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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 118/119, Mai 2006, Seite 63-64
(Download als pdf hier)


Noch eine lutherische Blamage – Meisergedenken in Bayern

von Dietrich Kuessner


2006 wird in Bayern als „Gedenkjahr für den bayrischen Landesbischof Hans Meiser“ begangen. Meiser (1881-1956) war von 1933 – 1955 bayrischer Landesbischof, nach 45 leitender Bischof der Vereinigten ev. luth. Kirche Deutschlands. Er gehörte zu den hitlerhörigsten Lutheranern. Für alle Gotteslästerlichkeiten und furchtbaren Gebete des Hannoverschen Bischof Marahrens als Mitglied des Geistlichen Vertrauensrates, der von 1939-45 an der Spitze der EKD stand, trägt er die Mitverantwortung. Meisers Vorgänger Veidt hatte sich mit Hitlerlobhudeleien zurückgehalten. Das holte Meiser nach seiner ersten Inthronisation im Frühjahr 1933 gründlich nach. In Bayern und anderswo galt dann Meiser als Märtyrer, weil ihn die DC Reichskirche mit Hilfe der NSDAP für paar Wochen im Oktober 1934 in seiner Bischofsvilla unter Hausarrest stellte. Hitler wollte wegen der Saarabstimmung im Januar 1935 kein Theater, bestellte die Bischöfe Marahrens, Wurm und eben Meiser zu sich nach Berlin, setzte sie sozusagen persönlich auf ihre Bischofssitze, auf denen sie dann bis zum Tode Hitlers ihm ihre nicht endende Dankbarkeit für die zweite Inthronisation bekundeten. Von Meiser unterschrieben im Jahre 1943 „Das Großdeutsche Reich feiert am 20. April den 54. Geburtstag seines Gründers und Führers. Unsere Gemeinden werden am Palmsonntag, den 18. April, im Allgemeinen Kirchengebet des Führers fürbittend gedenken und Gott bitten, daß er ihm mit seinem Geist und seiner Hilfe zur Seite steht und sein Werk mit seinem Segen kröne. München, den 15. April 1943. Ev.-Luth. Landeskirchenrat D. Meiser.“ Von solchen vorbildleitenden Peinlichkeiten strotzt das Bayerische Amtsblatt. Eine Meiserbiographie gibt es begreiflicherweise nicht, aber eine ungebrochene, total unkritische Meiserbegeisterung in der bayrischen Pfarrerschaft. Seinen Führer läßt man nicht fallen. Nach dem Krieg gingen diese Unverschämtheiten weiter. Meiser weigerte sich, an der Enthüllung einer Bonhoeffergedenktafel in Flossenbürg teilzunehmen.

Eine geraderzu widerliche Rolle spielte Bischof Meiser bei der Entstehung der lutherischen Kirche zwischen 1945 und 1947, abgehandelt in Annemarie Smith-von Osten „Von Treysa 1945 bis Eisenach 1948“ 1980. Der engste junge Mitarbeiter Meisers, Hermann Dietzfelbinger, wurde dann sein Nachfolger im Bischofsamt und rühmte seinen Vorgänger an dessen Sarg „als klugen und treuen Haushalter in der lutherischen Kirche.“ (Dietzfelbiger Erinnerungen“ 1984) und tat nichts, aber auch gar nichts, um der historischen Wirklichkeit ein Schrittchen näher zu kommen. Stattdessen fühlte er sich in der Ablehnung der kritischen Theologie und der Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt im eigentlichen und schlimmsten Kirchenkampf aller Zeiten in den 60iger Jahren, jedenfalls schlimmer als bei Hitler.

Dies alles sollte weiterhin bedeckt und verdeckt bleiben im Jubeljahr 2006.
Aber Pech gehabt. Am 11. April 2006 meldete der epd, daß die jüdische Gemeinde sich über einen Gedenkgottesdienst am 50. Todestag Meiser, dem 8. Juni, empört, denn Meiser hätte „mit seinen Lügen und Verleumdungen über uns Juden den geistigen Grundstein für den millionenfachen Mord an den Juden gelegt“. Es gibt von Meiser zahlreiche häßliche und gemeine Äußerungen über das Judentum, die aber dem Durchschnitt der damaligen Lutheraner entsprechen. In Publik Forum 6/2006 hatte Peter Rosien seinen Kommentar zu diesem Vorgang mit der Überschrift versehen „Einen Nazi- Bischof ehren?“ In unserer Landeskirche sind wir durch die Biographien über die Bischöfe Bernerwitz und Johnsen und die Arbeit von Pollmann über den schwierigen Weg der Landeskirche in der Nachkriegszeit diese Sorgen los. In Bayern hatte Pfarrer Björn Mensing in seinem 1998 bei Vandenhoeck als Band 26 der Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte erschienenen Buch „Pfarrer und Nationalsozialismus“ mehrfach auf die problematische Rolle der dortigen Pfarrerschaft und ihres Bischofs hingewiesen. Mensing verwaltet zur Zeit die Pfarrstelle an der Versöhnungskirche in Dachau. Das Buch war rasch vergriffen. Eine 2. Auflage war dem Verlag zu heiß. Es hatte Proteste gehagelt. Daraufhin veröffentlichte Mensing sein Buch auf eigene Faust, 2001 inzwischen in 3. Auflage, noch mal im Verlag Rabenstein Bayreuth. Im Vorwort berichtet er unter anderem von „polemischen Seitenhieben, Androhung von rechtlichen Schritten und anonymen Beschimpfungen.“ Gebeuteltes lutherisches Bayern. Der geplante Gottesdienst müßte in seinem Ablauf „überdacht“ werden, ließ der jetzige Bischof Friedrich verlauten.
Wir wollen „Gott bitten, daß er ihm mit seinem Geist und seiner Hilfe zur Seite steht und sein Werk mit seinem Segen kröne“ (siehe oben).




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu118/blamage.htm, Stand: Mai 2006, dk

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