die Fassung stammt auch nicht von ihm, sondern ist der „Einheitsübersetzung entnommen“. Bei Luther heißt es: „Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen“. Aber auch das ist nicht die Fassung, die ich im Kopf habe. Mit „verlassen“ und „weichen“ übersetzte Luther die hebräischen Tätigkeitsworte rapah und asaf, sie stehen auch in 5. Mose 31, Vers 6 und 8, wo genau dieselbe Verheißung ausgesprochen wird. Dort übersetzt Luther „und wird die Hand nicht abtun noch dich verlassen.“ Im schulüblichen hebräischen Wörterbuch (der gute alte Gesenius hat inzwischen Staub angesetzt) finde ich bei asaf auch die Übersetzung „versäumen“. Aha, ein Stückchen näher an meine Vermutung, daß irgendwo in der Bibel wohl auch diese Fassung vorkommen wird.
„Versäumen“ – die alte Stuttgarter Konkordanz nennt den Hebräerbrief 13,5: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen“ – so da hab ich’s also, und zwar zitiert diese Hebräerbriefstelle Josua 1,5b, nämlich unsere Jahreslosung. Ich bin also mit meiner geliebten, vertrauten Fassung genau am Wortlaut des Josuatextes.
Das Wort „versäumen“ ist noch nicht aus unserm Sprachschatz verschwunden. In der Justiz gibt es m.W. Versäumnisurteile. Ein Schüler „versäumt“ seine Stunden, er fehlt. Im Hebräischen finde ich noch folgende Bedeutungen: „nicht für jemanden sorgen“, „vernachlässigen.“ Diese verschiedenen Übersetzungen für „versäumen“ vermitteln diese Verheißungen Gottes: „Ich will dich nicht vernachlässigen“, „mich weiterhin sorgen,“ „bei dir nicht zu spät kommen,“ eben: „nicht versäumen.“
Ich will dich nicht verlassen noch versäumen. – Gott ist doch der interessanteste Gedanke, den der Mensch träumen kann. Unter anderem natürlich.




[Zurück] [Glaube]
Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu117/nichtverlassen.htm, Stand: März 2006, dk

Besucherstatistik