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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 118/119, Mai 2006, Seite 37-39
(Download als pdf hier)


Rücktritt in der Umweltkammer

Ende April hat der stellvertretende Vorsitzende der Umweltkammer Prof. Dr. Volker Crystalla sein Amt niedergelegt. Kirche von Unten sprach mit Volker Crystalla.


KVU: Herr Crystalla, warum gehen Sie mit Ihrem Schritt an die landeskirchliche Öffentlichkeit?
Crystalla: Ich finde es wichtig, meinen Schritt, den ich als Protest verstehe, öffentlich zu artikulieren.

KVU: Was war der akute Anlass für Ihren Rücktritt?
Crystalla: Ich hatte in die Kammer einen Antrag eingebracht, der erst nach langer Verzögerung überhaupt auf die Tagesordnung kam, mit dem die Landeskirche bewegt werden sollte, einen Teil der seinerzeit für eine Beteiligung an der Klage gegen die Konrad-Genehmigung beiseite gelegten Gelder zu verwenden, um eine Informationsbroschüre zur Ethik am Beispiel der Endlagerproblematik im Bereich der Landeskirche (Asse und Konrad) zu finanzieren. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Vielleicht war kennzeichnend für die Atmosphäre in der Kammer, dass im Zusammenhang mit der Endlagerproblematik der Satz fiel: „Ich kann es und ich will es nicht mehr hören". Dieser Einwurf, der von keinem der anwesenden Mitglieder relativiert wurde, war einer der Auslöser, an dem mir die Notwendigkeit meines Rückzuges klar wurde. Ich nenne es einen Skandal, dass für diese Kammer und den Umweltbeauftragten die Tatsache von zwei Endlagern im Bereich unserer kleinen Landeskirche seit mehr als zwei Jahren praktisch kein Thema ist.

KVU: Wenn Ihr gescheiterter Antrag der Auslöser war, gab es in der Kammer vielleicht vorangehende Erfahrungen, die, sagen wir mal, einen Schatten der Resignation über Ihr Engagement geworfen haben?
Crystalla: Zunächst ist daran zu erinnern, dass die frühere Vorsitzende der Kammer, Frau Dr. Jutta Pfaue-Vogt, resigniert das Handtuch geworfen hat, als die Landeskirche sich 2003 aus dem Klageverfahren gegen Schacht Konrad verabschiedete. Auch die Idee einer Mediation in Sachen Endlager, auf das sich die Landeskirche damals zurückzog, wurde von der Kammer nicht aufgenommen oder weiterverfolgt. Generell litt die Arbeit in der Kammer auch darunter, dass gewichtige, kompetente ehrenamtliche Mitglieder bei den Sitzungen wegen ihrer beruflichen Belastung vielfach fehlten, wogegen für die Mitarbeiter der Landeskirche in der Kammer die Sitzungsteilnahme Dienst ist. Auch scheint mir die Umweltkammer schlecht konstruiert zu sein, wenn ich meine Erfahrungen in der Umweltkammer mit meinen Erfahrungen in der Kammer für die Begleitung der kirchlichen Arbeit an den Hochschulen vergleiche: Die zwei Hauptamtlichen haben in der Umweltkammer Stimmrecht, und zusätzlich hat das Landeskirchenamt noch ein drittes stimmberechtigtes Mitglied entsandt. Da frage ich mich, wieso das Amt seine eigenen Leute mit Stimmrecht in ein Gremium entsendet, von dem die Landeskirche doch beraten werden soll. Als ich diese Schieflage in der Struktur der Kammer ansprach, wurde meine Kritik politisiert und damit abgeblockt.

KVU: Herr Crystalla, womit beschäftigt sich die Umweltkammer denn zur Zeit schwerpunktmäßig?
Crystalla: Mit Energiefragen, was ich durchaus löblich finde. Mir scheinen aber andere, nahe liegende Umweltprobleme dabei zu kurz zu kommen. Auch frage ich mich, ob Bearbeitung von Energiefragen die originäre Aufgabe dieser Kammer ist und wie sie sich verhält zu den Aufgaben des Energiebeauftragten.

KVU: Wie wichtig sind andere Fragestellungen, die sich die Kammer aneignen könnte, z.B. die Frage des immer dichter werdenden PKW- und LKW-Verkehrs mit dem einhergehenden Flächenverbrauch durch Straßenbau? Immerhin leben wir hier in einer Region, die wissenschaftlich wirbt mit ihrer sog. „Verkehrskompetenz". Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: die ökologischen Probleme in anderen Kontinenten, mit denen die Landeskirche durch vielfältige Missionsverbindungen vertraut sein müßte?
Crystalla: Solche Fragen spielten, wenn überhaupt, sehr am Rande eine Rolle.

KVU: Ließe sich denn, alles in allem genommen, sagen, dass das ökologische Bewusstsein ausgerechnet in der Umweltkammer verbesserungsbedürftig ist?
Crystalla: Mir ist ein Trend bei der Mehrheit der Kammermitglieder aufgefallen, Aspekten der Ökonomie und der Opportunität bei ökologischen Fragestellungen den Vorrang zu geben und ethische Aspekte eher außen vor zu lassen.

KVU: Sie haben vor einiger Zeit, ebenfalls kirchenöffentlich, Herrn OLKR Kollmar wissen lassen, dass Sie für einen Prädikantenkurs nicht mehr zur Verfügung stehen (KvU Nr.117, März 2006). Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Absagen in Sachen ehrenamtliche Mitarbeit in der Landeskirche?
Crystalla: Nein, in der Sache gibt es da keinen Zusammenhang. Aber wenn ich die Landeskirche insgesamt in den Blick nehme, lässt sich schon fragen, wie ernst sie die Angebote ihrer Ehrenamtlichen nimmt und wie pfleglich sie mit ihnen umgeht.

KVU: Herr Crystalla, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Kurt Dockhorn




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu118/ruecktritt.htm, Stand: Mai 2006, dk

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