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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 118/119, Mai 2006, Seite 76-78
(Download als pdf hier)


Fototermin mit Ministerin

Ein Einwurf von Kurt Dockhorn


Rechts vom Foto muß etwas unheimlich Spannendes passieren: Georg Sterzinsky (Kardinal), Ursula von der Leyen (Familienministerin} und Margot Käßmann (Landesbischöfin) schauen gebannt ins Nirgendwo, als stünden sie in "Warten auf Godot" auf der Bühne. Aber sie stehen in einem Saal, in dem sie eine Bundespressekonferenz abhalten. um ihr Staatskirchen-"Bündnis für Erziehung" zu verkünden. Da reiben sich doch die aufgeklärten Teile der Republik und der entsendenden Großkirchen die Augen: Sind wir wieder so weit, daß wie in Zeiten von Thron und Altar Staat und Kirche untereinander abkaspern, welche Ethik im Kindergarten vermittelt werden soll? Wird der nächste Schritt die Wiedereinführung der christlichen Schulaufsicht sein, gesponsert von einer CDU-geführten Regierung? Gibt es keine anderen Teilnehmer in der gesellschaftlichen Debatte um Werte und ihre Weitergabe an Nachwachsende? Was ist mit anders als christlich fundierten Interessengruppen? Was ist mit dem großen Segment der säkular, aber humanistisch orientierten Menschen in diesem Land? Offenbar ist all das irrelevant und unerheblich gegen die evidente Selbstauslegung der Zehn Gebote im Grundgesetz (nach Überzeugung der Ministerin). Und: Müssen wir uns im Ernst auf die klerikale Arroganz eines EKD-Ratsvorsitzenden einlassen, der uns erzählt, daß die Humanisten sich nur dann selber verstehen, wenn sie die religiöse Begründung ihrer Grundsätze anerkennen? Die Geschichtsvergessenheit der Kirchenrepräsentanten wird immer unerträglicher. Immer wieder versuchen sie, die Öffentlichkeit darüber hinwegzutäuschen, daß die Kirche gegen nahezu alle uns heute wichtigen Werte wie Demokratie, Toleranz, Gleichberechtigung, französische Aufklärung, erbitterten Widerstand geleistet hat. Diese Werte gingen eben nicht als Frucht aus der kirchlich-theologischen Tradition hervor, sondern im Kampf gegen diese. Das ist alles hinlänglich bekannt, und es spielt alles keine Rolle bei einer PR-Show mit einer leibhaftigen Ministerin in Berlin. Kriegt man ja schließlich nicht alle Tage geboten, diese Bühne und diesen schönen Schein von "Glühbirnen am platonischen Ideenhimmel" (FR am 27.April über das Treffen). Also können wir beruhigt zur Tagesordnung übergehen, gönnen wir doch dieser neuen unheiligen Allianz für Symbolpolitik das bißchen öffentliche Aufmerksamkeit mit allerkürzestem Verfallsdatum. Wenn die Debatte nicht weitergeführt würde, etwa durch Frau Käßmann, die in der Frankfurter Rundschau vom 26.April den 72%-Anteil der Kirche - "ein großer Anbieter und eben auch Wertevermittler" - an den Kindergärten in freier Trägerschaft hervorhebt. Bislang hatten wir doch angenommen, daß die Kirche damit einen Dienst an der gesamten Gesellschaft nach dem Subsidiaritätsprinzip leistet. Aber nun müssen wir zur Kenntnis nehmen. daß die kirchliche Trägerschaft von Kindertagesstätten eine missionarische Gelegenheit ist. bei der "wir immer sagen. bei uns ist Christus zu Hause und Allah zu Gast". Na. dann wissen wir ja Bescheid., wie das von kirchlicher Seite mit der Integration gemeint ist. Danke, Frau Bischofin!

Wie immer, hat sich auch in diese Debatte der große alte Mann der katholischen Soziallehre Friedhelm Hengsbach hilfreich eingemischt: "Mit den Repräsentanten der beiden Großkirchen hat sie (sc. die Ministerin) sich die falschen Partner für ein gesellschaftliches Bündnis ausgesucht. Kirchliche Privatschulen reproduzieren meist jene Selektionsverfahren, die bürgerliche Bildungsschichten privilegieren.....
Daß die Ministerin Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin und gutes Betragen zu einem Kern der jüdisch-christlichen Inspiration hochstilisiert, kann nachdenkliche Christinnen und Christen nur sprachlos machen".

Dem ist in diesem Einwurf wenig hinzuzufügen. Vielleicht nur soviel, daß wir hier wieder ein mal ein Musterbeispiel dafür haben, daß die Kirche keine Gelegenheit ausläßt, am Ball zu bleiben, auch auf die Gefahr hin, ihre Integrität zu verspielen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu118/fototermin.htm, Stand: Mai 2006, dk

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