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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 118/119, Mai 2006, Seite 85

Neue Bücher

gesehen von Dietrich Kuessner


Nun haben wir also auch welche: „Evangelische Märtyrer“. Auf 761 Seiten ist die Materie kirchenhistorisch und systematisch und vor allem biografisch abgehandelt. Die ersten 214 Seiten sind allgemeine Betrachtungen zu dem Thema. Wer eine lange Predigt hält, hat was zu verbergen. Wer so eine lange Einleitung nötig hat, drückt sich um die schlichte Feststellung, daß die Sache von den katholischen Brüdern abgeguckt ist, die zahlenmäßig „mehr“ zu bieten haben. Vor allem: ihnen können Altäre geweiht werden. Was haben wir ihnen zu bieten? Das Buch enthält Kurzbiographien von fast 500 evangelischen Personen, die im 20. Jahrhundert in Deutschland während der ns. Zeit, im Baltikum vor allem in den Revolutionen 1905 und bis 1919, in der Sowjetunion und in der DDR wegen ihrer christlichen Überzeugung gewaltsam ums Leben gekommen sein sollen.

Gedenktage sind für die Kirche wichtig und Menschen, die für ihre Überzeugung eintreten, notwendige Vorbilder. An beiden fehlt es. Dabei kommt es nicht auf die Masse an. Solche Vorbilder wie Paul Schneider, Dietrich Bonhoeffer, Friedrich Weissler wurden schon bisher in unseren Kirchen geehrt und ihr Gedächtnis gepflegt. Die Frage ist nicht die Menge sondern die Umsetzung und Pflege des Gedächtnisses. Also zunächst in Gottesdienst und Predigt:

Im Kirchenjahr wird der Gedenktag der Märtyrer auf Stephanus beschränkt. Das ist zu wenig. Über die Einbeziehung von Kirchengeschichte in die Predigt hat Prof. Reinhart Staats einen Vortrag in der Festschrift für Reiner Preul, Marburg 2004 und in „Verkündigung und Forschung“ 2005 S. 34 ff insbes. S. 53 veröffentlicht. Das alles wäre Stoff für eine lebendige Agendenkommission.

Das Buch hat im Drang, möglichst viele „Märtyrer“ zu finden, weit übers Ziel hinausgeschossen und dem Unternehmen dadurch geschadet. Wenn Personen wegen ihrer Mitgliedschaft in der Ost-CDU und damit zusammenhängenden Verhaftungs- und Säuberungsaktionen der sowjetischen Besatzungsmacht zu Tode gekommen sind, wenn ein anderer im Zusammenhang mit illegalem Geldtausch Ost-West ins Gefängnis kommt und am Herzinfarkt stirbt – also das kommt mir doch blümerant vor, so tragisch der Lebensausgang ist.

Unsere Landeskirche ist vertreten durch Werner Schrader, über den unsere Archivleiterin einen Artikel verfaßt hat. Schrader hat sich selber im Zusammenhang mit dem 20. Juli getötet. Seine Beziehung zur Kirche ist durch Organistendienst und gelegentlichen Konfirmandenunterricht in Wolfenbüttel bezeugt. Eine Verbindung zu Bonhoeffer ist nicht belegt. Schrader hat als Stahlhelmführer den Nazis früh in die Hände gearbeitet, wurde von ihnen abgestoßen und kam zum Militär. Als Vorbild in Gottesdienst und Unterricht eignet er sich m.E. nicht. Nicht vertreten ist natürlich Bischof Johnsen, der einzige, nun wirklich wegen seiner Predigttätigkeit im Kriegsgefangenlager tückisch erschlagene lutherische Bischof. Johnsen war für eine Aufnahme nicht fein genug, nicht genug widerständig. So werden die jugoslawischen Mörder sechzig Jahre später noch gerechtfertigt. Ein Peinlichkeit unter vielen anderen Fragen, die dieses Buch offen läßt.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu118/buecher.htm, Stand: Mai 2006, dk

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