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[Kirche von unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von unten Nr. 117, März 2006, Seite 10-12
(Download als pdf hier)


WAS IST DIE MÜNDLICHE TORAH?
RABBINER JONAH SIEVERS in der JÜDISCHEN GEMEINDE BRAUNSCHWEIG

von Kurt Dockhorn

Für christliche, insbesondere evangelische Theologenohren hatte es der Vortrag "Was ist die mündliche Torah?", den Rabbiner Jonah Sievers am 22.Februar in seiner Gemeinde hielt, in sich. Während wir es gewohnt sind, zum Verständnis des christlichen Glaubens auf die Bibel zu verweisen und dementsprechend meinen, auf die Torah (bzw. das sog. Alte Testament) verweisen zu sollen, wenn es um das Verstehen des Judentums geht, sagt Sievers prononciert: Wer das rabbinische Judentum (- also auch das heutige -) verstehen will, muß die mündliche Torah kennen".
Was aber ist die "mündliche Torah" und wie unterscheidet sie sich von der Torah, die wir in der Bibel vorfinden? Jene ist nicht ohne diese, sie ist vielmehr von ihr abgeleitet. Die Mose gegebene Torah ist vielfach undezidiert, mitunter geradezu kryptisch, was nach Deutung verlangt. Sievers erläutert das am Beispiel des Scheidebriefes, dessen Gestalt und Inhalt in der Bibel so unbestimmt bleibt, daß er nach Auslegung durch die Rabbinen verlangt, damit ein anwendbares Gesetz daraus werde. Man kann es auch so sagen: Fixierte Texte verlangen nach Verlebendigung für konkretes Zusammenleben mit seinen Problemen und Konflikten. Selbst die um 220 n.Chr. kodifizierte Mischna erwies sich für die Praxis als zu starr, so daß sich in der Halacha eine mündliche Weitergabe von Gesetzen entwickelte, die keine direkte Rückbindung an die biblische Torah mehr hatten. Ein Beispiel solcher Weisung in der Halacha ohne biblische Grundlage ist das Verbot, einen Gerechten neben einem Bösen zu begraben.
Die nachbiblische Entwicklung im rabbinischen Judentum bemühte sich darum, alle Lebensbereiche in einem rechtsverbindlichen Kodex abzudecken. ein Jahrhunderte währender Prozeß der Rechtsbildung, der als "Talmud" zusammengefaßt wird. Da jüdisches Leben per se Existenz in der Diaspora war. galt als rote Linie des jüdischen Rechtes der Grundsatz: "Das Gesetz des Landes, in dem wir leben, ist unser Gesetz". Umgekehrt wurde natürlich dem Staat das Recht bestritten, in Angelegenheiten des jüdischen Kultus zu intervenieren.
Die Differenz zwischen dem orthodoxen Judentum und anderen Richtungen liegt nach Sievers im Verständnis der Offenbarung. Diese sind gekennzeichnet durch die Anerkennung der Auslegung als eines geschichtlichen Prozesses und die Anerkennung autonom auslegender Individuen. Dieser Ansatz ermöglicht die Entwicklung der am Judentum so beeindruckenden geistigen Weite. "Der Talmud ist eine Methode der Wahrheitsfindung" (Johan Galtung): In einem Spiel von Frage und Antwort entwickelte der Talmud sein bis heute gültiges Fallrecht. Und: Was letztens Endes gilt, ergibt sich nur in der Konsensfindung! Wie unerhört wohltuend ist das doch gegenüber dem in der christlichen Tradition ewig praktizierten Dekretieren von Wahr und Falsch! Woran sich noch so ein Merksatz anschließen ließe: "Die Halacha hat eine Stimme, aber kein Veto" (Salomon ben Frihof).

Das Auditorium in der Jüdischen Gemeinde war an diesem Abend wohl überwiegend christlicher Herkunft. So könnten wir. die wir dabei waren, einige von Rabbiner Sievers vermittelte Lehren weitergeben:

- Gegen das dualistische "Es steht geschrieben" und das "Deus dixit" (Karl Barth) schlägt das Judentum einen dialektischen Prozeß der lebenspraktikablen Wahrheitsfindung vor.
- Das lutherische Sola scriptura greift zu kurz, ebenso wie ein lutherischer Konfessionalismus, der seine Selbstvergewisserung immer wieder neu aus ein paar Kernsätzen des Reformators bezieht und die Fülle der (oftmals häretischen) Tradition außer Acht läßt, selbstgenügsam sein mag, aber ungenügend bleibt. Ganz neu zu reflektieren wäre für das ökumenische Gespräch (im engeren Sinne) zwischen evangelischer und katholischer Theologie, inwieweit das Traditionsverständnis der katholischen Kirche leichtere Anknüpfungspunkte zum jüdischen Recht findet als der protestantische Umgang mit der Schrift.




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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu117/torah.htm, Stand: März 2006, dk

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